Predigt am Sonntag Kantate

Hebet eure Augen in die Höhe und sehet! Wer hat solche Dinge geschaffen und führet ihr Heer bei der Zahl heraus? Der sie alle mit Namen rufet; sein Vermögen und starke Kraft ist so groß, daß nicht an einem fehlen kann. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagest: Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht gehet vor meinem Gott über? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Hügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,26-31)


Die Gläubigen des Alten Bundes mußten im Jahre 722 v.Chr. erleben, wie das einst stolze Reich Israel unterging: Das mächtige Jerusalem war eingenommen und zerstört, der Tempel lag in Trümmern und die Menge der Einwohner wurde in die Gefangenschaft verschleppt. Das alles war kein unglücklicher Zufall, sondern Folge jahrelangen Ungehorsams, wie wir im Buch der Könige lesen: "Und die Israeliten ersannen, was nicht recht war gegen den HERRn ihren Gott... und dienten den Götzen, von denen der HERR zu ihnen gesagt hatte: Das sollt ihr nicht tun! ... Darum verwarf der HERR... Israel... So wurde Israel aus seinem Lande weggeführt nach Assyrien..." (2.Kön. 17,9.20.23).

Sie wollten bei ihren mächtigen Nachbarn Anklang finden, doch diese Völker dienten den Götzen. Darum fürchtete Israel Benachteiligung, schämte sich seines Gottes und begann, die Götzen der mächtigen Nachbarn zu verehren. So vergaßen sie den HERRn. Israel fürchtete also mehr die irdische Macht als Gott den HERRn und meinte, damit würde es sich einen guten Stand sichern. So traf ein, was Gott angekündigt hatte: "Darum spricht der HERR Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt, siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen alle Völker des Nordens, spricht der HERR, auch meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, und will sie bringen über dies Land und über seine Bewohner... so daß dies ganze Land wüst und zerstört liegen soll. Und diese Völker sollen dem König von Babel dienen siebzig Jahre." (Jer. 25,9.11).

Gottes Strafe über sein Volk kein "Blitz aus heiterem Himmel", auch keine gierige Rache, sondern diente vielmehr einem Ziel: Israel sollte in der Not und Bedrängnis Babylons in sich gehen -wie der verlorene Sohn in der Fremde- und sich vor Gott demütigen. Wenig weiter läßt Gott den Propheten Jeremia nämlich verkünden: "Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr wartet... Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich mit ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR." (Jer. 29,1ff).

Das Schicksal Gottesvolkes Israel dient dem neuen Volk Gottes, der Christenheit, zur Lehre: "Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nutze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit..." (2.Tim. 3,16). Unser Gott ist barmherzig und gnädig, denn er läßt uns nicht fallen, wenn in unseren Herzen die Sünde wuchert und wir statt ein Leben in der Heiligung zu führen, uns vom Bösen haben überwinden lassen. Gott hat auch über uns Sünder "Gedanken des Friedens" und will sich finden lassen, wenn wir ihn in rechter Trauer über unsere Sünde wieder suchen. Und wir erkennen an seinem Handeln damals - und auch an uns heute: daß wir elenden Sünder getragen werden von unserem gütigen Gott, das alles ist ein Wunderwerk seiner Gnade. Wir sind nicht treuer als Israel in alter Zeit, aber wir sind dem HERRn ebenso wertvoll.

Darum erkennt aus den Worten unseres Textes:

1. Wir elenden Sünder haben einen unvergleichlich gnädigen Gott!

Unser unvergleichlicher Gott ist allmächtig, weise und voller Güte gegen seine unvermögenden schwachen Kinder. Es ist ein Segen, wenn wir durch Gottes Wort erkennen, wie arm und elend wir doch dran sind, wie wir täglich viel sündigen und sich in uns nichts Gutes findet. Und ist es nicht wahr, daß wir oft so selbstsicher sind, auch hochmütig und auf unseren Nächsten herabblicken wie der Pharisäer im Gleichnis Jesu? Ist es nicht auch wahr, daß wir das Böse, wovor Gott uns warnt allzu oft auf die leichte Schulter nehmen und damit spielen, als sei Sünde etwas Harmloses?

Wir müssen unsere Augen niederschlagen und bekennen: "Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns schämen." (Dan. 9,7). Ja, jeder einzelne unter uns mag zu Gott rufen wie Esra: "Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen, und unsere Schuld ist groß bis in den Himmel." (Esra 9,6). Ja, es ergeht uns wie dem Zöllner, von dem Jesus spricht: "Und der Zöllner stund von ferne, wollte auch seine Augen nichtaufheben gen Himmel sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig." (Luk. 18,13).

Aber es ist wahr: Wir elenden Sünder haben einen unvergleichlich gnädigen Gott!

"Hebt eure Augen in die Höhe!" Israel war damals durch das Strafgericht Gottes heilsam niedergeschlagen; die Gläubigen hatten sich im Spiegel des Gesetzes Gottes als elende Sünder erkannt. Die Übermacht der Feinde hatte ihnen alle Sicherheit genommen. Nun seufzen sie: "Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott [vor-] über." Gott der HERR ist unvergleichlich gütig: Wie der HERR Christus den sinkenden Petrus an der Hand faßte und herauszog, so nimmt er auch uns durch sein Wort an die Hand und stärkt uns den Glauben am inwendigen Menschen: "Schau doch in die Höhe und sieh! Wer hat das Sternenheer geschaffen?" Wer führt ihr Heer vollzählig heraus, daß nicht eins von ihnen fehlt? - wie ein guter Hirte?

Wenn dein Gott die Sterne mit Namen ruft und sich um seine Schöpfung sorgt, sich um sie kümmert, wie sollte er dich vergessen haben? Wie kann Gott das Wesen vergessen, dem er doch seinen lebendigen Atem eingehaucht hat, das er zu seiner Ehre geschaffen hat? Nach diesem Bibelvers ist das bekannte Kinderlied "Weißt du wieviel Sternlein stehen" gedichtet, wo es in der letzten Strophe heißt: "Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen. Kennt auch dich und hat dich lieb." Kein noch so kleines Ding seiner Schöpfung läßt Gott unbeachtet, noch viel weniger kann er dich vergessen, dich, den er so teuer erkauft hat durch Christus. Es fällt kein Sperling vom Dach ohne seinen Willen. Das ist für uns unvorstellbar. Wir können eine solche Vollkommenheit und Allmacht einfach nicht begreifen. Jesus spricht: "Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zween Pfennige? Noch ist vor Gott derselbigen nicht einer vergessen. Auch sind die Haare auf eurem Haupte alle gezählet. Darum fürchtet euch nicht; denn ihr seid besser denn viel Sperlinge." (Luk. 12,6.7).

Ja, du bist in seinen Augen wert geachtet. Warum solltest du ängstlich oder eingeschüchtert sein? - wo Gott dir doch sagt: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!" (Jes. 43,1). Er ist nicht wie Menschen, die heute so sind und morgen schon ganz anders. Zwar hast du dich selbst durch deinen Ungehorsam in diese Lage gebracht, daß Gott dich strafen mußte - sonst hättest du noch lange nicht wieder nach ihm gefragt - aber daran merkst du, daß Gott dich lieb hat! Wie kann ein Vater sein Kind vergessen? Wie kann ein Vater zusehen, wie sein Kind durch Ungehorsam in sein Verderben läuft? Wie kann Gott zusehen, daß seine Kinder ihrer Seele schaden? Gott will nicht dein Verderben. Er will, daß der Sünder bekehrt und lebt, darum muß er ihn ab und zu aufrütteln! "Sein Verstand ist unausforschlich."

Darum können wir seine Wege mit uns oft nicht verstehen, denn sie sind höher als unsere Gedanken. Eins ist ganz gewiß: Gott meint es immer gut mit uns Menschen. Er hat keine Freude daran, wenn er straft. Es tut ihm weh.

"Denn der HERR verstößt nicht ewiglich, sondern er wohl und erbarmet sich wieder nach seiner großen Güte; denn er nicht von Herzen die Menschen plaget und betrübet.." (Klagel. 3,31-33). Aber gerade dadurch will er uns zu sich lenken; denn viel schlimmer wäre es, müßte Gott uns wegen unseres Ungehorsams für ewig verderben. Damit wir in uns gehen und uns bekehren, schlägt und straft Gott. Auch wenn uns das oft hart erscheint, sind es Zeichen dafür, daß er uns liebt, daß wir ihm nicht gleichgültig sind! Er kann uns in seiner Liebe nicht lassen.

2. Unser unvergleichliche gnädiger Gott sorgt in Liebe und Treue

Gott der HERR behandelt nicht nur die Schmerzen, sondern vielmehr ihre Ursache. Die Ursache aber für alles leid, alle Not und allen Schmerz nennt Gott in der Heiligen Schrift: "Die Sünde ist der Leute Verderben." (Pred. 14,34). Darum handelt Gott nicht wie ein schlechter Arzt, der lediglich die äußeren Anzeichen einer Krankheit lindert, die eigentliche Ursache der Krankheit aber nicht zu beseitigen versucht, sondern packt das Übel an der Wurzel. So hat unser unvergleichlicher Gott zuerst dafür gesorgt, daß es für uns Menschen einen Weg gibt, heraus aus dem größten Verderben, heraus aus der Knechtschaft der Sünde: "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde." (1.Joh. 1,7).

Indem der Mensch durch den Glauben an Jesus Christus zum Frieden mit seinem Schöpfer kommt, eröffnet sich für ihn nicht allein die Pforte zum ewigen Leben, sondern auch ein völlig verändertes irdisches Leben. Er wird von seiner Schuld reingewaschen und erhält von Christus die Kraft, sein übriges Leben hier in Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen zu führen. "Wenn es doch wirklich so wäre!", wendest du vielleicht ein. Es stimmt: Das Leben als Christ in dieser Welt ist dennoch ein harter Kampf in dem wir nur zu schnell erlahmen. Oft sind wir hin- und hergerissen zwischen Zweifel und Glaube, zwischen Ruhe und Unruhe, Freude und Trauer. Der Satan kann es einfach nicht ertragen, daß wir seiner Gewalt entrissen sind.

Nun versucht er täglich und immer wieder anders, uns von Jesus loszureißen! Auch Timotheus stand in diesem Widerstreit. Paulus ermutigt ihn: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!" 1.Tim. 6,12). Noch viel weniger aber können wir uns selbst im seligmachenden Glauben bewahren; das ist allein Gottes Werk! Wie schnell aber geht es, daß wir uns eben von ihm abwenden, daß unser Herz sich -erst ganz langsam- ihm entfremdet, daß wir sein Wort nicht mehr lesen, es sonntags nur noch oberflächlich anhören und unser Gebet fast verstummt. Gerade in solchen gefährlichen Situationen brauchen wir die neue Kraft!

Dann hilft nur eins: "Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!" (Ps. 27,14). Daß wir dann nur dem Satan nicht nachgeben, sondern im Gebet um neue Stärke ringen: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" (1.Mose 32,26). Dazu ermuntert uns unser unvergleichlicher Gott und erinnert uns daran, daß er selbst neue Kraft und neuen Mut verschenken will: "Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden."

Wir sind auf diese Quelle angewiesen! Würden wir uns von dieser Quelle selbst durch Unglaube abschneiden, wir würden straucheln, fallen und schließlich liegenbleiben. Darum ist es gut für uns, wenn er uns durch Not aufrüttelt, wie er es schon im alten Israel oft getan hat! So erkennen wir: Es gibt außer ihm keinen festen Halt! "...die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler..."

Gott möchte, daß wir dahin kommen, daß wir zuerst alles loslassen, worauf wir neben ihm unsere Hoffnung gegründet hatten. Wir sollen unser Unvermögen, unsere Schwachheit erkennen. Dann kann er unsere leeren Herzen füllen. Er wird es tun, denn er hat’s verheißen: "Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!" (Jes. 55,1).

Und unser HERR Christus lädt uns wiederum ein: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." (Matth. 11,28). Erfüllt mit der Kraft ihres unvergleichlichen Gottes jubeln die Christen: "Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangelm... Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück!" (Ps. 23,1.4). Unser HERR und Gott will uns beschenken mit neuer Freude, neuer Hoffnung, will elende, schwache, kleingläubige Christen stark machen, damit sie alle Trübsale und "Durststrecken dieses Lebens überwinden.

So schreibt auch der Apostel Paulus: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert." (2.Kor. 4,16). Ja, das will unser gnädiger Gott: Unseren Blick richtet er durch sein Wort weg vom Sichtbaren, Vergänglichen, Zeitlichen auf das Unsichtbare und Ewige. Er lenkt unseren Blick weg von dieser Welt, in der wir unter so vielen Anfechtungen leiden und läßt uns im Glauben von der Herrlichkeit hören, die uns erwartet, auf die wir ja hoffen und nach der wir uns in allem Bösen sehnen! So wird unser Blick aufwärts gerichtet über die gegenwärtige Not hinweg und wir lassen uns getrost in die starken Gottesarme fallen - in die Arme dessen, der Sünder erlöst, Todgeweihte rettet, Traurige fröhlich macht, Kranke und Schwache stärkt und leere Herzen füllt.

Unser Sonntag heißt "Kantate" - "Singet!" - "Singet dem HERRn ein neues Lied; denn er tut Wunder!" (Ps. 98,1). Es ist das Lied der Frohen Botschaft, das Lied des Evangeliums von unserem HERRn Christus. Es ist das Lied, das Gott selbst in seinem Wort singen: "Ja, mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht in deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht." (Jes. 43,24.25).

Und wir wollen froh einstimmen: "Aus Gnaden soll ich selig werden!" Amen.

Gebet:

"Ich harrete des HERRN; und er neigete sich zu mir und hörete mein Schreien und zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und stellete meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann; und hat mir ein neu Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Das werden viele sehen und den HERRN fürchten und auf ihn hoffen." (Ps. 40,1-3).  


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser