Predigt am Sonntag Sexagesimä (60 Tage vor Ostern)
Und auf daß ich mich nicht der hohen Offenbarung überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Dafür ich dreimal zum HERRN gefleht habe, daß er von mir wiche. Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2.Kor. 12,7-10)
Auf der ersten Missions-Reise kamen Paulus und seine Mitarbeiter schließlich nach Lystra und Ikonien.
Sie stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, daß sie im Glauben blieben, und daß wir durch viel Trübsale müssen in das Reich Gottes gehen. Apg 14,22. "Trübsale" oder "Bedrängnisse" sind Anfechtungen um des Glaubens willen. Wer aus dem Bannkreis der Sündenmacht erlöst ist, muss einerseits damit rechnen, dass der Teufel ihn wieder zurück zu holen sucht. Andererseits haben Bedrängnisse auf dem Weg des Glaubens ihren Sinn: Unser Gott und Vater im Himmel trainiert damit unser vertrauen zu ihm.
Aus diesem Grund schreibt Paulus: Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden... Röm 5,3-5.
In der Nachfolge Jesu erleben wir darum Großes: Wenn wir meinen, nun sei alles aus, wir wären mit unseren Kräften am Ende, dann tritt er selbst, unser Herr hervor. Und es geschieht genau das, was der Prophet Jesaja schreibt: Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft... Jes 40,29ff.
Auch Paulus kannte hatte diese Erfahrung gemacht. Aus seinem Erleben sollen uns Gottes Wege deutlich werden. Wir erfahren, was wir von unseren Anfechtungen halten sollen und wie wir darin Gottes Liebe zu uns erkennen dürfen.
Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
Was für eine Züchtigung das war, beschreibt er nicht näher. War der "Pfahl im Fleisch" ein schmerzhaftes körperliches Leiden? Waren es schwere Anfechtung, Depressionen, eine immer wiederkehrenden Versuchung, Gewissensschmerzen über sein früheres Leben? Oder war es der hasserfüllte Widerstand der Feinde des Evangeliums? Jedenfalls umschreibt er sein leiden mit den Worten: "des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll".
Hätte Gott das alles nicht verhindern können - immerhin war Paulus ja sein Apostel. Hätte Paulus dann nicht viel besser im Reich Gottes arbeiten können? Gott aber ließ es zu. Paulus hatte wiederholt um Befreiung gebeten, aber der Herr nahm die Last nicht von ihm. Inzwischen sah er darin auch den Sinn, denn -wie er jetzt davon berichtet- erklärt er uns schon, wie er sein Leiden sieht: ... damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch.
"Hohe Offenbarungen" hatte der Apostel Paulus vom HERRn empfangen - wie wir es gerade eben vorhin gehört hatten, war entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann (2Kor 12,4). Dazu hatte er -anders als die anderen Apostel- die Wahrheit über Jesus nicht selbst erlebt, sondern durch eine außerordentliche Offenbarung erhalten (Gal 1,11.12). Der Apostel kannte den Grund für sein Leiden. Er kannte die Gefahr, hochmütig und überheblich zu werden, auf andere herab zu blicken und um der empfangenen hohen Gaben willen mehr von sich zu halten, als sichs gebührt zu halten (Röm 12,3). Aus diesem Grund, sagt er, hat Gott mir diesen sehnlichen Wunsch nicht erfüllt.
Ähnliche Erfahrungen müssen alle Kinder Gottes mehr oder weniger machen. Es gibt viele Christen, die sehr geplagt werden. Die einen stöhnen unter der Last einer schweren Krankheit, die anderen erleiden große Anfechtungen, wieder andere sind dem Spott oder sogar der Verfolgung ausgesetzt. Wohl alle miteinander haben wie der Apostel schon mehrmals zum Herrn gefleht, dass ers ihnen abnehme. Aber Gott befreite sie von dieser Bürde nicht!
Trübsal, Leiden, Anfechtungen kommen nicht von ungefähr! - und nichts geschieht, was der HERR nicht will! Wir alle haben das sündige Fleisch noch an uns, mit seiner Neugier auf neue Sünde, das unseren Willen zum Guten lähmt und das uns hindert, beständig zu sein bis an unser Ende! Wir haben aber auch einen treuen, liebenden Vater der uns züchtigt... zu unserem Besten. Hebr 12,10.
Mit Paulus glauben wir, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen Röm 8,28. So erkennst du ja in deinem Herzen, daß der HERR, dein Gott, dich erzogen hat, wie ein Mann seinen Sohn erzieht." 5Mose 8,5.
Denn wen der HERR lieb hat, den züchtigt er... Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müsst. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Hebr 12,6.7.
Wir wissen viel darüber, können es anderen auch erklären, doch wenn wir es erleben, stöhnen wir unter der Last der Erziehung unseres himmlischen Vaters! Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein... Hebr 12,11. So kommt, dass Kinder Gottes den Vater anflehen, er möge die Last von ihnen nehmen. Das ist nichts Unrechtes will Gott doch das inständige Gebet und hat zu helfen versprochen! Was aber, wenn sie bleibt? Woher sollen wir wissen, ob der HERR uns erst dann davon befreit, wenn wir ihm in den Ohren liegen wie die bittende Witwe im Gleichnis - oder ob es eine bleibende Last ist wie bei Paulus?! Der Apostel Paulus hatte es gut; er bekam eine klare Antwort! Darauf wollen wir nun noch unseren Blick lenken.
2 Was Gott dem Paulus geantwortet hat
Paulus erzählt: Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Für Paulus war diese Antwort sehr wichtig! Wie schnell hätte er in seinem Leiden zur Ungewissheit kommen, ja verzweifeln können. Hätte er gedacht: Ich habe zu schwer gesündigt; ich hatte die Gemeinde Gottes verfolgt. Jetzt bestraft Gott mich dafür. Ich stehe unter seinem Zorn ...wie hätte er dann noch weiter mit Freude die Frohe Botschaft verkündigen können?! Ohne felsenfest davon überzeugt zu sein, dass der Herr mit ihm ist, hätte er neue Leiden nicht überstanden! Nun aber gab der Herr ihm Antwort: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Das heißt doch nichts anderes als: Lieber Paulus, ich könnte deine Bitte schon erfüllen. Aber es ist besser für dich, dass du dieses schwere Kreuz noch eine Zeitlang trägst. Es ist kein Zeichen meines Zornes. Ich habe dich lieb, darum wird dir dieses Leiden nicht schaden. Es dient zu deinem Besten. In all dem freue dich von Herzen, dass du durch den Glauben an Jesus Christus zum Frieden mit mir gefunden hast. Daran lass dir genügen.
Er hat auch uns mit dem Blut Jesu von unseren Sünden gereinigt, zu seinen Kindern, zu Erben des ewigen Lebens gemacht. Das ist das Größte und Herrlichste! Wir leben im Frieden mit Gott und haben ein ganz wunderbares Ziel! Auch wir wollen uns vom Wort der Gnade unseres Gottes trösten lassen, selbst wenn fast jeder unter uns klagen könnte, z.B. über Krankheit oder schwere Anfechtungen. Oft mag es Christen oder einer ganzen Gemeinde scheinen, als ob Gott nicht mehr für sie, sondern gegen sie sei. Sein Handeln kommt uns oft sehr seltsam vor, ja mag uns vor den Kopf stoßen. Doch jedes Kind Gottes weiß, wie nötig wir seine Erziehung haben.
Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er den muss er wieder und wieder auch durch Leid an sein Vaterherz ziehen! Wir wissen doch, dass in uns, das heißt in unserem Fleisch, wohnt nichts Gutes (Röm 7,18). Sind wir nicht tatsächlich "arg, sicher, faul und kalt" (wie es in einem Lied heißt? Hassen wir das Böse in jedem Fall? -oder liebäugeln wir nicht oft sogar sehr stark mit unreinen Dingen? Ist denn unsere brüderliche Liebe untereinander herzlich? (Röm.12,9.10) Kommt einer dem anderen mit Ehrerbietung zuvor? Sind wir nicht oft träge, in dem, was wir nach Gottes Willen tun sollen? (Röm 12,11).
Jedem Kind Gottes tut das leid; und es kämpft ernsthaft gegen die Sünde und fleht beim Vater um Hilfe. Wenn du siehst, was für ein erbärmlicher Sünder du immer noch bist, entfällt dir dann dein Mut nicht auch oft gänzlich?! Seufzt du dann nicht auch mit Paulus: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib? (Röm 7,24) Die Antwort heißt: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren HERRn! (Röm 7,25).
Damit wir unseren hilfesuchenden Blick von ihm, dem Heiland, nicht abwenden, damit wir an unserer ohnmächtigen Kraft verzweifeln und all unsere Hoffnung allein auf Jesus setzen, darum muss Gott der Vater uns manchmal sehr demütigen! Gott erzieht uns, weil er uns lieb hat. Ein Herz, das sich für stark hält, sehnt sich doch nicht nach göttlicher Stärke!
Der Herr will uns dahin bringen, dass wir bekennen: Ich bin nichts, Jesus ist alles. Ich bin schwach, der Herr macht mich stark. Das gilt auch für die Ausbreitung des Evangeliums: Ich bin nichts, Jesus ist alles! Ich bin schwach, der Herr ist stark! Aber seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!
Es ist ein Irrtum, wenn wir Paulus immer als den starken nimmer müden Heidenapostel sehen, der voller Selbstvertrauen von Ort zu Ort zog und mit großem Mut und ausgefeilten Worten Mission trieb - zu dem scharenweise die Leute eilten. Das Gegenteil ist der Fall, wie wir aus der Apostelgeschichte und aus seinen Briefen erfahren. An die Korinther schreibt er davon: Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern... 1Kor 2,3. Erst als Paulus ganz klein war, konnte der Herr Großes durch ihn ausrichten.
Als Paulus durch Gottes erziehende Gnade so weit war, sprach er: Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Die Kraft Christi - auf die kommt alles an! -nicht auf uns. Es kommt nicht darauf an, was die Leute vorher von uns denken und was sie hinterher von uns denken mögen. Es kommt darauf an, dass Seelen, die von Jesus teuer erkauft sind, von ihrem Heiland erfahren.
Solche, von denen wir wissen, dass in ihren Kirchen Falsches vom Heiland gelehrt wird, sollen wenigstens angeboten bekommen, Gottes Wahrheit zu erfahren. Erst wenn wir erkannt haben, dass wir gar nichts vermögen, kann Christus uns als seine Werkzeuge gebrauchen. Und erst, wenn wir bereit sind, noch mehr Schmach Christi auf uns zu nehmen, werden wir wirklich willig und frei sein. Erst wenn wir erkannt haben, dass wir uns am liebsten aus Scham drücken, werden wir von Paulus das "Dennoch!" lernen und mit ihm laut laut rufen: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Röm 1,16.
Das ist auch Gottes Antwort an dich: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! - Seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder. (Hebr.12,8).
Das ist ein reiches Trostwort in dieser unvollkommenen, an Leiden reichen Welt! Was können uns alle körperlichen oder psychischen Nöte schaden, alle Anfechtungen der Seele, aller Spott und Hohn, wenn wir Jesus, Gottes Sohn, zum Bruder und Gott zum liebenden Vater haben? Allein die Gnade macht uns zeitlich und ewig glücklich. Darum lasst uns laufen in dem Kampf, der uns verordnet ist und aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. (Hebr 12,1f). Daran wollen wir uns genügen lassen, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Blechschmidt, Steeden a.d. Lahn -- Zuschriften an den Verfasser