Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis


Kollektengebet: Allmächtiger, ewiger und gerechter Gott, wir danken dir herzlich, daß du uns deinen heiligen Willen, was wir tun und lassen sollen, im gesetz geoffenbart hast, und wir bitten dich demütig, du wollest um jesu Christi vollkommenen Gehorsams willen uns alle dagegen begangenen Sünden gnädig verzeihen und uns mit deinem Heiligen Geist stärken und leiten, daß wir hier in neuem Gehorsam dir zu dienen anfangen, bis wir vollkommen heilig in jenem Leben vor dir wandeln: durch Jesum Christum, deinen Sohn, unsern HERRn. Amen.

Lied nach der Predigt: Lutherisches Kirchengesangbuch (LKG) Nr. 233


Predigttext:

Wie? Ist denn das Gesetz wider Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Wenn aber ein Gesetz gegeben wäre, das da könnte lebendig machen, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetze. Aber die Schrift hat es alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung käme durch den Glauben an Jesum Christum, gegeben denen, die da glauben. (Galater 3,21.22).

Im Namen Jesu Christi, unseres HERRn und Erlösers, liebe Gemeinde!

In unserer letzten Predigt hatten wir gehört, daß Gott der HERR in seinem heiligen Wort zwei völlig unterschiedliche Lehren offenbart hat: die Lehre des Gesetz und die Lehre des Evangelium (2.Kor. 3,7-9). Das Gesetz fordert von uns, Gottes Willen vollkommen zu erfüllen, und droht uns, wenn wir es nicht tun, mit Ungnade, ja ewiger Verdammnis. Das Evangelium spricht von Gottes Gnade und ruft uns zur Vergebung der Sünden durch den Glauben an Gottes lieben Sohn, Jesus Christus. Die eine Lehre verkündigt Gottes Zorn über jeden Sünder, die andere Gottes Gnade, die eine predigt Fluch, die andere Segen. Die eine stößt in die Hölle, die andere weist auf den offenen Himmel. Die eine ist wie ein "Hammer, der Felsen zerschmettert" (Jer. 23,29), die andere erquickend wie frisches Wasser in der Dürre (Offbg. 22,17).

Weil Gott also selbst in seinem Wort einen scharfen Unterschied macht zwischen Gesetz und Evangelium, müssen auch wir diese beiden Lehren gut voneinander unterscheiden. Warum? Nun, weil beide ihre ganz spezielle Aufgabe haben: Gottes Wort sagt klar: "Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde" (Röm. 3,20). Das Gesetz deckt unsere Sünde auf und erweckt in uns Furcht vor Gott; es treibt unsere Herzen, daß wir Sünder in unserer Angst verzweifelt suchen, was uns vor Gottes Zorn retten könnte: "Was soll ich tun, daß ich selig werde?" (Apg. 16,30). Im Evangelium (d.h. "Frohe Botschaft") zeigt Gott uns, wie sein lieber Sohn für uns den Zorn getragen, die Strafe für uns gelitten und alle Schuld vor Gott bezahlt hat: "Glaube an den HERRN Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig" (Apg. 16,31).

Beide, Gesetz und Evangelium müssen scharf unterschieden werden, sonst werden beide verfälscht und ihrer Kraft beraubt. Es wäre falsch und sehr gefährlich, würde man aus dem Gesetz Evangelium machen. Das geschieht dann, wenn man das Gesetz so predigt, als ob Gott es damit nicht so ernst nehmen würde, als sei er schon zufrieden, wenn es jemand rein äußerlich ein wenig beachtet. So erzieht man selbstgerechte Heuchler, die sich dann vor Gott stellen und sprechen: "Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem; was ich habe" (Luk. 18,11.12).

Eben so falsch ist es, aus dem Evangelium Gesetz zu machen, als ob ein Mensch zuerst gut werden müsse, bevor er an Christus glauben darf. Denn kommt er zur Erkenntnis, daß er in sich selbst zu allem Guten unfähig und in Ketten der Sünde gebunden ist, so muß er verzweifeln. Wir sehen also, wie ungeheuer wichtig es ist, Gesetz und Evangelium recht zu unterscheiden und gemäß dem Wort Gottes anzuwenden - auch auf sich selbst, damit keiner sicher in seinen Sünden wird, damit aber auch keiner in seinen Sünden verzagt.

Ohne die Anleitung des Heiligen Geistes ist es unmöglich, Gottes Gesetz und Gottes Frohe Botschaft beide zum Segen zu unterscheiden. Darum ist es auch nötig, daß jeder für sich seinen lieben Vater im Himmel bittet, daß er ihn durch den Heiligen Geist die rechte Unterscheidung lehre. Das ist eine große Gabe, die Gott uns schenken will, daß wir seine beiden Stücke, Gesetz und Evangelium recht erkennen, recht scheiden und ihren segensreichen Zusammenhang beachten.

Darum hören wir heute von der Harmonie zwischen Gesetz und Evangelium, wie beide nämlich ausgewogen gepredigt und zu Herzen genommen werden.

1. Das Gesetz hebt das Evangelium nicht auf,

2. sondern es dient ihm.

1. Das Gesetz Gottes hebt das Evangelium nicht auf, es widerruft und vertilgt das Evangelium nicht

Ganz kurz und knapp verkündigt die Frohe Botschaft: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden" (Apg. 4,12). Dies gilt von Anfang der Schöpfung bis zum Jüngsten Tag. Aber ist der Sohn Gottes nicht erst vor 2.000 Jahren Mensch geworden? Was ist mit denen, die vorher lebten, zur Zeit des Alten Testamentes? Wie konnten z.B. Abraham, Isaak, Jakob oder auch Noah und Hiob dann selig werden? Ja, warum hat Gott nicht schon gleich nach dem Sündenfall den Heiland geschickt? Gilt das Evangelium von Erlöser denn auch ihnen?

Die Kraft aber der Frohen Botschaft, daß wer an den Heiland glaubt, ganz gewiß selig wird, gilt nicht erst seit 2.000 Jahren! Denn es steht geschrieben: "Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde... Und derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die der ganzen Welt" (1.Joh. 1,7; 2,2). Die Kraft des Blutes Jesu Christi erstreckt sich auf alle Sünder, auf Adam und Eva und alle ihre Nachkommen, bis zum letztgeborenen Sünder vor dem Jüngsten Tag. Auch Adam, Eva, Hiob, Lot, Abraham und die vielen anderen konnten selig werden allein durch den Glauben an den Heiland Jesus Christus. Auch wenn Christus nicht sofort nach dem Sündenfall für uns Sünder gestorben ist, so wurde doch den beiden, Adam und Eva, das herrliche kostbare Evangelium von Jesus Christus schon damals verkündigt, indem Gott sprach, Ein Nachkomme Evas würde den Teufel besiegen und selbst mit seinem Blut die Vergebung der Sünden erkaufen (1.Mose 3,15).

Und in der folgenden Zeit erneuerte Gott diese Verheißung, auch gegenüber Abraham: "Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden" (1.Mose 22,18). Das ist der Wille Gottes, sein "Testament", daß alle armen elenden Sünder Vergebung und Trost finden sollen im rechten Vertrauen und Glauben an seinen Sohn, der nach seiner menschlichen Natur ein Kindeskind Evas und eine Nachkomme Abrahams ist und "der da ist doch Gott über alles, welcher sei gelobt in Ewigkeit. Amen" (Röm. 9,5).

Es bleibt also dabei: Der Glaube an den Heiland Christus ist der einzige Weg, auf dem ein Sünder wie du und ich selig werden kann. Durch das göttliche "Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde". Es ist "Zuchtmeister", "Erzieher" zu Christus hin. Das ist Gottes Wille, das ist sein "Testament". Davon sprach unsere heutige Epistel: "Ich sage aber davon: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt ist auf Christum, wird nicht aufgehoben, daß die Verheißung sollte durchs Gesetz aufhören, welches gegeben ist über vierhundertunddreißig Jahre hernach" (Gal. 3,17).

Gott hat also keineswegs durch sein drohendes Gesetz das Evangelium von der Gnade in Christus aufgehoben oder ungültig gemacht! Was er Adam und Eva so fest versprochen hat, hat er durch das Gesetz nicht etwa widerrufen! Gott hat den Vätern des Alten Bundes die Heilands-Verheißungen als ein "Testament" gegeben, d.h. als seinen dauerhaften gültigen Willen. Andererseits ist das geschriebene Gesetz dem Mose auf dem Berg Sinai 430 Jahre danach in die Hand gegeben worden. Kurz gesagt: Indem Gott im Alten Testament das Gesetz gegeben und so scharf hat verkündigen lassen, hat er die Verheißung des Heilandes noch kostbarer gemacht. Indem nämlich das Gesetz, der heilige Wille Gottes, mit gewaltigem Donner gepredigt wird, ist andererseits gesagt: Hier ist der Heiland, hier ist euer Erlöser! Ihr braucht nichts dringender als ihn! Laßt euch vom Donner des heiligen Gottes erschrecken; so werden euch seine offenen Arme in Jesus Christus das Liebste werden!

Nicht anders sollten die Menschen des Alten Testamentes glauben. Alle, die Gottes Wort zu Herzen nahmen, sein Gesetz und vor allem seine Verheißungen, kamen mitten im Alten Bund zum Glauben an Jesus. Alle, die sich vom heiligen Geist durch Gottes Wort führen ließen, kamen unter dem Dienst des Gesetzes zum rettenden Glauben, daß sie allein durch den, der für sie sterben würde, selig werden könnten. Es war also damals ebenso falsche Lehre, was auch heute gefährlichen Seelenmord bedeutet, wenn gepredigt wird: Indem du das Gesetz Gottes hältst und viele gute Werke tust, wirst du selig! Denn Gott ließ auch im Alten Testament verkünden: "Siehe, du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen liegt... Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir’s sonst wohl geben; und Brandopfer gefallen dir nicht... Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstet und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten" (Ps. 51,6.16.17).

Und so lesen wir vom Vater Abraham: "Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit" (1.Mose15,6). Und vom Propheten hören wir: "Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben; denn der Gerechte lebet seines Glaubens" (Habak. 2,4). Und Hiob ruft in all seinem Elend und seiner Not: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!" (Hiob 19,25). Es gilt also für die Zeit von Adam und Eva nach dem Sündenfall bis zum Jüngsten Tag: "Ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott gefallen" (Hebr. 11,6) und "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden" (Apg. 4,12).

Was aber soll nun das Gesetz?

2. Das Gesetz dient dem Evangelium

Der Apostel schreibt in unserer Epistel: "Was soll denn das Gesetz? Es ist dazukommen um der Sünde willen, bis der Same käme, dem die Verheißung geschehen ist" (Gal. 3,19). Das Evangelium ist die Schatzkammer Gottes. Kein Mensch aber erkennt von Natur aus, wie arm und elend er vor Gott ist. Im Evangelium läßt Gott Gnade für alle verlorenen Sünder verkündigen. Aber kein Mensch erkennt von Natur aus, daß er ein Sünder ist. Im Evangelium wird dem Menschen Gottes Gerechtigkeit dargeboten. Aber von Natur aus sind wir Menschen selbstgerecht und sicher. Da ist kein Erschrecken vor der Schuld, kein Hunger nach Gnade, die Herzen sind hart wie Stein und mitten in der Sünde stolz und hochmütig.

Solange das menschliche Herz in diesem Zustand bleibt, verlacht und verspottet es die Frohe Botschaft, daß Gottes Sohn zur Versöhnung der Sünder mit Gott am Kreuz gestorben ist. Er hört, wie von Gottes Gnade gepredigt wird, aber sein herz bleibt verschlossen und leer. Das Gesetz ist Gottes Botschaft für einen solchen stolzen, selbstgerechten, sicheren Sünder: "Was soll denn das Gesetz? Es ist dazukommen um der Sünde willen"

Ja, das Gesetz will das schlafende Gewissen aufwecken und den hochmütigen Sünder zeigen, wie es in Wirklichkeit um ihn steht. Es zeigt ihm den zornigen, verdammenden Gott, in dessen Hand sich jeder Mensch befindet, vor dessen Richterstuhl ein jeder Mensch einmal Rechenschaft ablegen muß. Das Gesetz stellt den Menschen vor seinen Schöpfer hin - nackt und bloß: Du bist ein Übertreter des heiligen Willens Gottes! Du wirst verdammt werden in alle Ewigkeit! Damit die Menschen erkennen, was für eine Wohltat, was für eine befreiende, tröstliche Kunde das Evangelium vom Heiland der Sünder ist, hat Gott vor der Ankunft seines Sohnes das Gesetz so scharf predigen lassen.

Dies sagt der Apostel mit den Worten: "Aber die Schrift hat es alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung käme durch den Glauben an Jesum Christum, gegeben denen, die da glauben". Das heißt: Jeder soll und muß es einmal fühlen, in welchen Ketten der Sünde er liegt, damit er zu Christus flieht, der allein diese Ketten zersprengen kann. So deckt das Evangelium den Tisch der Gnade, aber das Gesetz macht den Menschen zuerst einmal zum hungrigen Gast. Das Evangelium preist den Arzt und zeigt den Weg zu ihm, aber zuvor muß das Gesetz den Menschen seine Krankheit vor Augen führen und die Schmerzen spüren lassen. Das Evangelium singt und klingt davon, daß alle Schuld bezahlt ist, aber das Gesetz muß uns den Schuldschein zeigen. Das Evangelium ist voll Trost und Freude, aber das Gesetz muß zuvor den Durst nach diesem Trost bewirken.

So wie das Gesetz dem Evangelium den Weg bereitet, muß das Gesetz dem Evangelium auch immer zur Seite stehen, damit der Mensch im Glauben an Christus und in seiner Gnade bleibt. Der Gläubige lebt immer noch umgeben von Sünde, auch in seinem Herzen finden sich viele Keime davon. So zeigt ihm Gottes Wort durch das Gesetz, daß er an seinem Heiland bleiben muß, damit er auch ganz gewiß selig wird. Denn auf unsere Seligkeit hat der treue Gott es abgesehen, "welcher will, daß allen Menschen geholfen werde, und [sie] zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß solches zu seiner Zeit geprediget würde" (1.Tim. 2,4-6).

Ja, liebe Gemeinde, "Christus aber hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für, ... auf daß der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu" (Gal. 3,13.14).

Gott schenke, daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland! Amen. 


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser