"So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird euch freimachen" (Joh. 8,31f.)
Unser Text beginnt mit den Worten: „Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten...“ Unser HERR Christus hat also diese Worte an Juden gerichtet, die an ihn gläubig geworden waren, denn unmittelbar vorher lesen wir: „Da er solches redete, glaubten viele an ihn“ (Joh. 8,30). Es war im Tempel von Jerusalem. Dort hatte der HERR bezeugt: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben... Wenn ihr nicht, daß ich es sei [nämlich der Erlöser], so werdet ihr sterben in euren Sünden“ (Joh. 8,12). Jesu Worte hatten in den Herzen mancher seiner Zuhörer das rechte Vertrauen auf ihn geweckt, daß er der Messias, der von Gott verheißene Heiland sei. Der HERR sah, was in den Herzen dieser Leute vor sich ging. Er sah den aufkeimenden Glauben und wandte sich ihnen zu, um dieses zarte junge Pflänzlein in ihnen zu pflegen und zu erhalten.
Seht, wie treu sich der HERR um jeden sorgt, der Vertrauen zu ihm gefaßt hat! Sobald durch sein lebendiges, mächtiges Wort eine Menschenseele gewonnen ist, nimmt er sich ihrer an in Liebe und Sorgfalt, daß der beginnende Glaube gestärkt werde und vor der List und Macht des Satans bewahrt bleibe! Christus weiß, wie schwach unsere Herzen sind, denn im Gleichnis spricht er von den Gefahren: „Wenn sie das Wort hören, nehmen sie es mit Freuden an. Und haben nicht Wurzel: Eine Zeitlang glauben sie und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab“ (Luk. 8,13). Darum zeigt Jesus den Juden, die an ihn glaubten, worauf es ankommt, daß sie seine wahren Jünger sein und bleiben können: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger...“ Darauf müssen sie achten, daß sie an seiner Rede, an seinem Wort, bleiben. Dann werden sie in der Kraft des Worte bestehen gegen alle List und Macht Satans, gegen alle Anfechtungen und Zweifel.
Ja, auch wir wollen gern Jesu rechte, d.h. wirkliche und wahre Jünger sein - „Christen“ nicht nur dem Namen nach, sondern von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften. Darum wollen wir uns fragen: Was soll uns zum beständigen Bleiben an der Rede Jesu bewegen?
Wir antworten: Das Bleiben an der Rede Jesu
Es gibt nichts, woran ein Kind Gottes so unerschütterlich festhalten soll wie am Wort Gottes. Dies erkennen wir nun wieder aus unserem Text:
1. Das Bleiben an der Rede Jesu ist das einzige gewisse Kennzeichen rechter Jünger des HERRn
Jesus spricht: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger...“ Das macht den Jünger Christi aus, daß er an Jesu Worten hängt und dabei bleibt - komme, was da wolle. Es kann auch nicht anders sein, denn dadurch wird einer ein Jünger, d.h. ein Schüler und Nachfolger, seines Meisters, daß er dessen Worte und Lehre annimmt und darin bleibt.
Wollen wir Christi Jünger sein und ihm nachfolgen, so müssen wir an seiner Lehre, an jedem seiner Worte bleiben und daran festhalten, darauf vertrauen, uns völlig darauf verlassen. Nur soweit wir seine Worte in unsere Herzen dringen und uns von ihnen regieren lassen, sind wir Jesu Jünger. Insoweit wir seine Lehre nicht annehmen und dafür die Lehre eines anderen einsetzen, geben wir ihn als unseren HERRn und Meister auf. Nur durch beständiges Festhalten an seinem Wort können wir alle miteinander seine Jünger sein und auch bleiben. Denn sein Wort, sein Evangelium hat uns zu seinen Jüngern gemacht. Durch sein Wort, geschrieben von seinen Aposteln und Evangelisten, sind wir zum Glauben gekommen, daß Jesus Christus der Heiland ist. Denn so schreibt der hl. Apostel Petrus: Ihr seid... „wiederum geboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibet“ (1.Petr. 1,23).
Das ist also das erste, was wir unbedingt festhalten wollen: „bleiben in Jesu Wort, im Wort Gottes, ist das Grunderfordernis, daß ich in Christus bleibe“.
Was aber ist „Christi Wort“ oder, wie er sagt, „meine Rede“? Christi Rede ist nicht nur das bloße Evangelium, die Botschaft, daß „alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16), aber eben das auch. Christi Rede ist nicht allein alles, was er auf Erden verkündigt hat, aber eben das auch.
Wenn er spricht: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede...“, dann geht es um die gesamte Heilige Schrift, um das Wort der Propheten, Evangelisten und Apostel. Jesus Christus und sein Wort ist Mittelpunkt der ganzen Bibel. Denn von ihm „zeugen alle Propheten und alle Apostel, daß in seinem Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden haben sollen“ (Apg. 10,43).
Aber noch mehr: In den Propheten war der Geist Christi und hat zuvor bezeuget die Kleiden, die in Christo sind, und die Herrlichkeit danach (1.Petr. 1,11). Und zu den heiligen Aposteln spricht der HERR: „Wer euch hört, der hört mich!“ (Luk. 10,16). Denn so spricht Christus zu den Aposteln: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, derselbige wird's euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe“ (Joh. 14,26).
So ist die ganze Heilige Schrift, Alten und Neuen Testamentes Christi Wort. Und das ist die Art und das Wesen eines rechten Jüngers Jesu, eines wahren Christen: Er bleibt an der Lehre seines HERRn; er hält fest an jedem einzelnen Wort der Propheten, Evangelisten und Apostel Gottes. Unter das Wort seines HERRn und Meisters will er sich beugen und beugt er sich gern - auch wenn er diese Rede mit seiner Vernunft nicht verstehen kann. Er beugt sich darunter, auch wenn er meint, daß dieses Wort dem „gesunden Menschenverstand“ widerspreche und seiner eigenen Erfahrung zuwiderlaufe.
Ein rechter Jünger Jesu und wahrer Christ setzt nicht seine menschliche Vernunft, seine Einsicht, Wissenschaft oder Weisheit über Jesu Wort. Wenn er die Wahrheit des Wortes Jesu in einer Sache erkannt hat, so bleibt er dabei und läßt sich durch nichts und niemanden davon abbringen. Er spricht mit David: „Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen; die sind meine Ratsleute... Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber, denn viel tausend Stück Goldes und Silbers.“ (Ps. 119,24.72).
So ist das Bleiben an Jesu Rede nicht ein gefühlloses, formales und kaltes Festhalten am Wortlaut der Heiligen Schrift. Nein, bleibt ein Christ am Wort seines HERRn, dann erfaßt er es im lebendigen Glauben und Vertrauen seines Herzens und setzt darauf all seine Hoffnung im Leben und im Sterben und spricht: „Die Rechte des HERRn sind köstlicher denn Gold und viel feines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim“ (Ps. 19,11).
2. Bleiben an Jesu Rede ist der einzige Weg zur Erkenntnis der Wahrheit
Was aber meint Jesus mit dieser „Wahrheit“, die derjenige erkennt, der an seiner Rede bleibt? Hat ein Mensch durch Gottes Gnade und das Wirken des Heiligen Geistes herzliches Vertrauen zu Jesus, dem Heiland der Sünder gefaßt, dann eröffnet sich seinem Blick durch Gottes Wort ein weites Land. Er kann Dinge sehen, von denen er vorher nichts geahnt hat. Ihm werden Fragen beantwortet, auf die er vorher nichts zu sagen wußte. Über allem und in allem, was sich ihm da im Reich Gottes öffnet, sitzt sein HERR Christus auf dem Ehrenthron.
Immer tiefer erkennt er die Wahrheit über seinen König und Erlöser Jesus Christus; und bis zu seinem zeitlichen Ende wird er damit nicht fertig werden - bis er ihn völlig schaut in der Seligkeit. Ein Schriftwort nach dem anderen erschließt sich ihm, immer fester ergreift er im Glauben seinen HERRn und wird sich immer gewisser: „Christus ist des Gesetzes Wende, wer an den glaubt, der ist gerecht“ (Röm. 10,4). Immer tiefer wurzelt die Gewißheit seines Heiles, der ewigen Seligkeit, in ihm, daß er, der elende Sünder, bei Gott in Gnaden ist durch den Glauben an Jesus, der sich für ihn geopfert hat, für ihn auferstanden und gen Himmel gefahren ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt (Röm. 8,34).
Ja, er hat mit seiner Unvollkommenheit zu kämpfen und fällt auch wieder in Ungehorsam und Sünde, aber er erkennt auch hier die Wahrheit: „Und ob jemand sündiget, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist. Und derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünden...“ (1.Joh. 2,1f.). Wird er nicht nur von den Sündenkeimen in seinem eigenen Herzen angefochten, sondern auch von außen; muß er Vorwürfe und Spott um seines Glaubens willen ertragen, so erkennt er auch hier die Wahrheit: „Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr. Haben sie mich verfolget, so werden sie euch auch verfolgen...“ (Joh. 15,20).
Treffen ihn Leiden um des Glaubens willen, so tröstet er sich mit dem Wort Gottes: „Freut euch, daß ihr mit Christo leidet, auf daß ihr auch zu der Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget“ (1.Petr. 4,13). Weiß er nicht, wie ihm geschieht, weil plötzlich alte Freunde und liebe Menschen um seines Glaubens willen gegen ihn stehen, so hört er das Wort seines HERRn: „Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein“ (Matth. 10,36). Wer so bei Jesu Rede bleibt, daß er in Gottes Wort allein Antwort sucht auf alle seine Fragen, der ist in Wahrheit ein Jünger Jesu.
Und ein solcher Jünger Jesu wird fort und fort eindringen in die Rede seines HERRn und die Wahrheit immer tiefer erkennen. Er gründet die Zuversicht seines Herzens in guten und bösen Tagen auf Gottes Wort, in Freude und Leid, im Leben und Sterben. Er richtet sein Tun und Lassen, sein Denken und Urteilen, sein Fühlen und Empfinden nach Jesu Rede ein. Ein rechter Jünger Jesu wird also nicht allein an Gottes Wort festhalten, und wird nicht allein die Wahrheit immer tiefer erkennen, sondern die erkannte Wahrheit wird ihn auch freimachen. Wir hören also zum Schluß aus unserem Text:
3. Das Bleiben an der Rede Jesu ist das einzige Mittel, um zur seligen Freiheit zu gelangen.
Seht, so schnell geht es, daß Eigensinn und Hochmut sich auf den zarten Glauben legt wie der Frost im Frühling auf die Blüten! Schon denkt man: Was werden die Blüten für herrliche Früchte bringen! -da kommt ein der Reif und zerstört alle Hoffnung! So auch hier: Der jüdische Selbstdünkel und selbstgerechte Stolz veranlaßte die eben erst zum Glauben gekommenen Juden, sich gegen Jesu Worte aufzulehnen. Als er sprach: „Und die Wahrheit wird euch freimachen“, antworteten sie: „Wir sind Abrahams Samen, sind nie keinmal jemands Knechte gewesen; wie sprichst du denn: Ihr sollt frei werden?“
Auch heute ist es so mit dem Wort Gottes: Zuerst hören es manche gern und es ist ihnen kostbar. Aber wenn es nicht so gehen will, wie sie meinen, und es nicht alles so gesagt wird, wie sie es gern hören wollen, dann ist große Not. Als Jesus dies sprach, schieden sich plötzlich die Geister. Die einen fielen ab und trachteten in ihrem neu aufkeimenden Zorn und Haß ihn zu töten (Joh. 8,40), die wahren Herzensgläubigen blieben.
Luther spricht dazu: „Die rechtschaffenen bleiben in der engen Bahn und Pforte, oder auf dem schmalen Wege, nämlich an dem Worte Gottes, daß sie sagen: Ich weiß nicht Rat, Gott mag helfen, es steht allein in seiner Hand; er hat's verheißen und spricht: Haltet ihr nur fest, ich weil euch halten. Wenn's nun in die Züge und enge Kluft kommt, so wirst du das Bleiben am göttlichen Wort auch lernen, und es wird dich zu einem rechtschaffenen Jünger machen und dich freimachen. Das erfahren die falschen Jünger nicht; sie wissen nicht, was da heißt die Wahrheit. Denn die Wahrheit ist nicht allein Christum hören, oder iekl von ihm reden können, sondern auch im Herzen glauben, daß Christus uns frei und losmachen wolle, daß man solches im Herzen erfahre; das macht einen Christen“ (Luther)
Wer von anderen verlacht wird, weil er sich angeblich die engen Fesseln des Wortes Gottes anlegen läßt, der ist in Wahrheit recht frei. Er ist frei von den angeerbten Bindungen, die ihn im Dienst der Sünde gefesselt hatten. Denn viele meinen, ein Christ sei ein armer Tropf; aber der Apostel Paulus schreibt: „Denn da ihr der Sünde Knechte waret, da waret ihr frei von der Gerechtigkeit [d.h. In eingebildeter Freiheit, frei von Gottes Wort, frei vom Glauben an Jesus]. Was hatte ihr nun zu der Zeit für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämet; denn das Ende derselbigen ist der Tod. Nun ihr aber seid von der Sünde frei und Gottes Knechte worden, habt ihr eure Frucht, daß ihr heilig werdet, das Ende aber das ewige Leben“ (Röm. 6,20-22).
An Jesu Rede bleiben, schenkt eine ganz herrliche, grenzenlose Freiheit: Nicht Furcht vor Mensch, nicht Abhängigkeit aus falscher Freundschaft, nichts und niemand kann mich halten. Schenkt mir Christus sein Wort und seinen Geist, führt er mich in in seine abgrundtiefe Wahrheit, dann bin ich frei. Mag der Satan meinen Glauben versuchen, mag Anfechtung kommen, mögen meine Sünden mir schwer ins Gewissen fallen: Christus ist hier, der da gerecht macht. Und er spricht: „So euch nun der Sohn freimacht, so seid ihr recht frei... Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (Joh. 8,36; Joh. 10,27f.). Amen.
Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden