Predigt am Sonntag Misericordias Domini (Die Barmherzigkeit des HERRn)
Predigttext:
"Ich bin ein guter Hirte; ein guter Hirte lässet sein Leben für die Schafe. Ein Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, siehet den Wolf kommen und verlässet die Schafe und flieht; und der Wolf erhaschet und zerstreuet die Schafe." (Johannes 10,12)
Liebe Gemeinde!
Christus betont: "Ich bin der [dieser] gute Hirte..." Damit erinnert er ohne Zweifel an einen ganz besonderen Hirten, nämlich an den schon Jahrhunderte zuvor geweissagten. So hat David durch den Heiligen Geist Gott den HERRn als seinen guten Hirten besungen: "Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." (Ps. 23). Durch die heiligen Propheten nach ihm hat Gott erneut den Hirten verheißen, in dem er sich selbst der verlorenen Menschen annehmen wolle: "Denn so spricht der HERR HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen... Ich will das Verlorne wieder suchen und das Verirrete wiederbringen und das Verwundete verbinden" (Hes. 34,11).
Ja, als der König David schon längst selig gestorben war, ließ Gott durch den Propheten Hesekiel verkünden: "Und ich will ihnen einen einigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein." (Hes. 34,23). Also aus dem Geschlecht des Königs David sollte der Verheißene kommen.
Als die Engel den Hirten von Bethlehem verkündigten: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids." (Luk. 2,10f.), da war erfüllt, was Gott durch die Propheten verheißen hatte und Jesus Christus offenbarte sich: "Ich bin der [dieser] gute Hirte..."
Nun erfüllte er in der Zeit seines irdischen Wirkens sichtbar seine Verheißung und erfüllt sie als der erhöhte HERR bis an das Ende der Tage. So wollen wir das heutige Evangelium anhand des alten Prophetenwortes betrachten:
Ich will mich meiner Herde selbst annehmen.
1. Ich will selbst meine Schafe weiden und
ich will sie lagern, spricht der HERR HERR.
2. Ich will das Verlorne wieder suchen und das Verirrte
wiederbringen
3. und das Verwundete verbinden und will ihrer pflegen, wie es
recht ist.
1. Ich will selbst meine Schafe weiden und ich will sie lagern, spricht der HERR HERR.
Christus spricht: "Ich bin ein guter Hirte..." Ein guter Hirte sorgt tagein tagaus für seine Herde, wie David im Psalm singt: "Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen." (Ps. 23,2f). Wer sich dem guten Hirten anvertraut, an dem wird sich Jesu Wort erfüllen: "Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen" (Joh. 10,10). Denn Christus spricht: "Ein Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, siehet den Wolf kommen und verlässet die Schafe und flieht; und der Wolf erhaschet und zerstreuet die Schafe."
Dem Mietling gehören die Schafe nicht, darum interessiert er sich nur an den wenigen Tage für sie, die er angestellt ist. Er steht bei ihnen, führt sie, aber nur um des Lohnes willen; größere Anstrengungen meidet er, denn sein eigenes Wohl ist ihm wichtig. Bei großer Gefahr ist ihm sein eigenes Leben lieber, er läßt die Schafe im Stich.
Christus spricht: "Ich bin ein guter Hirte; ein guter Hirte lässet sein Leben für die Schafe." Daran ist der gute Hirte zu erkennen, daß er in der größten Not am ersten da ist, sich zwischen die Bedrohung und seine Herde stellt. Unsere größte Not ist, daß wir Menschen in Feindschaft zu Gott geboren werden und unter der Herrschaft des Bösen im Bann der Sünde liegen. In diesem geistlichen Tod vermuten die Menschen, wenn es einen Gott gibt, ja wenn sie mit ihm ins Reine kommen wollen, dann würde es genügen, nur eben viele gute Werke zu verrichten, um ihn zu versöhnen. So bleiben sie im geistlichen Tod, denn was der Mensch aus eigenen Kräften auch an Gutem erfinden und ausführen mag: "Was aber nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde." (Röm. 14,23).
Gott selbst nimmt sich seiner Herde, seiner Geschöpfe an. Der gute Hirte Jesus Christus kommt in unser Elend und ruft: "Denn des Menschen Sohn ist nicht kommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele." (Mark. 10,45). Damit hat der HERR Christus auch die Weissagung aus des Propheten Sacharja erfüllt: "Schwert, mache dich auf über meinen Hirten und über den Mann, der mir der nächste ist! spricht der HERR Zebaoth. Schlage den Hirten..." (Sach. 13,7). So hat er sein Blut am Kreuz als Bezahlung an Gott gegeben, damit wir frei sind, erlöst aus dem Bann des Bösen, losgemacht aus den Verstrickungen der Sünde. So sind wir im Glauben an den guten Hirten in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes gelangt. Als erlöste Menschen, gewonnen durch das Blut Christi stehen wir unter der Gnadenhand Gottes und er erfüllt seine Zusage fort und fort: "Ich will selbst meine Schafe weiden und ich will sie lagern" (Hes. 34,15).
Als Christus auf Erden wirkte und predigte, als er durch Leiden und Sterben die Weissagungen erfüllte, weidete er die Seinen mit eigener Hand - durch sein Wort, war da als ihr Schutz und führte sie selbst. Als er von den Toten auferstanden war und gen Himmel fuhr, um in einer anderen (unsichtbaren) Weise alle Tage bei seinen Christen zu sein bis an der Welt Ende (Matth. 28,20), sorgt er dafür, daß Hirten unter seiner Gewalt und Macht an seiner Stelle die himmlischen Schätze austeilen. So sprach er zuerst zu seinen Aposteln: "Wer euch hört, der hört mich" (Luk. 10,16) und richtet das heilige Predigtamt mittels dem Ruf der Gemeinde an allen Orten unter den Scharen der Christen auf. Die Gemeindehirten aber sollen nach Christi Wort in derselben Liebe für die Schafe, in derselben Opferbereitschaft dienen wie ihr HERR: "Die Ältesten, so unter euch sind, ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden, die in Christo sind, und teilhaftig der Herrlichkeit, die offenbaret werden soll: Weidet die Herde Christi, so euch befohlen ist, und sehet wohl zu, nicht gezwungen, sondern williglich, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als die über das Volk herrschen, sondern werdet Vorbilder der Herde." (1.Petr. 5,1-4).
So weidet der HERR auch uns auf der Aue des göttlichen Segens, hat in unsere Mitte sein heilendes Wort und Sakrament gegeben und spricht: "Ich will selbst.... meine Schafe lagern" (Hes. 34,15). Das heißt: Ich will ihnen eine ruhige Lagerstatt schaffen, einen Ort, an dem sie sicher sind, sich stärken können und ausruhen. Das ist hier in diesem Leben die Gemeinde, in der wir alle uns miteinander in der Gemeinschaft mit anderen Christen unter Gottes Wort erbauen. Hier hören wir auch den Trost, daß der HERR nach aller Anfechtung, nach aller Not und allem Leid, das wir in dieser Welt oft noch erfahren, eine sichere Wohnung bereitet hat: "Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volk Gottes." (Hebr. 4,9).
Denn so hat der HERR Christus gesprochen: "Und ob ich hinginge, euch die Stätte zu bereiten, will ich doch wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin" (Joh. 14,3). Das ist unser Trost, liebe Mitchristen, daß wir hier in unserem Leben unter dem starken Schutz unseres guten Hirten leben und wenn es mit unserem Leben zu Ende geht, wir in keinen dunklen Abgrund stürzen, sondern immer weiter und immer noch unter dem Schutz und in den Händen unseres HERRn Christus sind.
Denn Christus spricht: "Ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen." (Joh. 10,28). So erfüllt Gott sein Wort: "Ich will mich meiner Herde selbst annehmen. Ich will selbst meine Schafe weiden und ich will sie lagern, spricht der HERR HERR."
Aber damit nicht genug! Er spricht...
2. Ich will das Verlorne wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden und will ihrer pflegen, wie es recht ist
Als Jesus Christus in das Haus des Sünders Zachäus trat und diesem Mann, der andere betrogen vielfach hatte, alle Sünden vergab, murrten die Selbstgerechten und kritisierten Jesus, "daß er bei einem Sünder einkehrte" (Luk. 19,7). Jesus sprach: "Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." (Luk. 19,10).
Auch an dem blindgeborenen Mann bewies der HERR seine Hirtenliebe. Der geheilte Blinde bekannte sich zu Jesus: "Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrest uns? Und stießen ihn hinaus. Es kam vor Jesum, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Und da er ihn fand, sprach er zu ihm: Glaubest du an den Sohn Gottes? Er antwortete und sprach: HERR, welcher ists, auf daß ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ists. Er aber sprach: HERR, ich glaube; und betete ihn an." (Joh. 9,33-38).
So sucht der HERR Christus die Sünder, um sie selig zu machen; er sucht täglich neu auch dich und mich, damit wir bei ihm bleiben und nicht zurückfallen in das alte sündige Wesen. Schnell geschieht es, daß wir Gläubigen durch die Versuchungen und Tücken des Teufels in alte Sünden einwilligen und uns immer weiter von Christus entfernen - äußerlich wohl noch als Christen leben, ihm aber im Herzen entfremdet sind.
Da gibt er uns nicht auf, sondern sucht uns, denn er will das Verirrte zurückbringen. Als Petrus ihn dreimal verleugnet hatte, brachte der HERR ihn mit einem Blick zurück, so daß Petrus seine Sünde erkannte und es ihn reute. Hat er nicht auch schon oft dich, aber auch mich zurückgebracht - mit einem Wort, das uns ins Herz traf und mit dem er uns wieder zu sich zog? Wie gedankenlos sind wir oft, wie träge und kalt, aber wie langmütig und geduldig ist Christus!
Aber es gibt nicht nur dunkle Täler, in die wir uns selbst durch Zweifel und Ungehorsam bringen, sondern auch Leiden und Not, die Gott an uns zu unserem Besten zuläßt. Gerade dann sollen wir wissen und uns aus Gottes Wort versichern lassen: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." (Ps. 23,4). "Stecken und Stab", mit denen er die Herde führt und tröstet, ist das Wort der Heiligen Schrift.
Wenn unsere Herzen verwundet sind, wenn wir Angst haben und ein Kummer uns gefangenhält und lähmt, ist der gute Hirte da, wie es ihm Psalm heißt: "Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein." (Ps. 23,5).
"Im Angesicht der Feinde" läßt der gute Hirte, unser HERR Christus die Schafe sich erquicken. So saß der Hirte am Abend am Eingang, wenn die Schafe in die schützenden Hürden kamen mit einem Kübel Wasser und mit Öl. Er salbt das von Dornen verletzte Haupt mit heilendem Öl und schenkte jedem Schaf noch einmal einen Labetrunk ein. Ebenso heilt unser guter Hirte mit dem Öl seines Wortes unsere durch Trübsal verletzten Seelen und schenkt uns Friede und Freude im Heiligen Geist.
Liebe Konfirmanden!
Diesem guten Hirten, eurem Heiland Jesus Christus, wollt ihr heute neu die Treue schwören. Ihr wollt den Bund, den er mit euch in eurer Taufe geschlossen hat, mit eurem Wort bestätigen. Ihr könnt nichts Herrlicheres tun, als eben dies! Bleibt ihr durch Gottes Gnade im Glauben an den HERRn Christus, dann habt ihr alles, was ein armer Mensch auf dieser Erde haben kann, denn unser HERR ist treu und barmherzig. Er will euch nie verlassen. Er will euch nie aufgeben.
Er hat euch in der Taufe zugesagt: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Denn so du durch Wasser gehest, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du ins Feuer gehest, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht anzünden. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige in Israel, dein Heiland." (Jes. 43,1f).
Er hält sein Wort in Ewigkeit. "Darum verlasset euch auf den HERRN ewiglich; denn Gott der HERR ist ein Fels ewiglich." (Jes. 26,4). Wir wünschen euch den Segen unseres Gottes zu eurem Gelöbnis! Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser