Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis
Mose ließ die Kinder Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zu der Wüste Sur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste, daß sie kein Wasser fanden. Da kamen sie gen Mara; aber sie konnten des Wassers zu Mara nicht trinken, denn es war fast bitter. Daher hieß man den Ort Mara.
Da murrete das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken? Er schrie zu dem HERRN; und der HERR weisete ihm einen Baum, den tat er ins Wasser; da ward es süß. Daselbst stellete er ihnen ein Gesetz und ein Recht und versuchte sie und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und zu Ohren fassen seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich der Krankheit keine auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt. Und sie kamen nach Elim, da waren zwölf Wasserbrunnen und siebenzig Palmbäume; und lagerten sich daselbst ans Wasser. (2.Mose 15,22-27)
Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus!
"Ich bin der HERR, dein Arzt!" Das hat das Volk Israel immer wieder erfahren dürfen. Als ihr rechter Arzt hat er sich in so mancher Not erwiesen, seit ihrer Rettung aus der Macht der ägyptischen Sklaverei und auf der langen, langen Reise ins verheißene Land Kanaan. Oft glich ihr Weg einer Sackgasse; oft waren sie in -nach menschlichem Ermessen- ausweglose Situationen geraten. In all dem konnten sie die rettende und hindurchtragende Hand Gottes erkennen. Er gab ihnen immer die rechte Arznei gegen ihre Not und erlöste sie aus aller ihrer Trübsal. Zurückblickend sollten sie später bekennen: "und der HERR tat große Zeichen und Wunder..." (5.Mose 6,22).
"Ich bin der HERR, dein Arzt!" Diese herrliche Zusage gilt auch uns, denn wir gehören durch den Glauben zum neuen, geistlichen Israel. Auch uns ist die rechte Arznei gegeben, die alle Schäden heilt, die uns durch unsere Feindschaft gegen Gott entstanden sind. Damals gab Gott durch Mose ein Holz, das die Israeliten vor dem Verdursten rettete. Dieses wunderbare Holz ist ein Hinweis auf das einzigartige Holz, das Gott uns allen zur Arznei gegeben hat. Wenn wir es gebrauchen, werden wir bewahrt bleiben auf unserer Wanderung durch die Wüste dieser Welt ins himmlische Kanaan. Ziehen wir also eine Parallele vom Bericht des Mose zum Kreuz Jesu Christi und hören:
DAS HOLZ DES KREUZES CHRISTI - DIE RECHTE ARZNEI, denn
2. und leitet uns sicher zum Ziel
1. Unser HERR Christus trägt uns durch bittere Zeiten
Was war bis hierher geschehen? Das Volk Israel war auf Gottes Befehl hin von Mose aus der ägyptischen Sklaverei geführt worden. Ihr Ziel war das ihnen von Gott verheißene, fruchtbare Land Kanaan. Bald darauf bereute der Pharao seine Einwilligung und jagte den Israeliten mit 600 seiner besten Krieger hinterher. So standen sie eines Tages vor dem Roten Meer, im Rücken die Feinde. Gott der HERR aber ließ ein großes Wunder geschehen: Die Wassermassen teilten sich, wichen zurück und standen plötzlich wie zwei Mauern, zwischen denen die Verfolgten trockenen Fußes ans andere Ufer gelangten. Der Pharao und all seine Krieger ertranken in den sich schließenden Fluten.
Und nun heißt es weiter: "Mose
ließ die Kinder Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zu der Wüste
Sur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste, daß sie kein
Wasser fanden". Mit dieser gewaltigen
Glaubenserfahrung waren sie hinausgezogen, Richtung Kanaan, und
kamen in die
Wüste Schur. Nach einem Tag in dieser heißen, steinigen Einöde
waren die Wasservorräte fast aufgebraucht. Am nächsten Tag
wurden sie schon unruhig, denn noch immer hatten sie keine Quelle
gefunden. Da kamen sie nach Mara; der Durst wurde immer unerträglicher!
Plötzlich aber ging es wie ein Aufatmen durch den langen Zug der
Menge: Die vordersten hatten eine Quelle gefunden! Die Mütter
ermunterten die Kinder: "Nicht mehr weit, dann könnt ihr
trinken!" Können wir uns die Enttäuschung vorstellen,
als sie merkten, daß das Wasser dieser ersehnten Quelle ungenießbar,
salzig und bitter war?!
"Da kamen sie gen Mara; aber sie konnten des Wassers zu Mara nicht trinken, denn es war fast bitter. Daher hieß man den Ort Mara. Da murrete das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?" "Wo ist denn unser Gott jetzt, wo wir ihn wieder so dringend brauchen?!" mögen sie gefragt haben. Ja, wo war Gott?
Gott der HERR war da, denn es heißt ja: "Und der HERR zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule... Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tag noch die Feuersäule bei Nacht" (2.Mose 13,21.22). Gott war also da und Gott selbst hatte an ihnen diese Not zugelassen. Er wollte ihren Glauben, nachdem er sie am Roten Meer seine starke Hand hatte spüren lassen, auf die Probe stellen. Er wollte, daß sie in Geduld und Hoffnung von ihm allein alles Gute erwarten, "denn es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HRRN hoffen." (Jer. 3,26)
Statt dessen stiegen Mißtrauen und Ungeduld in ihnen auf; sie murrten gegen MOSE und damit gegen Gott. Dieser Bericht will uns daran erinnern, wie es uns Christen häufig ergeht, auf der Wanderung durch die Wüste dieses Lebens zum himmlischen Kanaan. Auch uns hat Gott der HERR aus der furchtbaren Sklaverei erlöst, aus der Knechtschaft des Teufels und der Sünde; auch wir gehören durch den Glauben zu Gottes Volk. Wenn ein Mensch sich von Christus bekehren läßt, ist noch nicht alle Not gebannt, denn Gott nimmt ihn nicht gleich in den Himmel. So haben wir noch eine gute Wegstrecke vor uns und wandern auch oft auf steinigen, beschwerlichen Wegen und erleben Durststrecken.
Ja wir kommen gerade, weil wir der Wolken- und Feuersäule des Wortes Gottes und seinen berufenen Dienern folgen, in äußere Not, in geistliche Anfechtungen und erleben Trübsal. Das sind die bitteren Wasser von Mara im Christenleben. Aber hat Gott nicht auch uns schon Glaubenserfahrungen machen lassen, so daß wir uns in solchen Einöden des Lebens getrost an seine frühere Hilfe erinnern könnten? Wie leicht steigen statt dessen Unwillen und Murren im Christenherzen auf! Gott der Herr möchte so gern, daß wir ein starkes, unbeirrtes Vertrauen zu ihm haben, gerade auch dann, wenn alles aussichtslos und öde erscheint. Auch unseren Glauben will der HERR erproben und uns mit neuen Erfahrungen aus aller Not herausführen. Darum läßt er uns Durststrecken gehen, auf denen es aussieht, als hätte er uns ganz und gar verlassen. Selbst wenn wir, soweit das Auge blicken kann, keine Hilfe, keine Änderung, keinen Hoffnungsschimmer sehen, sollen unsere Herzen wir das DENNOCH des Glaubens beten : "Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand... Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil." (Ps. 73,23.26).
Als die Israeliten in Mara wirklich keinen Ausweg mehr sehen konnten, als alles Vertrauen auf eigene Hilfe dahin war, da erwies sich der HERR seinem Volk als der rechte Arzt und Nothelfer: "Er schrie zu dem HERRN; und der HERR weisete ihm einen Baum, den tat er ins Wasser; da ward es süß. Daselbst stellete er ihnen ein Gesetz und ein Recht." Durch ein unerwartetes Wunder hatte Gott aller Not ein Ende gemacht und die Anfechtung beseitigt. "Gelobt sei der HERR täglich! Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch" (Ps. 68,20). Immer und immer wieder erweist sich Gott als der rechte Arzt und Helfer in Angst und Not - auch bei uns.
Was ist unser Holz, das das bittere Wasser aller Trübsal und Anfechtung süß macht? Es ist das Kreuz auf Golgatha, an dem Gottes Sohn unser Murren, unseren Unwillen, unsere ganze Feindschaft, Schuld und Gottlosigkeit an unserer Statt gesühnt hat. "Ein Blick aufs Kreuz von Golgatha - und schon ist Trost und Hilfe da!" Der Glaube hält sich an diese wunderbare Arznei Gottes und tröstet sich auf den Durststrecken, in Zeiten der Anfechtungen und des Leides allein an seinem Heiland.
Entgegen allem wahrnehmbaren, das uns den sicheren Untergang prophezeit, dürfen wir durch den Glauben an Christus seufzen: "Wie Gott mich führt, so will ich geh`n... Er kann es mit mir nicht böse meinen. Es ist kein bitteres Gift, sondern Arznei, die mir helfen soll, noch getroster den Weg ins himmlische Kanaan zu gehen."
"Und versuchte sie und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und zu Ohren fassen seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich der Krankheit keine auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt."
Gott lehrte Israel dort in Mara eine sehr wichtige Sache: "Ich bin der HERR, dein Arzt." Er gab ihnen "Gesetz und Recht", d.h.: Er ließ sie seinen Willen wissen, den sie unbedingt befolgen sollten. Israel sollte sich zu Herzen nehmen, daß der HERR ein "eifernder Gott" ist, der es nicht duldet, daß man etwas lieber hat oder mehr fürchtet als ihn.
"Ich bin der HERR, dein Arzt!" Sein Volk sollte sich gerade darin von den Heiden, z.B. Den Ägyptern unterscheiden. Israel sollte Gott allein fürchten - sonst nichts. Israel sollte ihn von Herzen lieben - nichts anderes mehr als ihn. Israel sollte alles Gute, alle Hilfe, alle Rettung von Gott allein erwarten - von keinem anderen sonst. Gäbe es diesen Unterschied nicht, dann wären sie ja nicht sein Volk, wären ebenso gottfern wie die anderen. Dann aber würden sie auch von eben derselben Strafe getroffen, würden noch immer unter Gottes Zorn stehen und nicht nach Kanaan, sondern ins ewige Verderben wandern.
Von Natur aus haben auch wir weder Lust noch Kraft, dem Willen Gottes zu folgen und ihn unseren HERRN und Arzt sein zu lassen. Doch auch wir sollen uns von Heiden unterscheiden, die Hilfe, Rettung und Trost von allen anderen erwarten - nur nicht von ihrem Schöpfer! Und weil sich in unseren Herzen so oft auch gottlose Neigungen regen und festsetzen wollen, hat Gott uns die Arznei des Kreuzes Jesu gegeben. Dort hat Gott uns gezeigt, wie lieb er uns trotz unseres Murrens hat. Aus Dank und Liebe sollen wir gern und willig die Wege gehen, die er uns mit seinem "Recht und Gesetz" führt, damit wir das himmlische Kanaan erreichen.
Unser Gehorsam ist mangelhaft, aber das Kreuz unseres Heilandes deckt den Mangel zu. Von dorther empfangen wir Hilfe und Kraft, für die neue Wegstrecke, die auf dem Weg in die Seligkeit vor uns liegt. Israel hielt sich nach der Rast in Mara nicht lange auf.
"Und sie kamen nach Elim, da waren zwölf Wasserbrunnen und siebenzig Palmbäume; und lagerten sich daselbst ans Wasser." Gott der HERR ließ sie einen ganz herrlichen Lagerplatz finden, in ELIM. Dort gab es Wasser, erquickenden Schatten, genügend Nahrung für Menschen und Vieh. Vergessen waren die gerade erst überstandenen Strapazen. Hier konnten sie träumen - von Kanaan. Auch uns läßt der HERR solche Ruhezeiten erleben, damit wir die vor uns liegenden, beschwerlicheren Strecken schaffen und uns vor allem nach Mühsal und Anfechtungen erholen können. Vor allem aber können wir träumen - vom himmlischen Kanaan.
Beides ist wichtig: Trübsal und Freude! In beiden will Gott der HERR nur das eine bei uns erreichen: Wir sollen in Trübsal gestählt werden, Glaubenserfahrungen mit der mächtigen Hilfe Gottes machen und uns auf die Seligkeit freuen, wo alles Leid, aller Schmerz und alle Bedrängnisse vergessen sein werden. In Freudenzeiten aber sollen wir singen wie Israel in Elim und wie der Liederdichter: "Ach, denk ich, ist es hier so schön und läßt du's uns so gut ergehn auf dieser armen Erden; was wird doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden!"
Hätte Gott dem Volk Israel in Mara nicht das Holz gegeben, das allein durch Gottes Wort seine wunderbare Wirkung hatte, sie wären verschmachtet und niemals nach Kanaan gekommen. Ins himmlische Kanaan, in die ewige Seligkeit kommen auch wir allein durch Gottes Gnade in seinem Sohn Jesus Christus, "der unsere Sünde selbst hinaufgetragen hat an das Holz, damit6 wir, der Sünde gestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden." (1.Pt. 2,24)
Gott schenke uns, daß wir im Blick auf das Kreuz unseres Heilandes uns in Trübsal nach dem himmlischen Kanaan sehnen und in Freude von Kanaan träumen! AMEN.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser