Andacht am Heiligabend
Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des HERRN Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HERRN leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids. Lukas 2,8-11
Die Hirten glaubten dem Wort das Gott der HERR ihnen durch den Engel verkündigen ließ, denn weiter heißt es: "Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat" (Luk. 2,15). Sie hatten ohne Zweifel mit Sehnsucht im Glauben darauf gewartet, daß Gott bald alle seine Weissagungen erfüllt und den Messias sendet, denn als sie das Kindlein gesehen hatten, "priesen und lobten sie Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war" (Luk. 2,20).
"Euch ist heute der Heiland geboren!" - diese Freudenbotschaft hat nicht nur damals der Engel den Hirten verkündet. Diese kostbaren Worte schließen die "große Freude" in sich, "die allem Volk widerfahren wird", "denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR". "Euch", d.h. nicht nur euch Hirten, sondern euch Menschen, euch Sündern, euch, die ihr durch Sündenschuld von Gott dem HERRn geschieden seid- euch, deren Sünde blutrot ist, euch, die ihr tot seid in Sünden, die ihr die ewige Seligkeit nicht ererben könnt, euch, die ohne Heiland auferstehen werden zur ewigen Schmach und Schande in der Verdammnis. Euch ist heute der Christ, Retter, der Heiland geboren, auf den Gott eure Schuld wirft, der um eurer Missetat willen verwundet und um eurer Sünden willen zerschlagen wird, der eure Schuld bezahlt, der euch erlöst, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut. Euch ist heute der geboren, der die Werke des Teufels zerstört; er ist geboren, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; euch ist heute der geboren, an den ihr glauben sollt, damit ihr nicht verloren werdet, sondern das ewige leben habt. Kurz: "Euch ist heute der Heiland geboren!"
Es ist geboren, von dem alle Propheten bezeugen, daß in seinem Namen alle, "die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen" (Apg. 10,43). Das war die Sehnsucht der alten Väter, wie Petrus bezeugt: "Nach welcher Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der zukünftigen Gnade geweissagt haben." (1.Petr. 1,10). Und dann kam diese eine Nacht, die mit Recht "heilig" genannt wird, denn sie ist durch die Geburt des Sohnes Gottes geheiligt und Gott hat in dieser Nacht das Heil in die verlorene Welt gesandt. In dieser heiligen Nacht verkündigt der Engel: "Euch ist heute der Heiland geboren!". "Heil" macht er, was durch Ungehorsam und Sünde krank, verwundet, verzweifelt, ja zerstört ist. Er sieht die Verlorenen, wie sie Vergebung der Sünden, Leben und ewige Seligkeit ersehnen und ruft: "Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist" (Matth.18,11). Er kennt die gequälten Herzen, die unruhigen Gewissen und die bangen Fragen, kennt auch dich.
Darum fasse dieses eine in dein Herz: "Euch ist heute der Heiland geboren!", auch dir, denn diese große Freude widerfährt allem Volk. Das heißt nichts anderes als:
Die ihr schwebt in großem Leide, sehet hier ist die Tür
zu der wahren Freude;
faßt ihn wohl er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch
kein Kreuz wird rühren.
Wer sich fühlt beschwert im Herzen, wer
empfindt seine Sünd und Gewissensschmerzen,
sei getrost: hier wird gefunden, der in Eil machet heil die
vergiftten Wunden.
Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet
frei eures Glaubens Hände.
Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz
mit laben.
Damit nicht nur Engel, nicht nur die Hirten, nicht nur die Weisen, sondern auch wir zu der großen Freude gelangen, damit wir ein getrostes, fröhliches Herz bekommen, heißt es: "Euch ist heute der Heiland geboren!". Ja, er ist geboren! Er ist da! Gott hat seine Verheißungen erfüllt. Er will auch heute die Armut eures Lebens in Reichtum verkehren, eure Sünde in Gerechtigkeit, euer Leid in Freude, eure Sorge und Angst in Zuversicht, euren Kleinglauben in Gewißheit! Er kommt in seinem Wort der Heiligen Schrift und im Heiligen Abendmahl; daran hat er sich und sein Erbarmen gebunden: Darin schenkt er, wonach du dich sehnst: "Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist! Wohl dem, der auf ihn trauet!" (Ps. 34,9).
Du fragst, wie du dich mit ihm vereinigen kannst, damit die Schuld, die dein ist, sein wird und die Gerechtigkeit, der Friede, die Freude im Heiligen Geist in dein Herz einzieht, die er für dich bereithält? Gottes Wort sagt: "Wohl dem, der auf ihn trauet!" Nur trauen sollst du ihm und den Worten, die der Engel verkündigt: "Euch ist heute der Heiland geboren!". Wie eilend laufen die Hirten zur Krippe! Wie brennen sie darauf, ihn, den Retter und Erlöser zu sehen, ihn anzubeten und sich von ihm beschenken zu lassen!
Jedoch es fehlen die Selbstgerechten und auch die Klugen dieser Welt, die sich für weise, ja für weiser als Gott halten - und doch gerade darin Narren geworden sind. Darum tröstet der HERR: Wenn die große Masse fehlt, wenn auch nur immer wenige vor dem Jesuskind knien, laßt euch nicht beirren! Für wen liegt der große Gott im Stall, in einer Krippe, in Windeln gewickelt, arm, gering, klein, von den Großen und Klugen belächelt? Für euch, für euch, für euch! Für dich, der du an dir und deinem Ungehorsam verzagst. Für dich, der du mit Petrus bitterlich weinst, weil du dich für deinen HERRn geschämt, ihn verleugnet hast. Für dich, der du die anderen in Gottes Nähe, dich aber in der Nähe der Hölle wähnst! Für dich, der du seufzt: "Ich glaube, HERR, hilf meinem Unglauben!" - "Euch ist heute der Heiland geboren!"
Ei, so kommt und laßt uns laufen, stellt euch ein, groß
und klein, eilt mit großen Haufen!
Liebt den, der vor Liebe brennet; schaut den Stern, der euch gern
Licht und Labsal gönnet.
"Euch ist heute der Heiland geboren!". In seiner Liebe will Gott nur eins, daß du sprichst: "Ja, HERR mir; mir ist heute der Heiland geboren!" Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an Pfarrer Blechschmidt