Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis
Lied nach der Predigt: Lutherisches Kirchengesangbuch (LKG) Nr. 224
Kollektengebet: HERR, Gott, himmlischer Vater, wir bitten deine grundlose Barmherzigkeit, daß du in uns den rechten Glauben gnädig erhalten mögest, in welchem wir vor dir bestehen, gerecht und selig werden, durch Jesum Christum, unseren HERRn. Amen.
Und die Kinder Israel kamen mit der ganzen Gemeine in die Wüste Zin im ersten Monden, und das Volk lag zu Kades. Und Mirjam starb daselbst und ward daselbst begraben. Und die Gemeine hatte kein Wasser, und versammelten sich wider Mose und Aaron. Und das Volk haderte mit Mose und sprachen: Ach, daß wir umkommen wären, da unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! Warum habt ihr die Gemeine des HERRN in diese Wüste gebracht, daß wir hie sterben mit unserm Vieh? Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, da man nicht säen kann, da weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind, und ist dazu kein Wasser zu trinken?
Mose und Aaron gingen von der Gemeine zur Tür der Hütte des Stifts und fielen auf ihr Angesicht; und die Herrlichkeit des Herrn erschien ihnen. Und der HERR redete mit Mose und sprach: Nimm den Stab und versammle die Gemeine, du und dein Bruder Aaron, und redet mit dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. Also sollst du ihnen Wasser aus dem Felsen bringen und die Gemeine tränken und ihr Vieh.
Da nahm Mose den Stab vor dem HERRN, wie er ihm geboten hatte. Und Mose und Aaron versammelten die Gemeine vor dem Felsen und sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch auch Wasser bringen aus diesem Felsen?
Und Mose hub seine Hand auf und schlug den Felsen mit dem Stabe zweimal. Da ging viel Wassers heraus, daß die Gemeine trank und ihr Vieh.
Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: Darum daß ihr nicht an mich geglaubet habt, daß ihr mich heiligtet vor den Kindern Israel, sollt ihr diese Gemeine nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde. Das ist das Haderwasser, darüber die Kinder Israel mit dem HERRN haderten, und er geheiliget ward an ihnen. (4.Mose 20,1-13)
Im Namen des HERRn Christus, liebe Gemeinde!
In unserer heutigen Epistellesung hatten wir die Warnung Gottes vor fleischlicher Sicherheit vernommen, wo es hieß: "Murret auch nicht, gleichwie jener etliche murreten und wurden umgebracht durch den Verderber. Solches alles widerfuhr ihnen zum Vorbilde; es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf welche das Ende der Welt kommen ist. Darum wer, sich lässet dünken, er stehe, mag wohl, zusehen, daß er nicht falle" (1.Kor. 10,10-12).
An der Geschichte des alten Gottesvolkes sollen wir lernen, denn "es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf welche das Ende der Welt kommen ist". Wie Israel damals aus der ägyptischen Sklaverei in das von Gott verheißene Land Kanaan wanderte, so wandern auch wir. Im Glauben an den Heiland sind wir erlöst aus der Sklaverei des Teufels und der Sünde und sind auf dem Weg in das himmlische Kanaan, in Gottes ewiges Himmelreich.
Ging es Israel gut, lobten und priesen sie Gott den HERRn; kamen dann Zeiten der Entbehrung und Not, murrten sie gegen Mose und haderten mit Gott. Der Teufel versucht uns auf eben dieselbe Weise und will, daß wir gegen Gott aufbegehren und ihm mißtrauen, ihn anklagen. Darum sollen wir uns warnen lassen. Wir finden das Volk Israel in der Wüste Zin bei Kadesch; vierzig Jahre Wüstenwanderung lagen hinter ihnen, das Strafgericht Gottes.
Damals, vierzig Jahre zuvor, hatte Gott gesagt: "Wie lange murret diese böse Gemeine wider mich? Denn ich habe das Murren der Kinder Israel, das, sie wider mich gemurret haben, gehöret... So wahr ich lebe, spricht der HERR, ich will euch tun, wie ihr vor meinen Ohren gesagt habt. Eure Leiber sollen in dieser Wüste verfallen; und alle, die ihr gezählet seid von zwanzig Jahren und drüber, die ihr wider mich gemurret habt, sollt nicht in das Land kommen... Nach der Zahl der vierzig Tage, darin ihr das Land erkundet habet, je ein Tag soll ein Jahr gelten, daß sie vierzig Jahre eure Missetat tragen, daß ihr inne werdet, was es sei, wenn ich die Hand abziehe" (4.Mose 14,27-30.34).
Inzwischen hatte Gott sein Strafgericht an Israel vollzogen: Die Generation, die der Herr aus Ägypten geführt hatte, war in der Wüste umgekommen. Nun hören wir als erstes von einer erneuten Versündigung, wie sie sich nämlich gegen den Herrn ihren Gott auflehnten: Sie haderten mit Gott wegen des Wassers. Gottes Wort ruft uns zu: "Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben" (Röm. 15,4). Der Bericht, wie Mose ihn getrieben vom Heiligen Geist aufgezeichnet hat, dient uns zur Warnung und zur Lehre; darum hört von...
Israel am Haderwasser
1. Gottes Verhalten gegenüber dem murrenden Volk.
2. Gottes Verhalten gegenüber Mose und Aaron.
1. Das Volk murrt. Wie verhält sich Gott der HERR?
"Und die Gemeinde hattet kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach, daß wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem Herrn! Warum habt ihr die Gemeinde des Herrn in diese Wüste gebracht, daß wir hier sterben mit unserem Vieh? Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?" (Verse 2-5).
Wer hatte ihre Vorfahren aus Ägypten geführt? War es nicht der heilige Gott, der einst zu Mose sprach: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Ich bin herniedergefahren, daß ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land..." (2.Mose 3,7.8). Aus dem Elend der Knechtschaft hatte der gnädige Gott sie geführt. In seiner Güte hatte er sie geleitet, geschützt, versorgt. Nun haderten sie wie ihre Väter. Ihr Murren richtete sich eigentlich nicht gegen Mose, sondern gegen Gott selbst, denn auf seinen Befehl hin hatte Mose gehandelt. Wie getrost hätte Israel sich auf Gott verlassen können!
Hatte Gott nicht seine Gnade erwiesen und ihnen durch manches Wunder geholfen - trotz ihrer Sünde? Nun aber war Not gekommen und von dieser Not ließen sie sich überwältigen, zum Mißtrauen, ob Gott, der sie bis hierher geführt hatte, überhaupt noch für sie sorge; zum Murren über seine Führung, denn sie vergaßen, daß sie noch nicht in Kanaan waren, weil ihre Väter sich auch gegen den Herrn aufgelehnt hatten. Das waren schwere Sünden!
Wie oft ähneln wir doch in dieser Hinsicht dem Volk Israel! Wie oft mangelt es uns am Vertrauen zu Gott! Geht es uns, irdisch gesehen, gut, ist es leicht zu sagen, daß man all sein Vertrauen auf Gott setze. Kommen dann Tage, von denen wir sagen: "Sie gefallen uns nicht!", wie schnell fällt aller Mut hin, wie schnell verzagen wir - besonders dann, wenn die Not länger anhält und wir keine Mittel und Wege mehr sehen. Daran wird sehr deutlich, wie schwer es uns fällt, unserem Herrn und Gott wirklich von Herzen zu vertrauen und zu glauben, daß er durch viel oder wenig helfen kann. Ganz heimlich beginnt das Murren in den Herzen; wir lehnen uns innerlich dagegen auf, wie Gott uns führt. Es dauert nicht lange und dieses Murren bricht heraus in Worten, in Klagen und Anschuldigungen gegen Gott. Auch wir vergessen schnell, daß alle Not von der Sünde herkommt, von der allgemeinen Sünde unserer ersten Vorfahren, deren Blut auch in uns fließt: von Adam und Eva. Doch wie verhält sich Gott gegen das murrende Volk?
Wir hören: "Da gingen Mose und Aaron von der Gemeinde hinweg zur Tür der Stiftshütte und fielen auf ihr Angesicht, und die Herrlichkeit des Herrn erschien ihnen..." (Vers 6).
Als Mose und Aaron die Sache Gott vorgelegt hatten, erwies sich der Herr an seinem Volk als der Heilige. Er befahl, Mose solle mit dem Felsen reden, dann wolle Gott aus dem Fels Wasser geben. Gott erbarmt sich über sein Volk. Hier erweist sich klar das Wort: "HERR, HERR Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue..." (2.Mose 34,6).
Hätte Gott sie nicht um ihres Murrens willen aufgeben und verdursten lassen können? Nein, er hatte zugesagt, sein Volk nach Kanaan zu bringen; seine Verheißung läßt er nicht fallen! Doch er muß die Seinen erziehen, auch mitunter hart strafen, damit sie sich nicht dem Teufel ergeben und von Gott abfallen. "Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung und läßt niemand ungestraft..." (4.Mose 14,18). Gott hat sich nicht geändert. Er ist auch heute noch der gütige, barmherzige Vater über uns, seine Kinder. Er hat Mitleid mit unserer Schwachheit, aber er muß uns auch mitunter hart anfassen und um unserer Neigung zur Sünde willen erziehen. So gilt eben auch für uns, die wir zum neutestamentlichen Gottesvolk gehören: "Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung und läßt niemand ungestraft..." (4.Mose 14,18).
Er verzeiht in seiner Gnade, wenn wir in Stunden der Anfechtung und Not fast verzagen, wenn wir uns nur an den Heiland halten! Daß wir nur unsere Not vor ihn bringen, ihm unser Herz ausschütten und bei ihm allein Hilfe suchen - wie Mose tat. Zu seiner Zeit und wie es ihm gefällt, werden wir dann auch seine Hilfe erfahren. Zur rechten Zeit wehrt er die Not ab, reißt uns aus aller Trübsal - und wäre es durch einen seligen Tod. Halten wir uns nur an den Herrn, so wird auch uns seine Herrlichkeit erscheinen, die Herrlichkeit seines Erbarmens und seiner Hilfe!
2. Wie verhält sich Gott gegen Mose und Aaron?
Auch diese beiden Gottesdiener hatten sich an ihrem Herrn versündigt. Doch worin bestand ihre Schuld? Gott selbst spricht: "Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Israeliten, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde." (Vers 12).
Auch ihr Glaube war schwach geworden. Mose zweifelte, ob Gott diesem abtrünnigen Volk noch Gnade erweisen würde. Ohne Hinweis auf Gottes barmherziges Wesen wirft er ihnen im Zorn ihren Ungehorsam vor. Er war, wie wir aus Gottes Antwort erfahren, in diesen Augenblicken vom Unglauben geleitet. Er zweifelte also an Gottes Güte und Erbarmen! Das ist eine schwere Sünde, die nicht selten auch über uns Macht ergreifen möchte!
Da sehen wir unser Leben, schwere Schuld tritt vor unsere Augen, unsere Herzen verkrampfen sich bei dem Gedanken an Gottes Gericht. Wir kennen Gottes Wort, wie z.B. dieses: "Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit... und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde" (1.Joh. 1,9.7). Doch dann kann es dazu kommen, daß wir solchen Zusagen Gottes mißtrauen, daß wir meinen, sie können wohl allen anderen Sündern gelten, nur uns persönlich nicht. Dann hören und vertrauen wir mehr dem Teufel, der uns -wie den Kain- dazu verführen will, daß wir sprechen: "Meine Sünde ist größer, denn daß sie mir vergeben werden möge" (1.Mose 4,13). An Mose sehen wir, wie auch ein vordem starker Glaubensheld tief fallen kann. Er sprach seine Zweifel sogar vor dem Volk aus. In seiner Ungeduld schlug er zweimal mit dem Stab an den Felsen, obwohl Gott ihm ausdrücklich gesagt hatte, er solle mit dem Felsen reden.
Er ließ sich zum Hochmut verführen, indem er sprach: "Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?" (Vers 10). Mose war ein Mann nach Gottes Herzen und hatte festgestanden, auch in schweren Zeiten. Er war der Mittler zwischen Volk und Gott. Doch auch starke Gottesmänner sind in sich selbst schwach. Auch sie haben ihren Heiland nötig, seine Vergebung, seinen Frieden. Das soll uns zum Trost, aber auch zur ernsten Warnung dienen. Im Blick auf Israels Murren ermahnt Gott uns durch den Apostel Paulus: "Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber. Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist. Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, daß er nicht falle" (1.Kor. 10,10-12).
Gott kündigte Mose und Aaron das Urteil an: "Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Israeliten, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde" (Vers 12). Verstoßen wurden sie nicht, aber sie mußten irdische Folgen ihres Ungehorsams tragen, wie auch David den Tod seines Knaben, der im Ehebruch gezeugt war (2.Sam. 12,13.14). Sie hatten gesündigt aus Schwachheit und Übereilung, darum sollten sie selbst nicht in das gelobte Land Kanaan kommen. Sie sollten ihren Dienst nicht zum Ende bringen, nicht teilhaben dürfen am Jubel der Israeliten. So heiligte sich Gott auch an Mose und Aaron, d.h. er zeigte sich ihnen als der heilige, allmächtige und gerechte Gott, der auch an seinen Kindern Ungehorsam nicht gutheißen kann.
Vielleicht halten wir diese Strafe für zu schwer? Hatte Gott nicht viel nachsichtiger mit dem übrigen Volk gehandelt? Doch: "Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken" (Ps. 145,17). Wir sollen aber nicht vergessen: "Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern" (Luk. 12,48). Gott nimmt es genauer mit dem Menschen, dem er besonders viel Gnade erwiesen, dem er zu reicher Erkenntnis verholfen hat. Hat Gott uns nicht sehr viel anvertraut? Hat er uns nicht sein reines Wort gegeben und erhalten? Wird er uns dann nicht um so mehr strafen, wenn wir es verachten? Wird er uns dann nicht zur Rechenschaft ziehen, wenn wir mit diesen anvertrauten Pfunden nicht gewuchert, sondern sie ausschließlich vergraben und verwahrt haben? Wie wird Gott an uns handeln, wenn wir gegen die reiche Erkenntnis sündigen, die er uns durch die Verkündigung seines Wortes gibt?
Er möge sich über uns erbarmen und Gnade vor Recht ergehen lassen. Darum wollen wir in uns gehen und unserem Gott Besserung geloben! Wir wollen uns künftig noch fleißiger vor neuen Sünden hüten! Wir wollen unserem Herrn treuer dienen!
Wir wollen uns vor seinem Angesicht demütigen, uns vor ihm schuldig bekennen und um sein Erbarmen flehen, denn er ruft uns zu: "O daß du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen... Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!... Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken... Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Jes. 48,18; 44,22; Joh. 11,2; 6,37). Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser