Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis
Kollektengebet: Allmächtiger, ewiger und gerechter Gott, wir danken dir herzlich, daß du uns deinen heiligen Willen, was wir tun und lassen sollen, im gesetz geoffenbart hast, und wir bitten dich demütig, du wollest um jesu Christi vollkommenen Gehorsams willen uns alle dagegen begangenen Sünden gnädig verzeihen und uns mit deinem Heiligen Geist stärken und leiten, daß wir hier in neuem Gehorsam dir zu dienen anfangen, bis wir vollkommen heilig in jenem Leben vor dir wandeln: durch Jesum Christum, deinen Sohn, unsern HERRn. Amen.
Lied nach der Predigt: Lutherisches Kirchengesangbuch (LKG) Nr. 227,7-10
Predigttext: So aber das Amt, das durch die Buchstaben tötet und in die Steine ist gebildet, Klarheit hatte, also daß die Kinder Israel nicht konnten ansehen das Angesicht Moses um der Klarheit willen seines Angesichtes, die doch aufhöret, wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist gibt, Klarheit haben? Denn so das Amt, das die Verdammnis prediget, Klarheit hat, viel mehr hat das Amt, das die Gerechtigkeit prediget, überschwengliche Klarheit. (2.Kor. 3,7-9)
Liebe Brüder und Schwestern in Jesu Christo, unserem HERRn!
Liest jemand in der Heiligen Schrift, im Alten und im Neuen Testament, so wird ihm bald auffallen, daß darin zwei unterschiedliche Lehren verkündigt werden. Es erscheint, als zeige Gott zwei Wege, auf denen ein Mensch zur Seligkeit gelangen könne: Einerseits die Lehre, die Gott auf dem Berg Sinai dem Mose gab und die dieser dann dem Volk Israel verkündigen sollte, und andererseits die Lehre vom gekreuzigten Christus, die die heiligen Apostel in aller Welt verkündigen sollten. Ist es nicht eine ganz andere Lehre, wenn Mose im Namen Gottes dem Volk predigte: "Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn welcher Mensch dieselben tut, der wird dadurch leben; denn ich bin der HERR" (3.Mose 18,5), und wenn nun andererseits der Apostel Paulus, ebenfalls im Namen Gottes verkündigt: "So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" (Röm. 3,28).
Es ist klar und eindeutig: Gottes Wort hält uns zwei verschiedene Lehren vor: Die eine fordert von uns, das Gesetz Gottes vollkommen zu erfüllen, und sie droht uns, wenn wir es nicht tun, Ungnade, ja ewige Verdammnis an. Die andere ruft uns zur Vergebung der Sünden durch den Glauben an Gottes lieben Sohn, Jesus Christus. Die eine verkündigt und Gottes Zorn an, die andere Gottes Gnade, die eine predigt Fluch, die andere Segen. Die eine stößt in die Hölle, die andere weist auf den offenen Himmel. Die eine ist wie ein "Hammer, der Felsen zerschmettert" (Jer. 23,29), die andere erquickend wie frisches Wasser in der Dürre (Offbg. 22,17).
Und diese Lehren finden wir beide im Alten und im Neuen Testament: Alle Propheten predigen beide und alle Evangelisten und Apostel verkündigen beide. Auch der Sohn Gottes predigte, als er auf Erden war, beide, wie schon in alter Zeit von ihm geweissagt ist: Der Prophet Sacharja spricht vom Guten Hirten, der zwei Stäbe hat, den Stab "Sanft" und den Stab "Weh", nämlich "Sanft", das Evangelium und "Weh" das Gesetz: "Ich nahm zu mir zween Stäbe: einen hieß ich Sanft, den andern hieß ich Weh; und hütete der Schafe... Und die elenden Schafe, die auf mich hielten, merkten dabei, daß es des HERRN Wort wäre" (Sach. 11,7.11).
Gott offenbart also in der Heiligen Schrift zwei verschiedene Lehren, die von einander geschieden und unterschieden sind. Denn Gott hat mit jeder einzelnen dieser beiden Lehren ein bestimmtes Ziel; er verfolgt eine Absicht mit dem Gesetz und eine andere mit dem Evangelium. Daraus folgt, daß auch wir sie auseinanderhalten müssen. Denn vermengt man beide ineinander, so verliert jede von ihnen ihre Kraft. Darum ermahnt Paulus seinen Schüler Timotheus: "Befleißige dich, Gott zu erzeigen einen rechtschaffenen, unsträflichen Arbeiter, der da recht teile das Wort der Wahrheit" (2.Tim. 2,15).
Darum hören wir heute vom Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium
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Gottes Wort lehrt uns, Gesetz und Evangelium zu unterscheiden
Es ist nicht ungewöhnlich, auch bei denen, die sich in unserer Zeit noch nach Gottes Wort richten wollen, daß sie die Lehre des Gesetzes mit der Lehre des Evangeliums vermengen. Dies geschieht zum Beispiel, wenn man einem verzagten Sünder zuruft: Christus hat alle deine Schuld am Kreuz gebüßt! Er hat alles für dich getan! Nun mußt aber auch du Opfer bringen, du mußt alle seine Gesetze halten, sonst kannst du nicht selig werden!
So logisch das auch der Vernunft erscheint, weil dadurch schneller "Früchte" sichtbar werden mögen, so ist dies doch eine Verfälschung des Wortes Gottes. Was eigentlich nur das Evangelium ausrichten kann, ja was wie von selbst aus dem rechten glühenden seligmachenden Glauben fließt, versucht der "Gesetzliche" mit Forderungen herauszuquetschen. Vermengt man das Gesetz mit dem Evangelium, so nimmt man beiden die Kraft, ja man vernichtet sie! Kommt das Gesetz hinein in das Evangelium, verschwimmt die Versöhnung, die Christus mit seinem Blut erkauft hat und aller Trost, den ein verzagtes Gewissen in Christus findet, wird verdunkelt. So kann kein Sünder der Vergebung seiner Sünden wirklich gewiß werden, weil er ja denken muß, er solle die Vergebung mit Opfern bezahlen.
Darum muß das Gesetz vom Evangelium geschieden sein wie die Nacht vom Tag. So lehrt uns Gott durch den Apostel Paulus in unserem Text: Er spricht nämlich vom "Amt... des Neuen Testaments", bzw. vom "Amt, das die Gerechtigkeit predigt", und stellt ihm das Amt des Alten Testamentes gegenüber und nennt es "das Amt, das die Verdammnis predigt".
Amt nennt er beide, was soviel heißt wie ein Dienst, der eben geschehen soll. Gott will also, daß beide Lehren verkündigt werden: Das Gesetz nicht ohne das Evangelium, das Evangelium nicht ohne das Gesetz. Denn beide sind ja Gottes Wort: das Gesetz, die heiligen Zehn Gebote, die Gott dem Mose auf dem Berg Sinai gegeben hat und das Evangelium, das der HERR Christus seinen Jüngern zu predigen befahl: "Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden..." (Mark. 16,15f).
Nun heißt es in unserem Predigttext: "Gott hat uns tüchtig gemacht, das Amt zu führen des Neuen Testaments, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes". Beides soll gepredigt werden, aber das Gesetz, das "Amt des Buchstabens" ist nicht das eigentliche Amt eines Predigers Christi. Das eigentliche Amt des Apostels und aller, die bis zum Ende der Welt im heiligen Predigtamt stehen, ist die Predigt des kostbaren Evangeliums, der Frohen Botschaft: daß der Sohn Gottes für dich alle Schuld bezahlt, all deine Schwachheit getragen und all deine Sünden gebüßt hat. Das einzig Mittel, wodurch uns Sündern geholfen wird, der einzige Weg, auf dem wir zum ewigen Leben gelangen, ist das Evangelium. Hätten wir elenden Sünder nur Gottes Gesetz, kein einziger Mensch könnte selig werden!
Weil das Gesetz Gottes mit Buchstaben in die steinernen Tafeln geschrieben war, heißt es "Amt des Buchstabens" und weiter: "Denn der Buchstabe [nämlich "des Gesetzes"] tötet, aber der Geist macht lebendig". Das Gesetz Gottes hält dir vor: "Du sollst!" oder "Du sollst nicht!" - lebendig machen, dir die Kraft schenken, nun auch danach zu handeln, das kann es nicht! Im Gegenteil: Indem es dich zur Erkenntnis deiner Sünde führt, verkündigt es dir Gottes Zorn, den ewigen Tod und Verdammnis! Es zeigt dem Sünder seine Schuld, aber wenn er weiter nichts hört als das, so ist er verloren! Denn in ihm schreit alles noch viel lauter: "Ich will nicht! Ich kann nicht!"
Erst wenn das "Amt des Geistes" kommt, das heilige Evangelium, dann hört der Sünder: "Glaube an den HERRn Jesum Christum, der will und kann dir helfen. Er ist für deine Sünden am Kreuz gestorben. Er will dir deine Sünden vergeben. Du sollst ganz frei, aus lauter Gnade gerecht vor Gott und ewig selig werden!" Erst dann ist ein Mensch fähig, den Willen Gottes mit Lust und Freude anzusehen und zu sagen: "Das Gesetz ist je heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut" (Röm. 7,12). Denn das heilige Evangelium ist das "Amt, das den Geist gibt", und der Heilige Geist tröstet das verzagte Herz, reinigt das böse Gewissen und macht, daß der Sünder Liebe und Zutrauen zu Gott gewinnt und auch erkennt, wie wundervoll, wie heilig und köstlich Gottes Wille an uns Menschen ist.
"Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig", so lehrt uns Gottes Wort. Das Gesetz offenbart dem Menschen, wie verloren er ist, wenn er in seiner Sünde vor dem Thron des ewigen Richters erscheinen muß. Das Gesetz zeigt ihm, wie er schon in seinem irdischen Leben nichts als den Zorn Gottes verdient hat und wie Gott ihn um seiner Sünden willen in die Hölle verdammen muß. Das Gesetz läßt den Sünder mit dieser Erkenntnis stehen; es zeigt ihm keinen Ausweg, je tiefer der Mensch Gottes Willen aus dem Gesetz erkennt, desto mehr muß er vor dem lebendigen allmächtigen Gott zittern und zagen!
Das Evangelium ist die Gnadenbotschaft aus Gottes Mund an jeden verzagten Menschen: "Ich sehe aber an den Elenden und der zerbrochenes Geistes ist und der sich fürchtet vor meinem Wort" (Jes. 66,2), wie er auch durch den Propheten Hesekiel spricht: "Ich aber ging vor dir [vor-] über und sah dich in deinem Blut liegen und sprach zu dir, da du so in deinem Blut lagest: Du sollst leben! Ja, zu dir sprach ich, da du so in deinem Blut lagest: Du sollst leben!" (Hes. 16,6).
Das Gesetz sagt uns, was wir tun sollen und gleichzeitig auch, daß wir es gar nicht können. Das Evangelium sagt uns, was Gott für uns getan hat weil wir es nicht vermögen. Das Gesetz zeigt uns die Krankheit, das Evangelium den rechten Arzt. Das Gesetz zeigt uns unsere Armut, das Evangelium zeigt uns Gottes Schatzkammer und führt uns hinein, macht uns Arme reich. Das Gesetz ruft: Du hast nicht getan, was Gott von dir will; vielmehr hast du getan, was Gott haßt! Du bist ein Sünder! Du bist verloren! Das Evangelium ruft: Verzage nicht, Sünder, denn hier steht Jesus Christus, der Heiland für alle Sünder, für die kleinen und großen, für die alten und jungen! Das Gesetz zeigt uns also unser Verderben: "Kein Fleisch kann durch des Gesetzes Werke vor ihm sein mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde" (Röm. 3,.20). Das Evangelium zeigt uns den Erlöser vom verderben: "Christus aber hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es stehet geschrieben: Verflucht sei jedermann, der am Holz hänget!)" (Gal. 3,13).
So haben wir es ja auch in unserem Text gehört, wenn der Apostel schreibt, das Gesetz sei das Amt, das die Verdammnis, das Evangelium sei das Amt, das die Gerechtigkeit predigt. Das zeigt uns: Gottes Gesetz ist nicht eine tote, laue Sittenlehre, eine einschläfernde Moralpredigt, die dem Menschen sagt, wie er sittlich gut leben soll. Nein, das Gesetz Gottes durchdringt alles, es ist "geistlich" und nicht nur äußerlich; es meint auch das Herz. Das Gesetz predigt, auch das Herz des Menschen, alle seine Gedanken, alle seine Regungen und Sehnsüchte sollen völlig rein sein und mit Gottes Willen auf das Genaueste übereinstimmen. Dahin zielen die schrecklichen Drohworte Gottes: "Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllet, daß er danach tue! Und alles Volk soll sagen; Amen" (5.Mose 27,26)
Wer also meint, er könne durch das Gesetz vor Gott gerecht werden, (wie die Leute oft sagen: Ich gehe nicht in die Kirche, ich lebe nach den Geboten), der muß auch "den letzten Heller bezahlen" (Matth. 5,26). So lehrt uns die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium auch die rechte Erkenntnis über unser Verderben und wie groß doch die Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus ist!
In dieser Erkenntnis verstehen wir auch wieder recht, was dieses Gotteswort für eine schöne herrliche Gnadensonne für uns verlorene Sünder ist, wenn er uns hören läßt: "Die Güte des HERRN ist, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen" (Klagel. 3,22-24). Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser