Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias
Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn
zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast
du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch
einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei
oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so
sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so
sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. Wahrlich, ich sage
euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel
gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im
Himmel gelöst sein.
Gebet: Gnädiger Heiland, du willst nicht, daß jemand verlorengehe, sondern daß alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Darum schenke einem jeden von uns die rechte Reue und Buße über die Sünde. Deine Gemeinde, die du dir so teuer erworben hast, laß erkennen, wie ernst es ist, deinen Willen zu mißachten und welchen Segen es bringt, deine Worte zu beherzigen. Laß uns nicht lau und oberflächlich werden, sondern gib, daß wir vom Zeitgeist unbeschadet dein heiliges Wort in Ehren halten und befolgen. Amen.
Geht es um Kirchenzucht, so meinen viele, jeder sollte doch erst einmal ,,vor seiner eigenen Türe kehren", er habe doch auch ,,Dreck am Stecken". Darf sich überhaupt ein Christ, der doch auch ein Sünder ist, ja darf sich eine ganze Gemeinde anmaßen, einen anderen zu ermahnen und, wenn er sich nicht ändern will, unter Zeugen ins Gewissen zu reden, wenn er aber bei seiner Haltung bleibt, ihn aus der Gemeinde auszuschließen? Ja, allerdings, denn das ist der ausdrückliche Wille des HERRn!
Jesus hat die Sünder geliebt und liebt sie noch immer! Weil Jesus Christus will, daß Sünde offenbar und erkannt wird, soll sie beim Namen genannt werden. Jener großen Sünderin, von der uns berichtet wird, rief er zu: "Gehe hin in Frieden!" Aber weshalb? Sie hatte aufrichtige Buße getan, denn Lukas schreibt: "Sie trat hinten zu seinen Füßen und weinte, und fing an, seine Füße zu netzen mit ihren Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salben." (Luk 7,38).
An diesem und an unzähligen anderen Beispielen der heiligen Schrift sehen wir, daß Jesus nicht alle Sünder ohne Ausnahme, sondern nur die angenommen hat, denen ihre Sünden von Herzen leid waren und die sich nach seiner Vergebung sehnten. Zu jedem bußfertigen Frevler spricht er noch heute: "Gehe hin, deine Sünden sind dir vergeben. Sündige hinfort nicht mehr!"
Über die Unbußfertigen aber hat Jesus ,,Wehe euch!" gerufen und sie 'Kinder der Bosheit' genannt (Matth. 13,38). Als der HERR Christus Gottes Wort verkündigte, sprachen etliche, sein Wirken sei satanisch, er treibe die Teufel aus durch Beelzebub, ihren Obersten. Was sprach Christus?
,,Ihr Otterngezüchte, wie könnt ihr Gutes reden, dieweil ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz des Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden." (Matth. 12,34).
Der HERR kündigte sogar an, daß man auch über seine Christen und Prediger dieses Urteil fällen werde, wenn sie Gottes Wort verkündigen: ,,Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen, wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen also heißen! So fürchtet euch denn nicht vor ihnen." (Matth. 10,25). Die Gemeinde hat Christi ausdrückliches Gebot, wie auch der Apostel Paulus schreibt: "Tut von euch selbst hinaus, wer da böse ist!" (1.Kor. 5,13). Und in unserem Text sagt der HERR: "Halte den, der die Gemeinde nicht hört, für einen Heiden und Zöllner." - ausgeschlossen nicht allein aus der sichtbaren Gemeinde am Ort, sondern damit aus der unsichtbaren Kirche, aus der Gemeinde der Heiligen, ausgeschlossen vom Himmel.
,,Das Amt der Schlüssel" oder ,,Die von Gott gebotene evangelische Gemeindezucht in der christlichen Ortsgemeinde"
1. Wir sehen, in welcher Ordnung der HERR dies will und
2. wie wir die letzte Stufe, den Ausschluß beurteilen sollen.
1.Gott ruft zur Buße. Der unbußfertige Sünder soll jedoch aus der christlichen Gemeinde ausgeschlossen werden - aber dem muß die stufenweise Ermahnung vorausgehen.
Es wäre eine schreckliche Sünde, wenn eine Gemeinde einen Bruder oder eine Schwester im Glauben auf bloßes Hörensagen oder auf frischer Tat ertappt, von ihrer Gemeinschaft verstoßen würde. Denn es ist ja wahr: Wir alle sind Sünder und verstoßen täglich in Gedanken, Worten und Werken gegen den Willen unseres HERRn. Darum mahnt Gott: ,,Liebe Brüder, so jemand unter euch irren würde von der Wahrheit, und jemand bekehrte ihn, der soll wissen, daß, wer den Sünder bekehrt hat von dem Irrtum seines Weges, der hat einer Seele vom Tod geholfen..." (Jak. 5,19f.)
"Einer Seele vom Tod, vom ewigen Tod, helfen." heißt das. Der ewige Tod, die Hölle, die ewige Verdammnis ist der Lohn für die Sünde (Röm. 6,23). Dagegen hat der barmherzige Gott uns eine Arznei gegeben: ,,Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde." (1.Joh. 1,7). Nun ist kein Christ vor Versuchungen zu neuer Sünde sicher. Der Teufel hat es darauf abgesehen, den durch Christi Opferblut Erlösten neuen Geschmack zu machen: an der Sünde, am Ungehorsam gegen Gott, an aller Art von Ungerechtigkeit.
Der Teufel bindet Menschen durch Sünde an sich und nimmt die Sünde wie ein Lasso, um uns wieder in seine Macht zu ziehen. Davon spricht Gottes Wort: ,,Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben." (1Petr 5,8f.).
Wie schnell werden wir sicher und meinen, ihm schon widerstehen zu können und merken gar nicht, wie wir -ohne es zu merken- uns wieder von unserem HERRn wegziehen lassen! Darum warnt Gott und vor falscher Sicherheit: ,,Denn wo ich zu dem Gerechten spreche, er soll leben, und er verläßt sich auf seine Gerechtigkeit und tut Böses, so soll all seiner Frömmigkeit nicht gedacht werden, sondern er soll sterben in seiner Bosheit." (Hes. 33,13).
Wir sollen leben ,,... als die Freien und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit..." (1.Petr. 216). Aber weil der Teufel eben so heimtückisch ist, und wir oft erst viel zu spät merken, wie fest er uns schon im Griff hat, deswegen hat unser HERR Christus einen großen Segen gestiftet: die brüderliche Ermahnung, die evangelische Gemeindezucht. Fallen wir in Sünde und verteidigen sie womöglich noch, dann besteht große Gefahr! Darum hat Gott uns in der Gemeinde Glaubensgeschwister zur Seite gestellt; sie sollen uns auf die Gefahr aufmerksam machen. Sehen wir einen Mitchristen in solcher Gefahr, dann ist es unsere heilige Pflicht, ihn zurückzureißen, damit er nicht verlorengehe!
Wer von uns wollte denn ruhig zusehen, wie ein Blinder ahnungslos auf einen Abgrund zugeht? Wer würde ihn nicht warnen? Wer von uns kann ruhig zusehen, wie ein von Christus teuer Erlöster sich in Sünde verstrickt? Darum schreibt der Apostel Paulus an Timotheus: ,,Die da sündigen [nämlich öffentlich], die strafe vor allen [nämlich vor der Gemeinde], damit sich alle fürchten [nämlich vor der Sünde]". (1.Tim. 5,20). Und unser HERR Christus spricht: ,,Sündigt dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen."
"Strafe" - das heißt nicht "züchtige oder schlage ihn", sondern "mache ihm seine Sünde bewußt". Das ist nun für unseren alten Adam eine sehr unangenehme Aufgabe, denn ihm ist lieber zu sagen: "Du hast deine Sünde, ich habe meine; lassen wir uns doch gegenseitig in Ruhe!" So suchen viele, sich von dieser Christenpflicht zu beurlauben und nutzen zu ihrer Rechtfertigung, Jesus habe ja gesagt: "Sündigt dein Bruder an dir." Es gelte also nur, wenn er mich persönlich beleidigt hat. Das aber ist nicht der Sinn, denn Jesus spricht vorher davon, wie jemand durch Sünde ,,Ärgernis gibt", d.h. im Glauben irre macht. Im rechten Glauben irre aber wirst du dann, wenn du siehst, wie dein Mitchrist z.B. flucht, lästert, zaubert, lügt, betrügt, dem Geiz verfallen ist, hurt, stiehlt, falsches Zeugnis gibt oder hinter dem Rücken über andere redet.
Wirst du nicht eben dadurch geärgert, daß ein Christ deiner Gemeinde Gottes Wort verachtet? Gewiß, er hat sich dann in erster Linie gegen seinen Gott und Heiland versündigt und steht [wenn er so weitermacht] in großer Gefahr, seine Seligkeit zu verlieren. Aber damit sündigt er an jedem einzelnen seiner Glaubensgeschwister, auch an dir.
Es wäre völlig falsch und gegen den Willen Jesu, wollten wir wie Kain sprechen: ,,Soll ich meines Bruders Hüter sein?" (1.Mose 4,9). Vielmehr: Geh hin - nicht zu deinen Freunden und Bekannten, um mit ihnen über die Sünden deines Nächsten zu urteilen und womöglich noch zu zeigen, wie schlecht er ist und wie gut dagegen ihr seid! Nein, gehe hin zu deinem Bruder, der an dir gesündigt hat "und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein"!
Diese Zurechtweisung soll mit gewinnender Liebe geschehen, denn nicht Haß, nicht Besserwisserei, sondern seine Seligkeit soll dir am Herzen liegen! Darum heißt es: ,,Der Gerechte schlage mich freundlich und strafe mich; das wird mir so wohl tun wie ein Balsam auf meinem Haupt." (Ps. 141,5). Vielleicht hört er dich, vielleicht nimmt er deine herzliche Zurechtweisung gerne und dankbar an, weil er merkt, daß durch dein Wort sein Erlöser ihn zurückruft. Dann ist das eine ganz glückliche Stunde, dann freuen sich die Engel im Himmel über diesen einen Sünder, der Buße tut (Luk. 15,10). Dann hast du deinen Bruder gewonnen, hast du seiner Seele vom Tod geholfen, du hast ihn durch Gottes Wort vor der Hölle zurückgerissen!
Wenn aber dein Bruder nicht hört, was dann? Jesus spricht: "Hört
er dich nicht, dann nimm noch einen oder zwei zu dir, damit alle
Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund." Keine
Leichtfertigkeit, denn hier geht es um die ewige Seligkeit!
Wer sollen diese ,,zwei oder drei" sein? Das zeigen
die Worte ,,hört er die nicht". Es sollen Leute
sein, die eben aus der Liebe Christi zu den Sündern heraus dies tun
wollen und tun können, was du schon getan hast: ihm
sein Unrecht vorhalten, zurechtweisen, zur Umkehr ermahnen - mit
Gottes Wort! Mit einem oder zwei deiner Mitchristen sollst du
nun zu erreichen suchen, was dir allein nicht gelungen ist.
Gelingt es mit ihnen, dann sollt ihr miteinander vor anderen über
die Sache schweigen und mit dem nun wieder gewonnenen Mitchristen
Gott den HERRn loben und preisen.
Gelingt es nicht, so sagt Christus: ,,Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde." Hier ist die Rede von der Gemeindeversammlung, die im Namen und für die Gesamtgemeinde redet, ermahnt und im Namen Christi mit dem berufenen Diener am Wort zusammen das Schlüsselamt verwaltet. Denn Christus hat ihr und nur ihr - nicht einer Gruppe, nicht dem Posaunenchor, nicht der Bibelstundenversammlung, sondern der Gemeinde diesen Seelsorgedienst anvertraut.
Diese Gemeinde aber ist nach der Schrift die Schar von Christen, die sich an einem Ort regelmäßig um Wort und Sakrament sammelt. So soll nach Christi Willen die Ortsgemeinde den Sünder mit Gottes Wort ermahnen, ihn zur Buße und Gnade locken, daß er doch endlich an seine Brust schlägt und bittet: ,,Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Ja, unser HERR Christus ist ein reicher HERR, der Sünde
vergibt und ihrer nicht mehr gedenkt in Ewigkeit, wenn wir uns
nur bekehren lassen! Was ist das für ein herrlicher Augenblick für
alle Christen der Gemeinde, die doch alle elende Sünder sind!
All das soll in herzlicher Demut und Liebe zu dem Gefallenen
geschehen. Dies schließt ein, daß ihm auch in harten Worten
seine Sünde vor Augen gehalten werden muß, aber immer so, daß
wir daran denken: ,,Wer da meint, daß er stehe, mag wohl
zusehen, daß er nicht falle." (1.Kor. 10,12).
Unser HERR Christus spricht: ,,Hört er die Gemeinde nicht,
so halte ihn als einen Heiden und Zöllner." Hier müssen
zum Schutz der schwachen und jungen Christen in der Gemeinde sehr
deutliche Worte folgen, die vor dem Betreffenden warnen, damit
sich nicht jemand aus Unkenntnis über die Schwere der Sünde auf
seine Seite stellt und selbst im Glauben irre wird.
,,Hört er die Gemeinde nicht, so halte ihn als einen Heiden
und Zöllner." Mit diesen Worten umreißt Christus den
Ausschluß.
2. Wie sollen wir einen solchen Ausschluß beurteilen?
Es geht auch hier nicht um Strafe, sondern um Liebe! Auch wenn ein Ausschluß aus der Gemeinde nötig wird, weil der Betreffende seine Sünde nicht lassen will, sie vielleicht sogar noch für recht hält und andere mit hineinziehen will, ist die Absicht doch, daß er noch in sich geht und Vergebung bei Gott sucht - solange er noch lebt, solange es für ihn Gnadenzeit gibt. Er muß aber wissen, daß seine Sünde so schwer ist, daß seine früheren Glaubensgeschwister ihn nicht mehr als ihren Mitchristen ansehen können.
Als einen ,,Heiden und Zöllner" sollen wir ihn
dann ansehen. ,,Heiden" waren außerhalb der Bürgerschaft
des Gottesvolkes.
,,Zöllner" waren sehr schlimme Sünder um ihrer
Habgier und ihres Betruges willen. Sie alle, ,,Heiden und Zöllner"
waren um ihres Unglaubens willen ausgeschlossen vom Gnadenbund
Gottes, mußten erst einmal zur Buße kommen, sich bekehren
lassen. Der Apostel Paulus schreibt von ihnen, sie seinen ,,ohne
Christus, ...fremd von den Testamenten der Verheißung... ohne
Hoffnung, ...ohne Gott in der Welt." (Eph. 2,12). Sie
sollen wissen, daß ihre hartnäckig festgehaltene Sünde sie von
Christus und den Christen trennt, daß sie von allen Segnungen
der christlichen Gemeinde ausgeschlossen sind, nicht mehr zum
Sakrament gehen dürfen, kein Kind aus der Taufe heben, nicht
christlich getraut werden und nicht christlich bestattet werden können.
Aber noch mehr, denn Christus spricht: ,,Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein." (Matth. 18,18). Wenn ein solcher Bann rechtmäßig durch die ganze Gemeinde in Kraft tritt, dann spricht Gott im Himmel sein ,,Ja!" dazu. Er hat befohlen, so zu handeln, ja eigentlich handelt er in diesem Fall durch die Gemeinde. Der Gebannte ist darum ausgeschlossen, nicht allein von der sichtbaren brüderlichen Gemeinschaft, sondern auch aus der unsichtbaren Kirche, aus der Gemeinde der Heiligen, außerhalb der es kein Heil gibt.
Wir alle wollen, nachdem wir gehört haben, was uns Gott lehrt, fort und fort darauf achten, daß sein Wort unseres Fußes Leuchte bleibe und ein Licht auf unserem Weg - bis an unser Ende. Laßt uns auch nie unseren Heiland Jesus Christus aus den Augen verlieren, daß wir nicht durch hartnäckige Sünde sein Opfer mit Füßen treten. Zu allen, denen ihre Sünde leid ist, spricht Christus: ,,Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" (Matth. 11,28). Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt,
Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften
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