Predigt am Sonntag Judica (5. Sonntag in der Passionszeit)

Da Jesus solches geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron. Da war ein Garten, darein ging Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, wußte den Ort auch; denn Jesus versammelte sich oft daselbst mit seinen Jüngern. Da nun Judas zu sich hatte genommen die Schar und der Hohenpriester und Pharisäer Diener, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen. Als nun Jesus wußte alles, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie antworteten ihm: Jesum von Nazareth. Jesus spricht zu ihnen: Ich bin’s. Judas aber, der ihn verriet, stund auch bei ihnen. Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin’s, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da fragte er sie abermal: Wen suchet ihr? Sie aber sprachen: Jesum von Nazareth. Jesus antwortete: Ich hab’s euch gesagt, daß ich es sei. Suchet ihr denn mich, so lasset diese gehen (auf daß das Wort erfüllet würde, welches er sagte: Ich habe der keinen verloren, die du mir gegeben hast). (Johannes 18,1-9)

Im Namen Jesu!

"Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg." (Matth. 26,30). "... über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger." (Joh. 18,1).

Unser Heiland trat seinen Gang zum Kreuz an, indem er über den Kidron ging. Dieser Bach floß vom Tempelberg ins Tal hinunter, mit seinem Wasser vermischte sich oft das Blut der Opfertiere, die im Tempel dargebracht wurden. Jesu Schritt über den Kidron ist ein Hinweis darauf, daß nun Gottes Sohn sich selbst zum Opfer für die Sünden darbringt. Auf ihn sollten ja die Opfer des Alten Bundes hinweisen: "Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde." (1.Joh. 1,7).

Nun finden wir Jesus mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane. Er zitterte und zagte, er rang mit dem Tod; er kämpfte gegen die Anfechtungen des Teufels. Sein Schweiß wurde wie Blutstropfen. Er flehte den Vater an und betete vom Grund seines gequälten Herzens. Da kam ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Wie tief hatte der Sohn Gottes, das ewige Wort, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist in gleicher Macht und Ehre regiert, sich erniedrigt: Er nahm den Trost eines Engels, eines Geschöpfes der unsichtbaren Welt an! Der HERR Jesus wußte, was ihm bevorstand und wie Judas ihn verratten hatte! Er sprach: "Steht auf, laßt uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät!" (Matth. 26,46).

Nun liefert sich Jesus seinen Feinden aus.

1) Als unser rechter Hoherpriester und 2) als unser mächtiger König.

Dies wollen wir zuerst in unsere Herzen fassen: Jesus liefert sich mit freiem Willen, freiwillig, seinen Feinden aus. Warum?

1. Es ist ein Beweis seiner hohenpriesterlichen Liebe zu uns.

Es hatte schon oft Situationen gegeben, in denen Jesus sich hätte seinen Feinden ausliefern können. Doch wir hören z.B. bei Johannes: "Da suchten sie ihn zu greifen; aber niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen." (Joh. (Joh. 7,30). Auch als Jesus in Nazareth predigte und die Juden in heftigen Zorn über seine Worte gerieten, lesen wir: "Sie stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Abhang des Berges, auf den ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen. Aber er ging mitten durch sie hinweg." (Luk. 4,30). Als "seine Stunde noch nicht gekommen war", durfte ihm niemand auch nur ein Haar krümmen - nicht Herodes dem Jesuskind, nicht die Pharisäer, nicht die Sadduzäer, nicht die Schriftgelehrten, die ihn alle miteinander lieber tot als lebendig gesehen hätten!

Doch nun ist das anders. Jesus spricht zu den Soldaten bei seiner Gefangennahme: "Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muß die Schrift erfüllt werden." (Mark. 14,49). Am deutlichsten erkennen wir es beim Gespräch Jesu mit Herodes: "Da sprach Pilatus: ... Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich loszugeben? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre..." (Joh. 19,10.11).

Jesus ist unser Hoherpriester: Er gibt sich selbst hin als Opfer zur "Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt." (1.Joh. 2,2). So wie der Hohepriester im Alten Bund als Vermittler zwischen das sündigen Volk und den heiligen Gott trat und Tiere zumm Ofer darbrachte, so ist Jesus der rechte Hohepriester, auf den alle alttestamentlichen Hohenpriester hinwiesen: "Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, ... so lasset uns festhalten an dem Bekenntnis." (Hebr. 4,14).

Einzigartig ist Jesus, unser Hoherpriester, denn er ist Mittler und Opfer zugleich: "Christus aber ist gekommen als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, und ist durch die größere und vollkommenere Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht, das ist: die nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben." (Hebräer 9,11.12).

Diese Erlösung hat unser HERR Christus uns erworben, auch indem er sich freiwillig den Händen der haßerfüllten Feinde auslieferte. Denn die Soldaten, Hohenpriester, Herodes, Pilatus und zuletzt die Kriegsknechte, die ihn ans Kreuz schlugen, sind doch nur Werkzeuge gewesen: Werkzeuge des Zornes Gottes. Das Feuer des heiligen Zornes Gottes über die Sünde entlud sich über seinem Sohn, der als unser Stellvertreter die Strafe gelitten hat, "damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh. 3,16). In den Augen der ungläubigen Sünder sieht es so aus, als ob Jesus selbst straffällig geworden wäre oder Opfer eines Justizmordes sei, doch die Wahrheit ist: "Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn... Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." (Jes. 53,6.5). "Er hat sein Leben zum Schuldopfer gegeben." (Jes. 53,10).

Dieses Schuldopfer hat der Heiland mit vollem Bewußtsein gebracht; als der Allwissende ging er in sein Leiden und Sterben. Was er selbst im Rat der Dreieinigkeit mit beschlossen hatte, führte er aus. Petrus schreibt ausdrücklich, daß der Geist Christi durch die Propheten die Leiden und den Tod Christi geweissagt hat (1.Petr. 1,10). Darum lesen wir in der Leidensgeschichte: "Da nun Jesus alles wußte, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin‘s!" (Joh. 18,4.5).

Jesus gab sich nicht hin wie einer, der verzagt ist und sich willenlos in das Unvermeidliche begibt. Vielmehr gab er sich hin nach seinem eigenen Wort: "Da ich sprach: Siehe, ich komme; im Buch ist von mir geschrieben. Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz habe ich in meinem Herzen." (Psalm 40,8.9). Es ist für uns ein hoher und köstlicher Trost, daß wir wissen: "Christus hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch." (Eph. 5,2). Sein Wille war mit aller Macht daran beteiligt und "In diesem Willen sind wir geheiligt auf einmal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi." (Hebr. 10,10).

In Jesu Herz brennt die unermeßliche Liebe zu seinen verlorenen Menschen. In dieser Liebe spricht er zu seinen Häschern: "Ich bin‘s... Ergreift mich!" Als die Soldaten durch dieses Wort wie betäubt zu Boden fallen, richtet er sie wieder auf, indem er spricht: "Wen suchet ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin. Suchet ihr mich, so lasset diese gehen! Damit sollte das Wort erfüllet werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast." (Joh. 18,7-9).

Ich kann‘s mit meinen Sinnen nicht erreichen, mit was doch diese Liebe zu vergleichen!... Tausend, tausendmal sei dir, liebster Jesu Dank dafür! So geht der Hirte bewußt seinem Tod entgegen für seine Herde, der Bräutigam in das Leiden für seine Braut, der Hohepriester zum Opfer für die Sünder, der König in den Kampf für sein Volk.

Jesus liefert sich mit freiem Willen, freiwillig, seinen Feinden aus. Warum?

2. Er erweist sich damit auch als unser mächtiger König.

Es war ja keine Schwäche, die ihn in Ketten und Bande, in Spott und Hohn, unter Geißelhiebe und Dornenkrone und schließlich in tiefste Todesqualen brachte. Hatte er nicht Petrus, der ihn verteidigen wollte gesagt: "Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?" (Joh. 18,11).

"Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, daß er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?" (Matth. 26,53).

Jesus benötigt diese Hilfe nicht. So wie einst David im Namen des lebendigen Gottes nur mit einer Steinschleuder den Riesen Goliath niederstreckte, so betäubt der Messias, der Nachkomme Davids seine Feinde allein mit seinem Wort: "Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin‘s! wichen sie zurück und fielen zu Boden." (Joh. 18,6).

Er ist der Stärkere. Er könnte sie mit einem Wink in Staub verwandeln, doch er tut es nicht. Warum nicht? Er ist unser mächtiger König, der uns im Kampf vorangeht und uns im Gebrauch der göttlichen Waffen übt. Er schützt seine schwachen Jünger und uns, indem er seinen Christen die wirksame Waffe zeigt, mit der sie bis zum Jüngsten Tag gegen den Teufel und alle, die ihm dienen, siegen können.

Auch uns treten Mächte entgegen, vor denen wir eigentlich verzagen müßten. Wie toben der Satan und sein Reich gegen die Kirche Christi in aller Welt! Er gewinnt sogar einstige Nachfolger Jesu für seine Sache, wie den Verräter Judas. Falsche Lehre, Hohn und Spott, Trübsal und Verfolgung, tückische Ruhe, Stimmen, die Gottes Wort in Zweifel ziehen... Womit sollen wir dagegen angehen? Jesus ruft uns durch seinen Apostel zu: "Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tage Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt... Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes." (Eph. 6,13.16.17).

Mit diesem Wort des lebendigen Gottes schützt der HERR Christus auch heute seine ängstliche schwache Christenschar. Es ist dieselbe Stimme, die einst am Sinai erklang: "Der HERR... ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott!" (5.Mose 4,24) und die auch schon zu Abram sprach: "Ich bin der allmächtige Gott!" (1.Mose 17,1). Dieses Wort des lebendigen Gottes ist unser Schutz, unsere Burg, unser Wehr und Waffe. Doch schon wie in der Nacht der Gefangennahme ist dieses Wort in Schwachheit verhüllt.

Da steht auf der einen Seite Jesus, der zwar allmächtig und unbesiegbar ist, diese Eigenschaften aber verborgen hat - auf der anderen Seite die Macht der Feinde, die mit irdischen Waffen kämpft und scheinbar den Sieg erringt. Auf der einen Seite Gottes Stärke, die allein der Glaube erkennt - auf der anderen Seite die menschliche Schwachheit, die der Unglaube in seiner geblendeten Vernunft für Stärke achtet. Jesus aber, der König der Christenheit, hat dies bis heute nicht verändert. Darum sollen wir unsere Vernunft gefangennehmen unter Gottes Wort und nicht auf die sichtbaren Dinge blicken, vor denen wir uns fürchten müßten, sondern auf die unsichtbaren, mit denen der Sieg unser ist. Wie war es, als der Diener des Propheten Elisa die bedrohliche Übermacht der Feinde sah, von der sie umgeben waren? Elisa sprach: "Fürchte dich nicht! denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind. Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, daß er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen, daß er sah; und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her." (2.Könige 6,16.17).

Eine solche Macht des himmlischen Heeres stand auch bei Jesus. Die Feinde durften ihm nur das tun, was der dreieinige Gott zu unserer Erlösung bestimmt hatte. Eine solche Macht beschirmt auch heute die Christenheit, auch dich! Der HERR Christus hat gesagt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matth. 28,20).

Wollt ihr wissen, warum es unsere kleine Gemeinde noch gibt - trotz aller Anfechtungen, Versuchungen und Anfeindungen? Es gibt sie, weil Gott der HERR sie bisher gnädig geschützt hat, weil sein Wort unseres Herzens Trost und Freude ist - und weil eine mächtige Macht unsichtbarer Streiter Gottes rings um uns steht! Er ist bei uns, seine heiligen Engel beschützen uns! Die Jünger waren bei der Gefangennahme Jesu so sicher wie Daniel in der Löwengrube. So schützt Gott auch heute seine Kirche. Keiner darf uns ein Haar krümmen. Er läßt uns nicht versuchen über unser Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung ein solches Ende nimmt, daß wir es ertragen können! (1.Kor.10,13).

Wenn Christus aber seine Christen auch der Schmach, des Spottes oder sogar des Martyriums würdigt, dann gibt er ihnen die Kraft, daß sie überwinden können: "Freuet euch, daß ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen; denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch." (1.Petr. 4,13.14). Wir sind in seinen Händen geborgen - in den Händen unseres Hohenpriesters, der für uns betet und "zur Rechten Gottes ist und uns vertritt" (Röm. 8,34). Wir sind sicher in den Händen unseres mächtigen Königs, der auch dir zuruft: "Niemand kann dich aus meiner Hand reißen" (Joh. 10,28). Darum antworte ihm nun mit gläubigem Herzen: "Was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben." (Gal. 2,20). Amen. 


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser