Predigt am Karfreitag
Predigttext: Da zogen sie von Hor am
Gebirge auf dem Wege vom Schilfmeer, daß sie um der Edomiter Land hinzögen. Und
das Volk ward verdrossen auf dem Wege und redete wider GOtt und
wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführet, daß wir sterben in der
Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hie, und unsere Seele ekelt über
dieser losen Speise.
Da
sandte der HErr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, daß ein
groß Volk in Israel starb. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündiget, daß
wir wider den HErrn und wider dich geredet haben. Bitte den HErrn, daß er die
Schlangen von uns nehme! Mose bat für das Volk. Da sprach der HErr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und
richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und siehet sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum
Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an
und blieb leben.
Am Ostersonntag lehrte der auferstandene HERR die Apostel und die anderen seiner Nachfolger. Er erklärte ihnen die Verheißungen des Alten Testamentes und zeigte ihnen, wie er leiden, sterben und auferstehen musste. Da schreibt der Evangelist: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war“ (Luk. 24,25-27) und wenig später: „Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage…“ (Luk. 24,44-46). Aus diesem Grund weist der HERR uns Christen in das Alte Testament: „Suchet in der Schrift; denn... ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeuget” (Joh. 5,39).
Ja in der Heiligen Schrift des Alten Testamentes finden wir viele Verse und Berichte vom kommenden Heiland. Einen greift der HERR Christus besonders auf und erklärt ihn in einem nächtlichen Gespräch dem Nikodemus, den Bericht von der ehernen, einer bronzenen, Schlange. Er sprach zu ihm: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben” (Joh.3,14).
Das ist das schlichte Evangelium, durch das jeder Sünder Vergebung der Sünden haben, den Weg zum Himmel finden und selig werden kann.
Aber was ist dazu noch nötig? Nichts weiter als dies:
1. Der Sünder muss zuvor erkennen, wie es in Wirklichkeit um ihn steht.
2. Dann soll er nur den gekreuzigten Christus anschauen im zuversichtlichen Glauben.
1. Der Sünder muss zuvor erkennen, wie es in Wirklichkeit um ihn steht.
Zuerst berichtet Mose: „Da brachen sie auf von dem Berg Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege”
Schon über 35 Jahre war das Volk Israel in der Wüste umhergezogen, seitdem Gott sie durch Mose aus Ägypten geführt hatte.
Aber warum so lange?
Eine Stelle, wenige Kapitel vor unserem Text gibt darüber Aufschluss: „Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach: Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.... Und eure Kinder sollen Hirten sein in der Wüste 40 Jahre und eure Untreue tragen, bis eure Leiber aufgerieben sind in der Wüste.” (4.Mose 14,26.27.33).
40 Jahre Leben als Hirtenvolk in den Wüsten und Steppen der Halbinsel Sinai, das war die Strafe Gottes über die undankbaren, immerzu murrenden Kinder Israel, die sich lieber wieder in der Sklaverei Ägyptens gesehen hätten, als den mühevollen Weg ins verheißene Land Kanaan weiterzugehen.
In ihrer Blindheit sehnten sie sich unter die grausame Herrschaft des Pharao zurück und lästerten gegen Gott, der sie unter seiner schützenden, helfenden, fürsorgenden Hand schon so weit geführt hatte!
Ungefähr im 35. Jahr ihrer Wüstenwanderung waren sie bis an das Edomitergebirge gekommen; dort war Aaron gestorben und sie hatten 30 Tage um ihn getrauert.
Jetzt sollte es weitergehen, aber das Volk der Edomiter verweigerte ihnen den Durchzug durch ihr Land.
So mussten sie einen weiten und beschwerlichen Umweg machen: „Da wurde das Volk verdrossen auf dem Wege und redeten wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise”.
Das war eine schwere Versündigung gegen Gott den HERRn.
Die Qual der Unterdrückung in Ägypten war vergessen, der Mord an den neugeborenen Knaben, die Peitschenhiebe der Aufseher.
Vergessen war auch die Freude beim Aufbruch aus der Knechtschaft und der Jubel beim Anblick der von Gott vernichteten Feinde am Roten Meer.
Vergessen waren auch die großen Gotteswunder, die unzähligen Durchhilfen und Siege - Siege, die der HERR ihnen geschenkt hatte!
Aber auch an die Strafgerichte erinnerten sie sich nicht mehr, die er über sie hatte hereinbrechen lassen wegen ihres Ungehorsams, ihres Götzendienstes und ihrer immer wiederkehrenden Auflehnung.
Mit finsterer Miene standen sie vor Mose, dem berufenen Diener Gottes und stießen böse Worte gegen Gott hervor: Sie hätten weder Wasser noch Brot; wahrscheinlich müssten sie in dieser Wüste verenden!
Hatte Gott ihnen nicht immer wieder auf wunderbare Weise Wasser und Nahrung beschafft?
Hatte er ihnen nicht Brot vom Himmel gegeben und Wachteln?
Jetzt nannten sie es „lose” oder „magere Speise” und dachten wohl schon wieder an die fetten Fleischtöpfe Ägyptens.
Hätten sie nicht mit dankbaren Herzen bedenken müssen, dass sie ohne Gottes große Hilfe in Ägypten umgekommen wären - sie und ihre Kinder?!
Hätten sie nicht -trotz der beschwerlichen Reise- Lob- und Danklieder singen müssen, weil Gott sie -trotz ihrer Untreue- noch nicht aufgegeben hatte?
„Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.”
Die Lästerungen verstummten; auf ihren erst noch finsteren Gesichtern spiegelte sich nun das Entsetzen.
Der Schlangenbiss brannte wie glühendes Erz in den Adern.
Sie schrieen vor Durst und Schmerzen und sanken sterbend in das Geröll der Stein- und Sandwüste: Mütter, Väter, Kinder.
„Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleisch das Verderben ernten” (Gal. 6,7.8).
„Auf das Fleisch”, d.h. auf sich selbst, auf irdische Kraft, auf menschliche Weisheit, säen alle Menschen, wie sie von Natur aus, nach dem Sündenfall, beschaffen sind.
Als „Kinder des Zorns” (Eph,. 2,3) werden sie geboren, denn sie sind „von Sündern gezeugt” (Ps. 51,7) und tragen das Gift der Feindschaft (Röm. 8,7) gegen Gott seit ihrer Geburt in sich .
Darum heißt Gottes Urteil über die Menschheit: „Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer” (Röm. 3,12)... „(Sie sind) voll von aller Ungerechtigkeit, Hurerei, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht, Zuträger, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unversöhnlich, unbarmherzig” (Röm. 1,29-31)
Ja, „die Sünde ist der Leute Verderben!” (Spr.14,34).
Aber eben auch in uns Christen, die wir doch durch den Glauben an Jesus Gottes Kinder sind, schlummert noch das alte Gift.
Wie die Kinder Israels dem Teufel Raum in ihren Herzen gaben, so geschieht dies auch schnell bei uns, dass wir Gottes Güte und Barmherzigkeit vergessen, seine Durchhilfen, seine Gnadenerweise, seine vergebende Liebe.
Wie schnell werden wir unzufrieden auf den Wegen, die er uns führt!
Wie plötzlich steigen Unwillen und Murren auch in unseren Herzen auf!
Wie leicht hat es oft der Teufel, der uns mit List von Gott wegreißen, uns die Vergebung der Sünden rauben und in neue große Gottesfeindschaft stürzen will, damit wir Gott dem HERRn nicht dienen und selig werden, sondern zum ewigen Verderben kommen!
Doch davor bewahrt der Sieger über Sünde, Teufel und Tod, Christus!
Er sprach in der Nacht zu Nikodemus: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben”.
Was für eine Gnade, dass für uns Sünder das Kreuz Christi hoch aufgerichtet ist, wo wir Vergebung aller Schuld, neue Kraft im Glaubenskampf und Genesung für unsere Seele empfangen!
Die Rettung vor dem Verderben der Seele, die Kraft zur täglichen Erneuerung, damit wir Gläubigen nicht den Verstrickungen des Feindes erliegen, finden wir nicht in uns selbst.
Da sind wir arm, schwach und elend, ja wir haben nichts in uns, womit wir uns aus den Sünden erheben und uns Gott zuwenden könnten.
So wie Israel völlig machtlos gegen die Schlangenplage war, so wären auch wir ohne Hilfe von außen verloren.
Was für ein Glück, dass Israel das erkannt hatte: „Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk”.
Das ist Gnade, wenn ein Mensch in sich geht und zu solch heilvoller Erkenntnis gelangt: „Ich habe gesündigt gegen den HERRn!”
Darum „Lasst uns erforschen und prüfen unseren Wandel und uns zum HERRN bekehren! Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel! Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du nicht vergeben” (Klagel. 3,4ff)
Ja, der Sünder muss erkennen, wie es in Wirklichkeit um ihn steht.
2. Dann soll er nur den gekreuzigten Christus anschauen im zuversichtlichen Glauben.
Denn so spricht ja Christus zu Nikodemus: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben”.
Jesus, der Mensch gewordene Gott ist es, der auch damals den Israeliten geholfen hat: „Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben”.
Als sie endlich die Wahrheit über sich selbst und über ihre verzweifelt böse Lage erkannt hatten und um Vergebung baten, sandte Gott Hilfe.
Immer noch krochen die todbringenden Schlangen herum und bissen unversehens zu, doch nun hatten die Kinder Israel Gottes wirksame Medizin gegen den schleichenden Tod: eine eherne Schlange, auf der Gottes Zusage ruhte gegen die Schlangen, die sie durch Sünde über sich gebracht hatten.
Hoch über allen Köpfen war die Hilfe aufgerichtet, jeder konnte sie sehen; jedem war es möglich, wenn er gebissen war, zu dieser Schlange zu schauen.
Es mag auch in Israel noch manchen gegeben haben, dem die eherne Schlange lächerlich war, der sich dachte: Was soll dieses Stück Bronze helfen?! -dem nützte sie nichts; der musste sterben in seinen Sünden!
Allein der Blick im Glauben an Gottes Wort, allein das Schauen im Vertrauen zu seiner Verheißung, rettete den Todgeweihten das Leben.
Es waren nur Worte, aber Gottes Worte!
Wenn Gott seine Verheißung zur Rettung nicht daran geknüpft hätte, wäre sogar eine Schlange aus Gold nutzlos gewesen.
Alles hängt ab allein vom Wort Gottes!
Auch wenn die Handlung dem Menschen noch so lächerlich erscheint: Wenn Gott ein Versprechen daran knüpft, so geschieht, was er will!
Die Vernunft spricht: Was soll es nützen, ein kleines Kind im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen?
Gottes Wort spricht: Dadurch wird ein Sünder von seiner Sünde gereinigt (Apg. 22,16), da wird aus einem Kind des Teufels ein Kind Gottes (Gal. 3,26.27).
In gleicher Weise soll jeder Mensch auf das Kreuz des Heilandes blicken, das hoch aufgerichtet in Gottes Wort vor uns steht.
Überall wo das Evangelium vom gekreuzigten Jesus Christus verkündigt wird, bietet Gott Erlösung vom Gift der Sünde an.
Der menschlichen Vernunft ist „das Wort vom Kreuz ist eine Torheit” und sie werden darum „verloren gehen” (1.Kor. 1,18).
Wie sagte der Herr? „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben”.
Mag diese Gnadenbotschaft Gottes der Vernunft eine lächerliche Torheit sein; wir sprechen mit dem Apostel: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben” (Röm. 1,16).
Schaut auf Christi Kreuz: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt” (Jes. 53,5).
Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an Pfarrer Blechschmidt
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