Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr


Kollektengebet: Wir danken dir, HERR Gott himmlischer Vater, daß du dein heiliges Wort bis hierher unverfälscht erhalten und durch dasselbe unsere Seelen kräftig erbaut hast. Wir bitten dich, du wollest uns alles, was wir dagegen getan haben, gnädig vergeben und diesen teuren Schatz auch künftig unter uns erhalten, durch Jesum Christum, unseren HERRn. Amen.

Lied nach der Predigt: Lutherisches Kirchengesangbuch (LKG) Nr. 207 (Es ist gewißlich an der Zeit...)


Predigttext: "Wenn ihr nun sehen werdet das Greuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) - wer das liest, der merke auf! -, alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. Und wenn diese Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch selig werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder: Da!, so sollt ihr's nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein. Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier." (Mt 24,15-28)

Liebe Gemeinde!

"An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. Ebenso auch: wenn ihr das alles seht, so wißt, daß er nahe vor der Tür ist." (Mt 24,32-33) Wer ist nahe vor der Tür? Der bewußte Tag, der letzte Tag dieser Welt. Jesus spricht zu den Jüngern von beidem: vom Untergang Jerusalems und von der Endzeit der Erde. Noch zu ihren Lebzeiten geschah das Furchtbare: Die "heilige Stadt" wurde von den Römern belagert und schließlich eingenommen; der Tempel wurde völlig zerstört.

In dem allen spielten sich die grausamsten Szenen ab: Das Schlimmste bei der Belagerung war wohl der große Hunger der Bewohner. Es ging so weit, daß Kinder geschlachtet wurden. Nach der Eroberung wurde geplündert, verwüstet - die schöne stolze Stadt glich einem Trümmerfeld. Was keiner für möglich gehalten hatte, traf ein.

Das Ende der Welt wird eine gewisse Ähnlichkeit damit haben: Wer hält das schon für möglich, daß Gott an einem bestimmten Tag die Existenz unserer Erde einfach beenden wird? Mit Katastrophen rechnen die Leute, mit verheerenden Orkanen, Überschwemmungen, mit 10 tausenden Opfern und 100 tausenden Obdachlosen - aber mit dem absoluten Ende?

So ist die Zerstörung Jerusalems wie ein Vorzeichen des Jüngsten Tages.

In beiden Fällen ermahnt Jesus,

1. die "Zeichen der Zeit" zu beachten und
2. bereit zu sein.

1. Die "Zeichen der Zeit" zu beachten ist äußerst wichtig.

Jesus spricht: "Wenn ihr nun sehen werdet das Greuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel - wer das liest, der merke auf!"

Hier geht es zuerst einmal um die kommende Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. Der Geschichtsschreiber Josephus hat später darüber genauen Bericht erstattet. Im Jahr 66 n.Chr. ließ der römische Kaiser Kaligula mitten im heiligen Tempel seine Bildsäule aufstellen. Das war wohl das "Greuelbild" als Zeichen kommender Verwüstung, denn der Aufstand gegen die Römer führte schließlich zur völligen Vernichtung des letzten Restes von Stolz der Juden. Jesus verweist auf den Propheten Daniel. Was hatte er 500 Jahre zuvor geweissagt? Unter anderem dies: "Und seine Heere werden kommen und Heiligtum und Burg entweihen und das tägliche Opfer abschaffen und das Greuelbild der Verwüstung aufstellen." (Dan 11,31)

Schließlich war alles so eingetroffen. Die "Zeichen der Zeit" aber nur diejenigen beachtet, die Jesu Worten Vertrauen schenkten und Gottes Wort im Buch des Propheten Daniel ernst nahmen. Jesus Vertrauen schenken und auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift hören - so werden wir auch die "Zeichen unserer Zeit" am besten deuten. So werden wir die Dinge des Lebens im rechten Licht beurteilen (und nicht überbewerten), aber auch unser Leben demgemäß einrichten. Unser Leben währt 70 oder 80 Jahre, lesen wir in Gottes Wort (Ps 90); auch diese unsere Welt hat keinesfalls ewigen Bestand. Sie geht ihrem Ende entgegen, und auch unser Leben hat ein Ziel. Wer das im Blick behält und aus diesem Grund beständig für seine Seele sorgt, der braucht sich nicht zu fürchten.

Aber gerade das ist das Problem: Die Menschen um uns leben, als ob sie niemals sterben müßten. Das Getriebe des Alltags läßt uns kaum dazu kommen, diese Tatsachen gebührend zu bedenken. Darum mahnt Christus, die "Zeichen der Zeit" nicht zu übersehen und sie richtig einzuordnen. Was aber sind solche Zeichen?

An berichten die Evangelisten viel von Dingen, die sich in der Natur ereignen werden. Da geht es um vermehrte Katastrophen, um häufige Erdbeben, um Überschwemmungen, aber schließlich auch um Unruhen und Kriege. Hier lenkt Jesus den Blick besonders auf geistliche Dinge: "Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder: Da!, so sollt ihr's nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten."

Das also ist ein besonders auffälliges Zeichen der letzten Zeit! Falsche Propheten hat es wohl zu allen Zeiten gegeben, aber eine solche Menge wie heute wohl zu keiner Zeit. Denken wir nur an die verschiedensten Richtungen christlicher Konfessionen in einer einzigen Ortschaft: die einen fordern ihre Gemeinde auf, die Mutter Jesu zu verehren, von ihr und sg. Heiligen Tilgung von Schuld zu erbitten und Gott mit dem Hinweis auf ein ganz ordentliches Leben zu beschwichtigen.

Andere meinen, christliche Kirche sei dazu da, die Natur zu erhalten, für soziale Gerechtigkeit einzutreten oder sich in die Politik einzumischen. Daneben gibt es heute in unserem Land eine so große Menge von deutschen Moslems, wie es sie wohl noch nie gegeben hat. Ganz zu schweigen vom Interesse unserer Landsleute an asiatischen Glaubensrichtungen.

Sie alle verkündigen einen anderen Weg zum Heil, weisen auf jemanden, den sie für einen Retter halten, eben für einen besonders Gesalbten, für "Christus". Das ist ein ganz besonderes Merkmal der letzten Zeit dieser Welt. Je mehr sich dies häuft, desto näher ist der Jüngste Tag. "Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder: Da!, so sollt ihr's nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. Siehe, ich habe es euch vorausgesagt."

Christus spricht auch davon, wie sie ihre Verführung interessant machen: "Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht." "Wüste" ist eine Umschreibung für Entsagung. Das heißt: Wenn sie zu euch sagen werden: Zu Rettung und Eingang in ewige Glückseligkeit kommst du nur durch Entsagung, so glaubt es nicht. "Im Haus" deutet auf den Anspruch dieser Religionen und Kulte, nur sie allein hätten den Schlüssel zur Wahrheit. Sie und nur sie wüßten, durch welche Entsagung und durch welches Opfer ein Mensch weiterkomme; das heißt: Nur bei uns, nur in unserem Haus, nur in unserer Gemeinschaft gelangst du zu ewiger Freude. "Glaubt es nicht!"

Wo aber ist der rechte Glaube zu finden? Wer ist der wirkliche Gesalbte, der echte Christus und Heiland? Es gibt auf der ganzen Welt nur einen Ort, wo nicht von Entsagung, von Opfern und einer Unmenge guter Werke gepredigt wird, um die Liebe Gottes damit zu erkaufen! Es gibt einen Ort, da predigt uns Gott, daß er alle Schuld getilgt, alle Strafe gebüßt und allen Menschen die Versöhnung geschaffen hat: GOLGATHA! Da hing der Heiland der Welt, gekreuzigt, um unsere Sünden zu tragen und mit seinem eigenen Blut uns mit Gott zu versöhnen. Dort schrie er sterbend: "Es ist vollbracht!"

Da war die Schuld bezahlt, da war unsere Freiheit erkämpft, der Himmel aufgeschlossen. Mit dem Opferschrei Jesu war der Satz von Gott selbst unterschrieben: "... daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,16).

Wo ist Christus heute? -in der Wüste oder in einem bestimmten Haus? "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20) "In Jesu Namen versammelt" sind Menschen überall dort, wo sie das herrliche Evangelium lesen, davon sprechen und hören, ja wo Menschen getauft werden und unter Brot und Wein Christi Leib und Blut genießen. Wo Menschen sich daran halten, wo sie daraus Glaubenskraft und Weisheit aus Gottes Wort schöpfen, können sie nicht verführt werden.

Das ist unser Trost in der letzten Zeit dieser Welt: Obwohl es so viele falsche Christusse und verführerische Propheten gibt, daß diese Menge befürchten läßt, sogar die Auserwählten, die Jesus-Nachfolger könnten abfallen - wird dies doch nicht geschehen. Jesus spricht: "Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen." (Joh 10,27-28) Darum wollen wir uns aber nicht beunruhigen lassen, sondern fest am Wort Gottes bleiben, unsere Liebe zu Jesus stärken lassen und uns gegenseitig im Glauben an ihn bestärken.

2. Auf die "Zeichen der Zeit" sollen wir achten, damit wir bereit sind.

Viele waren damals in Jerusalem nicht bereit - nur die Gottes Warnungsworte kannten und die Mahnungen Jesu beachteten. Jesus nannte die "Zeichen der Zeit", damit die Christen die Lage der Dinge richtig beurteilen und beizeiten fliehen sollten: "... alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird."

Zwei Dinge sind etwas unverständlich. Daß die Leute in die unzugänglicheren Berge fliehen und sich nicht aufhalten sollten, etwa noch Eigentum zu retten, ist logisch. Aber: "Wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter..." verstehen wir nur, wenn wir wissen, daß man vom Flachdach eines jüdischen Hauses auf zwei Treppen ins Freie gelangen konnte: Einmal über die Treppe, die ins Haus hinunter führte, aber auch über eine Außentreppe an der Hauswand (wie eine Feuerleiter). Die letztere sollten sie dann benutzen, um keine Zeit zu verlieren.

Warum sollte die Flucht nicht am Sabbat geschehen? Nun da durfte man ja nach dem Gesetz der übereifrigen Juden keinen Schritt zu viel tun, sonst bekam man Schwierigkeiten, ja konnte sogar als Übertreter der Sabbatruhe hinterrücks ermordet werden.

Wer den Worten Jesu keine Beachtung schenkte, war damals der sicheren Vernichtung preisgegeben. Unzählig viele Menschen wurden schließlich von diesem Schicksal ereilt. Uns ist überliefert, daß sich die Christen noch vor dem Eintreffen des feindlichen Heeres in Sicherheit brachten. Sie hatten eben die "Zeichen der Zeit" nicht übersehen. Der Ort ihrer Zuflucht in den Bergen hieß "Pella".

Die Worte Jesu über die Zerstörung Jerusalems und die Erfüllung, seine Mahnung, die "Zeichen der Zeit" zu beachten und seine Warnung, sich beizeiten in Sicherheit zu bringen, sind auch für uns wichtig. Das Ende Jerusalems ist ein Hinweis auf das Ende der Welt. Auch wir brauchen einen sicheren Ort, ein "Pella".

Jesus spricht: "Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird auch sein das Kommen des Menschensohns. Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut - sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen sich heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging; und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin -, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns." (Mt 24,37-39) In den Tagen Noahs gab es die rettende Arche, in den Zeiten Lots gab es das sichere Zoar - für uns sterbliche Menschen in einer vergehenden Welt gibt es JESUS!

Er ist unsere Zuflucht, wie es im Psalm heißt: "HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz!" (Ps 18,3) Auf ihn dürfen wir trauen, denn er ist verläßlich und treu. Zu ihm dürfen wir fliehen, auch wenn wir wieder in Schuld gefallen sind, ja gerade dann! Sein Wunsch und Wille ist, daß wir alle miteinander an ihm hängen, seinen Worten zuhören und uns den rechten Blick für unsere Zeit schenken lassen.

Darum, lieber Mitchrist: Beachte die Zeichen der Zeit, damit du bereit bist, wenn dein HERR wiederkommt. Er spricht ja: "Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüßte, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen. Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint." (Lk 12,39-40)

"Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi." (1.Petr 1,13) "Darum wachet; denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt." (Mt 24,42)

Eins aber ist ganz sicher: "Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein. Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier." Das ist ein altes jüdisches Sprichwort: Die Geier versammelten sich z.B. am Leichnam eines Gesteinigten oder Gekreuzigten, wenn niemand ihn begraben wollte. Aas und Geier finden sich immer zusammen. Ich bin von den Menschen verachtet und für unrein gehalten wie Aas. Auch ihr "werdet gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen" (Mt 10,22). Ja, alle, die an Christus glauben, sind in dieser Welt oft wie verfolgte Raben und Geier.

Doch der Heiland sagt: Wir wollen uns davon nicht beirren oder bekümmern lassen. Wir kommen zusammen. "Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen." (Joh 16,22) Amen.


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser