Predigt am Karfreitag
Predigttext:
Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lukas 23,39-43)
Karfreitag der Gedenktag an Christi Kreuzestod. Viele Gedenktage sind Erinnerung an ein Ereignis in der Vergangenheit, das uns nicht so sehr betrifft. Wer so über Karfreitag denkt, geht leer aus. Denn über diesem Gedenktag steht mit großen Buchstaben die Überschrift geschrieben: Für dich ist dies alles geschehen! - wie der Prophet Jesaja weissagt: "Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn" (Jes. 53,6); und der Apostel Paulus schreibt: "In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade" (Eph. 1,7). Die Vergebung der Sünden durch Christi Opfer und Blut - das ist die kostbare Frucht von Karfreitag. Unter Todesschmerzen hat der Heiland der Sünder diesen Segen ausgeteilt, hat am Kreuz Gottes Gnade einem Elenden frei geschenkt.
Es ist das dritte Wort Jesu am Kreuz, das Rettungswort für einen mit ihm gekreuzigten Verbrecher, aber damit auch ein Wort des ewigen Lebens für alle bußfertigen Sünder zu allen Zeiten!
"Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du
mit mir im Paradiese sein."
Wir wollen hören,
1. an wen dieses Wort gerichtet ist und
2. was dieses Wort zusagt.
1. An wen ist dieses Trostwort gerichtet?
"Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." Das ist eine wunderbare Zusage! Trost für einen Sterbenden! Sie heißt doch nichts anderes als: "Du wirst selig werden! Du wirst ganz gewiß nach deinem letzten Atemzug in Gottes ewige Herrlichkeit eingehen!" Diese Zusage kommt nicht aus dem Mund eines gewöhnlichen Menschen, sondern der ewige Richter spricht sie! Derjenige redet hier, der das Recht und die Macht hat, einen Menschen selig zu machen oder zu verdammen!
Wir Menschen sind Gott Rechenschaft schuldig: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf daß ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse" (2.Kor. 5,10). Es gibt in einem Menschenleben darum keine wichtigere Frage als die: "Was muß ich tun, daß ich selig werde?" (Apg. 16,30). Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Was brauche ich, damit ich bei meinem letzten Atemzug gewiß sein kann: Heute werde ich bei Jesus im Paradies sein!? Darum geht es letztlich um die Frage: An wen richtet Jesus sein Wort: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein"?
Zwei Männer sind mit Jesus gekreuzigt, aber nur an einen richtet Jesus seinen Trost. WARUM? Was ist beiden gemeinsam, was unterscheidet sie? Gemeinsam ist: Sie haben beide über Jesus gespottet. So lesen wir nämlich bei Matthäus: "Desgleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren" (Matth. 27,44). Offensichtlich aber blieb nur der eine bei seinen Lästerungen, und der andere ließ davon ab. Johannes nämlich berichtet uns nur noch von dem einen: "Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?" (Joh. 19,39.40). Hier sehen wir den Unterschied: Der eine Verbrecher war zur Buße gekommen, er hatte seine Sünde erkannt. Er bekannte seine Schuld nicht allein vor Menschen, denn da war sie offensichtlich: Er war zum Tod am Kreuz verurteilt. Nein, er gab sich vor allem vor Gott schuldig. Das sehen wir an seinen Worten zu dem anderen: "Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?"
Die Furcht vor Gott, dem ewigen Richter hatte ihn ergriffen. Tod und ewige Verdammnis waren der gerechte Lohn für ihn, das wußte er. Das ist das erste Stück wahrer Buße, daß ein Mensch seine Sünde erkennt und bekennt, daß er sich vor seinem Gott schuldig gibt! So bekennt David dem HERRn nach seinem Ehebruch: "An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan" (Ps. 51,6). Auch Joseph erkannte schon in der Versuchung seine Verantwortung vor Gott: "Wie sollte ich denn nun ein solch großes Übel tun und wider Gott sündigen?" (1.Mose 39,9).
Der Schächer flieht in seiner Not nicht in die Selbstrechtfertigung, sondern zu seinem Heiland. Er zählt nicht gute Werke auf, die fehlten ihm. Er hatte Jesus von Nazereth als den Messias erkannt, als seinen HERRn und Gott, denn er spricht ihn an mit dem Namen Gottes: "HERR, gedenke an mich...!" In seiner Seelennot sucht er seine Zuflucht bei Jesus, dem Heiland der Sünder, von welchem der Apostel schreibt: "Er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt" (1.Joh. 2,2). Wir erkennen sogar die Früchte seines Glaubens, denn ihm liegt auch die Buße des anderen Verbrechers am Herzen: "Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?"
"HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!" Es klingt wie der letzte Satz im Buch des Nehemia: "Gedenke meiner, mein Gott, im Besten!" (Neh. 13,31b). Sein einziger, sein letzter Wunsch ist: Jesus, der Sünderheiland, möchte doch im Reich seiner Herrlichkeit an ihn, den verdammungswürdigen Sünder denken, gnädig an ihn denken. Mit anderen Worten heißt das: Schenke du mir Gnade, HERR! Dein ist das Reich, denn du bist Gott! Wenn du nur gnädig an mich denkst, dann brauche ich mich vor dem Gericht nicht mehr zu fürchten. Wie recht er hat! denn Christus spricht: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen" (Joh. 5,24).
Allein der Heilige Geist führt einen Menschen zu dieser Erkenntnis. Ja, Gott muß dieses Werk an uns Menschen vollbringen, denn von Natur und durch die Vernunft kommt ein Mensch nicht dahin. Gottes Wort lehrt: "Bekehre du mich, so werde ich bekehrt; denn du, HERR, bist mein Gott!" (Jer. 31,18b).
Fragen wir noch einmal: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" - an wen ist dieses Trostwort gerichtet? Es ist an einen Verbrecher gerichtet, der seine Sünde nicht allein vor Menschen, sondern vor Gott zu Lebzeiten erkannt hat. Er flieht in seiner Not, in seiner Angst und Pein in die geöffneten Arme des Heilandes. Der HERR Christus spricht durch den Propheten: "Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden..." (Jes. 1,18). "So wahr ich lebe, spricht der HERR HERR, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen. Sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe" (Hes. 33,11).
In seiner Gnade hat Gott uns Gottlose zu seinen Kindern gemacht. Weil uns jedoch die Sünde noch so sehr anhängt, will Gott uns täglich zu wahrer Buße führen, daß wir täglich neu mit ihm beginnen und uns das neue Leben in Christus stärken lassen. Darum läßt er seinen Heiligen Geist kräftig an unseren Herzen wirken. Wie nutzen wir die Gnadenzeit?
Und du, für den der Karfreitag bisher vielleicht nur ein Gedenktag war, der dich nichts weiter angeht? Auch du bist ein Sünder, ein elender Mensch! Wie lange willst du deine Umkehr aufschieben? Christi Hand ist noch nach dir ausgestreckt! Laß dich von Gottes Wort fragen: "Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?" (Röm. 2,4). Gott der HERR, der dich gemacht hat, will dich, will dein Herz, daß du seinem Sohn vertraust; er will deine ewige Errettung. Allein im Blick auf den Heiland kann Sündern vor dem Gericht geholfen werden. Allein im Glauben an ihn, der sie am Kreuz mit Gott versöhnt und sie von der Strafe der ewigen Verdammnis erlöst hat, gibt es Rettung. Wer sich zu ihm bekennt, dem ruft er wie dem Verbrecher zu: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein."
2. Ja, was bedeutet dieses Trostwort?
Jesus schränkt nichts von dem ein, was vorher gesagt wurde. Du hast recht! Ich bin der Gott und Heiland aller Sünder, auch deiner. Dein Gebet ist erhört! Du hast mich gebeten, ich solle an dich denken, wenn ich in mein Reich komme. Ich sage dir: Heute wirst du mit mir in der Herrlichkeit des Himmelreiches sein! Jesus bestätigt den Glauben dieses Mannes, daß er der Heiland sei, bei dem auch der schlimmste Verbrecher Barmherzigkeit erlangt und sich der Vergebung der Sünden freuen darf. Er spricht: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken... und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Matth 11,28; Joh 6,37).
Im Grundtext ist das "dir" stark betont, so daß es eigentlich heißt: "Wahrlich, dir sage ich: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." So sprach Jesus zu diesem Sterbenden: Du glaubst an mich und bist durch diesen Glauben Gottes Kind. Du hast schon Vergebung aller deiner Schuld und bist ein Erbe des ewigen Lebens. In der Ewigkeit, in die du bald durch die Pforte des Todes trittst, wird deiner Sünde nicht mehr gedacht werden; sie ist bei Gott vergeben und vergessen. Deine Sünde trage ich, dein Fluch liegt auf mir. Deine Strafe büße ich, du bist gerecht durch den Glauben an mich. Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit - mitten im Tod!
Das ist der Trost, den alle bußfertigen Sünder in Christus haben: "Christus hat uns erlöst vom Flucht des Gesetzes, da er ward ein Flucht für uns (denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der am Holz hängt!)" (Gal. 3,13) Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" (2.Kor. 5,21). Jesus spricht nicht davon, daß der Schächer zuerst im Fegefeuer gereinigt werden müsse, wie manche entgegen der Bibel behaupten. Er sagt ihm zu, er werde noch am selben Tag nach seinem Tod im Paradies, im Himmel, bei Gott, in der ewigen Seligkeit sein. Er werde vom Glauben zum Schauen gelangen, dorthin, wo Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen, wo kein Tod, kein Schmerz, kein Leid mehr sein wird (Offbg. 21,4). "Wahrlich, ich sage dir..." - ich, der Messias, ich der wahrhaftige Gott und das ewige Leben (1.Joh. 5,20), ich der ich die ewige Wahrheit bin (Joh. 14,6).
"Wahrlich...!" - Sein Wort kann nicht betrügen! "Selig sind die Toten, die in dem HERRn sterben von nun an." (Offbg. 14,13). Jesu Zusage gilt nicht allein dem bußfertigen Verbrecher, sondern auch uns, wie geschrieben steht: "... auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben" (Joh. 3,16). Wer im Glauben an seinem Heiland steht und durch die Pforte des Todes gehen muß, der geht ein in seines HERRn Freude, der wird nach seinem letzten Atemzug bei Jesus im Paradies sein. Seine Seele wird getragen in Abrahams Schoß (Luk. 16,22), in den Himmel, wo der Erzvater Abraham und alle Gläubigen in Christus versammelt sind. Was für ein barmherziger Heiland ist der gekreuzigte Christus, der auferstanden und gen Himmel gefahren ist, der nun zur Rechten Gottes ist und uns vertritt (Röm. 8,34). Auf ihn vertraue im Leben und im Sterben und fürchte den Tod nicht, denn er ist ein überwundener Feind! Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an Pfarrer Blechschmidt