Predigt am Sonntag Okuli

Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er's gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.

Und es begab sich, als er so redete, da erhob eine Frau im Volk ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

(Lukasevangelium 11,14-28)

Herzlich geliebte Gemeinde im Namen unseres Heilandes!

"Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht ererben? Lasset euch nicht verführen: weder die Hurer noch die Abgöttischen noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder noch die Diebe noch die Geizigen noch die Trunkenbolde noch die Lästerer noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind euer etliche gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiliget, ihr seid gerecht worden durch den Namen des HERRn Jesu und durch den Geist unsers Gottes." (1.Kor. 6,9-11).

Das ist eine ernste Ermahnung Gottes an die Christen: "Lasset euch nicht verführen!" Sie zeigt uns aber auch gleichzeitig, daß Kinder Gottes, daß "durch Christi Blut Abgewaschene", eben noch verführbar sind. Sie erinnert uns daran, daß wir in der Gefahr stehen, wieder aus der Gnade zu fallen, so daß der Satan uns erneut in seine Gewalt bekommen kann. Aus diesem Grund spart Gott in seinem Wort nicht mit Mahnungen: "Seht zu, daß euch nicht jemand verführe!" (Matth. 24,4). "Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet." (Mark. 14,38). "Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, .... sondern mit den bösen Geistern unter dem Himmel." (Eph. 6,12).

Der Teufel ist bestrebt alle, die durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Kinder und Erben des ewigen Lebens geworden sind, wieder zu seinen Kindern zu machen, sie zu enterben! Nicht selten glückt ihm dies, über die bösen Neigungen der Herzen, die zur Tat werden - zur wiederholten Tat, zur vollbrachten Sünde, die wieder zur Gewohnheit wird. In unserem heutigen Evangelium zeigt Jesus, daß der Teufel bezwungen ist, seine verbliebene Gewalt für uns aber gefährlich bleibt. In all dem ist Jesus der starke Heiland.

Greifen wir diese drei Gedanken aus dem verlesenen Text!

1. Jesus Christus hat alle Menschen aus der Gewalt des Teufels erlöst.
2. Dennoch kann ein Christ wieder in die Gewalt des Teufels geraten.
3. Christus aber will bewahren und den Gefallenen aufrichten.

1. Jesus Christus hat alle Menschen aus der Gewalt des Teufels erlöst.

In die Gewalt Satans sind alle Menschen gekommen, weil unsere ersten Eltern, Adam und Eva, Gottes Wort verlassen hatten. Sie wurden dem Verführer gehorsam, und er erlangte die Macht über sie und ihre Kinder. Darum beschreibt Jesus in unserem Text den Feind als einen "starken Gewappneten": "Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast bewahrt, so bleibt das Seine mit Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und teilet den Raub aus." (Verse 21.22).

Der "Harnisch" (die Waffenrüstung) des Satans war zweifach: Er hielt seinen Palast in Frieden zum einen durch die Erbsünde. Indem er Adam und Eva in die Feindschaft zu Gott brachte, vergiftete er auch ihre Nachkommen; durch die Sünde des einen ist die Verdammnis über alle Menschen gekommen (Röm. 5,18). Angeerbte Auflehnung gegen Gott, Widerwillen gegen sein Wort, ein Herz, in dem beständig die Saat zur Sünde keimt - damit kommt jeder Mensch auf diese Welt.

Zum anderen hielt der Erzfeind Gottes seinen Palast in Frieden dadurch, daß durch seine Verführung Gottes (an sich) gutes Gesetz jeden Sünder der Hölle zuspricht. Der Satan brachte also durch die Erbsünde die Menschen zuerst in die Feindschaft gegen ihren Schöpfer und wußte genau, daß eine Sünde die nächste nach sich zieht. In seinem Haß gegen Gott führte er die Menschen unter den Fluch des Gesetzes Gottes. Bei den Verführten weckt Gottes guter Wille aber nicht etwa die Lust zum Guten, sondern stachelt die Sünde noch auf, weckt Freude, gegen das Gesetz zu verstoßen: "Der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz." (1.Kor. 15,58). Auf diese Weise hielt der Satan "seinen Palast in Frieden", d.h. er hatte die Menschen so tief ins Verderben gestürzt und so fest gebunden, daß sie sich selbst nicht befreien konnten.

Nun spricht Christus: "Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und teilet den Raub aus." Er selbst, Jesus, ist dieser "Stärkere", er hat dem Satan den Harnisch genommen. Er vollbrachte das, was für die Menschen nötig war - und für sie selbst doch unmöglich: ein gottgefälliges Leben und Sühne. Dazu wurde er selbst ein Mensch und erfüllte das Gesetz Gottes mit einem heiligen, sündlosen Leben: "Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht." (Röm. 10,4). Dazu brachte er die Sühne, indem er sich selbst dahingab zum Opfer. Dies alles tat er nicht für sich, sondern stellvertretend für die Menschen, für alle Menschen, wie die Heilige Schrift spricht: "Jesus Christus ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die der ganzen Welt." (1.Joh. 2,2). "Denn einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher denn der Himmel ist, dem nicht täglich not wäre wie jenen Hohenpriestern, zuerst für eigene Sünden Opfer zu tun, danach für des Volks Sünden; denn das hat er getan einmal, da er sich selbst opferte." (Hebr. 7,26.27).

Durch "Gottes Finger" (wie Jesus hier sagt), d.i. durch sein Wort und den Heiligen Geist ruft der Allmächtige nun die Menschen zum Heiland, zur Umkehr, zur Bekehrung. Auf diese Weise kommt das Reich Gottes zu dem einzelnen Menschen. Hört nun ein Mensch die Frohe Botschaft "Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber..." (2.Kor. 5,19), dann wirkt Gottes Heiliger Geist, will den Menschen zu Glaube und Vertrauen an den Sünderheiland bringen. Läßt der Mensch das zu, so ergreift er eben durch den Glauben die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Nicht mehr Feindschaft gegen IHN, sondern lauter Freude ergreift das erlöste Gotteskind: "Er hat uns errettet von der Obrigkeit der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes." (Kol. 1,13).

Aus lauter Gnade und Barmherzigkeit -dir und mir zugute- hat Gott unserem Verderben seinen Sohn entgegengesetzt, ihn zum Heiland gesandt. Der Satan ist ein "starker Gewappneter", aber Jesus Christus hat alle Menschen aus der Gewalt des Teufels erlöst.

2. Dennoch kann ein Christ wieder in die Gewalt des Teufels geraten.

Von dieser furchtbaren Tatsache lesen wir z.B. bei Paulus: "Glaube und gutes Gewissen... haben etliche von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten; unter welchen ist Hymenäus und Alexander..." (1.Tim. 1,19f.). Jesus spricht sogar in unserem Text davon: "Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausfährt, so durchwandelt er dürre Stätten, suchet Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s mit dem Besen gekehret und geschmücket." (Verse 24.25).

Denken wir nur an den König David, den Gott durch den Glauben reingewaschen hatte, wie er sich über die bösen Neigungen seines Herzens zu Ehebruch und Mord verführen und vom Teufel beherrschen ließ. Denken wir an Petrus, der sich als Kind Gottes wieder vom Satan überwältigen ließ und den HERRn Christus dreimal verleugnete. Denken wir an Demas, von dem Paulus erst noch an die Kolosser schreibt: "Es grüßt euch Lukas, der Arzt, der Geliebte, und Demas." und wenige Jahre später: "Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen..." (2.Tim. 4,10). Und über Judas lesen wir: "Es war aber der Satanas gefahren in den Judas, genannt Ischariot, der da war aus der Zahl der Zwölfe." (Luk. 22,3).

Verliert ein Christ den Glaube und das gute Gewissen, dann ist dies eine Folge von fleischlicher Sicherheit. Darum sprach Jesus beizeiten zu Petrus: "Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen." (Luk. 22,31). Der Teufel nimmt das Sieb der Verführung und siebt die Schar der Christen, um zu sehen, ob er nicht diesen oder jenen wieder in seine Gewalt bekommen kann. Mit großem Ernst ruft uns darum Gott zu: "Schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern!" (Phil. 2,12). Mit "Furcht" und Ekel vor neuer Sünde, mit "Zittern" vor einem schrecklichen Ende in der Verdammnis.

Weil eben die Gefahr so nah und die List des Satans so groß ist, sollen wir uns selbst prüfen (2.Kor. 13,5) und täglich die Sehnsüchte und Geschäfte unseres sündigen Fleisches töten (Röm. 8,13). Würden wir dies unterlassen, dann wäre das Haus unsres Herzens durch Trägheit und trügerische Sicherheit fein geschmückt für den Feind. Kehrt er wieder, dann mit Verstärkung: "Dann gehet er hin und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind denn er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie da; und [es] wird hernach mit demselben Menschen ärger denn vorhin." (Vers 26). Es ist -menschlich geredet- schwerer, einen Abgefallenen wieder zu bekehren, als einen, der noch nicht zur Erkenntnis des Heils in Christus gekommen war.

Man möchte mit den Jüngern den HERRn fragen: "Ja, wer kann dann selig werden?" Was antwortete Jesus? "Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich." (Matth. 19,25f.). Darum hören wir zuletzt:

3. Christus aber will bewahren und den Gefallenen aufrichten.

Durch Gottes Gnade kann ein Christ vor erneutem Teufelsdienst bewahrt bleiben und auch der Abgefallene wieder zurückkehren. Gottes Wort ist eine Kraft zur Seligkeit. Wer es hört und zu Herzen nimmt, hat einen starken Harnisch gegen den bösen Feind, denn: "Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren." (Vers 28). Schaffst du dir täglich Freiraum, Gottes Wort zu lesen oder zu hören, dann baut der HERR um dich einen Schutzwall. Je weniger ein Christ sich von Gottes Wort stärken läßt, desto leichteres Spiel hat der Verführer.

Darum: "Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen... Um deswillen so ergreift den Harnisch Gottes, auf daß ihr an dem bösen Tag Widerstand und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget... Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösewichts. Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes." (Eph. 6,11.12a.13.16.17).

Was aber, wenn ein Christ gefallen, ja abgefallen ist - wie damals David, wie Petrus oder Judas? Besteht dann noch Hoffnung für ihn? Lassen wir Gottes Wort sprechen, im Römerbrief lesen wir: "und jene, so sie nicht bleiben in dem Unglauben, werden sie eingepfropft werden; Gott kann sie wohl wieder einpfropfen." (Röm. 11,23). Ja, Gott will es tun: "Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewiglich zürnen. Allein erkenne deine Missetat, daß du wider den HERRn, deinen Gott, gesündiget hast." (Jer. 3,12f.). So spricht auch dein Heiland: "Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlornen, bis daß er’s finde?" (Luk. 15,4).

So hat der HERR und Erlöser auch einen David und einen Petrus wieder angenommen. Wer sich annehmen läßt, ja wer Jesus den Heiland sein läßt, dessen Erbarmen viel größer ist als die Sünde, der erlangt wieder Vergebung, den umhüllt wieder die Gnade des lebendigen Gottes, der wird gewiß selig. Darum ergreife auch heute die Hand deines HERRn und Retters, die er dir entgegenstreckt! Zögere nicht, sondern traue seinem Wort, durch das er dich ruft: "Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünde wie den Nebel. Kehre dich zu mir; denn ich erlöse dich." (Jes. 44,22). Amen.

"Der Gott aber aller Gnade, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, derselbige wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen. Demselbigen sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen." (1.Petr. 5,10.11).

Pfarrer Martin Blechschmidt  


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser