Predigt am dritten Sonntage nach Trinitatis von D. Carl
Ferdinand Wilhelm Walther aus dem Predigtbuch "Licht des
Lebens"
St. Louis, Mo. CONCORDIA PUBLISHING HOUSE 1905
Unverändert: Die Rechtschreibung und die
Ausdrucksweise sind nicht der heutigen angepasst
Wir danken Herrn Ron Lah [USA], der den Text
eingescannt und zur Verfügung gestellt hat.
Jesus nimmt
die Sünder an!
Gott gebe euch allen viel Gnade und Friede durch die Erkenntnis Gottes und JEsu Christi, unseres HErrn! Amen.
In demselben, unserem teuren Heilande, herzlich geliebte Zuhörer!
Als einst nach dem Berichte unseres heutigen Evangeliums allerlei Zöllner und Sünder zu Christo nahten, daß sie ihn hörten, und Christus dieselben ohne Ausnahme freundlich aufnahm, da riefen die anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten mit der Miene der Verachtung und des Hohnes aus: Dieser nimmt die Sünder an! Also sie wollten damit sagen: Sehet da, was für ein Mensch dieser JEsus ist: er nimmt die Sünder an; er muß demnach ein Mann von ihrer Gesinnung sein, denn Gleich und Gleich gesellt sich ja gern!
Was tut nun hierauf Christus? Weit entfernt, jenes Wort, das ja nur einen ihn schändenden Vorwurf enthalten sollte, zu widerlegen, so bestätigt er dasselbe vielmehr als in der Wahrheit gegründet durch die drei Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn, welche Gleichnisse nichts anderes sagen sollten als: Ja, ja, so ist es; ich nehme die Sünder an; ich kann ja nicht anders.
So hat es denn Gott also gefügt, daß die Feinde Christi, obwohl sie dabei nur Böses im Sinne hatten, wider Willen einen Satz haben aussprechen müssen, der nun zu den trostreichsten gehört unter allen, die in dem ganzen geschriebenen Worte Gottes zu finden sind, die Wahrheit nämlich: JEsus nimmt die Sünder an - eine Wahrheit, die, so hell wie die Sonne unter den anderen Sternen, unter den anderen Sprüchen der heiligen Schrift hervorleuchtet; eine Wahrheit, in welcher das ganze Evangelium in dem allerkürzesten Auszug, des ganzen Evangeliums Saft und Kraft, Kern und Stern eingeschlossen liegt. Denn hiermit ist es ausgesprochen, daß der Heiland keinen Unterschied macht; wer nur ein Sünder ist, der zu ihm kommt, den nimmt er an, vergibt ihm seine Sünde und macht ihn selig, mag er nun ein alter oder ein junger Sünder sein, ein armer oder ein reicher, ein vornehmer und in der Welt hochangesehener oder ein Sünder niedrigen Standes und ein von allen Menschen verachteter, ein gelehrter oder ein ungelehrter, ein mit vielen, unzähligen oder ein mit nicht so vielen Sünden beladener, ein noch nie begnadigter oder ein begnadigt gewesener und einmal oder schon oftmals abgefallener, ein offenbar lasterhaft gewesener oder ein immer ehrbar gebliebener Sünder sein; . kurz, was für ein Sünder ein Mensch auch sein mag, jeden, jeden Sünder nimmt JEsus an, so er nur zu ihm kommt, es sei auch, wo und wann es wolle, sei es an einem heiligen oder an einem unheiligen Orte, sei es in der ersten oder letzten Stunde seines Lebens, mag er nun vor Traurigkeit weinend oder vor Freude lachend kommen, und mag es vor Angst und Zagen kriechend oder vor Zuversicht und Glaubensmuth hüpfend und springend geschehen.
O wie viele Millionen armer, von ihren Sünden tief niedergebeugter Sünder mögen sich daher schon an dem Ausspruch: JEsus nimmt die Sünder an , aufgerichtet haben! Wie viele Prediger des Evangeliums mögen schon mit diesen Worten: JEsus nimmt die Sünder an, tief verwundete Gewissen geheilt haben, die nichts anderes heilen wollte! Wie vielefelsenharte Herzen mögen schon durch dieses Wort: JEsus nimmt die Sünder an, erweicht worden sein, nachdem nichts anderes, selbst keine Strafe und Drohung, sie hatte zerschmelzen können! Wie viele, die schon am Rande der Verzweiflung standen und meinten, für sie sei keine Hülfe mehr, mag schon jenes Wort: JEsus nimmt die Sünder an, von dem furchtbaren Abgrund zurückgezogen und ihnen die arme zerrissene Seele mit dem Trost, daß auch für sie noch Gnade sei, und mit der Hoffnung der Seligkeit erfüllt und sie so aus der Höllenangst in den Himmel der Glaubensfreudigkeit versetzt haben! Wer ist unter uns, der nicht schon etwas von jener Süßigkeit geschmeckt haben sollte, die in dem Worte liegt: JEsus nimmt die Sünder an? Der heilige Ambrosius schreibt: "Süßes Wort, süßer denn Honig: Dieser nimmt die Sünder an! Dieses Wort war immer meine Hoffnung."
Doch, meine Lieben, so tröstlich auch jenes Wort unseres heutigen Textes ist, so enthält derselbe doch noch einen größeren Trost; er sagt uns nämlich nicht nur, daß JEsus die Sünder annimmt, wenn sie zu ihm kommen, sondern daß er ihnen auch nachgeht und sie sucht, wenn sie nicht zu ihm kommen, ja, daß JEsu liebende Sorge für einen Menschen nicht nur nie aufhört, sondern allezeit um so größer wird, je weiter sich derselbe von ihm verirrt. Diese überschwänglich trostreiche Wahrheit laßt uns denn jetzt gemeinschaftlich unter Gottes Gnadenbeistand betrachten.
Text: Luc. 15, 1-10.
Es
naheten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn höreten.
Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murreten und sprachen:
Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen. Er sagte aber zu
ihnen dies Gleichniß und sprach: Welcher Mensch ist unter euch,
der hundert Schafe hat, und so er der eines verlieret, der nicht
lasse die neun und neunzig in der Wüste, und hingehe nach dem
verlornen, bis daß er es finde? Und wenn er es funden hat, so
legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heim kommt,
ruft er seinen Freunden und Nachbarn, und spricht zu ihnen:
Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf funden, das
verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein
über einen Sünder, der Buße thut, vor neun und neunzig
Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Oder welch Weib ist,
die zehn Groschen hat, so sie der einen verlieret, die nicht ein
Licht anzünde und kehre das Haus, und suche mit Fleiß, bis daß
sie ihn finde? Und wenn sie ihn funden hat, rufet sie ihren
Freundinnen und Nachbarinnen, und spricht: Freuet euch mit mir;
denn ich habemeinen Groschen funden, den ich verloren hatte. Also
auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über
einen Sünder, der Buße thut.
Unsere gottseligen Väter haben
den heutigen Tag um des eben verlesenen heutigen Text-Evangeliums
willen sehr hoch gehalten, wie ein großes Fest, und haben ihn
sehr lieblich zum Unterschied von anderen Festen das Armesünder-Fest
genannt. Möge uns denn der Heiland selbst den heutigen Tag zu
einem solchen Feste machen, indem ich euch jetzt die Wahrheit
vorstelle:
Daß Christi liebende Sorge für einen Menschen nicht nur nicht aufhört, sondern um so größer wird, je weiter sich derselbe von ihm verirrt.
Wir erwägen hierbei
1. den seligen Inhalt dieser Wahrheit und
2.
den rechten Gebrauch derselben.
HErr
JEsu, Du Sohn Gottes, Du bist nicht nur einst vom Himmel
herabgekommen und ein Mensch geworden, um zu suchen und selig zu
machen alles, was verloren war, sondern noch immer bist Du der
gute Hirte, der den verirrten Schafen nachgeht und nicht ruhen
noch rasten mag, bis er sie gefunden hat und auf seinen Achseln
heimtragen kann in die himmlischen Hürden. Jede unserer
unvergebenen Sünden ist eine Wunde in Deinem treuen
Hirtenherzen, die Dich schmerzt. Ob darum bei uns ist der Sünden
viel, bei Dir ist viel mehr Gnade. O so offenbare Dich denn uns
durch Dein Wort, wie Du bist, damit wir getrost zu Dir kommen,
wie wir sind, und bei Dir finden, was uns noth ist: Vergebung,
Gnade, Gerechtigkeit und Friede und Freude und dort die ewige
Seligkeit. Amen. Amen.
1.
Als, meine Lieben, die Pharisäer und Schriftgelehrten murrend und spottend von JEsu gesagt hatten: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen, da meinten sie schon, hiermit hätten sie mehr gesagt, als JEsus selbst werde zugebenwollen; da meinten sie, schon hiermit hätten sie ihm eine Liebe zu den Sündern zugeschrieben, deren er sich gewiß selbst schämen werde. Und es ist wahr, daß JEsus, der allerheiligste Sohn Gottes, die Sünder, auch die größten, abscheulichsten Sünder, wenn sie nur bußfertig zu ihm kommen, jederzeit vor aller Welt anzunehmen sich nicht schämt, das ist eine Liebe und Gnade, die wir Menschen nicht fassen und begreifen, über die wir nur voll Freude und Verwunderung jauchzen und frohlocken können. Aber was thut Christus? Um seinen wahren Sinn in Absicht auf die Sünder zu offenbaren, antwortet er den Pharisäern und Schriftgelehrten vorerst durch folgende Gleichnißrede: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er der eines verlieret, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen? Sehet, Christus ist also hiernach nicht nur bereit, wenn die Sünder bußfertig zu ihm kommen, sie anzunehmen: er wartet selbst nicht darauf, bis sie zu ihm kommen. Er weiß, wollte er darauf warten, so würde auch nicht Ein Sünder zu ihm kommen; er kommt daher jedem Sünder mit seiner Gnade zuvor; er geht ihm nämlich, wie ein Hirte seinem verirrten Schafe, nach und sucht ihn auf. Mag also ein Sünder immerhin alle Liebe zu Christo verloren haben, so hat doch Christus seine Liebe zu ihm auch dann noch nicht verloren und abgelegt. Mag ein Sünder immerhin Christum nicht mehr für seinen Hirten erkennen und ihm nicht folgen wollen, so erkennt. doch Christus ihn auch dann noch für sein theures, aber verirrtes Schäflein. Mag ein Sünder immerhin keine Sorge und Kümmernisse deswegen in seinem Herzen tragen, daß er JEsum aus seinem Herzen verloren hat, so trägt doch JEsus auch dann noch Sorge um ihn, daß er ihn aus seiner Heerde verloren hat. Ja, wißt es, ihr alle, die ihr nichts nach JEsu mehr fraget, er fragt darum doch nach euch; die ihr ihn nicht mehr suchet, er sucht doch darum euch; die ihr ihn nicht mehr liebet, er liebt darum doch euch; die ihr immer weiter von ihm gehet, er geht euch doch darum immer weiter nach.
Doch, meine Lieben, Christus sagt in unserem Gleichniß nicht nur, daß er wie ein Hirte hingehe nach dem verlorenen Schafe, sondern er setzt auch hinzu: bis daß er es finde. Was heißt das? Gibt es nicht zahllose Sünder, die sich von Christo nie finden lassen? Ach, leider ja! Aber eben hieraus sehen wir, wenn Christus nun dennoch sagt, er suche die verlorenen Sünder, bis daß er sie finde, so will er damit anzeigen, daß er nie, nie aufhöre, einen Sünder zu suchen. Es ist also nicht wahr, was einige behaupten wollen, daß nämlich ein jeder Mensch schon in diesem Leben einen bestimmten Gnadentermin habe, bis zu welchem Christus ihm nachgehe; sei dieser Termin abgelaufen, so sei ihm dann die Gnadenthür schon hier auf immer verschlossen. Vielmehr das Gegentheil hiervon bezeugt Christus selbst in unserem Texte, daß er nämlich einen jeden Sünder so lange suche, bis er ihn finde; solange er ihn also noch nicht gefunden hat, geht ihm Christus auch noch immer nach. Solange darum ein Mensch noch lebt, so lange steht ihm auch nicht nur, so er kommt, die Gnadenthür noch offen, sondern so lange trägt ihm auch Christus die Gnade noch nach. Und selbst wenn der größte Sünder bereits auf dem Todtenbette liegt und Satan sich schon freut, den Elenden nun bald in seiner Hölle zu sehen, so streckt doch JEsus noch immer seine Gnadenhände auch nach einem solchen Sünder in seiner letzten Stunde aus und ruft durch das Evangelium in der allerbrünstigsten Sünderliebe ihm zu: O unglücklicher Sünder, komm, komm doch noch zu mir; es ist noch nicht zu spät, bei mir ist noch Gnade! Wir sehen dies recht deutlich an dem Verräther Judas. Noch im Augenblick seines Verrathes streckte Christus seine Gnadenhände als der treue Hirte auch nach diesem ganz verlorenen Schafe aus und sprach zu ihm: Mein Freund, warum bist du kommen? Juda, verräthest du des Menschen Sohn mit einem Kuß? O hätte er die jetzt nach ihm ausgestreckte Hand Christi ergriffen, sie mit den Thränen seiner Buße genetzt und nach Gnade geseufzt, so wäre auch ihm noch Gnade geworden.
Doch, meine Lieben, selbst hiermit haben wir noch nicht die ganze Größe der uns geoffenbarten Sünderliebe Christi uns vergegenwärtigt. Bedenkt, Christus vergleicht sich in unserem Texte mit einem Hirten, der auch die neunundneunzig bereits in Sicherheit gebrachten Schafe verläßt, um dem Einen verlorenen. Schafe nachzugehen. Hiermit will nun zwar Christus natürlich nicht sagen, daß auch er die geretteten Sünder verlasse, um die verlorenen zu retten, denn er kann ja vermöge seiner Allgegenwart den Verlorenen nachgehen, ohne die Geretteten zu verlassen; aber das will Christus hiermit offenbar sagen, daß seine liebende Sorge für einen Menschen, weit entfernt abzunehmen, um so größer wird, je weiter sich derselbe von ihm verirrt.
Christus ist also selbst gegen die treulosesten Sünder gesinnt wie eine zärtliche Mutter gegen ihre sie liebenden Kinder. Wie eine Mutter um dasjenige ihrer Kinder immer bekümmerter wird, das immer kränker und elender wird, und wie sie in um so größerer Liebe gegen dasselbe entbrennt, je hoffnungsloser dessen Krankheit endlich zu werden scheint, so wird Christi liebende Sorge um einen Sünder immer um so brünstiger, gerade je kälter derselbe gegen ihn wird. Christus sieht dann in der immer größer werdenden Sünde des Sünders nur seine immer größer werdende Noth an. Anstatt daher sich dieselbe dazu bewegen zu lassen, den Sünder aufzugeben und seinem verdienten Schicksal zu überlassen, läßt sich Christus vielmehr durch das immer tiefere Sinken des Sünders bewegen, sich desselben immer sorgsamer anzunehmen. Christus zeigt dies auch durch das andere Gleichniß an, wenn er spricht: Oder welch Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie der einen verlieret, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? Hieraus sehen wir, je mehr sich ein Mensch vor Christo verbirgt, je mehr wendet Christus Fleiß an, ihn zu suchen; er geht ihm mit dem Lichte seines Wortes selbst in die finsteren Schlupfwinkel der Sünde nach; ersucht ihn, wie ein blutarmes Weib ihren verlorenen Groschen, selbst in dem schmutzigsten Auskehricht der Welt auf und klopft selbst dann mit seinem guten Geiste an des Sünders Herz an, wenn derselbe, seines Heilandes und seiner Seligkeit vergessend, verachtend und verspottend, in dem Pfuhl der unfläthigsten Laster liegt. Je größer des Sünders Sünde wird, desto größer wird Christi Gnade; je tiefer der Sünder fällt, desto höher steigt Christi Liebe; je weiter der Sünder sich von Christo entfernt, desto lauter ruft Christus ihm nach und desto weiter eilt Christus ihm voran, um ihm mitten auf seinem Sünden- und Höllenwege zu begegnen und ihn in seine Arme zu leiten. Und wenn alle Welt endlich meint, daß ein Sünder nicht mehr werth sei, daß ihn auch nur die irdische Sonne bescheine, wenn alle Welt sich eines Sünders als eines Auswurfs der Menschheit endlich schämt und mit Abscheu sich von ihm wendet, so wallt hingegen Christi Herz von nur um so größerem Verlangen, diesen Abschaum menschlicher Bosheit in ein Wunderbeispiel der siegenden Allmacht seiner Gnade und seines Erbarmens zu verwandeln. Daher heißt es denn in jenem Liede:
O
solltest du sein Herze sehn,
Wie sichs nach armen Sündern sehnet. Sowohl wenn sie noch irre
gehn, Als wenn ihr Auge vor ihm thränet! Wie streckt er sich
nach Zöllnern aus! Wie eilt er in Zachäi Haus! Wie sanft stillt
er der Magdalenen Den milden Fluß erpreßter Thränen, Und denkt
nicht, was sie sonst gethan! Mein Heiland nimmt die Sünder an.
2.
Doch, meine Lieben, haben wir nun einen Blick in die Wahrheit gethan, daß Christi liebende Sorge für einen Menschen nicht nur nicht aufhört, sondern gerade um so größer wird, je weiter sich derselbe von ihm verirrt, so laßt uns nun zweitens auch den rechten Gebrauch dieser Wahrheit kennen zu lernen suchen.
Der erste Gebrauch dieser Wahrheit ist offenbar kein anderer. als dieser, daß wir hieraus JEsum recht erkennen in seiner großen Sünderliebe und an seiner Gnade nie und nimmer verzweifeln noch verzagen. Die allergewöhnlichste List des Satans, durch welche schon unzählige Menschen in die Hölle gestürzt worden sind, ist nämlich diese, daß der Satan dem Menschen einen falschen Christus vormalt. Erst sucht der Satan den Menschen zu überreden, daß er Christum doch haben und genießen könne, wenn er auch in dieser und jener Sünde lebe. Gibt aber der Mensch auf dieses satanische Eingeben der Sünde Raum und bekommt er nun ein böses Gewissen, so kehrt Satan seine Waffe um und sucht den Menschen zu überreden, nun habe er die Gnade für immer verscherzt, Christus sei nun sein Feind, Christus frage nun nichts nach ihm, Christus möge ihn nun nicht, er. sei nun verloren, er müsse nun an seiner Seligkeit verzweifeln. Durch solche Gedanken bringt Satan gewiß mehr Seelen um ihr ewiges Heil als selbst durch Sünde und Laster.
Prägt es euch daher tief ein, liebe Zuhörer, was der Heiland in unserem heutigen Evangelium selbst von sich bezeugt. Seid ihr in Sünden gefallen, seid ihr tief gefallen, habt ihr auch vielleicht lange Zeit Christum verlassen und wissentlich und muthwillig verleugnet, sagt euch daher euer Gewissen, daß ihr werth wäret, von Christo auf immer verstoßen zu werden, so verzaget und verzweifelt darum nicht an eurer Seligkeit. Denket nicht, daß Christus um eurer Sünde und großen Untreue willen euch nicht mehr liebe und euch nicht mehr möge. Es ist nicht wahr: Christus liebt euch noch immer als seine verirrten Schäflein; nicht mit Zorn, sondern mit erbarmungsvollem Herzen sah er euch nach, als ihr ihn verließet und den Weg der Sünde und des Verderbens einschluget. Ja, wurde eure Sünde von Tag zu Tage größer, so wurde auch Christi liebende Sorge um euch größer und größer. Christus hat euch darum nie etwas Böses gewünscht, sondern voll von göttlichem Mitleid behielt er, als ihr euch immer weiter von ihm entferntet, das brünstige Verlangen in seinem Herzen, euch wieder zu gewinnen. Er ist euch auch überallhin nachgegangen und hat euch bald durch Lieb, bald durch Leid, bald durch Glück, bald durch Unglück, bald durch sein Wort äußerlich, bald innerlich durch die Gnadenzüge seines Heiligen Geistes gesucht; er sucht euch auch noch heute, auch jetzt wieder, da ihr dies aus meinem Munde höret. Gebet darum eurem eigenen, euch verdammenden Herzen oder dem Satan nicht Raum, wenn es in eurem Herzen heißt: Du hast es zu grob gemacht, nun ist das Gnadesuchen zu spät, du bist verloren. Nein, nein! es ist nicht zu spät; solange der Mensch noch in der Gnadenzeit lebt, streckt JEsus die Hände nach ihm aus und spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Ja, wo die Sünde mächtig worden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger worden. Wie es in jenem Liede heißt:
Ja, JEsus nimmt die Sünder an. Wenngleich ihr tiefer Seelenschade Verzweifelt böse heißen kann; Sein Wort verkündigt große Gnade. Wer recht vor andern gottlos heißt, Wen jedermann zur Hölle weist, Wer durch sein teuflisch böses Leben Schon alle Hoffnung aufgegeben, Auch der ists, dem man sagen kann: Komm, JEsus nimmt dich Sünder an! Sprich nicht, ich hab's zu grob gemacht. Ich hab die Güter seiner Gnaden So lang und schändlich umgebracht; Er hat mich oft umsonst geladen! Wofern du's nur jetzt redlich meinst Und deinen Fall mit Ernst beweinst, So soll ihm nichts die Hände binden. Und du sollst noch Genade finden. Er hilft, wenn sonst nichts helfen kann: Mein Heiland nimmt die Sünder an.
Doch, meine Lieben, Verzweiflung
ist allerdings nicht der einzige Grund, warum so viele Sünder
verloren gehen, ein anderer ist auch dieser, weil viele, wenn sie
hören, daß Christus auch der größten Sünder sich erbarme und
sie jederzeit annehme, es nun aufschieben, sich von JEsu, der sie
sucht, finden zu lassen. Der zweite heilsame Gebrauch der von uns
betrachteten Wahrheit ist daher dieser, daß man sich auch von
Christi liebender Sorge ohne Aufschub finden lasse.
So wahr es nämlich ist, wie wir an den Zöllnern und Sündern in unserem Evangelium sehen, daß Christus, solange es heute heißt, nicht nur bereit ist, den kommenden Sünder zu begnadigen, sondern auch fort und fort ihn sucht und sozusagen immer ängstlicher sucht, wie eine Mutter ein verlorenes Kind, so zeigt doch auch zugleich das Beispiel der Pharisäer und Schriftgelehrten in unserem Evangelio, daß ein Mensch, wenn er alle Lockungen des Heilandes verachtet, zuletzt in einen solchen Zustand gerathen kann, daß er endlich auch das lauteste Rufen und Anklopfen des Heilandes an seinem Herzen nicht mehr hört und fühlt. Denn obgleich Christus, der gute Hirte, durch seine tröstlichen Gleichnisse auch die Pharisäer, diese allerverlorensten Schafe, gesucht hat, so haben sie sich doch mit wenigen Ausnahmen nicht finden lassen, sind vielmehr endlich in die größte Verblendung und Verhärtung gerathen und mit den meisten Einwohnern Jerusalems verloren gegangen, daher Christus endlich mit Thränen ausrufen mußte: Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! O wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet; aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.
O so ziehe denn niemand unter uns Christi Gnade auf Muthwillen! Er ruft auch heute wieder uns allen zu: Kommet zu mir! So laßt uns denn seiner Stimme folgen und uns zu ihm versammeln und ewig zu ihm halten, und die wir schon zu ihm gekommen sind, uns in Christi Gnade freuen, als ob wir heute das erste Mal sie gefunden hätten, so wird heute desto größere Freude auch im Himmel sein vor den Engeln Gottes über viele Sünder, die da Buße thun. Amen.
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