Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis.

(Zur Nachfeier des Reformationsfestes)

Predigt von Prof. C.F.W. Walther (1811-1887)
Aus dem Predigtbuch "Licht des Lebens", Seite 647ff.
(St. Louis, Mo. CONCORDIA PUBLISHING HOUSE. 1905)

 

Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott dem Vater und dem HErrn JEsu Christo, dem Sohne des Vaters, in der Wahrheit und in der Liebe sei mit euch allen! Amen.

Geliebte Brüder und Schwestern in Christo JEsu!

Die traurigste und verderblichste Lehre, welche in der römischen Kirche gelehrt wird, ist ohne Zweifel die, daß kein Mensch durch das Wort Gottes darüber gewiß werden und sein könne und dürfe, daß er vor Gott gerecht sei und einst werde selig werden. Dies ist nämlich eine Lehre, welche die römische Kirche nicht nur vor, sondern auch nach Luther bis zu dieser Stunde festgehalten hat. Wir sehen dies deutlich aus dem Tridentinischen. Concil. Die Beschlüsse dieser Kirchenversammlung sind nämlich bekanntlich das wichtigste symbolische Buch oder Glaubensbekenntnis der römisch-katholischen Kirche, auf welches alle ihre Priester schwören müssen. Darin heißt es aber unter anderem wörtlich also: "Es ist keineswegs zu behaupten, daß es denen, welche gerechtfertigt sind, nötig sei, daß sie auch ohne allen Zweifel bei sich selbst dafür halten, daß sie gerechtfertigt seien . . . da niemand, ohne sich zu irren, mit Glaubensgewißheit wissen kann, daß er die Gnade Gottes erlangt habe." In demselben Bekenntnis heißt es daher weiter: "Wenn jemand sagt, daß es einem jeden Menschen zur Erlangung der Vergebung der Sünden nötig sei, daß er gewiß und ohne allen Zweifel glaube, die Sünden seiner Schwachheit und Untüchtigkeit seien ihm vergeben, der sei verflucht. Und wer da sagt, daß ein Wiedergeborener und Gerechtfertigter zu glauben schuldig sei, er sei gewiß unter der Zahl der Auserwählten, der sei verflucht." (Exam. Conc. Trid. Chemnitii, p. 154.)

Ihr hört hier, daß also die römische Kirche nicht nur lehrt, ein jeder müsse wegen seines Gnadenstandes und wegen seiner Seligkeit im Zweifel stehen, sondern daß sie auch sogar alle diejenigen öffentlich verflucht und verdammt, welche nach Gottes Wort lehren, daß der wahre Glaube eben nichts anderes ist als eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet. (Hebr. 11, 1) Gäbe es daher weiter keinen Beweis, daß der Pabst der Antichrist und daß seine Kirche das antichristliche Reich sei, so wäre dies offenbar allein genug, daß man diejenigen verflucht, welche lehren, daß man mit festem und unzweifelhaftem Glauben Gottes Gnade in Christo ergreifen soll. Daher sagt auch Luther in seiner Auslegung des Briefes St. Pauli an die Galater: "Wenngleich im Pabsttum sonst alles recht und gut wäre (wie es doch nicht ist), so wäre doch das, daß sie die Leute an Gottes Gnade und Willen so zweifeln lehren, ein solch ungeheuer schädlicher Irrtum, daß nicht zu sagen wäre."

Wer unter uns muß nicht von Herzen in dieses Urteil einstimmen? Denn was wäre das Evangelium und was hülfe uns dasselbe, wenn wir dadurch unseres ewigen Heils nicht schon hier gewiß werden könnten? Wozu wäre dann Christus, der Sohn Gottes, in die Welt gekommen? Wozu hätte er sein teures Blut vergossen? Was wäre dann der Heiland mehr als jeder andere Sektenlehrer? Was hätte dann der evangelische Christ vor anderen blinden Heiden voraus? Was wäre dann das ganze Christentum Besseres als das trostlose Heidentum? was der christliche Glaube anderes als ein eitler Wahn und Traum?

Es ist gewiß, müßten auch noch gläubige Christen wegen der Ewigkeit zittern und zagen, müßten auch sie in bangem Zweifel. fragen: Wie wird es einst nach dem Tode mit mir werden? werde ich selig sein oder verloren gehen? werde ich Gnade finden oder verurteilt und verworfen werden? ach, dann wäre das Evangelium ein leeres Wort; dann wäre es Trug, wenn Christus so freundlich und voll Gnaden spricht: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen." Ach, dann wäre ein Christ der unglückseligste unter den Menschen, wie denn der Apostel sagt: "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die elendesten unter allen Menschen."

Darum wohl uns, daß durch die vor dreihundert Jahren gestiftete Reformation, deren Gedächtnis wir vor zwei Tagen feierlich begangen haben, die Lehre von der Gewißheit und seligmachenden Kraft des Glaubens wieder an den Tag gebracht und dadurch auch uns bekannt geworden ist! -- Daß aber diese Lehre das teuerste Vermächtnis der Reformation sei, davon laßt mich jetzt ein Mehreres zu euch sprechen.

Text: Matth. 9, 18-26.

Da er solches mit ihnen redete, siehe, da kam der Obersten einer und fiel vor ihm nieder und sprach: HErr. meine Tochter ist jetzt gestorben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig. Und JEsus stund auf und folgete ihm nach und seine Jünger. Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahr den Blutgang gehabt, trat von hinten zu ihm und rührete seines Kleides Saum an. Denn sie sprach bei ihr selbst: Möcht ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich gesund. Da wandte sich JEsus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zu derselbigen Stunde. Und als er in des Obersten Haus kam, und sahe die Pfeifer und das Getümmel des Volks, sprach er zu ihnen: Weichet; denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber das Volk ausgetrieben war, ging er hinein und ergriff sie bei der Hand; da stund das Mägdlein auf. Und dies Gerücht erscholl in dasselbige ganze Land.

In dem verlesenen Texte finden wir zwei herrliche Beispiele von der Kraft des wahren Glaubens. Erstlich hören wir, daß einem blutflüssigen Weibe durch den Glauben an Christum von ihrer Krankheit geholfen, und zweitens, daß einem Schulobersten durch denselben Glauben sein zwölfjähriges Töchterlein aus dem Tode zum Leben zurückgerufen worden sei. Von dem letzteren hören wir nämlich aus dem Evangelio Lucä, daß ihm Christus vorher zugerufen habe: "Fürchte dich nicht, glaube nur, so wird sie gesund." Dies veranlaßt mich, heute zu einer Nachfeier unseres diesjährigen Reformationsfestes zu euch davon zu sprechen:

Daß die wiedergeschenkte Lehre von der seligen Kraft des Glaubens das theuerste Vermächtniß der Reformation sei.

Höret:

1. warum wir diese Lehre für das teuerste Vermächtnis der Reformation anzusehen haben;

2. aber laßt mich eine Prüfung anstellen, ob wir dieselbe schon als eine so teure Wohltat erkannt haben.

O Du gnädiger Gott und Vater, Du weißt, wie hoch wir alle von Natur die Güter achten, die nur dieses kurze, vergängliche Leben angehen, wie verblendet wir aber sind, daß wir die Herrlichkeit der geistlichen, ewigen Güter nicht erkennen können. Darum bitten wir Dich, mache uns sehend, daß der Glanz Deiner Gnadensonne auch uns aufgehe, daß wir alles verkaufen und uns dafür kaufen die Perle des Himmelreichs. Dazu erwecke uns kräftig auch in dieser Stunde um Deiner theuren Verheißung willen. Amen.

1.

Nicht nur unser Text, sondern die ganze heilige Schrift Alten und Neuen Testaments lehrt, daß der Glaube die allerseligste Kraft habe. Sie lehrt uns, wer an Christum glaubt, dem werden, wenn er auch ein noch so großer Sünder ist, und wenn er auch gar nichts hat, dessen er sich vor Gott rühmen könnte, alle seine Sünden aus Gnaden vergeben; in dem Augenblick, in welchem der Mensch von Herzen zu glauben anfängt, wird er, wie das blutflüssige Weib in unserem Evangelio von ihrer leiblichen Krankheit, so von aller Krankheit seiner Seele befreit. Wie jenes Weib erst vergeblich all ihr Gut an Ärzte verschwendet hatte, ohne daß ihr wäre geholfen worden, wie sie aber augenblicklich rein und gesund wurde, sobald sie im Glauben den Saum des Kleides Christi berührte, so richtet der Glaube auch in unserer Seele das aus, was wir durch eigene Werke und Bemühungen vergeblich suchen, er macht uns nämlich rein und gerecht vor Gott; ja, wie er das Töchterlein des Jairus aus dem leiblichen Tod erweckte, so erweckt uns der Glaube aus unserem geistlichen Tode, bringt Gott und alle seine Gnade in unser armes, leeres Herz und gibt uns hier und dort das ewige Leben.

O ist das nicht eine süße, selige Lehre für arme Sünder, die ihre Sünde und Unwürdigkeit vor Gott erkennen? Ist das nicht eine erquickende Botschaft für alle müden Seelen, die sich in ihren eigenen Werken abgemartert und doch keinen Frieden, doch keine Ruhe haben finden können? Ja, wenn dem Menschen aller Trost zerronnen und alle Hoffnung genommen ist und er hört diese Lehre und glaubt sie, so kann er nicht verzagen, so muß er sich vor Gott getröstet niederwerfen und sagen: Gott, wie gnädig bist Du! Nun weiß ich, daß Du auch mich nicht verstoßen hast, daß auch ich ein Kind der Seligkeit bin; denn ich glaube an den, den Du gesandt hast, daß er suche und selig mache, was verloren ist.

Diese Lehre vom Glauben und seiner seligen Kraft ist es eben, wodurch sich das Wort Gottes von allem Menschenwort, die christliche Religion von allen anderen Religionen und Christus von allen anderen Lehrern unterscheidet.

Diese Lehre war es nun auch, welche durch die Reformation wieder ans Licht gebracht worden ist. Luther selbst ward durch Auffindung dieser Lehre erst erleuchtet und bekehrt und in den größten Aengsten und Nöten seines angefochtenen Herzens und Gewissens getröstet und aufgerichtet, und da er nun die Kraft des Glaubens an sich erfahren hatte und durch denselben oft wie aus einem Abgrund der Hölle in den Himmel versetzt worden war, so pries er nun auch den Glauben allen Menschen an. Er selbst spricht: "In meinem Herzen herrscht allein und soll auch herrschen dieser einige Artikel, nämlich der Glaube an meinen lieben HErrn JEsum Christum, welcher aller meiner geistlichen und göttlichen Gedanken, so ich immerdar Tag und Nacht haben mag, der einige Anfang, Mittel und Ende ist."

Wessen aber das Herz Luthers voll war, des ging nun auch sein Mund über. Er predigte nicht eine tote, trockene, saft- und kraftlose Moral, er strafte auch nicht bloß die Irrtümer, die Mißbräuche, den Aberglauben und die Laster seiner Zeit, sondern vor allem schloß er die Reichtümer der Gnade, die Schätze der Erlösung, das Verdienst des Heilandes aller Sünder auf. Vor allem zeigte er, daß niemand so tief gefallen sei, der nicht Vergebung finde in Christi Blut, wenn er nur glaube, daß aber auch kein Mensch so heilig sei, daß er sich mit irgend einem Werke bei Gott etwas verdienen könnte. Er hielt sich mit den Aposteln nicht dafür, daß er etwas wüßte, als JEsum, den Gekreuzigten. Die Summa aller seiner Reden, das Thema aller seiner Predigten, der Kern aller seiner Schriften war der Ausspruch St. Pauli: "So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

Daß nun diese Lehre durch die Reformation wieder ans Licht gebracht worden ist, das ist nicht nur eine gute Zugabe, nicht nur Eine neben den vielen großen Wohltaten, welche dieselbe der Christenheit gebracht hat, sondern das wahre, teuerste, höchste, köstlichste Vermächtnis derselben.

Es ist wahr, daß die Christen durch die Reformation aus dem unaussprechlich schweren Joche des Papstes und seiner Priester errettet worden sind und ihnen eine ungestörte Freiheit des Gewissens und Gottesdienstes geschenkt worden ist, dies ist eine große, unaussprechliche Wohltat. Aber was hülfe den Christen die menschliche Freiheit, wenn sie nicht wüßten, wie sie durch den Glauben frei werden könnten von Sünde, Gottes Zorn und Ungnade, von Tod und Verdammnis? Es ist ferner wahr, daß den Christen durch die Reformation das heilige Bibelbuch wieder in ihrer Muttersprache geschenkt und das unveräußerliche Recht erkämpft worden ist, selbst in der Schrift zu forschen, zu suchen und darnach alle Lehre zu prüfen, auch dies ist eine Wohltat, die nie genug gerühmt und gepriesen werden kann. Aber bedenket, meine Lieben, der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes, es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muß geistlich gerichtet sein.

Von Natur ist uns die Bibel ein verschlossenes Buch. Auf die Frage: "Verstehst du auch, was du liest?" muß jeder Mensch, wie jener Kämmerer dem Philippus, antworten: "Wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet?" Der Schlüssel aber des Wortes Gottes ist Christus und der Glaube an ihn. Versteht man die Lehre von der Kraft dieses Glaubens nicht, so hat man nur die Schale der Schrift, aber ihren wahren Kern, ihr rechtes Mark hat man nicht. Wie lange schon hatte Luther die Bibel gehabt, gelesen und studiert, und doch hatte noch immer eine Decke vor seinen Augen gehangen, so daß er die Klarheit Gottes im Angesichte JEsu Christi, die Gerechtigkeit des Glaubens, nicht erkannte! Sehet, der Heilige Geist muß uns erst die Schrift auslegen, er muß uns die Decke von unseren Augen nehmen und uns den süßen Kern derselben zeigen, sonst sind wir mit der Schrift in der Hand doch ohne Licht im Herzen.

O erkennet darum, welch unaussprechliche Gnade Gott uns dadurch erwiesen hat, daß er uns nicht nur sein geschriebenes Wort durch die Reformation in die Hände gegeben hat, sondern auch den Schlüssel dazu, daß uns nämlich dadurch auch die Lehre von dem Glauben an Christum so herrlich aufgeschlossen worden ist. Glaubet nicht, daß, wenn ihr die Bibel hättet, es euch ganz leicht sein würde, die Lehre vom Glauben darin ebenso rein zu finden wie ein Luther. Nein, gäbe Gott euch nicht seine Gnade und seinen Geist dazu, so würde euer Forschen doch vergeblich sein. Denn David spricht: "In deinem Lichte sehen wir das Licht." Gelobt sei daher der Name des HErrn immer und ewiglich, der vor dreihundert Jahren noch einmal sein ganzes Herz gegen uns Sünder aufgetan und uns nicht nur sein Wort, sondern auch seines Gnadenwortes Sinn aufgeschlossen hat!

 

 

 

2.

Laßt mich jedoch nun auch zweitens eine Prüfung anstellen, ob wir die Lehre von der rechtfertigenden und seligmachenden Kraft des Glaubens auch schon als eine so teure Wohltat erkannt haben.

Unter uns sollte billig niemand sein, der die Größe der Wohltat nicht lebendig erkennte, die Lehre vom Glauben zu besitzen. Denn ich kann es euch bezeugen, daß auch in meinem Herzen diese selige Lehre durch Gottes unermeßliche Gnade lebt und webt. Und den Trost, damit Gott mich getröstet hat und noch täglich und stündlich tröstet, verkündige und preise ich euch jeden Sonntag an, soviel mir mein Gott und Heiland Gnade gibt.

Ich weiß nun wohl, daß gar manche unter uns sind, die es wohl wissen, wie Großes Gott an uns getan hat, daß er uns sein Gnadenevangelium in dieser letzten finsteren Zeit so rein und lauter geschenkt hat, die gegen diese Wohltat alles Irdische für nichts achten, die bereit sind, alles dafür hinzugeben, die gern allen Spott und Hohn der Welt tragen, gerne arm sein und bleiben und lieber ihr Blut und Leben lassen, als daß sie dieses Kleinod hingeben wollten, die darin Licht, Trost, Kraft, Leben und Seligkeit finden und daher fleißig und inbrünstig Gott anrufen, daß er doch uns und unseren Kindern diesen Brunnen himmlischer Güter fort und fort fließen lassen wolle. Aber steht es mit uns allen so?

Sind nicht auch gar manche unter uns, denen das Evangelium immer mehr nur eine Zugabe zu den irdischen Gütern, eine bloße Nebensache unter den Dingen in dieser Welt wird? Sind nicht gar manche unter uns, die zwar die Lehre vom Glauben nicht mit dem Munde verwerfen, deren Herz aber nicht mehr darin lebt und fröhlich ist? manche, die mehr Freude an anderen Dingen, mehr Sorge und Mühe um andere Güter haben als um das Wort von der göttlichen Gnade? Denn es ist unmöglich, daß da das Evangelium Wurzel fasse oder nicht erstickt werde, wo die Dornen der Wollüste oder Sorgen dieses Lebens wachsen und wuchern. "Eine volle Seele zertritt wohl Honigseim", spricht Salomo.

Bedenket doch, ihr teuer erkauften Seelen, wie gut es Gott mit euch meint, daß er euch auch in diesen letzten Zeiten noch immer so freundlich zur Hochzeit seiner Gnade einladen und euch zurufen läßt: "Kommt, denn es ist alles bereit!" Warum verlaßt ihr ihn, die lebendige Quelle, und macht euch selbst Brunnen, die löchrig sind und kein Wasser geben? Was hat euch Gott Leids getan, daß ihr die Güter seines Evangeliums gering achtet und lieber nach den Gütern dieser Welt jaget? Warum folgt ihr lieber eurem unruhigen Herzen als den sanften Zügen des Heiligen Geistes? O gehet zurück in euer vergangenes Leben -- waret ihr dazumal nicht seliger als jetzt, als ihr nämlich das Zeitliche nichts achtetet und das Wort vom Glauben eurer Seele lieber war als viel tausend Stück Goldes und Silbers?

O laßt euch nicht länger blenden; kehret um von allen Zerstreuungen eures Gemütes, gehet zurück zu Gott, von dem ihr euch wieder verloren habt, und suchet wieder Ruhe für eure Seele in seinem Gnadenschoß.

Ach, die Zeit unseres Lebens ist ja kurz. Wie bald werden wir den letzten Schritt unserer irdischen Wallfahrt getan haben! Was wird es uns dann geholfen haben, wenn wir an den Toren des Todes stehen, wenn wir noch so viel gesammelt und noch so viel zeitliche Freuden genossen hätten? Dann werden wir davon nichts haben als ein von Gottes Gnade entfremdetes, leeres Herz, ein tief verwundetes Gewissen und den Schmerz bitterer Reue. Haben wir aber dann im Glauben gelebt und gekämpft wider Fleisch und Welt und Satan, mag es auch in großer Schwachheit und bei vielem Straucheln unter noch so vielen Tränen und Seufzern geschehen sein, o wie selig, wie glücklich werden wir dann sein! Der Tod wird uns dann nicht schrecklich, sondern eine von Gott gebaute Brücke sein, auf der wir über das Tal des Jammers hinüber- und hinaufsteigen auf die Berge des himmlischen Zion und eines ewigen Freudenlebens. JEsum im Herzen werden wir wie im Triumph diese Welt verlassen und dort freudig erscheinen vor unserem gnädigen Gott und Vater, und dann ein ewiges Halleluja singen dem Lamm, das auch für uns erwürget ward. Dazu helfe uns allen Gott der Vater um JEsu Christi, seines lieben Sohnes, willen, durch die Regierung seines Heiligen Geistes. Amen.