Predigt am Altjahresabend
HERR, ich bin geringe aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr weder diesen Stab, da ich über diesen Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere worden. (1.Mose 32,10)
Herzlich geliebte Gemeinde!
Es ist ein Brauch der Christenheit seit alter Zeit, dass am Abend vor besonderen Festen im Kirchenjahr einen besinnlichen Gottesdienst hält, um sich gebührend vorzubereiten. Morgen feiern wir miteinander das große "Fest der Beschneidung und Namensgebung Jesu", wie Christus nämlich unter dem göttlichen Gesetz sein erstes Blutopfer, gleichsam als Anzahlung, brachte und den Namen erhielt, der das Herz eines jeden bußfertigen Sünders froh macht: JESUS - Heiland, Helfer, der dich aus deiner Sündennot rettet und selig macht. Mit dem heutigen Abend aber stehen wir auch unmittelbar an der Schwelle zu einem neuen Jahr. Vielleicht haben wir schon im neuen Kalender geblättert und diesen oder jenen Tag im neuen Jahr angestrichen, an dem etwas Wichtiges stattfinden soll. Aber wissen wir, ob wir genau das erleben werden? Was wird kommen?
Wir wollen unsere Zuflucht bei dem nehmen, der uns geliebt hat bis in den Tod und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt ist; zu dem wollen wir beten: "Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen" (Ps. 31,14.15).
So gehen wir über die Schwelle der Jahre hinüber ins neue in der Zuversicht: Unser Leben steht in Gottes Hand
1. So halten wir Rückblick in Traurigkeit
über unser Versagen und in Freude über unseren gnädigen Gott
2. So sind wir getrost und nehmen unsere Zuflucht zum HERRn
1. So halten wir Rückblick in Traurigkeit über unser Versagen und in Freude über unseren gnädigen Gott
"HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden" (1.Mose 32,10).
Zwanzig Jahre war es her, dass Jakob seinen Bruder betrogen hatte und aus Furcht vor dessen Rache geflohen war; nun kehrte er zurück. Bevor er mit den Seinen den Jordan überschreitet hält er Rückblick und denkt an alle Barmherzigkeit und Treue, die er in all den Jahren aus Gottes Vaterhand empfangen durfte. Das ist allen Kindern Gottes gemeinsam: Kommen sie an eine solche Grenze, erleben sie einen denkwürdigen Tag oder geschieht etwas Einschneidendes in ihrem Leben, so halten sie inne wie Jakob. "Er war über die Maßen reich..." (1.Mose 30,43) - wie reich erahnen wir, wenn wir von dem Geschenk hören, das er seinem Bruder Esau sandte: "...zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel..." (1.Mose 32,15-16).
Ja, er hatte hart gearbeitet und jahrelang schwer geschuftet. Aber Jakob schreibt sich den Segen nicht selbst zu, sondern spricht: "HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden."
"Zwei Lager" oder "zwei Heere" - wir lesen davon wenig vorher: "Er teilte das Volk, das bei ihm war, und die Schafe und die Rinder und die Kamele in zwei Lager." (1.Mose 32,8). Er wusste, dass er Gottes Segen im Geistlichen und im Irdischen nicht verdient hatte. Der HERR hatte das Böse in seinem Leben zum Guten gewendet. Der HERR hatte ihm damals den trostvollen Hinweis auf den Messias gegeben, als er auf freiem Feld im Traum die Himmelsleiter sah. Obwohl sich unser Schicksal in vielen Punkten von dem Jakobs unterscheidet, stimmen wir doch in seine Worte ein: "HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast"?
Paul Gerhard singt in einem seiner Lieder: "Hat er dich nicht von Jugend auf versorget und ernährt? Wie manches schweren Unglücks Lauf hat er zurückgekehrt!" [LKG 321,16].
Ja, Gott der HERR hat auch uns bewahrt, aber einem jeden von uns hat er auch eine Last auferlegt. Aber leider: Statt uns demütig unter sein Kreuz zu beugen und neben dem unermesslich reichen Segen auch die Last anzunehmen, die er zugemessen hat, sind wir oft undankbar und murren. Schon im Blick darauf seufzen wir: "HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast"
Hat er uns nicht Gnade und Kraft zukommen lassen, wenn wir nicht weiter wussten, wenn unsere Kräfte erlahmten? Hat er uns nicht in vielen Gefahren an Leib und Seele bewahrt? Hat er nicht inbrünstige Gebete erhört, uns aus schwerer Krankheit errettet, uns weitere Gnadenzeit gegeben? Hat er uns nicht treue Freunde, Ehegefährten, Glaubensgeschwister an die Seite gestellt, damit einer dem anderen diene, ihm aufhelfe und in Glaubenskrisen Gottes Wort zurufe? Und hat er nicht dir und mir zugute seinen lieben Sohn Mensch werden, für uns leiden und sterben lassen, damit wir durch den Glauben an ihn in den Frieden der Vergebung der Sünden kommen und Erben des ewigen Lebens werden? Hat er uns nicht gnädig und barmherzig im Glauben erhalten, so dass wir von Herzen froh die Worte hören: "Christus hat uns geliebt und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch." (Eph. 5,2). So ist Gottes größte Gabe an uns sein lieber Sohn und der Glaube an IHN, den der Heilige Geist in uns angezündet hat.
Überblicken wir unser Leben, dann können auch wir nicht anders, als mit Jakob zu rufen: "HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast."
Ja, Gott der HERR hat sehr gnädig an uns gehandelt! Er hat große Dinge an uns getan, über die wir fröhlich sein können, für die wir ihm von Herzen danken wollen! Seht, so halten wir im Glauben Rückblick, stehen an der Seite Jakobs und bekennen: "All Ehr und Lob soll Gottes ein!" Gott der HERR schwört einem jeden, der seine Zuversicht auf ihn setzt und durch den Glauben sein Kind ist: "Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer" (Jes. 54,10). Und auch was unsere irdische Existenz betrifft, spricht der HERR: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen" (Hebr 13,5).
2. Darum sind wir getrost und nehmen unsere Zuflucht zum HERRn
Wir wissen ja nicht, was die Zukunft noch bringen mag. Jakob hatte Boten vorausgesandt, die berichteten ihm: "Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit 400 Mann." (1.Mose 32,7). In großer Furcht wollt Jakob seinen Bruder mit Geschenken versöhnlich stimmen. Aber wenn Esau sich nicht umstimmen ließe? Darum nahm Jakob seine Zuflucht bei dem, der Menschenherzen lenken kann wie Wasserbäche und betete: "Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm."
Gott erhörte sein Gebet wunderbar: "Jakob hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit vierhundert Mann ...und er neigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam. Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küßte ihn, und sie weinten. Und Esau hob seine Augen auf und sah die Frauen mit den Kindern und sprach: Wer sind diese bei dir? Er antwortete: Es sind die Kinder, die Gott deinem Knecht beschert hat. Und die Mägde traten herzu mit ihren Kindern und neigten sich vor ihm. Lea trat auch herzu mit ihren Kindern, und sie neigten sich vor ihm. Danach traten Josef und Rahel herzu, und sie neigten sich auch vor ihm. Und Esau sprach: Was willst du mit all den Herden, denen ich begegnet bin? Er antwortete: Daß ich Gnade fände vor meinem Herrn. Esau sprach: Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast." (1.Mose 33,1ff.).
So kann Gott eingreifen, heraushelfen und retten, kann Nöte und Ängste wenden, so dass wir nur noch staunen! Hat er uns und unserer Gemeinde das nicht auch im vergangenen Jahr mächtig erwiesen? Wie mächtig ist unser HERR! Er kann und wird uns auch in Zukunft seine Gnade erweisen! Er schenkt uns im Glauben an seinen Sohn Friede und Zuversicht, damit wir nicht erschrecken müssen, wenn wir hören: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse." (2.Kor. 5,10). Nimmt Gott uns zu sich, dann stehen wir vor dem HERRn Christus; er hat die Sühne geleistet, die Versöhnung erkämpft!
Als Christus am Kreuz schrie: "Es ist vollbracht!" (Joh. 19,30), da war der Zorn Gottes gestillt. Da stand es fest: "Sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist." (Röm. 3,24). Halten wir inne und fällt unser Blick auf alle Vergänglichkeit, denken wir an unser Sterben, dann ruft Gott uns zu: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jes. 43,1). Steigen in uns Ängste auf: Was mag die Zukunft bringen? Was wird aus mir im Alter werden? Werde ich ein langes Krankenlager haben? Werde ich im festen Glauben überwinden? Und denken die Jüngeren unter uns an die Probleme, von denen sie beunruhigt werden: Ob sie einen guten Ehepartner finden, ob sie eine Arbeitsstelle bekommen, ob uns der Friede erhalten bleibt...
... dann dürfen wir alle miteinander den Trost unseres HERRn hören: "Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen." (Jes 43,2).
Wir sind alle Gottes Kinder durch den Glauben an Jesus Christus (Gal 3,16); unser Vater im Himmel sorgt für uns, sorgt für unseren Körper, sorgt für unsere Seele. Er ist der einzige, auf den wir uns wirklich verlassen können - auch wenn der Teufel uns alte Sünden vor die Augen hält und zum Krieg gegen uns rüstet! Im lebendigen Glauben an den Heiland stehen wir auf der Seite des Siegers; der Erzfeind kann uns nicht überwinden, wenn wir uns ihm nicht willig hingeben. Darum können wir ganz getrost weitergehen und in aller Sorge mit David beten: "Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Wenn die Übeltäter an mich wollen, um mich zu verschlingen, meine Widersacher und Feinde, sollen sie selber straucheln und fallen. Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn." (Ps 27,1-3).
Und wenn einmal der letzte Tag angebrochen ist, dann schenke Gott der HERR, daß auch ein jeder von uns durch Jesu Verdienst eingeht in die ewige Freude und dann wieder mit Jakob ruft: "HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast." Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser