Erntedank
„Vater unser im Himmel…“ – so lehrt Jesus uns beten.
Mit „Vater“ sollen wir den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde ansprechen.
Gott
will uns damit locken , dass wir glauben
sollen,
er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir
getrost und
mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie die lieben Kinder ihren
lieben
Vater.
Als von Gott geliebte Kinder sollen wir im rechten Vertrauen zu Jesus Christus bitten: “Unser Vater im Himmel... unser täglich Brot gib uns heute!”
„Tägliches Brot” und Erntedank - der Zusammenhang zwischen Saat, Ernte, Viehhaltung und einem gefüllten Kühlschrank ist in unserer modernen Gesellschaft nicht auf den ersten Blick erkennbar.
Heute schauen die Leute an die Zapfsäulen nach dem Spritpreis, durchkämmen die Angebotszettel und denken: wenn die Ernte im eigenen Land schlecht ist, wird eben das Nötige importiert.
Wir
wollen uns erinnern lassen, was das denn
heißt: “Unser
Vater im Himmel... unser täglich Brot gib uns heute!”
(1) Worum bitten wir?
(2) Warum
bitten wir?
“Vater
unser im Himmel... unser tägliches
Brot gib uns
heute!”
1.
Worum bitten wir in diesem Gebet?
In
der Erklärung zu dieser Bitte lesen wir in
unserem
Katechismus: “Was heißt denn tägliches Brot?“
„Alles,
was not tut für Leib und Leben,
wie Essen,
Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme
Eheleute,
fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren , gute
Regierung,
gutes Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, treue
Nachbarn und
dergleichen.”
Viele Menschen meinen, um Geld und Gut könnten sie sich selbst kümmern, die Wahl des Ehepartners sei auch ihre Sache, aber z.B. auf Friede, Wetter oder auch auf die Regierung hätten sie keinen Einfluss.
Jesus Christus aber zeigt uns, wie wir sehr wohl auf solche Dinge wie Friede, Wetter oder die Obrigkeit Einfluss haben – indem wir nämlich beten.
Für die Vernunft scheint das eher lächerlich zu sein: Wie soll denn ein schlichtes Mütterchen die Weltpolitik oder gar das Wetter beeinflussen können?
Darum ist es zuerst wichtig, dass wir bedenken, zu wem Jesus uns beten lehrt, denn er spricht: “Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel!”
Der Apostel lehrt: “Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus” (Gal. 3,26).
Durch den Glauben an den Heiland und Erlöser sind Sünder und Feinde Gottes “Kinder Gottes” geworden, die ihren Vater im Himmel bitten dürfen - um alles und für alles.
An die Christen in Korinth schrieb Paulus: Einige von euch sind Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Diebe, Geizige, Säufer oder auch Gotteslästerer gewesen, “aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HERRn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes” (1.Kor. 6,9ff.).
“Kinder Gottes” können durch ihr Gebet die Welt bewegen, Friede bewahren, Unglück abwenden oder Obrigkeiten umstimmen.
Ein Gotteswort zeigt uns, dass Gott solche Bitten seiner Kinder um Abwendung des Unglücks erhören will, das Unglück aber kommen lässt, wenn keiner betet: „Das Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht. Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ich’s nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Treiben auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR“ (Hes. 22,29-31).
Darum denke daran: es ist etwas Großes und Weltbewegendes, wenn du das Vaterunser betest!
Damit
rührst du im Namen deines HERRn
Christus an das Herz
des himmlischen Vaters, von dem Christus sagt: “Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet
in meinen Namen, so wird er’s euch geben” (Joh.
16,23).
Und beim Apostel Johannes lesen wir: „Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und wenn wir wissen, daß er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben“ (1.Joh. 5,14.15).
Wenn Gott um unserer Gebete willen sogar großes Unglück von vielen Menschen abhalten will (wie wir bei Hesekiel gesehen hatten), so kann er auch den einzelnen Christen erhalten – mitten in der Not.
Er kann ernähren und bewahren in Hungersnot und Verfolgungszeit, wie er den Propheten Elia erhalten hat am Bach Krith (1.Kön. 7,4), wohin ihm die Raben auf Gottes Geheiß hin Brot und Fleisch brachten und wie den Propheten bei der Witwe in Zarpath (1.Kön. 17,10), wo Gott das Öl im Krug und das Mehl im Kasten nicht zu Neige gehen ließ.
Darum
sollen wir bedenken, wen Christus
das
Vaterunser zuerst gelehrt hat, denn es waren seine Jünger, die ihn
baten: “HERR, lehre uns beten” (Luk. 11,1), worauf Jesus ihnen
dieses Gebet gab.
Die Apostel hatten ihre Arbeitsstelle hinter sich gelassen, als Jesus sie berief: “Folge mir nach!” (z.B. Matth. 9,9), der Zöllner Matthäus sein Zollhäuschen, die Fischer Petrus und Andreas ihre Boote und Netze.
Er sprach: “Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege” (Luk. 9,58).
Eben diese Männer, die er in dieser Armut mit sich nahm, lehrte er das Vaterunser zu beten, wo es heißt: “Unser täglich Brot gib uns heute”.
So hat Christus durch die Apostel alle Christen dieses Gebet gelehrt.
Und
dieses herrliche Gebet sprachen auch die
Salzburger
Exulanten, die um 1730 um ihres Glaubens willen von einer Stunde auf
die andere
Haus und Hof verlassen und aus dem Land fliehen mussten: “Unser
täglich Brot
gib uns heute!”
Er
lehrt auch uns, wo wir auch sind, wie es uns
auch
ergehen mag, wie auch die Zeitverhältnisse sich ändern
mögen: “Vater
unser... unser täglich Brot gib uns heute!”
Es ist ein Gebet, das wir sprechen, wenn wir unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haben, wenn wir von der Arbeit ermüdet die Hände falten und alles Sorgen dem Vater im Himmel anheimstellen und ihn um allen Segen für unser Tun und Lassen bitten.
Uns hat Christus nicht wie die Jünger damals von unserer Arbeitsstelle wegberufen; vielmehr ermahnt er alle, wenn sie zum Glauben an ihn kommen, nicht etwa deswegen ihren Beruf zu verlassen: “Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist” (1.Kor.7,20).
So
beten viele Kinder Gottes auf der ganzen Welt: “Vater
unser... unser täglich Brot gib uns heute!” – und denken an
ihr Auskommen.
Jeder einzelne von ihnen schließt dabei verschiedene Dinge ein: Sie erbitten vom Vater im Himmel für sich immer das, was ihnen in ihrem Beruf und Stand vor allem nötig ist für Leib und Leben.
Der
Arzt d, der Gewerbetreibende, der Studierende,
der
Rechtsanwalt, der Lehrer, der Berufskraftfahrer oder der Arbeitslose –
alle
miteinander gebrauchen sie dieselben Worte, „unser täglich
Brot gib uns
heute“, und meinen doch verschiedenes,
was ihnen in ihrem Beruf und Stand dabei nötig ist für
Leib und Leben.
Der ältere Mensch denkt auch daran, dass Gott Türen und Herzen öffnet und Möglichkeiten gibt, wenn der Leib hinfällig oder pflegebedürftig wird.
Alleinstehende denken auch an gute Freunde, Liebe, Geborgenheit und offene Ohren für ihre Probleme.
Fragen wir also “Worum bitten wir?”, wenn wir unseren Vater im Himmel um das täglich Nötige anrufen, dann können die Antworten sehr wohl verschieden ausfallen – und alle erbitten von Gott das tägliche Brot.
2.
Warum aber bitten wir: “Unser
täglich Brot gib
uns heute”?
Wir bitten: “Unser täglich Brot gib uns heute”, weil Jesus uns dieses Anliegen beten lehrt und weil wir es benötigen.
Ist das nicht ein großer Trost für uns?
Indem Christus dies zu beten lehrt, „unser täglich Brot gib uns heute“, zeigt er uns: „Diese Bitte ist dem Vater im Himmel angenehm und schon erhöret; denn er selbst hat uns geboten, so zu beten und verheißen, dass er uns wolle erhören. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, es soll so geschehen“.
Damit
hilft uns der HERR Christus gegen die
sündigen
Sorgen, dass wir Gott nicht misstrauen, sondern auch, was unser
tägliches Brot
betrifft, alles in seine Hände legen uns sagen: An Gottes
Segen ist alles
gelegen!
Christus spricht “Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen” (Matth. 6,31-33).
Nach Jesu Wort sollen wir arbeiten, aber das Sorgen Gott dem HERRn überlassen.
So schenkt Gott uns Ruhe und gelassenes Herz, ja macht uns frei, wirklich “am ersten nach dem Reich Gottes zu trachten”.
Zum anderen zeigt Christus uns durch die Bitte “Unser täglich Brot gib uns heute”: “Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts” (Jak. 1,17).
Denn:
Gott gibt tägliches Brot, auch wohl
ohne unsere
Bitte, allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass
er’s uns
erkennen lasse und mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.
Wir sollen Gott bitten: „unser täglich Brot gib uns heute“, damit wir uns ständig daran erinnern, woher wir alles Gute empfangen, nämlich von Gott, und wer unser Leben erhält, uns ernährt, uns Friede beschert und uns die Gesundheit gegeben hat.
Ja, wir sollen das Danken nicht vergessen!
Wie schnell schreiben wir uns Erfolge zu, vergessen den, der uns geschaffen hat und uns erhält.
Ja, aber geht es den Ungläubigen nicht oft sogar besser? Heißt es nicht: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte” (Matth. 5,45)?
Im Psalm lesen wir: „Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich... Hätte ich gedacht: Ich will reden wie sie, dann hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verleugnet. So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer, bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende” (Ps. 73,12.15-17).
Ja, im „Heiligtum“, dort wo wir Gottes Wort hören, da zeigt Gott uns, worauf es wirklich ankommt.
Wichtig ist allein, dass wir unser tägliches Brot haben.
Reichtum ist dem Menschen eher schädlich, weil er sein Herz schnell daran hängt und Geld und Gut zu seinem Götzen macht.
Der wahre Reichtum ist ein anderer.
Da betet David im Psalm: „Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum“ (Ps. 119,14).
Und eben um diesen Reichtum der Gnade Gottes zu beten lehrt Christus vor allem im Vaterunser.
Die Bitte um das tägliche Brot ist die Vierte. Mit ihr beginnen die Anliegen, die besonders die menschliche Not betreffen. Vor dieser vierten Bitte geht es um die wichtigere, um Gottes Sache:
· dass Gottes Wort in unserer Mitte unverfälscht und rein gelehrt wird und wir als seine Kinder auch danach leben.
· dass wir seinem Wort durch seine Gnade Glauben und Vertrauen schenken
· und dass Gott allen bösen Rat und Willen brechen möge, der dem Kommen seines Reiches im Wege steht.
Was
würde es nützen, wenn ein Mensch
die ganze Welt
besäße und nähme doch Schaden an seiner Seele
(Matth.16,26)?
Würdest du hier in dieser Welt gut leben, hättest aber keinen Heiland - was wäre das wert, wenn du dann in Gottes Gericht dein ewiges Verdammungsurteil hören müsstest?!
Darum ist die Bitte um das tägliche Brot eingerahmt: Vorher geht es um Gottes Ehre, Gottes Reich und um Gottes Willen.
Nach der Bitte um das tägliche Brot lehrt Jesus beten: „Und vergib uns unsere Schuld… Führe uns nicht in Versuchung… Erlöse uns von dem Bösen“
Inmitten dieser Dinge, die deine Stärkung aus Gottes Wort, deine Versöhnung mit Gott und deine Seligkeit betreffen, lehrt dich Jesus auch deine leiblichen Bedürfnisse dem himmlischen Vater ans Herz zu legen.
All diese Bitten stimmen mit Gottes Willen überein, denn der Sohn Gottes hat sie uns gelehrt!
Wie könnten wir besser vor Geiz und Habgier geschützt werden, als dass Jesus uns beten lehrt, Gott möge uns “tägliches Brot” geben “heute”?
Denn “Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und danach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf” (Ps. 127,2)
Darum bitten wir um das “tägliche Brot” und sprechen mit Paulus: “Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen” (1.Tim. 6,8).
Wir sollen uns nicht irdische Schätze sammeln, die doch nur von Rost und Motten verzehrt werden (Matth. 6,19), sondern Gott will, dass wir von all dem, was er uns gibt, auch dem Bedürftigen geben: “Brich dem Hungrigen dein Brot!” Jes.58,7) “Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an Glaubens Genossen” (Gal. 6,10) “Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?” (1.Joh. 3,17)
Wir wollen so beten wie der fromme Salomo: „Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern, ehe denn ich sterbe: Falschheit und Lüge lass ferne von mir sein; Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast. Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen” (Spr.30,7-9).
Wir bitten um das tägliche Brot, weil Christus uns dies lehrt, weil wir es benötigen, damit wir Gott danken, dem Nächsten helfen, vor Habgier und Geiz bewahrt bleiben und uns vor sündigem Gott misstrauendem Sorgen hüten. Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser