Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis
Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ihr habt gehöret, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig. Darum wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eindenken, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfere deine Gabe. Sei willfertig deinem Widersacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher nicht dermaleinst überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Ich sage dir: Wahrlich, du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlest. Herzlich geliebte Brüder und Schwestern im HERRn Christus! (Matth. 5,20-26)
LIebe Gemeinde!
Jesus beschreibt in unserem Predigttext Verhalten, Gesinnung und Lebenswandel der Kinder Gottes. Es geht also keineswegs um starre Erfüllung des Gesetzes, um Gott gnädig zu stimmen. Vielmehr hebt Jesus den eigentlichen Sinn des Gesetzes hervor. Damit wird offenbar: Rein äußerliche Erfüllung ist nicht das Ziel. Luther sagt, Christus verkläre hier das Gesetz Mose.Jesus gibt kein neues Gesetz; er verschärft auch nicht das alte. Er schwächt aber das Gesetz auch in keinerlei Hinsicht ab! Vor unserem Abschnitt spricht er: "Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen." (Matth. 5,17).
Ja, er bestätigt das Gesetz, indem er das rechte, das geistliche Verständnis erklärt. Er ordnet also mit seinem "Ich aber sage euch..." kein neues Gesetz, gibt nicht einmal eine neue Deutung, sondern stellt die darin verborgene Herrlichkeit ins Licht. Jesus gibt dem Gesetz die Ehre. Er hebt es sozusagen auf den ihm gebührenden Thron.Im göttlichen Gesetz selbst tritt der wahre und eigentliche Sinn aller Gebote schon in der Zusammenfassung deutlich genug hervor: "Du sollst lieben Gott, deinen HERRn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst." (Mark. 12,30.31).
Dies bestätigt unser HERR Christus; und indem er sein "Ja" zum Gesetz wiederholt, reinigt er es von allen menschlichen Zutaten, von allem Mißbrauch. Denn die jüdischen Gelehrten hatten mit ihren Satzungen das Gesetz Gottes verdunkelt, seinen tiefen Sinn verwischt, die Wahrheit vernebelt - und damit im Grunde genommen außer Kraft gesetzt. Sie hatten das Gesetz "veräußerlicht". Sie hingen am äußeren Buchstaben und hatten das rechte Verständnis vergessen und verloren. Die Folge war das Bemühen, Gottes Gesetz nur noch in Äußerlichkeiten zu beachten. Das Herz blieb oft unbeteiligt, wie Jesus spricht: "Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, ... ihr laßt dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben... von außen scheint ihr vor den Menschen ihr, aber innerlich seid ihr voller Heuchelei und Untugend." (Matth. 23,23.28).
Jesus aber gibt dem Gesetz die nötige Ehre und fällt über die Schriftgelehrten und Pharisäer, die es verfälschten und mit Füßen traten, ein strenges Urteil. Die Belehrung galt besonders seinen Jüngern, die an ihn glaubten. Sie hatten ja eben durch das Gesetz erkannt, daß sie die darin geforderte Gerechtigkeit nicht erfüllen konnten, und daß sie den Heiland und seine Vergebung dringend brauchten. Er redet mit ihnen freundlich, zeigt, wo es bei ihnen noch fehlt und mangelt. Es ist Liebe, Freundschaft und Wohltat, die der HERR seinen Jüngern hier erweist. Denn er zeigt ihnen durch das Gesetz ihre Gebrechen und ist als ihr Heiland bereit, ihre Gebrechen zu heilen. Er weist ihnen den Weg, den sie gehen sollen, den ebenen und lichten Weg in der Furcht und Liebe zu Gott dem HERRn. So macht er ihnen Lust, den Willen des Vaters im Himmel zu tun.
Er führt auch uns zum rechten Verstehen des Gesetzes:
1. Daß wir im Glauben an den HERRn unsere Herzen vom Willen Gottes erfüllen lassen, und
2. uns täglich im Gehorsam üben. [1. Daß wir im Glauben an den HERRn unsere Herzen vom Willen Gottes erfüllen lassen.]
Jesus beginnt seine Ermahnung mit den Worten: "Ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." Die Pharisäer und Schriftgelehrten sahen bei der Erfüllung des Gesetzes nur auf den äußeren Schein. Sie meinten: Ich habe niemanden getötet, bestohlen, betrogen. Ich gebe den Zehnten von allem, was ich habe, verschenke Almosen für die Armen. Was fehlt mir noch? So lehrten sie auch die Leute. Denken nicht auch in unserer Zeit die meisten so? Sie meinen, wenn sie grobe Sünden meiden, einen äußerlich ordentlichen Lebenswandel führen, hin und wieder etwas spenden, dann sei der in den Geboten geforderten Gerechtigkeit Genüge geleistet.
Auch die gläubigen Christen irren hier zuweilen von der Wahrheit ab und hängen oft zu sehr am äußeren Wesen. Jesus lenkt die Aufmerksamkeit vom äußerlichen Schein auf das innere Wesen des göttlichen Gesetzes. Er zeigt, wie die Forderungen im Gesetz vor allem Herz und Gesinnung des Menschen betreffen - wie also Herz, Mund und Tat zusammenstimmen müssen. Dies erklärt er an einzelnen Geboten. Mitten in das tägliche Leben führt er uns, in den Umgang der Menschen untereinander und erinnert an das 5.Gebot: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! [d.h. du Taugenichts], der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! [Sinn: gottlos, des Hasses wert], der ist des höllischen Feuers schuldig."
Nach der Auslegung der Pharisäer ist jeder unschuldig, wenn er sich von Mord, Totschlag und Blutvergießen reingehalten hat. Doch Christus packt das Übel an der Wurzel: Zorn, Zank, Haß, Feindseligkeit, ja auch die kleinste Bitterkeit im Herzen gegenüber dem Nächsten ist vor Gott schon Mord und Totschlag! Dagegen Liebe, Güte und aufrichtiges Wohlwollen ist des Gesetzes Erfüllung. Diese liebende Herzensgesinnung muß nach Jesu Worten auch äußerlich in Erscheinung treten. Denn Jesus straft jeden Ausbruch von Zorn, Gehässigkeit und Spott. Er betont, daß nicht nur der, der dem Nächsten Gewalt antut das göttliche Gesetz übertrete, sondern auch der, der auch nur mit einem Wort seinem Bruder weh tut, ihm Leid zufügt. Wer in seinem Herzen freundlich und gütig gegen seinen Nächsten eingestellt ist, freundlich mit ihm redet, der trifft den Sinn des Gebotes. Freilich soll die Nächstenliebe sich in der tat und Wahrheit lebendig erweisen.
Da genügt es nicht, daß man dem Nächsten hier und da einmal einen Gefallen erweise. Die Forderung des fünften Gebotes geht vielmehr dahin, daß wir dem Frieden nachjagen, Freundschaft erweisen, jeden Zwist meiden und, wenn etwas Verdrießliches vorgefallen ist, die Sache sofort zu bereinigen suchen. Wir sollen und gegen unseren Widersacher versöhnlich verhalten, gern um Verzeihung bitten und schnell vergeben. Das sagt der HERR, das meint das Gesetz! Auch am 6.Gebot weist Jesus den geistlichen Sinn und Verstand des Gesetzes nach: "Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen."
Ein Pharisäer denkt, er sei rein, wenn er sich nicht durch grobe Unzucht wie homosexuelle Handlungen und jeden vor- und außerehelichen Verkehr befleckt habe. Doch Jesus führt zum tieferen geistlichen Verständnis, indem er auf die Lust der Augen, ja auf das verborgene Begehren im Herzen weist. Dies ist "versteckter" Ehebruch, der noch lange nicht zur Tat geworden ist - und vielleicht nie zur Tat wird, aber vor Gott eben solche Schuld darstellt. Die von Gott geschenkt sexuelle Vereinigung von Mann und Frau hat ihre alleinige Berechtigung in der Ehe; alles andere ist Unzucht, Unreinigkeit und Ehebruch - auch das fleischliche, egoistische Begehren im Herzen. Dagegen wer sich selber, wer sein Herz keusch hält und zuchtvoll lebt, der hat den Sinn des Gebotes erkannt. So erklärt Jesus den tiefen geistlichen Sinn des göttlichen Gesetzes. Später spricht er noch von Ehescheidung, von Feindesliebe, vom Schwören, vom Almosengeben u.s.w. Er schließt diesen Teil seiner Predigt ab mit den Worten: "Darum sollt ihr vollkommen sein, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist." (Matth. 5,48).
Wie Gott in seiner Liebe und Güte, in seinem Segnen keinen Unterschied macht zwischen Gerechten und Ungerechten, zwischen Guten und Bösen, so soll sich auch unsere Liebe, unser Geben, unsere Barmherzigkeit nach allen Seiten hin erstrecken. Es ist Gottes Wille, daß wir nichts von all dem, was er fordert zurückhalten, nichts außer acht lassen, was er uns aufgetragen hat, jedem geben, was ihm zusteht - vor allem Gott geben, was Gottes ist. So schreibt auch der Apostel Paulus an die Römer: "Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille." (Röm. 12,1.2). So legt unser HERR Christus in der Bergpredigt das Gesetz Gottes des Vaters aus. Er ruft uns damit gleichsam zu:
2. Er führt auch uns zum rechten Verstehen des Gesetzes, daß wir uns täglich im Gehorsam üben.
"Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde." (Röm. 3,20). Wir sollen bei Jesu Predigt sehen lernen, wo es bei uns noch nicht so ist, wie es sein sollte - auch damit wir uns im Gehorsam gegenüber Gottes Willen üben. Jesus bleibt, auch wenn er dem Gesetz, das durch Mose gegeben ist, solche Ehre gibt und es gleichsam verklärt, dennoch der Heiland der Sünder. Ja, er tritt uns, wenn wir uns im Licht seiner Gesetzespredigt sehen, als der Retter von Sünde und Verdammnis erst so recht hervor. Christus will mit seinem Lehren nicht verderben und verdammen. Lehrt er doch hier seine Jünger und Gläubigen, die bei ihm schon Vergebung ihrer Sünden gefunden haben. Er erinnert sie an ihre Schwachheit und Gebrechlichkeit, die ihnen noch so anhängt und sie nicht zu vollkommener Heiligung kommen läßt.
Das ist ein Freundschaftsdienst, den der HERR auch uns erweist! Wenn nämlich ein gläubiger Christ stets an seine Sünde und Unvollkommenheit erinnert wird - und wenn er sich erinnern läßt, so behält er auch Jesus, seinen Heiland, den Sünderheiland vor Augen. Wir glauben an Jesus, und wir haben durch den Glauben den Heiligen Geist empfangen, der unserer Schwachheit aufhilft und uns das Gesetz beachten und befolgen läßt. Sooft wir aber nach dem geistlichen Sinn, nach dem tiefen Wesen der Gebote unseren Lebenswandel prüfen, so erkennen wir, an wie vielem es uns noch fehlt, wie unvollkommen unser Gehorsam doch noch ist. Wir lieben die Brüder, aber wir hören auch Jesu Worte von der Feindesliebe, und daß wir dem Bruder, der an uns gesündigt hat, gern vergeben sollen, und wenn wir jemandem weh getan, ihn beleidigt haben, Abbitte tun und wieder gutmachen sollen, so wie es uns möglich ist. Das fällt uns oft so schwer. Wie schnell straucheln wir mit unseren Lippen und reden ein Wort, das den Nächsten tief verwundet und schmerzt. Und in unseren Herzen regen sich böse Begierden und bittere Gedanken! Wir können mit unserem Denken, Reden und Tun nicht bestehen!
Ja, gerade deswegen, weil wir so viele Gebrechen und Schwächen an uns erkennen, bleiben wir bei unserem Heiland. Wir wollen aber mit Paulus sprechen: "Nicht daß ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin." (Phil. 3,12).
Ja, wir sind von Jesus Christus ergriffen, bei der Hand genommen und schon herausgeführt aus dem Schlund des Verderbens! "Der HERR... riß mich heraus, denn er hatte Lust zu mir." (Ps. 18,20). Darum wollen wir nach seinem Wort leben, uns im Gehorsam üben und ihm nachfolgen! Von uns soll es auch heißen: "Wohl dem, der den HERRn fürchtet, der große Lust hat zu seinen Geboten!" (Ps. 112,1). So wollen wir, liebe Gemeinde, täglich Herz, Seele und Gemüt unserem Gott ergeben, IHM immer von neuem Treue und Gehorsam zusagen. Unser Herz sei täglich in der Furcht des HERRn! Gottes Güte und Liebe regiere uns! Mit allem Fleiß wollen wir unser Herz bewahren! Böse fleischliche Sehnsüchte, bittere gehässige Gedanken, wollen wir von uns weisen! Wir wollen meiden, von uns weisen und fliehen, was unserem Heiland widerstrebt! Der HERR helfe uns dazu und gebe uns seinen Geist und seine Gnade, damit wir -auch wenn uns der alte Mensch lähmt und hindert- doch unserem Gott dienen und gerne tun nach seinen Geboten!
Was wir aber an uns und in uns als Schuld und Sünde erkannt haben, das wollen wir ihm zu Füßen legen und sprechen: Erbarm dich mein in solcher Last, nimm sie aus meinem Herzen, dieweil du sie gebüßet hast am Holz mit Todesschmerzen, auf daß ich nicht vor großem Weh in meinen Sünden untergeh und ewiglich verzage.... O Herr, vergib, vergib mirs doch um deines Namens willen; du wollst abtun das schwere Joch, der Sünden Jammer stillen, daß sich mein Herz zufrieden geb und dir hinfort zu Ehren leb mit kindlichem Gehorsam. (LKG 217) Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser