Predigt am Epiphaniasfest

Predigttext: Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird - und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuėls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Lukas 2,33-38

 

Siebenhundert Jahre vor Christi Geburt weissagte der Prophet Jesaja: "Heiligt den HERRN Zebaoth. Den laßt eure Furcht und Schrecken sein, so wird er eine Heiligung sein, aber ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses... zum Strick und Fall den Bürgern zu Jerusalem, daß ihrer viel sich daran stoßen, fallen, zerbrechen, verstrickt und gefangen werden" (Jes. 8,13-15).

Erfüllt vom Heiligen Geist stimmt Simeon in diese Prophetenworte ein und weist auf das kleine Jesuskind: "Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird..." (Vers 34).

Gott selbst legt einen kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden. "Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben" (1.Petr. 2,6f).

Simeon weissagt durch den Heiligen Geist ernste Worte:

1. Jesus Christus ist der Stein, an dem viele durch eigene Schuld zerschellen und
2. Jesus Christus ist der Fels, an dem viele
durch Gottes Gnade sich aufrichten und errettet werden.

1. Jesus Christus ist der Stein, an dem viele durch eigene Schuld zerschellen und

  • Nach dem Gesetz, das Gott durch Mose gegeben hatte, mußte die Mutter einen Monat nach der Geburt eines erstgeborenen Jungen ihr Kind im Tempel "darstellen", d.h. Gott dem Herrn weihen.

    Wenn das Kind nicht sein ganzes Leben lang am Tempel dienen sollte, wurde es "ausgelöst" durch ein Opfer - meist ein einjähriges Lamm.

    Wer das Geld dafür nicht aufbringen konnte, opferte 2 Tauben.

    Durch dieses Opfer war der Erstgeborene von seinen besonderen Pflichten entbunden (vgl. Luk. 2,22-24).

  • So kamen Maria, Joseph und das Christuskind in den Tempel und trafen Simeon und auch Hanna.

    "Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: : Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird..."

    Der alte Mann "segnete" sie, d.h. "wünschte Glück und Heil von Gott, Ehre und alles Gute".

    Die Bibel sagt: "Das Geringere wird vom Höheren gesegnet" (Hebr 7,7) - wieso segnet dann Simeon den menschgewordenen Gott?

    Nun, dies wird uns von Gottes Wort erklärt: "Christus entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden, er erniedrigte sich selbst..." (Phil. 2,7f.).

    So hat sich in seiner Erniedrigung der wahre Gott als ein unmündiges Kind von einem alten Mann, einem elenden Sünder, segnen lassen.

    "Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet" (2.Kor 8,9).

    Aber eben genau dies, daß Gott sich so tief erniedrigt hat, daß er seinem menschlichen Auftreten nach arm, elend und schwach geworden ist, das ist es, was viele an ihm ärgert.

    Gerade deswegen erscheint Christus auch heute vielen lächerlich und sein Evangelium als eine törichte Botschaft.

    Erinnern wir uns noch einmal an die Weissagung des Propheten Jesaja: "Heiligt den HERRN Zebaoth. Den laßt eure Furcht und Schrecken sein, so wird er eine Heiligung sein, aber ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses ..." (Jes. 8,13f).

    Als der HERR Christus auftrat, sich durch Zeichen und Wunder als der verheißene Messias erwies, als er predigte und darin Gottes Gnade anbot für alle, die an ihn als ihren Heiland glauben, da verwarf ihn die große Masse des Volkes.

    Wie nun die meisten in Israel damals den Heiland der Sünder von sich stießen, weil er ihnen lächerlich war, so stoßen sich auch heute die meisten Menschen an ihm und seinem Wort.

    Es ist gerade so, wie der Apostel Paulus es bezeugt: "Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, die daran glauben; denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit" (1.Kor. 1,21-23).

    Auch heute fragen die Menschen nicht nach Gnade, sondern ihnen wäre es am liebsten, wenn Gottes Wort schwere Forderungen, schmerzlich Opfer, hartes Fasten und leidvolle Entbehrungen abverlangen würde.

    Der gekreuzigte Christus ist ihnen eine Torheit, wie auch dem Volk Israel, von dem der Apostel schreibt: "Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden" (Röm. 9,31-33).

    Christus, der um unserer Sünden willen dahingegeben ist und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt, ist für viele Menschen ein Stein des Anstoßes, ein Fels des Ärgernisses.

    Und weil sie eben diesen einen Heiland, diesen einen von Gott gesetzten und gegebenen Retter verachten und von sich stoßen, fallen sie und zerbrechen an ihm.

    Denn je öfter Gottes Wort zu ihnen kommt, je mehr durch das Evangelium der Heilige Geist an ihren Herzen arbeiten will zu ihrem Heil, um sie zu bekehren und selig zu machen, und das eben vergeblich, umso tiefer ist ihr Fall, ihre künftige Verdammnis.

    Warum? Christus ist nicht allein arm und elend und ein Mensch geworden, um für unsere Sünden zu leiden und zu sterben und um als Sieger am dritten Tage aufzuerstehen, sondern er wird wiederkommen, zu richten die Lebendigen und die Toten; sie sind in seiner Hand!

    Solange noch Gnadenzeit ist, streckt sich diese Hand nach ihnen aus; dann aber, im Jüngsten Gericht, wird diese Hand sie in die Hölle stoßen.

    Der Heiland der Sünder, den sie verachten und verwerfen, wird ihr Richter sein; daran werden sie zerbrechen, denn außer ihm gibt es keine Rettung, wie er selbst spricht: "Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm" (Joh. 3,36).

    Das bedeuten die Worte Simeons: "Siehe, dieser wird gesetzt zum einem Fall... vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird".

    Jesus Christus ist der Stein, an dem viele durch eigene Schuld zerschellen, aber andere freuen sich an ihm, stehen an ihm auf.

    Es sind die, die sich vor dem Zorngericht Gottes fürchten, weil sie sich als elende Sünder erkannt haben, die vor dem heiligen Gott nicht bestehen können - es sei denn, er läßt Gnade vor Recht ergehen.

    2. Jesus Christus ist der Fels, an dem sich viele durch Gottes Gnade aufrichten und errettet werden.

    Von einem solchen Menschen steht etwas in unserem heutigen Evangelium: "Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuels, vom Geschlecht Asser; die war wohl betagt und hatte gelebt sieben Jahre mit ihrem Manne nach ihrer Jungfrauschaft und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht: Dieselbige trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries den HERRN und redete von ihm zu allen, die da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten" (Verse 36-38).

    Lange Zeit war die Stimme der Weissagung in Israel verstummt, aber um Christi Geburt ließ sie sich wieder hören: Zacharias, Johannes der Täufer, Simeon und Hanna weissagten, erfüllt vom Geist Gottes.

    Hanna gehörte wohl auch mehr zu den Stillen im Lande, die immer nur wenigen bekannt und nur von wenigen beachtet sind.

    Aber mit den Worten "Hanna, eine Tochter Phanuels, vom Geschlecht Asser" zeigt er, daß die Namen seiner Heiligen dem HERRn bekannt sind, auch wenn sie in der Welt kaum jemand achtet, wie er uns predigen läßt: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jes. 43,1).

    Hanna hatte früh schon ihren Mann verloren, denn nach nur siebenjähriger Ehe war sie eine Witwe geworden und allein geblieben.

    Sie war eine rechte Witwe nach Gottes Wort: "Das ist aber eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott setzt und bleibt am Gebet und Flehen Tag und Nacht" (1.Tim. 5,5).

    Hanna war alt und einsam geworden, wohl täglich kam sie zum Tempel zu den täglichen Opfern und Gottesdiensten.

    Sie gehörte nicht zu den Witwen, die "faul sind und lernen, von Haus zu Haus zu laufen; und nicht nur faul sind sie, sondern auch geschwätzig und vorwitzig und reden, was nicht sein soll" (1.Tim 5,13), wie der Apostel schreibt.

    Nein, Hanna diente dem HERRn mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

    Wie viele Menschen in ihrem Alter konnte sie sonst nicht mehr viel tun, ihre Kräfte hatten abgenommen und sich wohl auch manches körperliche Leiden eingestellt.

    Sie erkannte jedoch im Glauben ihre jetzige, ihre Hauptaufgabe: Beten.

    Denn so werden wir ja alle von Gottes Apostel angesprochen: "So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen" (1.Tim. 2,1).

    Sie betete und hielt die den Juden von Gott gebotenen Fastenzeiten ein.

    In ihrem Glauben wird sie besonders darum gefleht haben, daß Gott seine Verheißungen bald erfüllen und den Heiland senden möge.

    So hatte Hanna ihre Lust und Freude an Gott und seinem Wort und wartete mit anderen gläubigen Menschen "auf die Erlösung", nämlich auf den Erlöser und Heiland.

    Diese alte Frau ist ein herrliches Beispiel eines Menschen, der im lebendigen Glauben an Christus steht, in diesem Glauben Stärke empfängt, die Sünde zu meiden und in diesem Glauben reich zu sein an guten Werken.

    Dieselbe, nämlich eben diese 84jährige Witwe Hanna "trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries den HERRn und redete von ihm zu allen, die [wie sie] auf die Erlösung zu Jerusalem warteten".

    Sie sah nicht seine geringe Gestalt, nicht die Armut und Niedrigkeit Marias und Josephs; sie erkannte ihn im Glauben als Gott den HERRn, als den Erlöser und Heiland, denn "sie pries den HERRn und redete von ihm [nämlich von dem Jesuskind] zu allen, die auf die Erlösung... warteten".

    Wahre Christen sind immer auch zugleich Zeugen ihres HERRn, denn sie "verkündigen die Tugenden dessen, der sie berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht" (1.Petr. 2,9).

    Ihr Mund geht über, wovon ihr Herz erfüllt ist (Luk. 6,45) und sie sprechen mit dem Apostel: "Wir können’s ja nicht lassen von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben" (Apg. 4,20).

    Hanna also verkündigte den HERRn Christus; sie konnte nicht anders als immerzu zu bekennen: Christ, der Retter ist da!

    Das rief sie denen zu, die -wie sie- "auf die Erlösung zu Jerusalem warteten".

    Es gab also zur Zeit der Geburt Christi ein Häuflein derjenigen, die von Herzen im Glauben auf die Menschwerdung Gottes warteten.

    Im jüdischen Volk gab es also noch Herzensgläubige, obwohl die meisten Menschen nur noch äußerlich Gottes Gesetz erfüllten, in irdischem Sinn und kaltem Herzen die vorgeschriebenen Opfer brachten und in Selbstgerechtigkeit Gottesdienst feierten, aber kaum noch an den Messias dachten.

    Inmitten derjenigen, denen ein "Heiland der armen elenden Sünder" lächerlich war, die den gekreuzigten Retter verspotteten, lebten Gläubige, die sich an IHM, dem Felsen im Glauben aufrichteten.

    Sie erkannten durch Gottes Wort im Glauben IHN als den, der sie von allen ihren Sünden, von der Macht des Teufels und vor der ewigen Verdammnis erretten und ewig selig macht – und der sie an ihrem Ende auferstehen läßt in die ewige Herrlichkeit.

    So erfüllte sich die Weissagung des alten Simeon (und sie erfüllt sich noch heute fort und fort): : "Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird...". Amen.


    Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser