PREDIGT AM SONNTAG ROGATE

 

Christus spricht: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er‘s euch geben" (Joh. 16,23b).

Die Evangelium ist eine herzliche Vermahnung zum Gebet. Denn das ist nach dem Predigtamt der höchste Gottesdienst bei den Christen, daß man bete. Solche Vermahnung hat der Herr getan auch des Abends über Tisch, bald auf die Predigt, da er zu seinen Jüngern sagt: Ihr werdet traurig sein, aber es ist nur um ein Kleines zu tun, so will ich euch wiedersehen, und soll alsdann eure Traurigkeit Freude werden. Auf diesen Trost folgt diese Vermahnung hier zum Beten. Und reimt sich sehr wohl aufeinander. Denn wo ein Christ in Angst, Sorge und Kummer, in Gefahr und Unglück ist, da ist kein anderer Trost und Rat, denn daß er sich an das Gebet halte und schreie zu Gott um Hilfe. Solches lehrt der Herr hier seine Jünger und uns, daß sie im Trauerstündlein des Betens nicht vergessen sollen. Und sagt über die Maßen tröstlich, daß sie zu solchem Werk kühn und unerschrocken sein sollen. (Luther)

Wie oft haben wir schon gerade darüber geseufzt, daß es um unser Beten so schlecht bestellt ist - obwohl wir doch wissen: Die Gebete seiner Kinder sind ihm angenehm, ja es ist sein Wille, daß wir beten; hat er doch verheißen, er wolle uns erhören.

Und doch sind wir viel zu oft zu faul und kalt zum Beten.

Darum gibt Christus uns die hier das Gegenmittel an die Hand und spricht: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er‘s euch geben"

Das ist ein starker Trost und Treueschwur, den wir den größten Hindernissen entgegensetzen sollen.

Das erste Hindernis ist unsere Trägheit.

Der Teufel weiß sehr wohl: Wenn wir im täglichen Kampf gegen ihn unseren himmlischen Vater um Beistand anflehen, wächst uns aus Gottes Schatzkammer eine unüberwindliche Kraft zu.

Darum packt er uns an unserer Trägheit und flüstert uns ein: Du bist jetzt noch nicht bereit, noch nicht in der richtigen Stimmung; warte noch ein wenig, eine Stunde oder zwei, dann bete.

Und darüber vergeht der ganze Tag, ja manchmal vielleicht sogar Tage, weil du erst noch dies und jenes erledigen wolltest, um die rechte Ruhe zu haben, die dennoch nicht gekommen ist.

Darum müssen wir dem Teufel zuvorkommen, ungeachtet dessen, ob wir in der richtigen Stimmung sind oder nicht, ob wir eigentlich erst noch dies und jenes erledigen wollten - auch wenn dir das Beten gerade dann am schwersten zu sein scheint.

Mitten im Beten wird es dir leichter werden und du wirst durch das Gebet zum Beten geschickt werden.

Das zweite Hindernis ist die Unwürdigkeit, die Erkenntnis der Sünde

Der Teufel kennt den wunden Punkt und flüstert: Du willst zu Gott beten, ihn um Beistand und Kraft bitten, willst immerzu beschenkt werden und bist doch so sündig und böse! Warte erst noch ein wenig, daß du besser wirst und frömmer vor ihn trittst!

Aber, lieber Christ, wenn du warten wolltest, bis du nach deiner Meinung frömmer und würdiger bist, du könntest niemals mehr beten.

Setze dich über Würdigkeit und Unwürdigkeit einfach hinweg und bete!

Selbst wenn du erkennst, daß du gerade eben in Sünde gefallen bist oder mitten darin stecken würdest: Falle hin vor deinem Vater im Himmel und sprich: Lieber Vater, im Namen Jesu, hilf mir heraus! -damit dich der Teufel nicht tiefer hineinziehe und ewig daran binde.

Der Satan, Gottes und dein Feind, rät dir mit Lüge und spricht: Du mußt erst aus der Sünde heraus sein, dann darfst du beten.

Die Rettung für dich elenden Sünder aber heißt vielmehr: Je tiefer du in Sünde und Unglück steckst, desto eifriger bete! - wie Gott durch David lehrt: "Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm! HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrocken" (Ps. 6,1f.).

Und seht, wie David durch das Wort des Propheten Nathan die schwere Schuld seines Ehebruchs und Mordes erkennt und sogleich betet: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit! Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde!... Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir" (Ps. 51).

Aber nicht allein durch Gedanken der Trägheit und Unwürdigkeit versucht der Teufel, uns vom Beten abzubringen.

Das dritte Hindernis ist der Zweifel.

Ob Gott denn mein Gebet auch erhören wird? -so fragen wir uns und erkennen oft nicht, daß dieses Zweifeln an der Wahrhaftigkeit Gottes aus der Lüge des Teufels geboren wird.

Der feste Grund, auf dem alle unsere Gebete stehen, ist der Grund Jesus Christus.

Er hat mich durch sein heiliges Leiden und Sterben mit Gott versöhnt, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels; ich bin sein eigen, und durch ihn bin ich Gottes geliebtes Kind.

Hat Gott, der himmlische Vater, doch verheißen: "Und soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören" (Jes. 65,24).

"Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen" (Ps. 50,15).

Und Christus schwört: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er‘s euch geben".

Sollte er lügen? Das sei ferne!

Erkenne in deinem Zweifeln den Feind als den Urheber!

Er will nichts anderes, als dir die Zusage Gottes unsicher machen, daß du an Gottes Wahrhaftigkeit zweifelst und dem Wort des HERRn Christus mißtraust!

Darum gibt uns unser HERR Christus das kräftige Mittel an die Hand , daß wir unsere Trägheit, die Gedanken der Unwürdigkeit und den Zweifel in seiner Stärke besiegen, da er spricht: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er‘s euch geben".

Wie aber können wir nun tagtäglich den Angriffen des Teufels auf unser Beten widerstehen?

Zuerst spricht Christus: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch..."

Er befiehlt seinen Jüngern, zu beten.

Fragen wir, wie wir uns gegenüber dem allmächtigen Gott verhalten sollen, was der rechte und ihm angenehme Dienst sei, so hören wir als erstes: Betet! Bittet!

Es ist also Jesu ausdrücklicher Wille und der rechte Dienst vor Gott, daß wir den Vater in seinem Namen bitten.

Christus erhebt damit das Gebet in einen sehr hohen Stand, indem er hier und auch noch weiter durch seine Apostel lehrt: "Betet ohne Unterlaß!" (1.Thess. 5,17); "Haltet an am Gebet!" (Röm. 12,12); "Und betet stets in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist und wachet dazu mit allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen!" (Eph. 6,18); "Haltet an am Gebet und wachet in demselbigen mit Danksagung!" (Kol. 4,2).

Halte dem Teufel entgegen: Es ist meines HERRn Gottes Wille, daß ich bete! Sündig hin, sündig her, nicht in der richtigen Stimmung? Soll ich etwa deswegen meinem Gott nicht gehorsam sein?

Es ist also nicht die Frage, ob du würdig oder unwürdig bist: Du bist schuldig zu beten, wenn du Gott gehorsam sein willst!

Damit kannst du die Anfechtungen des Teufels niederschlagen.

Zum Zweiten spricht Christus: "Wahrlich, wahrlich..."

Das ist seine Verheißung, auf die du zum anderen achten sollst.

"Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei." (Joh. 16,24b).

Gott gibt oft mehr, als wir zu bitten wagen: vollkommen soll unsere Freude sein - so spricht Christus.

Ist es nicht eine große Schande, daß wir auf Gottes Gebot und Verheißung meistens viel weniger achten als auf die Einflüsterungen des Teufels?

Ja, warum muß Christus es so oft sagen und noch dazu schwören?

Weil wir so träge zum Glauben sind, so mißtrauisch und faul!

Packe darum, lieber Christ, Gott an seiner Verheißung - und du wirst mutig, kühn und zum Beten noch freudiger werden.

Das Dritte ist der Glaube, das rechte Vertrauen zu Gottes Wort.

Findest du in dir also Zweifel und Mißtrauen, so bitte den Vater im Himmel zuerst um die Stärkung deines schwachen Glaubens.

So hat es der bittende Vater getan, als er zu Jesus trat und Jesus sprach: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubet. Und alsbald schrie des Kindes Vater mit Tränen und sprach: Ich glaube, lieber HERR, hilf meinem Unglauben!" (Mark. 9,24).

Auch die heiligen Apostel traten zum HERRn und baten ihn: "HERR, stärke uns den Glauben!" (Luk. 17,5).

Ja, "es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding" (Jer. 17,9), aber je mehr Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnt, desto fester wird sich unser erstarkender Glaube auf das untrügliche, felsenfeste Wort Gottes gründen, daran halten und die Anfechtung überwinden.

In diesem Glauben und Vertrauen dürfen wir Gott kein Ziel setzen, daß wir ihm etwa Zeit und Stunde, Art und Weise oder auch Umfang und Umstände seiner Hilfe vorschreiben.

Er will uns aus lauter Liebe und Gnade Erhörung schenken; darum sollen wir ihm alles anheimstellen und völlig gewiß sein, er werde uns erhören so, wie es das Beste für uns ist.

Nun spricht Christus: "So ihr etwas bittet!"

Damit zeigt er uns, wie wir vor dem Vater im Himmel unsere Nöte ausbreiten und sie beim Namen nennen sollen.

Da ist zuerst die eigene Not, wie der Gelähmte am Teich Bethesda zu Jesus sprach: "HERR, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich beweget, der mich in den Teich lasse..." (Joh. 5,7).

Er nannte seine Not beim Namen und der HERR erhörte ihn.

Oder wie eben David den HERRn bat: "Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist." (Ps. 51).

Und David konnte singen: "Ich will dir danken, HERR, unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten. Denn deine Gnade reicht soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen." (Ps 108,4f.).

Es ist aber auch die Not anderer, die uns zum Beten veranlassen soll.

So trat die kanaanäische Frau zu Jesus mit den Worten: "Ach HERR, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget." (Matth. 15,22).

Und ein andermal lesen wir: "Und sie brachten zu ihm einen Tauben und stumm war; und sie baten ihn, daß er die Hand auf ihn legte." (Mark. 7,32).

Nun spricht Christus: "So ihr etwas bittet!"

Wer bittet und fleht, dem ist es ein wirkliches Anliegen.

Man hat darum das Beten ein "Aufsteigen der Seele zu Gott" genannt.

Es sind die Gebete also nicht allein Worte, tot und kalt, sondern das Gebet ist ein heißes, inbrünstiges Seufzen und Wünschen, ein Sehnen und Flehen.

Darum, spricht der Apostel Paulus, "Hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebühret, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen... denn er vertritt die Heiligen nach dem, was Gott gefällt." (Röm. 8,26f.).

Daß wir nun dahin kommen und unsere Anliegen vor Gott inbrünstig und in beständigem Flehen um Errettung ausbreiten, dazu dienen die Anfechtungen, die Nöte und Probleme.

Denn "Anfechtung lehrt aufs Wort merken" (Jes. 28,19) und "Not lehrt beten".

Das größte Anliegen ist, daß wir selbst und auch andere selig werden. Denn die Macht uns List Satans ist sehr groß und seine Angriffe auf unser Seelenheil sind hart. Es gibt keine wichtigere Bitte als die: HERR, ich brauche deine Hilfe und Gnade, daß ich möge fromm und selig werden" , und daß du dies auch für deinen Nächsten von Gott erflehst.

Sind wir doch oft so selbstsicher, so hochmütig, und sind doch auch unsere Herzen für lästerliche und unreine Gedanken so offen! Läßt du aber deine Seelennot an erster Stelle in deinen gebeten stehen, ja läßt du dir nichts wichtiger sein als dein ewiges Heil, dann werden sich auch alle irdischen Dinge finden. So hat auch Salomo zuerst um ein gehorsames Herz gefleht (denn er wußte, wie traurig es damit aussah) und Gott hat ihm das Irdische dazu geschenkt.

Zuletzt spricht Christus: "So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen..."

"In Jesu Namen beten" heißt nichts anderes, als daß wir im Glauben, im festen Vertrauen auf den Heiland Jesus Christus vor Gott treten.

"In Jesu Namen beten", d.h. in der Zuversicht, daß Jesus Christus der Mittler ist zwischen uns elenden Sündern und dem heiligen Gott, denn ohne Christus verdienen wir vor Gott nichts als Ungnade und Zorn.

Der Apostel lehrt: "Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRn Jesum Christum, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade..." (Röm 5,1f.).

Recht im Namen Jesu bitten heißt: Sich darauf verlassen, daß wir um Christi willen von Gott angenommen und erhört werden.

Das ist das Hauptstück und der Grund, darauf das Gebet stehen und ruhen soll, und daher es seine Güte und Würde hat, daß es Gott gefällt, und die Kraft und Macht, daß es muß erhört werden. Darum tue du also, daß du eben darum auf die Knie fallest, so du fühlst, daß du nicht würdig bist, auch nicht würdig kannst werden, und dich an den Christum hängest und das Gebet auf ihn werfest und also vor Gott bringest, daß er‘s um seinetwillen annehmen und hören wolle, und ja beileibe nicht solch Gebet in Zweifel oder auf Ungewißheit setzest, sondern gewißlich glaubest, daß dein Gebet vor Gott kommen und getroffen habe und schon JA ist, weil es auf den Namen Christi getan ist und mit dem Amen beschlossen, womit er selbst hier sein Wort bestätigt." (Luther). Amen.


Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser