PREDIGT AM 18. SONNTAG NACH TRINITATIS
PREDIGTTEXT:
22 Die Güte des HErrn ist, daß wir
nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23
sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24
Der HErr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf
ihn hoffen. 25 Denn der HErr ist freundlich dem, der auf ihn
harret, und der Seele, die nach ihm fraget. 26 Es ist ein
köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HErrn hoffen.
27 Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in
seiner Jugend trage, 28 daß ein Verlassener geduldig sei, wenn
ihn etwas überfällt, 29 und seinen Mund in den Staub stecke und
der Hoffnung erwarte 30 und lasse sich auf die Backen schlagen
und ihm viel Schmach anlegen. 31 Denn der HErr verstößt nicht
ewiglich, 32 sondern er betrübet wohl und erbarmet sich wieder
nach seiner großen Güte; 33 denn er nicht von Herzen die
Menschen plaget und betrübet,
34 als wollte er alle die Gefangenen auf Erden gar unter seine
Füße zertreten 35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten
beugen lassen 36 und eines Menschen Sache verkehren lassen,
gleich als sähe es der HErr nicht. 37 Wer darf denn sagen, daß
solches geschehe ohne des HErrn Befehl, 38 und daß weder Böses
noch Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten? 39 Wie murren
denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine
Sünde! 40 Und laßt uns forschen und suchen unser Wesen und uns
zum HErrn bekehren. 41 Laßt uns unser Herz samt den Händen
aufheben zu GOtt im Himmel. (Klagelieder Jeremias 3,22-41)
Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus!
Die Klagelieder des Propheten Jeremia versetzen uns in die Zeit nach 586 vor Christus. Israel ist besiegt worden, Jerusalem ist zerstört und viele Israeliten sind in die Gefangenschaft weggeführt. Der Prophet klagt für das Volk und mit dem Volk. Der Prophet hat Gott in einer Finsternis erlebt, in der man die Hand nicht vor den Augen sehen kann. In den Versen vorher klagt er: "Gott hat mich vermauert, daß ich nicht heraus kann... und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopft er die Ohren zu vor meinem Gebet" (Kap. 3,7.8). Der "verborgene Gott", wie Luther ihn oft nennt, hat ihn überfallen - unheimlich und erbarmungslos.
"Er hat mir aufgelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. Er hat mich mit Bitterkeit gesättiget und mit Wermut getränket. Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen ["bei ihm beißt man auf Granit"]. Er wälzt mich in der Asche" (Kap. 3,10.16f.). Das ist kein harmloser Gott, wie manche denken; es ist kein Gott, der sich etwa unsern Wünschen anpassen müsse: Gott kann schrecklich sein. Nein, Gott ist nicht weich. Daß Gott schrecklich sein kann und schrecklich sein muß, liegt an uns und an unserem Abfall von Gott. Der klagende Prophet hat Gott freilich auch anders erlebt. Deshalb gibt er die Hoffnung auf seinen Gott nicht auf.
Darum rät er uns, was auch Luther in vielen seiner Predigten rät: Die Flucht weg vom zornigen Gott hin zum gnädigen Gott in Christus. Der Glaube ergreift mitten in den notvollsten Umständen seinen Gott, nicht erst dann, wenn das Gewitter sich verzogen hat. Der Glaube weiß: Gott bleibt trotz allem, was wir mit ihm erlebt haben und noch erleben werden der gnädige Gott. "Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende..."
Die Gnadenerweisungen Gottes sind auch in solch jammervollen Lagen nicht zu Ende! Wie auch David das bekennt: "Dennoch bleibe ich stets an dir..." (Ps.73). Dieser "Dennoch-Glaube" des klagenden Jeremias hält sich an Gottes Wort, denn er sagt hier: "Denn der HERR verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte" (Kap. 3,31ff.).
Wie Gott zu mir steht, kann ich nicht einfach an meinem jeweiligen Ergehen ablesen, etwa so: Geht es mir gut, dann hat mich Gott lieb; geht es mir schlecht, dann will er nichts von mir wissen. Der verborgene Gott offenbart sich nicht so, daß wir nur einmal kurz hinschauen müssen, um ihn zu begreifen. Luther hat einmal gesagt: Wenn Gott lebendig macht, dann tut er das, indem er tötet. Wenn Gott gerecht macht, so tut er das, indem er uns schuldig spricht. Wenn Gott in den Himmel fahren läßt, so tut er das, indem er uns in die Hölle führt.
Mitten in unseren Anfechtungen und mitten in diese Anfechtungen hinein ergeht das Wort von der unumstößlichen Güte Gottes: "Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß". Das hat nichts mit "fleischlicher Sicherheit" zu tun: "Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind..." Wir können uns nur wundern, daß wir überhaupt noch da sind. Das Leben eines jeden von uns war verwirkt, denn wir sind als Feinde Gottes (Röm. 8,7) geboren (Ps. 51,7) und sind von vornherein der ewigen Verdammnis verfallen.
Die Gesamtgeschichte des Volkes Israel war durch Ungehorsam und Götzendienst von Rechts wegen zu ihrem Ende gekommen. Aber mitten in den grauenvollsten Ereignissen des Unterganges Jerusalems entdecken die gläubigen Israeliten: Die Gnade Gottes hat nicht aufgehört. Ist das nicht eine wunderbare Entdeckung inmitten von Feuerbrand und Blutvergießen, Raub, Plünderung, Terror, während die Menschen nach Babel abtransportiert werden?
Warum ist das geschehen? Es ist, liebe Gemeinde, nicht darum geschehen, weil Gott endgültig sein Volk zu lieben aufgehört hätte. Nein, Gott selbst läßt den Propheten predigen, daß (wie es Luther einmal gesagt hat) dies alles das "fremde Werk Gottes" ist - also nicht sein eigentliches Werk. Gottes eigentliches Werk ist nicht das Strafen und Vernichten. Es wird ihm schwer zuschlagen zu müssen; er tut es nicht gern, wie geschrieben steht: "Denn er nicht von Herzen die Menschen plaget und betrübet" (Kap. 3,33).
"Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß". Er hört also nie auf, treu zu sein, solange dem Abend ein neuer Morgen folgt. Obwohl Gott einem Menschen vielleicht jahrelang nachgegangen ist und ihn förmlich mit seiner Güte überschüttet hat, so ist seine Barmherzigkeit noch nicht am Ende, hat noch nicht ihr letztes Ziel erreicht. Bei uns Menschen ist das anders: Wir haben sozusagen nur ein bestimmtes Maß an Güte und Barmherzigkeit vorrätig; wir sagen irgendwann einmal: Jetzt ist Schluß. Gottes Barmherzigkeit aber hat kein Maß noch Ende, "sondern sie ist alle Morgen neu"
Wenn der, dem wir Güte erwiesen haben dann noch undankbar ist und womöglich noch unsere Güte gegen uns gebraucht, dann ist das Maß erreicht.
[Damit es hier keine Mißverständnisse gibt: Das alles sind freilich Dinge, die das Leben betreffen. Gottes Wort sagt klar, daß -wenn es um sein Wort, um seine Ehre und Lehre geht, keine Güte am Platze ist: In der Lehre sollen wir keine Kompromisse schließen und vielleicht sogar den Mantel der Liebe darüberhängen, aber im Leben sollen heißt es: "Die Liebe deckt auch der Sünden Menge" 1.Petr. 4,8]
Wie gesagt: Unsere menschliche Güte ist bald am Ende, aber "Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sonder sie ist alle Morgen neu..." Der Brunnen unserer menschlichen Güte versiegt schnell; der Brunnen der göttlichen Güte und Barmherzigkeit versiegt nie, sondern fließt immer! Auch die größte Sünde und der schlimmste Mißbrauch seiner Güte kann diese Quelle nicht verstopfen! Ja, die Barmherzigkeit Gottes ist ein riesiges Meer, das nie versiegen kann: "Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß".
Wie die irdische Sonne an jedem Morgen aufgeht und seit Jahrtausenden über der Welt leuchtet, so geht die Güte und Barmherzigkeit Gottes jeden Morgen in demselben Glanz und derselben Pracht auf - über jedem Menschen. Sie nimmt nicht ab, sie veraltet nicht, sie ist nicht an ihrem Ende, sondern wie es heißt: "Sie ist alle Morgen neu". Das heißt auch: Gott denkt nie daran, wie oft und wie lange er einem Menschen schon seine Güte erwiesen hat. Er zieht ihm die Jahre der Güte nicht von der Summe der ihm zugedachten Liebe ab. Nein! So oft es wieder "heute" heißt, verhält sich Gott gegen jeden Menschen so, als ob er ihm noch nie Güte erwiesen hätte.
Das ist Gottes unbegreifliche Gnade über uns elende Sünder! Gott verhält sich gegenüber jedem Menschen an jedem neuen Tag so, als ob er gerade jetzt erst anfange, ihm zu zeigen, daß er ihn vom Verderben weg-, aus den Sünden herausziehen und ihm sein Heil in Jesus Christus zeigen wolle. Auch wenn Gott einem Menschen schon viele Millionen Gnadenerweisungen geschenkt hätte - und sie alle verpufft wären: So oft ihm ein neuer Morgen sein Leben wiederschenkt, so oft nimmt auch Gottes Güte den armen Menschen wie ein neugeborenes Kindlein in seine Arme, denn "sie ist alle Morgen neu".
Daran denke, wenn du einen Tag mit trübseligen Gedanken beginnst! Was dich auch bedrückt, was dir auch Sorgen macht: Eine Sonne gibt es, die dir in aller Trübsal und in allen Anfechtungen scheint: Die Sonne, die dir lachet ist dein HERR Jesu Christ! Diese Sonne verliert ihre Kraft nicht und scheint über dir in unveränderter Macht. Ja, sie schenkt dir durch das Wort Gottes, durch die Frohe Botschaft vom Heiland der Sünder, ihre göttliche Stärke! Was er für dich am Kreuz erworben hat, als er sein heiliges Gottesblut um deiner Sünden willen vergoß, als er unter größten Leibes- und Seelenqualen das Lösegeld erwarb, damit du durch den Glauben an ihn zum Frieden mit dem allmächtigen Gott kommen kannst, all das strahlt jeden Morgen, mit jedem Erwachen neu, ganz neu über dir auf.
Jeder Sonnenaufgang sagt uns, daß Gott uns wiederum eine Gnadenfrist gibt, die Möglichkeit zum Neuanfang. Darum gehe in dich! "Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde! Und laßt uns erforschen und prüfen unser Wesen und uns zum HERRN bekehren! Laßt uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel!" (Kap. 3,39-41). Darum auch mahnt uns ja Gott in seinem Wort: "Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen nicht" (Hebr. 4,7) und "Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden" (Ps. 90,12).
Solange nämlich ein neuer Morgen für dich erscheint, solange ist noch Gnadenzeit - darum nutze sie! Wer Gottes Wort kennt, dem hat die "güldene Sonne voll Freud und Wonne" (wie es im Lied heißt) sehr viel zu sagen; ja selbst wenn sie hinter trüben Wolken verborgen ist, so scheint sie doch! In diesem Lied heißt es: "Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund" [LKG 279,8]. Ja Paul Gerhardt singt weiter: "Wann wir uns legen, so ist er zugegen; wann wir aufstehen, so läßt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein" [LKG 2789,4].
Wer Gott nicht aus seinem Wort kennt, versteht beim Sonnenaufgang gar nichts. Das Evangelium von der Gnade Gottes in Christus Jesus können wir nicht aus dem Lauf der Sonne ablesen. Wenn wir wissen wollen, wie Gott zu uns steht, so können wir das nicht anders erfahren als aus seinem heiligen geschrieben Wort, der Bibel. Und eben dieses geschriebene Wort Gottes hält uns unsere angeerbte Schuld vor Augen, zeigt uns, wie wir tagtäglich neue Schuld auf uns laden und predigt uns dann von Jesus Christus, dem Heiland der Sünder.
Gottes Wort zeigt uns die Finsternis unserer gottfeindlichen Herzen, um uns in das Licht des Erlösers zu führen. Gottes Wort zeigt uns die Verdammnis, die uns Menschen unweigerlich droht, drückt uns nieder in den Staub, unter den Zorn des lebendigen Gottes, um uns das Licht der Gnade so recht herrlich vor die Herzen zu stellen, damit wir es auch im Glauben ergreifen. Wie der Regenbogen für einen, der Gottes Wort kennt, von hoher Bedeutung ist (1.Mose 9,12-15), so predigt die neu aufgehende Sonne einem Christen von der Güte, Barmherzigkeit und Treue Gottes, die Gott einzig und allein durch den Glauben an Jesus Christus schenkt. In der Kraft dieser Gnade wird es uns in Trübsalen möglich, auf die Hilfe des HERRn zu harren und zu hoffen, denn hinter den dunklen Wolken strahlt Gottes Sonne leuchtend hell.
"Es ist ein köstlich Ding geduldig sein und auf die Hilfe des HERRn hoffen. Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage, daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte und lasse sich auf die Backen schlagen und ihm viel Schmach anlegen. Denn der HERR verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner Güte." (Kap. 3,26ff.).
Es gibt Zeiten, in denen Gott hart zufaßt. Der Glaube aber, der das Vertrauen nicht wegwirft, streckt sich in solchen Zeiten hoffend nach der Zeit aus, in der das Schwere überwunden sein wird. Der Glaube ist durchglüht von Hoffnung, wie Paulus schreibt: "Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man siehet, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man siehet? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein in Geduld" (Röm. 8,24f.). Unsere Hoffnung in aller Trübsal, liebe Gemeinde, hat ihren Grund in dem, was heute gilt - was ist das?
"Die Güte des HERRn ists, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß". Daran wollen wir festhalten und uns trösten. Ja wir wollen auch andere trösten, wie der Heilige Apostel Paulus schreibt: "Gelobet sei Gott und der Vater unsers HERRn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, daß auch wir trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Trost, mit dem wir getröstet werden von Gott. Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, also werden wir auch reichlich getröstet durch Christum" (2.Kor. 1,3-5).
So wollen wir persönlich, aber auch als Gemeinde im Glaubenskampf stehen und zu herzen nehmen, was wir im Judasbrief lesen: "Kämpfet für den Glauben, der ein für allemal den Heiligen vorgegeben ist... Ihr aber, meine Lieben, erbauet euch auf euren allerheiligsten Glauben durch den Heiligen Geist und betet und behaltet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres HERRn Jesu Christi zum ewigen Leben" (Judas 3.21). Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser