Predigt am 1. Advent

Jesu Einzug in Jerusalem (Matthäus 21,1-9)

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!


An dem Tag, als alles Glück für die Menschheit verloren schien, als Adam und Eva mit ihrem Ungehorsam die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott dem Herrn zerstört hatten, ließ sie der Schöpfer sein ureigenstes Wesen erkennen. Indem er sich an den Verführer wandte, sprach er die erste Verheißung des Heilandes aus. Ungesühnte Sünde kann Gott nicht zudecken, denn er ist heilig und gerecht. Aber er kann einen Weg zur Rettung schaffen, wo alles nur noch hoffnungslos erscheint, denn er ist allmächtig und von Herzen voller Güte und Liebe. Mit der Hoffnung und dem Glauben an den Erlöser starben nun auch Adam und Eva, ihre Kinder und viele nach ihnen. Bis der Verheißene, der von Gott dem Vater zum Heiland Gesalbte auf Erden erschien, mußten noch fast 5000 Jahre vergehen.

Durch die Jahrhunderte hindurch erneuerte Gott seine Zusage, damit die Zuversicht der Gläubigen gestärkt und ihr Zutrauen auf den kommenden Friedefürsten erstarken sollte. Die letzte Weissagung vor seinem Eintreffen geschah 400 Jahre vor Christi Geburt durch den Propheten Maleachi, durch den Gott Johannes den Täufer als Vorboten ankündigte.

Eine andere Weissagung ließ der Herr durch Sacharja, ungefähr 500 v.Chr. verkünden; sie zielt genau auf das Geschehen, das uns Matthäus heute berichtet, der Einzug Jesu in Jerusalem: "Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Sach 9,9.

Ausdrücklich verweist der Evangelist darauf: "Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten..." Mt 21,4. Ja, "Des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß." Ps 33,4. Alle Zusagen Gottes ranken sich um den "Gesalbten", um den [hebr.] Messias; darum heißt es: "Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe." 2Kor 1,20. "Amen", d.h. "Ja, ja, so ist es!" so bekräftigen wir dankbar Gottes Treue.

Sie zeigt sich eben auch im Eintreffen Jesu in der Stadt Jerusalem, wo er leiden, sterben und siegreich auferstehen sollte, um unsere Sünden mit seinem heiligen Blut zu sühnen und uns den Weg zu bahnen zur Auferstehung in die ewige Seligkeit. Weil dies ein wichtiger Meilenstein für unser Heil ist, besingen wir auch dieses Ereignis: "Hosianna, Davids Sohn kommt in Zion eingezogen..." oder: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir..." oder eben:

"Sieh, dein König kommt zu dir! Seele, das sind frohe Worte!"

1. ...er kommt sanftmütig

In der Weissagung spricht der Prophet: "Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Sach 9,9.

Von grundlegender Bedeutung ist, wen der Prophet meint, von wessen Eintreffen er spricht. Nach dem Aufruf zur Freude wird der "König" angekündigt; es ist der König des Himmels und der Erde, der wahre allmächtige Gott! -dein König, in dessen Reich du lebst, dessen Untertan du bist, dem du dienst. Er ist es, der zum Zeichen seiner Sanftmut arm und auf einem Esel reitend eintrifft. Darüber freuen kann sich nur die "Tochter Zion", das ist die Gemeinde der Gläubigen.

Zwar kommt er zu allen Menschen, um ihnen allen den Frieden mit Gott zu erkämpfen, aber bis auch andere sich über ihn freuen können, ist es noch ein weiter Weg: Er will ihre Herzen erst noch für sich gewinnen. Der durch den Ungehorsam und die sich ausbreitende Feindschaft des Menschen Beleidigte kommt zu eben allen Menschen "sanftmütig". Matthäus schreibt: "Da sie nun nahe an Jerusalem kamen, gen Bethphage an den Ölberg, sandte Jesus seiner Jünger zwei und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und alsbald werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ihr Füllen bei ihr; löset sie auf und führet sie zu mir! Und so euch jemand etwas wird sagen, so sprecht: Der HERR bedarf ihrer; sobald wird er sie euch lassen."

Warum trifft der Messias solche Vorbereitungen? Matthäus antwortet: "Das geschah aber alles, auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin". Der HERR traf also diese Vorbereitungen, um das Wort des Propheten zu erfüllen. Die Menschen sollten ihn als den von Gott verheißenen Erlöser auch erkennen können.

Darum heißt es "Saget der Tochter Zion..." Keiner soll sich an seiner geringen Gestalt ärgern; keiner soll sich von ihm abwenden, obwohl er wie ein Bettler erscheint. Wenn Gott der HERR handelt, wenn er uns nahe kommt, dann ist es wichtig, daß wir hinhören! Die Vernunft des Menschen schaut zuerst nach Äußerlichkeiten: ein gewöhnlicher Mensch, reitend auf einem Esel, arm, ohne Ansehen - wer soll das schon sein? Daß er der einzige Heiland ist, Schuld und Sünde von uns nehmen, dem Tod die Macht nehmen und uns Sünder zum ewigen Leben führen will, sieht der Verstand nicht. Darum läßt Gott es predigen, läßt darauf aufmerksam machen: "Siehe, dein König kommt zu dir!"

Er kommt arm und gering - auch heute, vermittelt seine heilende Kraft durch sein Wort, durch Taufe und Heiliges Abendmahl. Was aber ist in den Augen der Vernunft schon das Wort Gottes? Wie bedeutungslos erscheint es neben all dem äußeren Glanz dieser Welt, an dem sich der Mensch so viel mehr erfreut! Wie gering sind Taufe und Heiliges Abendmahl für den Verstand! Hält er sie nicht für schöne, aber doch kraftlose Zeremonien? Und doch sind darin Schätze des Himmels verborgen, die Gott unser Schöpfer für uns gefallene, sündige Kreaturen gegeben hat, damit wir durch diese Gnadenmittel gereinigt und heilig werden. Laß dich also nicht von deinen Augen verführen. Dort in Jerusalem sahen die Augen auch eher bedeutungslose Dinge, als Jesus auf einem geliehenen Esel einritt. Der Vernunft erscheint es bis heute völlig unsinnig, daß der, der sich kreuzigen ließ dadurch unsere Sünde, die Strafe der Hölle weggenommen und den Tod besiegt hat.

Doch es heißt weiter: "Siehe, dein König kommt." Er kommt! Nicht du kommst zu ihm und holst ihn - das kannst du nicht! Er kommt zu dir! Dir ist er zu hoch, zu fern, vernichtend und schrecklich, denn er ist der Heilige, der Schöpfer aller Dinge! -und von Natur aus bist du sein Feind. Nicht einmal mit der größten Mühe könntest du zu ihm gelangen. Selbst wenn du alle guten Werke, die jemals auf dieser Erde verrichtet worden sind, dein eigen nennen könntest, würdest du ihn nicht zu dir holen können. Er kommt zu dir, weil er dir aus lauter Gnade verheißen ist. Er kommt als dein Heiland und Erbarmer, um dich aus allen Sünden und allem Elend zu reißen.

Wer dies im festen Glauben annimmt, dem kann kein Tod, kein Teufel, keine Sünde mehr schaden. Der ist bei Gott in Gnaden, ein Kind und Erbe des ewigen Lebens! In einer alten Predigt lesen wir: Er kommt... Nicht du suchst ihn, er sucht dich! Nicht du findest ihn, er findet dich! Denn die Prediger kommen von ihm, nicht von dir! Ihre Predigt kommt von ihm, nicht von dir! Und wo er nicht kommt, bleibst du draußen und fängst nichts an als lauter Sünden, und so viel größere und heiligere Werke du tun willst - und wirst ein verstockter Gleißner. Gott muß in dir anfangen, daß du ihn suchst und bittest. Er ist schon da, wenn du anfängst und suchst. (Denn:) Er kommt ‚zu dir‘ (Luther)

"Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig."

Aller Grimm und Zorn ist abgelegt - nichts als Güte, Geduld und Sanftmut sind da. Er will so zu dir kommen, daß dein Herz nichts als Lust und Freude, Liebe und Zuversicht zu ihm hegt. Er will, daß du ihm vertraust und an ihm hängst - vielmehr, als du dich vorher vor ihm entsetzt hast. Nun haben wir gehört, wie er kommt, nämlich "sanftmütig".

Daraus entsteht die Frage: Wie soll ich ihn empfangen? Im Predigttext erhalten wir Antwort: "Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des HERRN! Hosianna in der Höhe!" Matth 21,9. Auch wir sollen den HERRn Christus mit unserem Leben ehren, ihn mit unserem Mund loben und unser "Hosianna" singen – d.h. "Hilf uns doch".

Die Menschen bereiteten ihm einen königlichen Empfang, entledigten sich ihrer kostbaren Obergewänder, um sie ihm zur Ehre auf den Weg zu breiten. Sie hieben Palm- und Ölzweige von den Bäumen und streuten sie vor ihm hin. Dies sind Zeichen der Untertänigkeit, eine Ehrerbietung, die man sonst dem vom Sieg heimkehrenden König erwies. So gaben sie zu verstehen, daß sie Jesus als ihren HERRn und König, der ihnen von Gott gegeben ist, annehmen wollten als den sieghaften und mächtigen Heiland, und daß sie als seine Untertanen Gnade bei ihm suchten.

So wollen auch wir ihn empfangen und verkündigen: Als den einen von Gott gegebenen Erlöser und HERRn, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden. Mit allem, was wir sind und haben, mit unserem Mund und Leben, wollen wir bezeugen, daß wir bei ihm Gnade, Frieden und Barmherzigkeit gefunden haben.

Lausche den Worten: "Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig..." - so wirst du den Reichtum der Gnade Gottes erfassen und der Heilige Geist kann dich zu tiefer Advents-, d.h. "Ankunfts"-Freude führen, daß du dich von Herzen freust, weil der allmächtige König des Himmels und der Erde zu dir kommt - sanftmütig...

2. Und er kommt als dein Helfer, als dein Heiland

Es geschah ja alles, "auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin."

Es geschah alles, damit Gottes Ratschluß zu unserer Seligkeit in Erfüllung ginge. Sacharja verkündet: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm..." Sach 9,9.

Er ist "ein Gerechter". Gott fordert von uns strenge Gerechtigkeit, aber er findet sie bei uns elenden Sündern nicht. In unseren Herzen, Gedanken, Werken und Worten findet er den Kot des Ungehorsams, der Heuchelei und unzähliger Abweichungen von seinen Geboten. Da springt plötzlich der "Gerechte", der Sohn Gottes selbst für uns ein. Und spricht: "Ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt selig mache." Joh 12,47. Nun bürdet er sich unsere Sündenschuld auf und springt vor uns hin, damit wir hinter ihm Schutz finden. Gottes Zorn trifft den, der mit unserer Sünde beladen ist. Der Heiland leidet und seufzt unter der fremden millionenschweren Last: "Ich muß bezahlen, was ich nicht geraubt habe." Ps 69,5

Er ist "ein Gerechter" das heißt: Er kommt, um dich vor Gott gerecht zu machen! "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Röm. 3,28. Sacharja spricht: "ein Gerechter und ein Helfer", d.h. "Heiland" oder "Seligmacher". In seinem Lobgesang singt Zacharias von Johannes, dem Vorboten Jesu: "Du wirst vor dem HERRN hergehen, daß du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, die da ist in Vergebung ihrer Sünden; durch die herzliche Barmherzigkeit unsers Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens." (Luk 1,76ff.).

Der Heiland kommt, um zu retten "die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes", in der Nacht ihrer Sünde und des Unfriedens mit Gott. Er richtet die "Füße auf den Weg des Friedens", ja er führt durch‘s Evangelium zum Frieden mit Gott. Unser einzigartiger König, unser lieber HERR Jesus Christus, kommt und hilft nicht allein gegen eine Sünde, sondern vergibt mir alle meine Schuld. Er hat nicht nur meine Sünde gesühnt, sondern auch die der ganzenWelt! Damit aber nun auch alle Armen und Elenden sich wagen, ihn mit Freuden zu empfangen, kommt er in armseligen Hüllen. Er reitet nicht stolz auf seinem kriegerischen Hengst, sondern auf einem geduldigen Lasttier. Damit zeigt er dir, wie er alle deine Last auf sich nehmen und dich mit seiner Kraft durch dieses Leben in die ewige Seligkeit leiten will.

Singen wir nicht: Mein Schuld kann mich nicht drücken, denn du hast meine Last all auf deinem Rücken? Nun spricht er: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." Offbg 3,20. Jesus klopft an die Tür deines Herzens und will, daß du es ihm täglich öffnest. Er will so gern das Abendmahl mit dir halten, d.h. er will dich schmecken und fühlen lassen, daß du im Glauben an ihn einen gnädigen Gott hast. Denn das ist die wahre Adventfreude, wo Gott selbst zu dir in deine Verlorenheit und Verzweiflung kommt, arm und gering, sanftmütig und freundlich, damit du dich nicht fürchtest! Hier erfüllt sich die Weissagung des Propheten Jesaja: "Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind!... Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." Jes 8,23/9,1.

Wir wollen unseren König voller Freude empfangen, denn er kommt, als unser "Gerechter" und "Helfer". Wir wollen ihm unser Hosianna singen, das heißt: "Hilf doch! Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des HERRn! Hosianna in der Höhe!" Es ist derselbe König, von dem David schon 1000 Jahre zuvor weissagt: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehren." Ps 24,9.10. Amen.


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an Pfarrer Blechschmidt