Das Grundbekenntnis
der
evangelisch - lutherischen Kirche.
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Mit einer geschichtlichen Einleitung und kurzen erklärenden Anmerkungen versehen.
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Dem lutherischen Christenvolk zum 400 jährigen Jubiläum der Augsburgischen Konfession dargeboten von F Pieper
St.
Louis, Mo.
CONCORDIA PUBLISHING CO.
1930.
Vorwort
Dies ist der Wiederabdruck einer kleinen Schrift, die vor fünfzig Jahren zur Feier des dreihundertfünfzigjährigen Jubiläums der Augsburgischen Konfession von dem Unterzeichneten geschrieben wurde. Der Wiederabdruck ist in seiner Weise von mir veranlasst worden. Unser Verlagshaus teilte mir mit: "Das Komitee fuer die vierhundertjährige Jubelfeier der Augustana legt uns den Gedanken nahe, als Jubelgabe Ihre Arbeit vom Jahre 1880 unserm Publikum wieder darzubieten". Ich glaubte, meine Zustimmung versagen zu sollen. Es war mir noch in Erinnerung, dass die Schrift schon vor fünfzig Jahren mir nicht recht gefiel. Sie musste Umstände halber in Eile geschrieben werden, und ich hielt dafuer, dass sie der grossen Sache nicht gerecht werde. Nun wurde mir vor einigen Tagen geraten, ich möchte das Urteil darueber, ob die vor fuenfzig Jahren geschriebene Schrift auch noch heute Dienste leisten koenne, andern Leuten ueberlassen. So mag den das Buechlein nochmals hinausgehen.
Unser Verlagshaus wuenschte vor fuenfzig Jahren, dass das Buch nach Umfang und Anordnung des Stoffes moeglichst D. Walthers "Kern und Stern entspreche. D. Walther hatte naemlich drei Jahre vorher, im Jahre 1877, zum dreihundertjährigen Jubiläum der Vollendung der Konkordienformel die kleine Schrift "Der Konkordienformel Kern und Stern" veröffentlicht. Er tat das im Auftrage der Synodalkonferenz. Er berichtet in der Vorrede: "Die Hochwürdige Evangelisch - Lutherische Synodalkonferenz von Nordamerika hat den Unterzeichneten damit beauftragt, fuer unser liebes lutherisches Christenvolk den Wiederabdruck des ersten Teiles der Konkordienformel, welcher den Kern und Stern, das heisst, einen vollständigen Auszug, derselben enthält, zu besorgen, die etwa zur Erklärung nötigen Bemerkungen beizufügen und eine geschichtliche Einleitung voranzustellen". In der geschichtlichen Einleitung zeigt Walther, wie es nach den Lehrstreitigkeiten, die bald nach Luthers Tode ausbrachen und die Kirche der Reformation mit dem Untergang bedrohten, durch Gottes Gnade im Jahre 1577 zur Konkordienformel kam.
Walther nennt die Konkordienformel "das herrliche Schlussbekenntnis unserer teuren evangelisch - lutherischen Kirche" und "wohl die letzte reintönende Bekenntnisposaune dieser allerletzten Zeit". Im zweiten Teil von "Kern und Stern" ist der "Summarische Begriff" der Konkordienformel (lateinisch Epitome genannt), ganz abgedruckt mit Hinzufügung solcher kurzen Anmerkungen, "die etwa zur Erklärung" dienen möchten.
Als es sich drei Jahre spaeter (1880) darum handelte, eine kleine Schrift ueber die Augsburgische Konfession fuer unser lutherisches Christnvolk zu schreiben, wuenschte unser Verlagshaus und auch einer meiner Kollegen, ich moechte meine Schrift so gestalten, dass sie nach Seitenzahl und äusserer Anlage "Kern und Stern" gleiche. Diesem Wunsch bin ich nachgekommen. In der vorangestellten geschichtlichen Einleitung suchte ich zu zeigen, wie es nach der greulichen Finsternis unter dem Papsttum zu dem herrlichen Licht kam, das uns aus der Augsburgischen Konfession entgegenstrahlt. Spalatin sagte von dem Tage, an dem dies herrliche Bekenntnis der ganzen christlichen Lehre vor ganz Deutschland, ja vor der ganzen Welt ueberreicht wurde: "Das war ein Tag, darauf eins der allergrössten Werke vorgegangen, die auf Erden jemals geschehen, ein Tag, darauf ein Bekenntnis in Latein und Deutsch, mit goettlicher Schrift im Grunde und mit solchem Glimpf verfasset, verlesen, dergleichen in tausend Jahren, ja dieweil die Welt gestanden, nicht gesehen". Das ist nicht zu viel gesagt. Bei frueheren berühmt gewordenen kirchlichen Versammlungen wurden, wenn sie auch in der Hauptsache die Wahrheit bekannten, doch nur einzelne Stuecke der christlichen Lehre dargelegt. In der Augsburgischen Konfession ist die ganze christliche Lehre und auch die rechte Gestalt eines christlichen Lebens, wie es aus dem Evangelium dahergeht, dargelegt und vor aller Welt gelehrt und bekannt. Luther jubelt anlässlich des Tages von Augsburg: "Mich freut nur, in einer Zeit zu leben, da Christus von so vielen teuren Bekennern in einer so ansehnlichen Versammlung und durch diese herrliche Konfession öffentlich verkuendigt und der Spruch ist wahr worden: "Ich rede von deinen Zeugnissen vor "Koenigen"". Und die Konkordienformel erklaert die Augsburgische Konfession fuer ein "rein christlich Symbolum, bei dem sich dieser Zeit rechte Christen naechst Gottes Wort sollen finden lassen". Auch letzteres ist nicht zu viel gesagt, sondern so gewiss wahr, als einerseits dieses Symbolum in allen vorgelegten Lehren genau der Heiligen Schrift entspricht und andererseits auch die Christen unserer Zeit noch von denselben Irrlehren der Papstkirche und der mancherlei Sekten bedroht sind. Wie Gott sein Evangelium in der ganzen Welt gelehrt haben will, so hat er auch Luther, den von ihm erwaehlten Reformator seiner Kirche, den Wiederhersteller des Evangeliums, allen Voelkern zum Lehrer und Zeugen der Wahrheit verordnet.
Was die geschichtliche Einleitung zu dem Büchlein betrifft, so sollte sie nicht eine vollstaendige Geschichte der grossen Zeit von Worms bis Augsburg darbieten. Es wurde auch davon abgesehen, auf Nebensachen einzugehen, in denen die Berichte aus jener Zeit nicht ganz uebereinstimmen. Der Zweck der Einleitung war der, gruppenartig solche Ereignisse zusammenzustellen, "die uns in das Herz der grossen Bekenner, in ihren Kampf und Sieg, einen Blick tun lassen". Man interessiert sich zu unserer Zeit ganz besonders fuer christliche Religionspsychologie. Ein wichtiger Gegenstand! Aber wir empfehlen allen, die auf diesem Gebiete sich weiterhin umsehen wollen, auch die Dokumente zu lesen, die uns einen klaren Einblick in das Herz der Bekenner von Augsburg gewaehren. Welche gottbegnadeten Bekenner stehen da vor unsern Augen, sonderlich auch, wenn wir auf die Fuersten und andere in der Welt hochstehende Personen schauen! Johann Brenz schrieb: "Unsere Fürsten sind hoechst standhaft im Bekenntnis des Evangeliums. Und fuerwahr, wenn ich ihre so grosse Standhaftigkeit betrachte, so ergreift mich ein nicht geringes Gefuehl der Beschaemung wegen der Furcht, womit wir armen Bettler [er meinte die Theologen] gegenueber der kaiserlichen Majestaet erfuellt sind". Als einige Theologen im Bekenntnis wankend wurden, wurden sie von den Fuersten gestützt und auf rechter Bahn erhalten. Der Kurfuerst von Sachsen stellte sich klar und scharf das Entweder - Oder: "Entweder Gott verleugnen oder die Welt --- wer kann zweifeln, was das Beste sei? Gott hat mich zu einem Kurfürsten des Reichs gemacht, was ich niemals wert geworden bin. Er mache ferner aus mir, was ihm gefaellt!" Er gab seinen Raeten die Instruktion: "Saget meinen Gelehrten, dass sie tun, was recht ist, Gott zu Lob, und mich oder mein Land und Leute nicht ansehen". Solche Bekenntnisfreudigkeit erfuellt nicht nur mit Verwunderung ob der Gnadenkraft Gottes, sondern kann auch die Augen mit Dankes = und Freudentränen füllen.
Was den zweiten Teil dieser kleinen Schrift, den Lehrteil, betrifft, so ist zunaechst der Text der Augsburgischen Konfession vollstaendig abgedruckt. In den kurzen Anmerkungen, die zu den einzelnen Artikeln hinzugefügt sind, wird auf die Aussage des Bekenntnisses und auf den Schriftgrund dafuer hingewiesen; sodann ist daran erinnert, welche Irrlehren auch unserer Zeit dem schriftgemässen Bekenntnis von Augsburg widersprechen. Hier lag die Versuchung nahe, im Wiederabdruck mehr Einzelheiten und Namen aus neuerer und neuester Zeit hineinzufügen. Davon wurde Abstand genommen, um dem Buechlein nicht die Gestalt einer kleinen "vergleichenden Symbolik" zu geben. Wer sich ueber mehr Namen von Irrlehrern neuerer und neuester Zeit unterrichten will, den verweisen wir auf Guenthers "Populäre Symbolik", die von Dr L Fuerbringer bis auf unsere Zeit fortgefuehrt worden ist. Nur bei dem 25 Artikel, "Von der Beichte", und dem 26 Artikel, "Vom Unterschied der Speisen", wo in dem ersten Druck nur auf Artikel 11, "Von der Beichte" und auf Artikel 15, "Von Kirchenordnungen", zurückverwiesen war, sind noch einige Bemerkungen hinzugefuegt worden. Beim Durchlesen des alten Druckes wurde hie und da ein passenderes Wort fuer ein minder passendes eingesetzt.
Wir schliessen dieses Vorwort zum Wiederabdruck mit einigen Worten aus der "Vorerinnerung" vom Jahre 1880: "Auch wir bekennen uns zu der am 25 Juni 1530 überantworteten Konfession als zu unserm Bekenntnis, weil wir diese Konfession als mit dem Worte Gottes übereinstimmend erkannt haben. Wir sprechen mit unsern Vaetern zur Zeit der Konkordienformel: "Zu derselbigen christlichen und in Gotteswort wohlgegründeten Augsburgischen Konfession bekennen wir uns von Grund unsers Herzens, bleiben bei derselbigen einfältigem, hellem und lauterem Verstand, wie solchen die Worte mit sich bringen, und halten gedachte Konfession fuer ein rein christlich Symbolum, bei dem sich dieser Zeit rechte Christen nächst Gottes Wort sollen finden lassen"". Gott verleihe in Gnaden, dass wir mit aufrichtigem Dank gegen ihn, der unserer Kirche dieses herrliche Bekenntnis gegeben hat, das vierhundertjährige Gedächtnis der Augsburgischen Konfession in rechter Weise festlich begehen!
St. Louis, Mo., den 11 Februar 1930. F[ranz] Pieper.
Inhaltsverzeichnis.
Erster Teil. Geschichtliche Einleitung.
1. Kurzer Ueberblick ueber die Ereignisse vom Beginn der
Reformation bis zum Reichstag zu Augsburg.
2. Zurüstung
zum Reichstag und Ankunft in Augsburg.
3. Bekennen vor
der Eröffnung des Reichstags.
4. Verabfassung
des Bekenntnisses.
5. Beginn des
Reichstags und Weigerung des Kaisers, das Bekenntnis der
Lutheraner verlesen zu lassen.
6. Uebergabe
des Bekenntnisses.
7. Eindruck der
Augsburgischen Konfession.
8. Die
papistische sogenannte Konfutation.
9. Die
Augsburgische Konfession in Gefahr und aus der Gefahr errettet.
10. Letzte
Verhandlungen und Schluss des Reichstags.
11. Luther und
die Augsburgische Konfession.
12. Rückblick
und Schlusserinnerung.
Nach
der Fortsetzung:
Zweiter Teil. Die
Augsburgische Konfession.
Vorrede.
Artikel.
I. Von Gott.
Seite
II. Von der Erbsünde.
III. Von dem Sohne Gottes.
IV. Von der Rechtfertigung.
V. Vom Predigtamt.
VI. Vom Predigtamt.
VII. Von der Kirche.
VIII. Was die Kirche sei.
IX. Von der Taufe.
X. Vom heiligen Abendmahl.
XI. Von der Beichte.
XII. Von der Busse.
XIII. Vom Gebrauch der Sakramente.
XIV. Vom Kirchenregiment.
XV. Von Kirchenordnungen
XVI. Von Polizei und weltlichem Regiment
XVII. Von der Wiederkunft Christi zum Gericht
XVIII. Vom freien Willen
XIX. Von der Ursache der Sünde
XX. Vom Glauben und von guten Werken
XXI. Vom Dienst der Heiligen
XXII. Von beider Gestalt des Sakraments
XXIII. Vom Ehestand der Priester
XXIV. Von der Messe
XXV. Von der Beichte
XXVI. Vom Unterschied der Speisen
XXVII. Von Klostergelübden
XXVIII. Von der Bischöfe Gewalt
Schluß
Erster Teil: Geschichtliche Einleitung.
Kurzer Überblick über die Ereignisse vom Beginn der Reformation bis zum Reichstag zu Augsburg.
Um die Zeit, in der die Augsburgische Konfession verabfaßt wurde, und somit diese selbst besser zu verstehen, ist es nötig, sich die hauptsächlichsten Ereignisse vom Beginn der Reformation an, vom Jahre 1517 bis zum Jahre 1530, kurz vor Augen zu führen.
Als Luther auftrat, dachte er keineswegs daran, daß er zum Reformator der Kirche berufen sei. Er war durch jahrelange heiße Seelenkämpfe und durch eifriges Studium der damals ganz in Vergessenheit geratenen Heiligen Schrift zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Mensch auf keinem andern Wege Vergebung der Sünden erlange als auf dem Wege der Buße und des Glaubens. Er hatte in der Schule des Heiligen Geistes gelernt: ein Mensch muß durch das Gesetz sich als einen verdammungswürdigen Sünder erkennen und dann dem Evangelium glauben, das dem zerschlagenen Sünder Gottes Gnade um des Verdienstes Christi willen frei und umsonst schenkt. So lehrte Luther als Professor seine Studenten, so lehrte er als Prediger und Seelsorger seine Gemeinde. Da ereigneten sich im Jahre 1517 Dinge, die ihn aufs höchste in Erregung versetzten. Eine Anzahl seiner Pfarrkinder bekannten ihm in der Beichte zwar große Sünden; als aber Luther sie zu ernster Buße ermahnte, zeigten sie ihm von dem Ablaßkrämer Tetzel gekaufte Ablaßbriefe und meinten, sie hätten Vergebung ihrer Sünden auch ohne Reue und Glauben kraft der um Geld erstandenen Ablaßzettel. Luther verweigerte solchen Beichtkindern die Absolution. Er wurde deshalb bei Tetzel verklagt. Und Tetzel wütete nun gegen Luther als einen Ketzer und Verächter des päpstlichen Stuhles. Luther ahnte damals noch gar nicht, daß er "des Papstes Krone und der Mönche Bäuche angetastet" habe. Er meinte damals noch, der Ablaßunfug werde ganz ohne das Wissen und die Billigung des Papstes getrieben. Aber er wurde bald eines andern belehrt. Angesehene papistische Theologen und hohe Würdenträger traten in Schriften aufs heftigste wider Luther auf und bezeichneten ihn als einen Ketzer. Papst Leo X, der anfänglich gemeint hatte, es handle sich um eine unbedeutende Mönchszänkerei, schrieb am 23 August 1518 an den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich den Weisen, in dessen Land sich Luther befand: "Wir befehlen dir, daß du verschaffen wollest, daß der Martin Luther in die Gewalt und die Gerichtsbarkeit des Heiligen Stuhles gebracht werde." . Als von dem Kurfürsten von Sachsen die Auslieferung nicht zu erlangen war und auch verstellte Freundlichkeit den Mönch nicht zur gewünschten Unterwürfigkeit gebracht hatte, wurde Luther 1520 durch ein päpstliche Bulle für einen Ketzer erklärt und, falls er binnen sechzig Tagen nicht widerrufe, in den Bann getan. Frech und anmaßend befahl der Papst allen Obrigkeiten in Deutschland, Luther und seine Anhänger "persönlich zu fangen und gefangen ihm zuzusenden". Luther waren inzwischen die Augen immer mehr über das eigentliche Wesen des Papsttums aufgegangen. In der päpstlichen Bulle waren die klarsten Lehren des Wortes Gottes verdammt. So erkannte Luther, daß der Papst nicht der "heilige Vater", sondern "der Antichrist und des Satans Stuhl" sei, und anstatt zu widerrufen, verbrannte er am 10 Dezember 1520 vor dem Elstertore zu Wittenberg in Gegenwart einer großen Volksmenge die päpstliche Bulle samt dem kanonischen Recht mit den Worten: "Weil du den Heiligen des HErrn betrübet hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer."
Damit hatte sich Luther öffentlich von der römischen Kirche und dem Papst losgesagt. Ein Häuflein Freunde, in deren Herzen das von Luther gepredigte Wort Gottes seine göttliche Wirkung getan hatte, jauchzte ihm zu. Die große Menge der päpstisch Gesinnten war von Wut entbrannt. Herzog Georg von Sachsen und andere deutsche Fürsten wollten allen Ernstes nach der Bulle des Papstes handeln. Auch der inzwischen zum deutschen Kaiser gewählte König von Spanien Karl V war namentlich durch den päpstlichen Gesandten Aleander und seine spanischen und italienischen Räte gegen Luther sehr aufgebracht worden.
Dies war die Lage der Dinge, als Kaiser Karl Luther vor den Reichstag zu Worms forderte. Trotz der dringenden Abmahnungen seiner Freunde erschien er und stand am 17 und 18 April 1521 vor der großen Reichsversammlung. ER sollte seine bis dahin geschriebenen Bücher widerrufen und sich dem Papst und den Konzilien unterwerfen. Luthers Schlußantwort war: "Weil denn Euer Kaiserliche Majestät und Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden eine schlichte, einfältige, richtige Antwort begehren, so will ich die geben, die weder Hörner noch Zähne haben soll, nämlich also: Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren Gründen und Ursachen überwunden und überweiset werde - - denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein nicht, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie oft geirrt haben und ihnen selbst widerwärtig gewesen sind - - und ich also mit den Sprüchen, die von mir angezogen und eingeführt sind, überzeugt und mein Gewissen in Gottes Wort gefangen sei: so kann und will ich nicht widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders; Gott helfe mir! Amen."
Schon am nächsten Tage gab der Kaiser eine Antwort dahin, er wolle nunmehr mit Luther als mit einem offenbaren Ketzer verfahren und hoffe, ein jede Fürst werde in seinem Lande dasselbe tun. "Er sei bereit, zur Verteidigung der katholischen Religion, die von seinen Vorfahren, Kaisern und Königen, sei überbracht worden und nun von einem elenden Mönch gestürzt werden wolle, alle Kräfte anzuwenden." . Am 26 Mai folgte die förmliche von dem päpstlichen Gesandten Aleander verfaßte Achterklärung. Darin hieß es unter anderm, "daß Luther für ein abgesondertes Glied der Kirche Gottes und offenbaren Ketzer erklärt werde, auch von allen und jeden dafür geachtet und gehalten werden solle. Folglich solle ihn auch niemand bei Vermeidung der Reichsacht und Aberacht weder hausen, hofen, ätzen, tränken noch enthalten noch ihm mit Worten oder Werken heimlich oder öffentlich Beistand noch Vorschub beweisen, sondern ihn vielmehr gefänglich annehmen und Kaiserlicher Majestät zusenden". Von denen, die sich unterstehen würden, Luthers Anhänger zu sein, hieß es: "Es soll sie jedermann niederwerfen und fangen und ihre beweglichen und unbeweglichen Güter zu seinen Händen nehmen und zu eigenem Nutz wenden und behalten." Über Luthers Bücher war verordnet" "Es soll sie niemand kaufen, verkaufen, lesen, behalten, abschreiben, drucken noch abschreiben oder drucken lassen usw, sondern sie mit Feuer verbrennen und in alle Wege gänzlich abtun, vernichten und vertilgen" - - "alles bei Vermeidung des Bannes und der kaiserlichen Acht und Aberacht".
Hiernach sah es aus, als sei es um Luther und seine Sache geschehen. Aber Luthers Sache war Gottes Sache. Es geschah ihr nach dem, was Luther in Worms dem Kurfürsten von Trier sagte: "Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird es untergehen. Ist es aber aus Gott, so könnet ihr es nicht dämpfen", Apost 5,38-39. Zwar hieß es in der Achterklärung, es solle niemand bei der Vermeidung der Reichsacht Luthern "weder hausen, hofen, ätzen, tränken noch enthalten". . Aber der Kurfürst Friedrich von Sachsen gehorchte Gott mehr als den Menschen. Er ließ Luther heimlich auf die Wartburg bei Eisenach bringen, um ihn vor den Gefahren des Bannes und der Reichsacht zu schützen. Viel weniger wurde das Verbot, Luthers Bücher zu kaufen, zu lesen und zu verbreiten, beachtet. Das von Luther auf der Wartburg ins Deutsche übersetzte Neue Testament wurde so eifrig gekauft und gelesen, daß, wie der papistische Theologe Cochläus ganz entrüstet meldet, selbst Handwerker und Weiber es nach und nach auswendig lernten und mit Priestern und andern aus der Schrift zu disputieren wagten. Auch andere Schriften Luthers wurden aufs fleißigsten gelesen. Und weil sie Gottes lebendiges und kräftiges Wort enthielten, so gewannen sie mit göttlicher Kraft die Herzen. Jammernd stellte derselbe Cochläus den deutschen Fürsten vor, Luther müsse durchaus von seiten der Obrigkeit Einhalt getan werden, sonst werde er bald ganz Deutschland auf seine Seite bringen.
Und nicht bloß in Deutschland wurden Luthers Schriften gelesen. Sie wurden auch übersetzt und in fast sämtlichen Ländern Europas verbreitet. Es gab bald in den Niederlanden, in England, Dänemark, Schweden, Preußen, Polen Ungarn, ja selbst in Italien, Frankreich und Spanien eine größere oder kleinere Anzahl Lutheraner, öffentliche und heimlich Anhänger der durch Luther wieder hervorgebrachten Lehre des Wortes Gottes. Gottes Kraft war mächtiger als des Kaiser Gebot.
Wie verhielten sich dem gegenüber die Feinde? Das Wormser Edikt ist nie zur allgemeinen Ausführung gekommen. Gott hat die Fürsten und Völker in seiner Hand und kann die Ratschläge der Feinde seines Wortes wohl zunichte machen. Dem Kaiser selbst waren nach dem Reichstage zu Worms durch Kriege gegen den König von Frankreich und die Türken die Hände so gebunden, daß er sich mit der Ausführung des Edikts von Worms nicht befassen konnte. Ja, der Kaiser geriet schließlich in einen Krieg mit dem Papst selbst, der mit dem König von Frankreich ein Bündnis gegen den Kaiser geschlossen hatte. Auch die deutschen papistischen Fürsten hatten manches an der Papstwirtschaft auszusetzen und wollten den Befehlen des Papstes, gegen die lutherischen "Ketzer" einzuschreiten, nicht immer nachkommen.
Aber von einem Aufhören der Feindschaft zwischen dem Weibessamen und dem Schlangensamen kann keine Rede sein. So konnte auch die Feindschaft der Anhänger des Papstes gegen die Bekenner des Wortes Gottes nur zeitweilig und teilweise zurückgehalten sein. Wenn auch ein Teil der papistischen Fürsten an dem Papste manches auszusetzen hatte, so betraf dies doch mehr nur äußere Dinge. Dem Evangelium von der freien Gnade Gottes in Christo waren sie, wie denn der natürliche, selbstgerechte Mensch nicht anders kann, von Herzen feind.
Einige eifrig papistische Stände machten sich auch sofort nach dem Reichstage zu Worms daran, das Wormser Edikt in Vollzug zu setzen. Herzog Georg von Sachsen ließ schon 1521 einen Buchhändler, der Luthers Schriften verkaufte, enthaupten. Es floß auch Märtyrerblut in den Niederlanden, in Ungarn, Österreich und Bayern, im Elsaß, in Köln usw. Luther redet in dieser Zeit von Predigern und Hörern an vielen Orten, die "die Zahl der Heiligen täglich mehr und größer machen, da etliche ihr Blut vergießen, etliche gefangen, etliche von dem Ihren verjagt (werden) und allesamt die Schmach Christi tragen". . Aber Gefängnis, Schwert und Scheiterhaufen vermochten den Lauf des Evangeliums nicht zu hemmen. Es gewann mehr und mehr Boden. Das sahen die Papisten, und das steigerte ihre Feindschaft. Schon 1524 hatten einige papistische Stände ein Bündnis zur Ausführung des Wormser Edikts geschlossen, so daß, um gegen einen drohenden Überfall geschützt zu sein, auch der Kurfürst von Sachsen, der Landgraf Philipp von Hessen und einige Reichsstände sich verbündeten, weil "leider öffentlich am Tag", so hieß es in der Bundesformel, "wieviel und mancherhand Praktiken eine Zeit her sonderlich von den Geistlichen und ihren Anhängern im heiligen Reich gesucht und vorgenommen sind worden, das heilige, göttliche Wort wiederum zu verdrücken, zu vertilgen und gänzlich aus der Menschen Herzen und Gewissen, so es möglich gewest wäre, zu reißen".
Aber am drohendsten zeigte sich der Haß der papistischen Fürsten und Stände auf dem Reichstage zu Speier im Jahre 1529. Die papistische Partei setzte einen Reichstagsabschied fest, das Wormser Edikt solle bis auf ein Konzil beobachtet werden. Niemand solle es erlaubt sein, zu den Lutheranern überzutreten. Die Prediger sollten im Sinne der (papistischen) Kirche predigen. Die lutherischen Fürsten und Stände wiesen mündlich und schriftlich diese Zumutungen zurück. Aber ihnen wurde schließlich ferneres Gehör versagt. Sie sollten sich einfach der Mehrheit anschließen. Gegen diese Gewissenstyrannei und schreiende Ungerechtigkeit legten die Lutheraner feierlichst Protest ein. Am Schluß dieses am 20 April 1529 schriftlich eingereichten Protestes sagten sie: "So protestieren sie hiemit vor Gott, der alle Herzen erforschen und recht richten werde, wie auch vor allen Menschen und Kreaturen, daß sie für sich, die Ihrigen und allermänniglichs halben in alle Handlung und vermeinten Abschied, so in gemeldeten oder andern Sachen wider Gott, sein heiliges Wort, ihrer aller Seelen Heil und gut Gewissen vorgenommen und beschlossen worden, nicht willigten, sonder alles für nichtig und unbündig hielten."
Diese Protestation, von der fortan die Anhänger des Evangeliums auch Protestanten1 genannt wurden, erregte noch mehr den Zorn der papistischen Stände und namentlich auch des Kaisers. Der Kaiser hatte eben mit dem König von Frankreich Frieden geschlossen und auch mit dem Papst sich verglichen. Die Gesandten der Protestanten, die dem Kaiser die Speiersche Protestation im Oktober 1529 zu Piacenza in Italien überreichten, wurden nicht nur hart empfangen, sondern auch als Gefangene gehandelt. Der schließliche Bescheid des Kaisers lautete: "die Protestierenden sollten sich zu dem einmal gefaßten Rezeß bequemen, weil es bei der Mehrzahl bleiben müsse".
So gefährlich lagen die Dinge für die Anhänger des Evangeliums Ende 1529. . Namentlich der junge und feurige Landgraf Philipp von Hessen wollte, daß man sich gegen diese Gefahr durch ein enges Bündnis schütze. Über ein solches wurde auf mehreren Konventen verhandelt. Aber Luther, wiederholt um Rat gefragt, widerriet durchaus ein Bündnis, als welches auch gegen den Kaiser, ihrer aller obersten weltlichen Herrn, gerichtet sei. Alle Verhandlungen, welche die lutherischen Fürsten und freien Städte unter sich führten, brachte das Schreiben des Kaiser, durch welches derselbe einen Reichstag nach Augsburg berief, vorläufig zum Stillstand.
Zurüstung zum Reichstag und Ankunft in Augsburg.
Die lutherischen Stände hatten in ihrer Protestation zu Speier auch um ein "frei christlich gemein Konzilium" gebeten, vor welchem sie die Sache des Evangeliums verantworten wollten. Ein solches Konzilium kam nicht zustande. Die Päpste haben nie freie christliche Konzilien geliebt, sondern immer nur solche, von denen sie im voraus wußten, daß nicht Gottes Wort, sondern die päpstlichen Satzungen die Herrschaft haben würden. So konnte auch Karl V den Papst Clemens VII durchaus nicht bewegen, ein allgemeines Konzil auszuschreiben. Der Papst hatte kein Zutrauen zu einem Konzil in einer Zeit, wo das Licht des Wortes Gottes schon hell in die Lande leuchtete und Tausende und aber Tausende unter dieser Beleuchtung ihn nicht mehr als dem "heiligen Vater" ehrfurchtsvoll anstaunten, sondern als den Menschen der Sünde und das Kind des Verderbens (2 Thess 2) erkannt hatten.
So schrieb der Kaiser am 21 Januar 1530 einen Reichstag nach Augsburg für den 8 April aus. Dieses kaiserliche Ausschreiben setzte die lutherischen Stände einigermaßen in Erstaunen. Es war in einem sehr freundlichen Tone verabfaßt. Die Religion betreffend sollte der Zweck des Reichstages sein: "alle eines jeglichen Gutbedünken, Opinion und Meinung in Liebe und Gütlichkeit zu hören, zu verstehen und zu erwägen, die zu einer einigen christlichen Wahrheit zu bringen und zu vergleichen, alles, so zu beiden Teilen nicht recht ist ausgelegt oder gehandelt, abzutun".
Der Kurfürst von Sachsen erhielt das kaiserliche Ausschreiben am 11 März. Schon am 14 März gab er auf den Rat seines treuen und frommen Kanzlers Dr. Brück seinen Theologen zu Wittenberg, Luther, Jonas, Bugenhagen und Melanchthon, den Auftrag, die Hauptpunkte die rechte Lehre und die Kirchengebräuche betreffend schriftlich zu verfassen, damit man wisse, was man auf dem Reichstage behaupten müsse und wie weit man sich mit gutem Gewissen in einen Vergleich einlassen könnte. Die Theologen sollten alle andern Geschäfte ruhen lassen, sich nur mit der Ausarbeitung der wichtigen Schrift beschäftigen und sie ihm nach acht Tagen persönlich zu Torgau überreichen. Luther hatte schon Ende des vorigen Jahres mit großer Genauigkeit und Schärfe siebzehn Artikel entworfen, die sogenannten Schwabacher Artikel. Diese wurden noch einmal übersehen, mit mehreren Zusätzen, in denen die in der römischen Kirche im Schwange gehenden Mißbräuche behandelt wurden, vermehrt und dem Kurfürsten zu Torgau überreicht.
So rüstete man sich in Kursachsen zur Verantwortung des Glaubens vor Kaiser und Reich. Die Theologen erboten sich, für ihre eigene Person vor dem Kaiser zu erscheinen und Rechenschaft zu geben, damit der Kurfürst ihretwegen nicht in Gefahr komme. Der Kurfürst antwortete: "Da sei der liebe Gott für, daß ich aus eurem Mittel ausgeschlossen sein sollte! Ich will mit euch meinen HErrn Christum bekennen."
Warum redeten denn die Theologen schon wieder von einer Gefahr, in die der Kurfürst als Bekenner des Evangeliums kommen möchte? Lautete doch das kaiserliche Ausschreiben recht freundlich und gnädig! Die evangelischen Stände hatten Grund genug, der Sachlage nicht recht zu trauen. Der Kaiser hielt sich schon seit mehreren Monaten beim Papst in Italien auf und verkehrte aufs freundschaftlichste mit ihm. Der Kaiser lag auch im Februar vor dem Papst auf den Knien, um sich zum römischen Kaiser krönen zu lassen. Und vor der Krönung hatte er geschworen: "Ich Karl, römischer König und bald auch durch Gottes Gnade Kaiser, verspreche und schwöre bei Gott und dem heiligen Petrus, daß ich künftighin nach allen Kräften die päpstliche Würde und die römische Kirche beständig verteidigen, keine Freiheit der Kirche kränken, sondern die Macht, Gerichtsbarkeit und Herrschaft derselben so viel, als nur möglich ist, erhalten und beschützen will." Der Papst drang von Anfang an in den Kaiser, die "Ketzer" in Deutschland mit dem Schwert zum Gehorsam gegen die römische Kirche zurückzuführen. Weder Konzilium noch Reichstag, sondern Feuer und Schwert seien die Mittel, eine befriedigende Lage der Dinge in Deutschland herzustellen. Der Kaiser aber wollte vorerst noch keine Gewalt anwenden. Er war bestrebt, durch ein einiges Deutschland seine Herrschermacht zu vermehren und nach außen hin glänzend erscheinen zu lassen. Wenn er sich des Dienstes sämtlicher deutschen Fürsten, auch der protestantischen, versichern konnte, ohne erst in einem Kriege gegen sie viel Kraft zu verbrauchen, so war ihm dies viel angenehmer. Auch der erste Kanzler des Kaisers, Gattinara, ein von der Wahrheit des Evangeliums erfaßter Mann, widersetzte sich dem Andringen des Papstes, die Protestanten ohne weiteres anzugreifen, durchaus. Ja, er wagte es, Seine "Heiligkeit", den Papst, zu belehren, die Kirche bedürfe dermalen nicht sowohl der Gewalt als des Rates frommer und gelehrter Männer. Nichtsdestoweniger wurde zwischen dem Papst und dem Kaiser vor des letzteren Abreise nach Deutschland ausgemacht, wenn die Protestanten sich auf dem Reichstage nicht überreden lassen sollten, unter die Botmäßigkeit des Papstes zurückzukehren, dann sollten sie vom Kaiser, vom König Ferdinand und den übrigen papistischen Fürsten dazu gezwungen werden.
Die Kunde von diesen Abmachungen zwischen dem Kaiser und dem Papst drang auch nach Deutschland. Der Kurfürst erhielt von verschiedenen Seiten, selbst von dem mutigen Landgraf Philipp von Hessen, Abmahnungen, nicht persönlich nach Augsburg zu gehen. Dem Kurfürsten von Sachsen, der mit Recht als das Haupt der protestantischen Fürsten angesehen wurde, drohten die meisten Gefahren. Aber der Mann kannte bereits durch Gottes Gnade ein höheres Gut als irdische Herrschaft; so wollte er sich nicht abhalten lassen, seinen HErrn Christum zu bekennen. Er ordnete an, daß im ganzen Lande das Volk zur Fürbitte für einen glücklichen Ausgang des Reichstages aufgefordert werde; zu Torgau ließ er sich noch eine Predigt halten über Matth 10,32: "Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater; wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater" und machte sich getrost auf den Weg nach Augsburg. Seine Diener trugen auf den Ärmeln der Oberkleider die Buchstaben eingezeichnet: V D M I Ae, die Anfangsbuchstaben der Worte: Verbum Domini Manet In Aeternum, das heißt: "Das Wort des HErrn bleibet ewiglich." . Am 2 Mai hielt der Kurfürst, als der erste von allen Fürsten, seinen Einzug zu Augsburg. In seinem Gefolge befanden sich auch Herzog Ernst von Lüneburg, Fürst Wolfgang von Anhalt und der Graf von Mansfeld. Am 12 Mai langte der Landgraf Philipp von Hessen an. So war der Schreier Eck zuschanden geworden, der schon vorher triumphierend geschrieben hatte, "er wüßte es gewiß, daß kein Lutheraner auf den vorstehenden Reichstag kommen werde, sintemal ihnen der Prozeß schon gemacht worden wäre und es daher an nichts anderm als an der Exekution mangelte".
Bekennen vor der Eröffnung des Reichstags.
Der Reichstag war ursprünglich auf den 8 April ausgeschrieben. Ein zweites Schreiben des Kaisers hatte ihn auf den 1 Mai verschoben. Aber es zeigte sich bald, daß noch mehrere Wochen bis zum Eintreffen des Kaisers vergehen würden. Der Kaiser war erst Ende März von Italien aufgebrochen, zog sehr langsam nach Norden und machte schließlich noch längere Zeit zu Innsbruck in Tirol Halt. Die lutherischen Fürsten ließen derweile ihre Prediger fleißig zu Augsburg predigen. Ein ungeheurer Zudrang zu diesen Predigten fand statt. Auf Begehren der Bürgerschaft wurde eine Kirche nach der andern den lutherischen Predigern geöffnet. Dr Erhard Schnepf, den der Landgraf von Hessen nach Augsburg mitgebracht hatte, predigte zuletzt gar in der Kathedrale. Eine gewaltige geistliche Bewegung entstand in Augsburg durch diese Predigten. Aber je mehr sich die Wirkung des gepredigten Wortes Gottes zeigte, desto höher stieg die Erbitterung der papistischen Partei. Dem Kaiser wurde von diesen Vorgängen in Augsburg Nachricht gegeben. Die heftigsten Gegner der Reformation, Kurfürst Joachim von Brandenburg, Herzog Georg von Sachsen und Herzog Wilhelm von Bayern, reisten dem Kaiser nach Innsbruck entgegen. Melanchthon schrieb an Luther am 11 Mai: "Herzog Georg und Markgraf Joachim sind zum Kaiser gezogen; da werden sie von unsern Hälsen ratschlagen." . Man suchte namentlich den Kurfürsten von Sachsen auch wegen der Predigten beim Kaiser zu verdächtigen. Man sagte, durch die lutherischen Prediger sei beinahe ein Aufruhr in Augsburg entstanden. Das habe auch wohl im Plan des Kurfürsten von Sachsen gelegen. Derselbe hege offenbar gefährliche Absichten. Man bot dem Kaiser 6,000 Reiter an, um den Plänen des Kurfürsten wirksam entgegentreten zu können. Diese böswilligen Verleumdungen blieben nicht ohne Wirkung auf den Kaiser. Der Kaiser machte von Innsbruck aus dem Kurfürsten Vorwürfe, daß er das Wormser Edikt nicht vollzogen habe, und richtete zu gleicher Zeit das Ansuchen an ihn, er möchte das Predigen einstellen lassen. Auf letzteres gab der Kurfürst eine Antwort, die wiederum bezeugt, wie ernst es ihm mit dem Bekenntnis der Wahrheit war. Er schrieb dem Kaiser: "Die Unterlassung der Predigten müsse er sich Gewissens halber untertänigst abbitten, indem nichts als die helle Wahrheit Gottes und der Heiligen Schrift gepredigt werde. Bei welcher Bewandtnis es ja erschrecklich wäre, Gottes Wort und seine Wahrheit niederzulegen. Auch würde es ein großes Ärgernis geben und dafür angesehen werde, als wollte Kaiserliche Majestät ungehörter Sache und ungehandelt die Lehre des Evangeliums verbieten, da doch dero christliches und hochbedächtiges Ausschreiben, wie auf diesem Reichstag alles zu christlicher Vergleichung sollte gehandelt werden, in alle Welt erschollen und Ihre Majestät ohne Zweifel nicht gerne von sich würden sagen lassen, daß solchem Ausschreiben nicht nachzugehen sein sollte." . Auch bat er den Kaiser, er möchte seinen böswilligen Gegnern nicht so viel Gehör und Einfluß gestatten. Das letztere fand nun leider doch immer mehr statt. Nach einigen Tagen nämlich, am 4 Juni, starb plötzlich zu Innsbruck des Kaisers Kanzler Gattinara. Gattinara war, wie schon früher erwähnt wurde, den Lutheranern wohlgesinnt und hatte bisher dem übeln Einfluß der papistischen Umgebung des Kaisers das Gegengewicht zu halten gesucht. Er war schon in Italien kränklich, und man wollte ihn dort zurücklassen mit dem Bemerken, das rauhe Klima Deutschlands sei ihm nicht zuträglich. Aber er bestand trotzdem darauf, mit dem Kaiser nach Augsburg zu gehen. Er wollte seinen Kaiser nicht dem übeln Einfluß der gewalttätigen Partei preisgeben. Ein vertrauter Freunde Gattinaras, Kornelius Scepper, erzählte zu Augsburg, "daß Gattinara einst in Gegenwart vieler Vornehmen frei und öffentlich bezeugt habe, er wünsche und bitte nichts mehr von Gott, als daß der Kurfürst von Sachsen und seine Verwandten bei dem Bekenntnis des Evangeliums verharren und auf ein christliches und freies Konzilium noch ferner und mit aller Macht zu dringen fortfahren möchten. Denn wenn sie mit Drohungen sich abschrecken und durch Lust und gute Worte übertäuben und betrügen lassen sollten und die Sache nicht gebührend und rechtmäßig in einem Concilio ausgemacht würde, könnte er selbst kein ruhiges Gewissen haben, solange er lebe, und würde immer im Zweifel stehen, wie man die Seligkeit erlangen solle". . Bald nach dem Tode Gattinaras brach der Kaiser von Innsbruck auf. Der päpstliche Gesandte Campegius zog mit bedeutend erhöhten Hoffnungen nach Augsburg. Die Lutheraner waren um eine irdische Stütze ärmer.
Am 15 Juni gegen Abend langte der Kaiser vor Augsburg an. Die sämtlichen Reichsstände zogen ihm entgegen, stiegen, als sie des Kaisers ansichtig wurden, von den Pferden und gingen ihm zu Fuß entgegen. Der Kaiser und die hohen Personen in seiner Begleitung verließen ebenfalls die Pferde. Nur der päpstliche Gesandte und die Kardinäle von Salzburg und Trient blieben auf ihren Maultieren sitzen. Der Kaiser reichte jedem Reichsfürsten die Hand zur Begrüßung. Als die Begrüßungszeremonien und Begrüßungsreden vorüber waren, streckte der Päpstliche Gesandte Campegius seine Hände aus, um den päpstliche "Segen" zu erteilen. Der Kaiser und die ganze glänzende Versammlung sank auf die Knie in den Staub, um mit gebührender Reverenz den "Segen" des "heiligen Vaters" zu empfangen. Nur sieben Fürsten blieben hochaufgerichtet stehen: der Kurfürst von Sachsen, sein Sohn, der Kurprinz, der Markgraf von Brandenburg, Ernst und Franz von Lüneburg, Philipp von Hessen und Wolfgang von Anhalt. Das waren die lutherischen Fürsten. Sie legten hier gleich bei der Ankunft des Kaisers die erste Probe ihres Bekennermutes ab. Sie konnten ohne Verleugnung der erkannten Wahrheit sich keinen päpstlichen "Segen" sprechen lassen. Campegius` Zorn gegen die lutherischen Fürsten war aber noch um einige Grade gestiegen.
Aber noch ein Kampf stand den Bekennern für diesen Tag bevor. Als alle Empfangsfeierlichkeiten beendet waren und die Fürsten sich entfernten, hieß der Kaiser die protestantischen Fürsten noch zurückbleiben und ließ ihnen eröffnen, sie sollten nun endlich das Predigen abstellen und der am folgenden Tage stattfindenden Fronleichnamsprozession beiwohnen. Die Fürsten äußerten am folgenden Tage ganz richtig, daß der Kaiser zu dieser Forderung durch ihre papistischen Widersacher bewogen worden sei. Denn einmal war schon seit Jahren in Augsburg keine Fronleichnamsprozession mehr gehalten worden, und sodann war es bei den Zusammenkünften der Fürsten immer in das Belieben der einzelnen gestellt, ob und an welchen religiösen Feierlichkeiten sie sich beteiligen wollten. Man war zuerst etwas betroffen über diese Forderungen des Kaisers. Der Landgraf von Hessen ergriff das Wort und bat den Kaiser, er möchte von seiner Forderung, das Predigen zu unterlassen, abstehen. Bei ihnen würde nichts als das reine Wort Gottes, wie es auch St Augustinus ausgelegt habe, verkündigt. Der Kaiser erklärte mit vor Zorn gerötetem Gesicht, er müsse auf seiner Forderung bestehen. Da war es der alte Markgraf Georg von Brandenburg, der vor den Kaiser hintrat und ausrief: "Ehe ich Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen und einer falschen, irrigen Meinung beipflichten sollte, wollte ich lieber sofort an dieser Stelle vor Euter Majestät niederknien und mir den Kopf abschlagen lassen." . Der Kaiser war erstaunt und auch wohl etwas verwirrt durch diesen heiligen Ernst. Er fiel aus der Rolle, die er für die Papisten spielen mußte, und entgegnete freundlich in seinem niederländischen Dialekt: "Löwer Fürst, nit Kopp ab! nit Kopp ab!" . Die lutherischen Fürsten sollten bis zum nächsten Tage Bedenkzeit haben und ihre Entschließung am nächsten Morgen mitteilen.
Am nächsten Morgen, an welchem die Prozession gehalten werden sollte, redeten die Fürsten wie abends vorher. Ausführlich legte der Markgraf von Brandenburg im Namen der andern dar, warum sie sich nicht an der Fronleichnamsprozession beteiligen könnten. "Weil es mit dem kaiserlichen Befehl das Ansehen habe, daß sie die Prozession als gottesdienstliche Handlung durch ihre Gegenwart billigen und bestätigen sollten, hingegen Christus dergleichen nichts befohlen habe und in der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gar nichts deshalb zu finden sei, so sei ihnen auch pur unmöglich, dergleichen Anforderungen mit gutem Gewissen Folge zu leisten. Sie würden nicht nur höchst leichtsinnig, verwegen und freventlich handeln, wenn sie solche Dinge, die bloß von Menschen eingesetzt seien, den göttlichen Rechten und Befehlen vorziehen wollten, sondern ihre Widersacher würden auch, wofern sie die angestellte theatralische Prozession und Umtragung des Leibes Christi mit ihrer Gegenwart billigten und gleichsam rechtfertigten, unerachtet dieselbe sowohl dem klaren Wort Gottes ganz augenscheinlich und geradenwegs entgegenstehe als auch der öffentlichen Lehre ihrer Kirche und den üblichen Zeremonien derselben zuwiderlaufe, solch ihr Nachgeben gewiß dafür ausdeuten, als hätten sie, was bisher in ihren Landen von der Heiligen Schrift gelehrt worden, nun selbst mit ihrem Exempel und mit der Tat wieder umgestoßen und widerrufen." . Zuletzt fügte der Markgraf noch für seine Person bei, er verspreche und gelobe, in allen weltlichen Dingen die bisher bewiesene Treue auch ferner zu beweisen und Leib und Leben für den Kaiser einzusetzen, aber "in diesen Gott selbst betreffenden hohen Dingen werde er durch Gottes unwandelbaren Befehl gezwungen, alle menschliche Verordnung beiseitezusetzen und nicht zu achten, weil geschrieben stehe, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Er habe sich daher auch fest entschlossen, über dem Bekenntnis der Lehre, von welcher er versichert sei, daß sie die Stimme des Sohnes Gottes und die unbewegliche und ewige Wahrheit sei, keine Gefahr und auch den Tod selbst nicht zu scheuen, nachdem er gehört habe, daß alle, die bei der wahren Religion zu beharren gemeint seien, dergleichen betreffen solle".
Der Kaiser sah ein, daß hier mit Befehlen nichts auszurichten sei. Er sprach nur noch die Hoffnung aus, die lutherischen Fürsten würden sich dennoch der Prozession nicht entziehen. Die Hoffnung, die auch wohl kaum mit großer Zuversicht ausgesprochen wurde, ging nicht in Erfüllung. Vielmehr geschah, was Spalatin berichtet: "Unsere Fürsten sind heimgezogen und haben den Kaiser mit andern Kurfürsten und Fürsten die Prozession halten lassen. Kaiserliche Majestät trug (bei der Prozession) ein brennend Licht wie die andern, ging barhäuptig, und währte die ganze Prozession bis um ein Schlag (bis ein Uhr)."
In bezug auf das Predigen wurde noch am 17 und 18 Juni unterhandelt. Die lutherischen Fürsten stellten dem Kaiser vor, wie ungehörig es sei, daß sie, die das "heilige Evangelium lauter und rein und wie es von den bewährtesten Vätern gelehrt worden sei", verkündigten, mit Predigen schweigen sollten, während der Widerpart frei reden dürfe, der viele Lehren und Gebräuche wider die Heilige Schrift und die bewährtesten Väter eingeführt habe, so "daß auch die ganze Welt und alle frommen Leute vor dieser Zeit schon jämmerlich darüber geschrien" hätten. Sie machten ferner geltend, das Verbot des Predigens komme einer Verdammung ihrer Sache vor dem Verhör gleich, und sie bedürften ihrer Predigten als einer Nahrung für ihre Seelen. Endlich wurde eine Art Vergleich getroffen. Es sollte beiden Teilen, auch den papistischen Predigern, das Predigen untersagt werden. Der Kaiser selbst solle einige Prediger ernennen, die aber nur den Text des Evangeliums ohne Auslegung zu verlesen hätten. Als einer, der nicht predigen dürfe, wurde noch besonders Dr Faber genannt, der durch seine heftigen Schmähungen gegen die Lutheraner bekannt war.
"Dies war nun", bemerkt ein Geschichtschreiber, "der erste mutige Widerstand, den die protestantischen Fürsten auf diesem Reichstage den Zumutungen ihrer Gegner tun mußten. Sie bewiesen eine Standhaftigkeit, die bei ihrem äußerlichen Unvermögen und ihrer kleinen Anzahl unerklärlich oder wenigstens unklug gewesen wäre, wenn nicht Vertrauen auf Gott und die Überzeugung von der Rechtmäßigkeit ihrer Sache ihren Mut gestärkt hätte. Sie hatten aber auch den ersten Beweis bei dieser Gelegenheit erhalten, wie wenig sie sich auf die gelinden Ausdrücke des kaiserlichen Ausschreibens verlassen dürften."
Verabfassung des Bekenntnisses.
Als der Kurfürst von Sachsen am 3 April von Torgau aufbrach, waren in seinem Gefolge die Theologen Luther, Melanchthon, Jonas, Spalatin und Agricola von Eisleben. Luther aber ging auf Wunsch des Kurfürsten nicht mit nach Augsburg. Er war ja noch in des Papstes Bann und des Kaisers Acht. So hielt es der Kurfürst nicht für geraten, ihn mit auf den Reichstag zu bringen. Man würde ihn dem Schicksal des Hus ausgesetzt und den Kaiser von vornherein gegen die Sache der Bekenner aufgebracht haben. So ließ der Kurfürst, als er am 23 April von Koburg nach Augsburg aufbrach, Luther auf der Feste Ehrenburg nahe bei Koburg in gutem Gewahrsam zurück. Koburg war die südlichste Grenzstadt der kursächsischen Lande. Man wollte Luther so nahe wie möglich haben, um ihn in allen schwierigen Fragen zu Rate ziehen zu können.
Dem Kurfürsten war geraten worden, dem Kaiser über die obwaltenden Religionsstreitigkeiten einen kurzen, einheitlichen Bericht abzustatten. Melanchthon wurde mit der Verabfassung dieses Berichts auf Grund der dem Kurfürsten zu Torgau überreichten Schriftstücke beauftragt. Melanchthon machte sich schon zu Koburg an die Arbeit, und zu Augsburg hatte er auch noch Zeit genug, da die Ankunft des Kaisers sich noch um fast zwei Monate verzog. So wurde Melanchthon der Verfasser der Augsburgischen Konfession. Am 11 Mai übersandte der Kurfürst Melanchthons Arbeit durch einen besonderen Boten an Luther zur Prüfung und Begutachtung. Das kurfürstliche Begleitschreiben lautete also: "Unsern Gruß zuvor, Ehrwürdiger und Hochgelahrter, lieber Andächtiger. Nachdem Ihr und andere unsere Gelehrten zu Wittenberg auf unser gnädiges Ansinnen und Begehren die Artikel, so der Religion halber streitig sind, in Verzeichnis gebracht: als wollen wir euch nicht bergen, daß jetzt allhie Magister Philippus Melanchthon dieselbigen weiter übersehen und in eine Form gezogen hat, die wir Euch hiebei übersenden. Und ist unser gnädiges Begehren, Ihr wollet dieselben Artikel weiter zu übersehen und zu bewegen unbeschwert sein. Und wo Euch es dermaßen gefällig, oder etwas davon oder dazu zu setzen bedächtet, das wollet also daneben verzeichnen, damit man alsdann auf Kaiserlicher Majestät Ankunft, der wir und in Kürze versehen, gefaßt und geschickt sein möge, und uns dieselbigen alsdenn bei diesem Boten, wohl verwahrt und verpetschaft, unverzüglich wiederum anherschicken." Darauf antwortete Luther: "Gnade und Friede in Christo, unserm HErrn. Durchlauchtigster, hochgeborner Fürst, gnädigster Herr! Ich habe Magister Philippsen Apologia2 überlesen; die gefällt mir fast (sehr) wohl, und weiß nichts daran zu bessern noch zu ändern, würde sich auch nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann. Christus, unser HErr, helfe, daß sie viel und große Frucht schaffe, wie wir hoffen und bitten. Amen." . Melanchthon arbeitete noch weiter an der Konfession, nun auch unter dem Beirat Brenz` und Regius` und anderer Theologen, die sich nach und nach in Augsburg eingefunden hatten. Von den Veränderungen und Zusätzen wurde Luther fortwährend Nachricht gegeben.
Die Konfession war zunächst nur im Namen und Auftrag des Kurfürsten von Sachsen verfaßt. Aber auf Betreiben namentlich des Markgrafen Georg von Brandenburg beschlossen die übrigen lutherischen Stände, die von Melanchthon für Kursachsen entworfene Konfession auch zu der ihrigen zu machen. In gemeinschaftlichen Konferenzen wurden nun die einzelnen Artikel der Konfession noch einmal beraten und besprochen. Hierauf bezieht sich wohl Melanchthon, wenn er in bezug auf die Augsburgische Konfession schreibt: "Ich habe nichts für mich getan. In Gegenwart der Fürsten, anderer Oberhäupter und der Prediger ist der Reihe nach über die einzelnen Sätze gesprochen worden."
Das Bekenntnis besteht aus 28 Artikeln. Die ersten 21 legen die reine Lehre des Wortes Gottes dar, die letzten 7 handeln von den papistischen Mißbräuchen, die die Lutheraner als dem Worte Gottes widerstreitend abgeschafft hatten. Von den 21 eigentlichen Lehrartikeln bilden wiederum die ersten 17 ein gewisses Ganzes, das die ganze Lehre nach den Hauptpunkten umfaßt. Die letzten 4: "vom freien Willen", "Von Ursach" der Sünden", "Vom Glauben und guten Werken", "Vom Dienst der Heiligen", bilden mehr einen Anhang und sind noch besonders gegenpapistische Verleumdungen gerichtet. Vorrede und Schluß der Konfession sind in dem damals üblichen diplomatischen Stil von dem kursächsischen Kanzler Dr Bruck verfaßt.
Beginn des Reichstags und Weigerung des Kaisers, das Bekenntnis der Lutheraner verlesen zu lassen.
Am 20 Juni, einem Montag, wurde der Reichstag, auf dessen Ausgang ganz Deutschland mit der gespanntesten Erwartung sah, eröffnet. In der Kathedrale wurde zunächst eine feierliche Messe gehalten. An die Messe schloß sich eine Rede des päpstlichen Nunzius Pimpinelli, in welcher dieser die Lutheraner aufs unverschämteste angriff. Er sagte, die Deutschen seien schlimmer als die Türken. Letztere gehorchten doch einem Herrn; in Deutschland aber gebe es Leute, die niemand gehorchen wollten. Die Türken hielten doch ihren alten Glauben fest; viele Deutsche aber wollten klüger sein als ihre Vorfahren. Das führte Pimpinelli aus nicht etwa in bezug auf die greuliche Papstwirtschaft in Deutschland, auch nicht bloß in bezug auf den Bauernaufruhr und die Schwärmereien der Wiedertäufer, sondern diese Auslassungen waren auf die lutherischen Stände, die, ohne an dem "Gottesdienst" teilzunehmen, in der Kirche anwesend waren, gezielt. Jedermann fühlte das auch. Selbst einige papistische Fürsten und namentlich der Kurfürst von Mainz waren über diesen groben und unverschämten Angriff auf die Lutheraner unwillig. Daß der päpstliche Nunzius solche Äußerungen zu tun wagte, zeigte aber deutlich, welcher Geist auf dem Reichstage herrschen wolle.
Nach der Messe wurde auf dem Rathause die erste Reichstagsversammlung gehalten. Zwei Gegenstände hauptsächlich sollten auf dem eröffneten Reichstag verhandelt werden. Einmal sollte darüber beraten und Beschluß gefaßt werden, wie man nachdrücklich den Krieg gegen die Türken fortsetzen könne. Sodann aber sollte den Spaltungen in der Religion ein Ende gemacht werden. Was das letztere betrifft, so ließ der Kaiser zwar vortragen, es sollten die Religionssachen in Liebe und Freundlichkeit behandelt werden; aber in demselben Vortrag beschwerte sich der Kaiser nicht nur darüber, daß das Wormser Edikt nicht überall ausgeführt worden sei, sondern stellte auch die unwahre Behauptung auf, daß alle Reichsstände in das Wormser Edikt gewilligt hätten, und die Nichtausführung desselben sei die Ursache des Bauernkrieges und des Aufruhrs der Wiedertäufer gewesen. Die lutherischen Stände waren wiederum nicht mit Namen genannt, aber sie - - das war klar - - sollten sich vornehmlich getroffen fühlen.
Der Kurfürst von Sachsen ließ noch an demselben Abend seine Glaubensgenossen zu sich bitten und ermahnte sie zu christlicher Standhaftigkeit. Am folgenden Tage, Dienstag früh, hieß er jedermann von sich gehen, schloß sich in sein Kämmerlein ein und betete heiß und lange. Er hielt auch nochmals die Hauptpunkte der zu bekennenden Lehre gegen Gottes Wort, um durch die lebendige Einsicht in die Übereinstimmung derselben mit der Heiligen Schrift zum Bekenntnis recht mutig zu sein. Er wollte ja nicht bloß die Theologen von dem wahren Glauben Rechenschaft geben lassen, sondern er für seine Person wollte auch mit ganzem Herzen seinen HErrn Christum bekennen.
Man war übereingekommen, die Religionssache zuerst in den Reichstagssitzungen zu behandeln. Der Kaiser bestimmte, am 24 Juni sollten die lutherischen Stände das, was sie vorzubringen wünschten, schriftlich überreichen.
So versammelten sich die lutherischen Stände am 23 Juni (Donnerstag) beim Kurfürsten von Sachsen. Das Bekenntnis wurde noch einmal vorgelesen und dann von allen unterschrieben. Als der Fürst Wolfgang von Anhalt die Feder zur Unterschrift ansetzte, sprach er zu den Umstehenden: "Ich habe manchen schönen Ritt andern zu Gefallen getan, warum sollte ich denn nicht, wenn es vonnöten, auch meinem HErrn und Erlöser JEsu Christo zu Ehren und Gehorsam mein Pferd satteln und mit Darsetzung meines Leibes und Lebens zu dem ewigen Ehrenkränzlein ins himmlische Leben eilen?"
Mit einem durch Gottes Gnade festen und bekenntnisfreudigen Herzen gingen die lutherischen Fürsten am folgenden Tage, Freitagnachmittag, in die Reichsversammlung. Sie wollten bekennen, aber - - man wollte sie nicht bekennen lassen. Die Gegner fürchteten dieses öffentlich Bekenntnis. Campegius und die päpstlichen Theologen wußten ganz gut, daß mancher in der Reichsversammlung nur deshalb ein Gegner der Lutheraner war, weil ihm die greulichsten Dinge über sie gesagt worden waren. Der kaiserliche Sekretär Valdes hatte noch einige Tage vorher Melanchthon erklärt, "die Spanier wüßten nicht anders, als daß die Lutheraner von der heiligen Dreieinigkeit, von Christo und von der heiligen Mutter Gottes ärgerliche und gottlose Dinge lehrten; sie glaubten demnach, Gott einen größeren Dienst zu tun, wenn sie einen Lutheraner erwürgten, als wenn sie einen Türken totschlügen". . Auch in Deutschland waren durch die Bemühungen der papistischen Pfaffen namentlich auch an den Höfen der Fürsten über die Lutheraner noch immer die gröbsten Lügen im Umlauf. Man sah voraus, dieses Lügengewebe würde einen Riß bekommen, wenn die Lutheraner Gelegenheit erhielten, ein öffentliches Bekenntnis ihrer Lehre abzulegen. Liest man die gerade über diese Reichsversammlung ziemlich ausführlichen Berichte aus jener Zeit, so kommt man zu der Überzeugung: der Kaiser, namentlich durch den päpstlichen Legaten und seinen Bruder, König Ferdinand, beeinflußt, wollte eine öffentliche Verlesung des lutherischen Bekenntnisses ganz verhindern. Der unverschämte Eck schalt noch zwei Jahre später darüber, daß man den Protestanten verstattet habe, ihre Konfession vor Kaiser und Reich zu verlesen.
Zunächst erschien an diesem Nachmittag der päpstliche Legat und hielt eine lange Rede. Es ging natürlich nicht ohne beißende Bemerkungen über die Lutheraner ab. Er klagte, das Schifflein Petri (er meinte die Kirche des Papstes) sei noch niemals in so großer Gefahr gewesen wie gerade jetzt. Dahin hätten es einige böse und verkehrte Menschen gebracht. Das verursache dem "heiligen Vater" gar großen Kummer. Nachdem diese Rede von dem Kurfürsten von Mainz beantwortet war, traten die lutherischen Stände zusammen, um ihre Konfession vor den Reichstag zu bringen. Aber der Kaiser wollte, daß zunächst österreichische Gesandte, die um Hilfe wider die Türken baten, vorgelassen würden. Die Vorbringung der langen und wohlbekannten Klagen nahm lange Zeit in Anspruch. Endlich traten die Gesandten ab. Die lutherischen Stände erhoben sich wiederum und baten durch Dr Brück, ihr Bekenntnis jetzt verlesen zu dürfen. Doch der Kaiser ließ ihnen nun erwidern, zu einer Vorlesung des Bekenntnisses sei es bereits zu spät. Sie möchten ihm das Bekenntnis nur überreichen, er werde es dann überdenken. Es war leicht einzusehen, daß, wenn man dem Begehren des Kaisers nachgab, die öffentliche Verlesung nie mehr stattfinden werde. So hielten die Bekenner durch Dr Brück ferner an und führten aus, "sie würden durch ihre Mißgünstigen wegen des Glaubens und was dem anhängig, bei Ihrer Majestät, auch andern innerhalb und außerhalb des Reichs ausgetragen, als ob sie solche Artikel, die wider Gott und sein heiliges Evangelium wären, in ihren Landen und Gebieten predigen ließen. Damit nun Ihro Majestät und männiglich, der zugegen wäre, vernehmen möchte, daß solche Auflage ihnen zu eitlen Unschulden geschehe, so erforderte ihre hohe unvermeidliche Notdurft, Ihre Majestät nochmals untertäniglich in aller Demut und um Gottes willen zu ersuchen, angeregte Artikel zu hören". . Der Kaiser weigerte sich abermal, die Verlesung des Bekenntnisses zu gestatten. Zum drittenmal erbaten sich die lutherischen Stände Gehör. "Da dies Sachen wären, welche des Kurfürsten und der übrigen Fürsten Seel` und Eid belangten, so sei nochmals zu Ihro Majestät ihr untertänigst flehentliches Suchen und Bitten, Ihro Majestät wollten sie um Gottes willen gnädiglich erhören." . Endlich willigte der Kaiser ein, die Verlesung der Konfession am folgenden Tage vor sich gehen zu lassen, aber nicht in dem Saale des Rathauses, in dem sonst die Sitzungen gehalten wurden, sondern in der viel kleineren Kapellstube des bischöflichen Palastes.
Übergabe des Bekenntnisses.
Am 25 Juni, einem Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, versammelten sich die sämtlichen Fürsten und Stände in der kaiserlichen Herberge im bischöflichen Palast, um das Bekenntnis der Lutheraner anzuhören. Die zur Vorlesung bestimmte Kapellstube konnte ungefähr 200 Personen fassen. Es hatten sich viel mehr eingedrängt. Auf Befehl des Kaisers aber mußten sich alle entfernen, die nicht Mitglieder der Reichsversammlung waren. Der Kurfürst von Sachsen erklärte, daß er und seine Glaubensgenossen bereit seien, ihr Bekenntnis mitzuteilen. Zugleich erhoben sich die andern lutherischen Fürsten. Sie hatten vorher ausgemacht, während der Verlesung ihres Bekenntnisses zu stehen. Der Kaiser jedoch forderte sie auf, sich wieder zu setzen.
Darauf traten die beiden kursächsischen Kanzler Dr Brück und Fr Beyer in die Mitte des Saales. Dr Brück hielt das lateinische, Dr Beyer das deutsche Exemplar in der Hand. Das letztere war zum Vorlesen bestimmt. Aber da wurde noch einmal ein Versuch gemacht, die Wirkung des gefürchteten Bekenntnisses abzuschwächen. Der Kaiser, jedenfalls wieder von den nie ruhenden papistischen Gegnern beeinflußt, verlangte, daß das lateinische Exemplar vorgelesen werde. Viele Anwesende waren des Lateinischen nicht dermaßen kundig, daß sie alles Vorgelesene sogleich hätten verstehen können. Aber der Kurfürst von Sachsen erhob gegen die Forderung des Kaisers bescheiden Einwand. Er sagte, "Sie seien auf deutschem Grund und Boden, er hoffe demnach, Ihre Majestät werde auch die deutsche Zunge erlauben". . Der Kaiser gab nach. Und nun hub Dr Beyer an, die Konfession mit lauter, gemessener Stimme zu verlesen, so daß er fast zwei Stunden dazu brauchte. Der Zweck der Papisten, das Bekenntnis bei seiner Vorlesung vor möglichst wenig Ohren kommen zu lassen, wurde nicht ganz erreicht. Denn Tausende standen im Hofe unter den geöffneten Fenstern und konnten fast jedes Wort, das gelesen wurde, verstehen. Lautlose Stille herrschte nicht nur im Saale, sondern auch im Hofe.
Nach beendigter Verlesung ließ der Kaiser durch seinen Sprecher, den Pfalzgrafen Friedrich, erklären, er habe das Bekenntnis "gnädiglich vernommen". . "Dieweil aber das ein trefflicher, hochwichtiger und merklich großer Handel und deshalb wohl zu bedenken sei", so wolle er der Sache weiter nachdenken und, wenn er zu einem Entschluß gekommen sei, diesen den Protestanten mitteilen. Die letzteren dankten dem Kaiser samt den Ständen für gütiges Gehör und baten noch einmal um ernste Erwägung ihres Bekenntnisses. Dr Brück wollte hierauf dem kaiserlichen Sekretär Alexander Schweiß beide Exemplare der Konfession, das lateinische und das deutsche, einhändigen. Der Kaiser aber griff zu und nahm beide Exemplare selbst in Empfang. Das deutsche übergab er dem Kurfürsten von Mainz zur Aufbewahrung im Reichsarchiv, das lateinische behielt er für sich. Nachdem der Kaiser noch das Verlangen ausgesprochen hatte, die verlesene Konfession möchte nicht ohne seinen Willen zum Druck befördert werden, hob er die Reichstagssitzung auf. Kaiser Karl V hat während seiner langen und sturmbewegten Regierung viel Reichstagssitzungen geschlossen. Am 25 Juni, zwischen 6 und 7 Uhr abends, schloß er aber die, an welche die lutherische Kirche bis an den Jüngsten Tag denken wird. "Das war ein Tag", schreibt Spalatin, "darauf eins der allergrößesten Werke vorgegangen, die auf Erden jemals geschehen; ein Tag, darauf ein Bekenntnis in Latein und Deutsch, mit göttlicher Schrift im Grunde und mit solchem Glimpf verfasset, verlesen, dergleichen in tausend Jahren, ja dieweil die Welt gestanden, nicht gesehen." . Luther jubelte: "Mich freut nur, in einer Zeit zu leben, da Christus von so teuren Bekennern in einer so ansehnlichen Versammlung und durch diese herrliche Konfession öffentlich verkündigt und der Spruch ist wahr worden: "Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen."
Eindruck der Augsburgischen Konfession.
Gewaltig war der Eindruck, den das verlesene Bekenntnis auf die meisten Anwesenden machte. Die bekannte göttliche Wahrheit bewies ihre gewaltige Kraft an den Herzen, wenn leide bei vielen durch Schuld des widerstrebenden bösen Willens auch nur zeitweilig.
Wir haben schon vorhin erwähnt, daß nicht alle Feinde der Protestanten böswillige Gegner waren. Die papistischen Pfaffen hatten die Lutheraner als Leute geschildert, die den ganzen christlichen Glauben umstießen und ärger seien als die Türken und Mameluken. Um so mehr war man nun erstaunt, als man aus dem Bekenntnis ein ganz anderes vernahm.
So hörten denn zunächst die meisten Anwesenden bei der Verlesung des Bekenntnisses mit der größten Aufmerksamkeit zu. Spalatin berichtet: "Kaiserliche Majestät und König Fernandus, die Herzöge von Bayern, auch etliche Bischöfe haben sehr fleißig zugehört." . Eine Nachricht, die in bezug auf den Kaiser das Gegenteil behauptet, ist nicht genügend beglaubigt. Der dem Papst sonst treu ergebene Herzog Wilhelm von Bayern redete nach Schluß der Versammlung den Kurfürsten von Sachsen ganz freundlich an und sprach es offen aus, so habe man ihm von dieser Sache und Lehre zuvor nicht gesagt. Dasselbe äußerte er auch gegen Dr Eck mit dem Bemerken, man werde diese Lehre doch widerlegen können. Als Dr Eck darauf erwiderte, "mit den Vätern zwar getraue er sich es, die lutherische Lehre zu widerlegen, aber nicht mit der Schrift", da wandte sich der Herzog unwillig ab und rief aus: "So höre ich wohl, die Lutherischen sitzen in der Schrift und wir Pontificii (Anhänger des Papstes) daneben!" Der Bischof Stadion von Augsburg rief aus: "Das Vorgelesene ist wahr, ist die lautere Wahrheit, wir können es nicht leugnen!" Auch der Erzbischof von Salzburg könne einem Teil des Bekenntnisses seine Zustimmung nicht versagen. Nur das fand er ärgerlich und unerträglich, "daß ein elender Mönch sie alle reformieren und unruhig machen wolle". . Herzog Heinrich von Braunschweig, unter den Fürsten einer der heftigsten Gegner der Reformation, lud bald nach der Sitzung Melanchthon zu Tische und bekannte ihm, "gegen die Artikel von beiderlei Gestalt des Nachtmahls, von der Priesterehe und den Speisesatzungen könne er nichts einwenden".
Hatte schon so auf die Feinde das Bekenntnis der Wahrheit einen mächtigen Eindruck gemacht, wieviel mehr mußte dies der Fall sein bei denen, die an der papistischen Lehre schon teilweise irre geworden und mit einem nach der Wahrheit fragenden Herzen auf den Reichstag gekommen waren! Solche fielen zum Teil sofort, zum Teil nicht lange danach der Wahrheit zu. Noch während des Reichstags traten die Vertreter der Reichsstädte Heilbronn, Kempten, Windsheim, Weißenburg und Frankfurt am Main der Konfession förmlich und öffentlich bei. Auch die Herzöge Erich von Braunschweig und Barnim von Pommern, ferner die Grafen Georg Ernst von Henneberg und Wilhelm von Nassau haben den ersten Anstoß zu ihrem späteren Übertritt zur Reformation durch das Anhören des Bekenntnisses, das am 25 Juni 1530 öffentlich verlesen wurde, bekommen.
Mit Recht schrieb daher Luther von Koburg aus auf die Klage des Kurfürsten, daß den lutherischen Predigern während des Reichstages das Predigen untersagt sei: "Die Widersacher meinen, sie haben es fast wohl troffen, daß sie das Predigen haben durch Kaiserlicher Majestät Gebot verbieten lassen, sehen aber dagegen nicht, die elenden Leute, daß durch die schriftliche Bekenntnis, überantwortet, mehr gepredigt ist, denn vielleicht sonst zehn Prediger hätten mögen tun. Ist es nicht eine feine Klugheit und großer Witz, daß Magister Eisleben und andere müssen schweigen, aber dafür tritt auf der Kurfürst zu Sachsen samt andern Fürsten und Herren mit der schriftlichen Bekenntnis und predigen frei vor Kaiserlicher Majestät und dem ganzen Reich unter ihre Nasen, daß sie es hören müssen und nichts dawider können reden?
Ich meine ja, das Verbot der Predigten sei damit wohl gerochen. Sie wollen ihre Diener nicht lassen den Predigern zuhören, müssen aber selbst wohl Ärgeres (wie sie es heißen) von großen Herren hören und verstummen. Christus schweiget ja nicht auf dem Reichstag; und sollten sie toll sein, so müßten sie mehr aus der Bekenntnis hören, denn sie in einem Jahr von den Predigern gehört hätten. Also geht es, das St Paulus sagt: Gottes Wort will doch ungebunden sein. Wird es auf der Kanzel verboten, so muß man es in den Palästen hören. Müssen es arme Prediger nicht reden, so reden es doch große Fürsten und Herren; und Summa, wenn alles schweigt, so werden die Steine schreien, spricht Christus selbst."
Der Papist Cochläus klagte später, daß durch die Augsburgische Konfession viele Fürsten und Städte des Reichs vom Papst abgefallen seien. Und wie stand es mit Kaiser Karl selbst? Ist nicht vielleicht durch die Konfession, nach der er so eifrig die Hand ausstreckte, ein Stachel in sein Herz gekommen, den er nicht wieder ganz loswerden konnte? Er war durch und durch Politiker und hat sich der Reformation nie hold bewiesen. Aber es ist mehr als wahrscheinlich, daß in seinen letzten Lebensstunden die evangelische Wahrheit seiner mächtig geworden und er im Glauben an die lutherische Rechtfertigungslehre gestorben ist. Bartholomäus Carranza, Erzbischof von Toledo, der dem Kaiser auf seinem Totenbette beistand, wurde auf Befehl der päpstlichen Inquisitoren als Ketzer gefangengesetzt. Ein gleiches widerfuhr dem ehemaligen Beichtvater des Kaisers Konstantin de la Fuente. Auch König Ferdinand wurde später viel milder gegen die Lutheraner. Ja, er ließ den Prinzen Maximilian meist unter Lutheranern erziehen, so daß ihm der Papst 1559 bittere Vorwürfe machte.
Die papistische sogenannte Konfutation.
Am 25 Juni war, wie wir gesehen haben, das herrliche Bekenntnis unserer Väter verlesen worden. Die papistischen Stände hielten nun Rat, wie man weiter mit den Lutheranern handeln solle. Eigentlich hätten nun auch die papistischen Stände ein Bekenntnis ihres Glaubens überreichen sollen. In dem kaiserlichen Ausschreiben hatte es geheißen, "eines jeglichen Standes Gutbedünken, Opinion und Meinung" solle gehört werden. Auch die Protestanten hatten schon früher - - und nun wieder in der Vorrede zu der Konfession - - die Erwartung aus gesprochen, daß "die andern (papistischen) Kurfürsten, Fürsten und Stände dergleichen gezwiefachte schriftliche Übergebung ihrer Opinion und Meinung in Latein und Deutsch jetzt auch tun werden". . Aber die papistischen Theologen erklärten, die Übergabe eines Bekenntnisses von ihrer Seite sei unnötig, "weil sie bei der alten Lehre blieben". . Und das war ganz klug. Einmal wäre es schwer gewesen, selbst wenn man den "unfehlbaren" Papst zur Stelle gehabt hätte, aus dem Gewirre der in der Papstkirche im Schwange gehenden Menschenmeinungen ein Bekenntnis zusammenzustellen. Sodann hätte ein so zusammengestelltes Bekenntnis - - das fühlte man wohl - - es nicht ertragen können, in das Licht des Wortes Gottes gestellt zu werden. Endlich wollten die Papisten ja auch in diesem ganzen Handel die Richter spielen; die Lutheraner mitsamt dem Worte Gottes sollten die Stellung der Verklagten einnehmen.
Aber was nun tun? Die papistischen Theologen, unter ihnen besonders Eck, kamen auf ihren alten Rat zurück, man solle sich mit den vom Papst bereits verdammten Ketzern in keine Disputationen mehr einlassen. Das beste sei, zum Schwerte zu greifen. "Man müsse die vergeblichen Worte fahren lassen und die faulen Glieder mit dem kaiserlichen Schwert abhauen." . Der Erzbischof von Salzburg ließ sich also vernehmen: "Entweder müssen wir sie haben, oder sie haben uns; welches von beiden kommt uns zu?" . Ein Fürst spottete über die mit schwarzer Tinte geschriebene Konfession der Lutheraner und sagte: "Wären wir Kaiser, wir wollten die roten Rubriken dazu machen." . Diesem fiel ein anderer, der zu den milder Gesinnten gehörte, ins Wort: "Herr, daß Euch nur nicht da das Rot selber unter die Augen spritzt!" . Es stand nun so: Der Kaiser und ein Teil der papistischen Fürsten wollten noch keine Gewalt anwenden. Teils hielten sie die Anwendung von Gewalt noch nicht für rätlich, teils war auch ihr Gewissen von dem Recht der protestantischen Sache erfaßt. So wurde denn beschlossen, das Bekenntnis der Protestanten einer Anzahl papistischer Theologen zur Untersuchung und Widerlegung zu übergeben. Unter diesen Theologen waren die heftigsten Feinde Luthers: Eck, Faber, Cochläus, Wimpina und andere. Mit großem Eifer machte man sich an die "Widerlegung" (Konfutation). . Schon am 12 Juli glaubte man, damit fertig zu sein und die Arbeit den papistischen Ständen vorlegen zu können. Umfangreich genug war die Arbeit, aber - - gar übel geraten. Man war sehr wenig auf das Bekenntnis der Protestanten eingegangen; dagegen hatte man sich um so mehr der pöbelhaftesten Schmähungen gegen Luther beflissen. Der Kaiser und ein Teil der papistischen Stände wiesen am 15 Juli diese Arbeit entschieden zurück als viel zu weitschweifig, oberflächlich und heftig. Man solle die "Widerlegung" bescheidener und gründlicher einrichten. Spalatin berichtet: "Es sind (der "Widerlegung") zum erstenmal wohl 280 Blätter gewest. Aber Kaiserliche Majestät soll es also gereutert (gesiebt) und gerollt haben, daß nicht mehr denn 12 Blätter geblieben sind." . Luther schreibt treffend von dieser Arbeit der Gegner: "Böse Zimmerleute machen viel Späne und verderben viel gutes Holz, wie gottlose Schreiber viel gutes Papier beklecksen." . Natürlich waren die papistischen Theologen von der Aufnahme ihrer "Widerlegung" seitens ihrer eigenen Leute nicht sehr erbaut. Hatten sie doch selbst Scheltworte von diesen hören müssen. Es ist ganz erklärlich, wenn Eck in dieser Zeit äußerte, der Kaiser selbst sei schuld daran, daß man mit den Lutheranern nun so viel Mühe und Beschwerde habe. Wenn der Kaiser dem Papst gefolgt wäre und "beim Einzug in Deutschland die Lutherischen mit dem Schwert flugs und frisch angegriffen, einen nach dem andern geköpft, so wäre der Sache wohl geraten worden".
Am 3 August endlich hatte, auch nach der Meinung des Kaisers, die "Widerlegung" eine solche Gestalt gewonnen, daß man glaubte, sie öffentlich verlesen zu können. Die Verlesung geschah durch den kaiserlichen Sekretär Schweiß vor den gesamten Reichsständen an demselben Ort, wo vor 38 Tagen die Protestanten ihr Bekenntnis verlesen hatten, in der Kapellstube der bischöflichen Wohnung.
Was für einen Eindruck machte diese Konfutation auf die Protestanten? Melanchthon schreibt über dieselbe am 6 August an Luther: "Faber hat noch niemals kein so läppisch und ungeschicktes Buch geschrieben, daß die gemeldete Konfutation nicht noch läppischer und ungeschickter sein sollte." . Der spanische Abt Goncalo de Illescas schreibt, die Protestanten hätten die Konfutation bei der Verlesung verlacht und verspottet. Gelacht und gespottet haben sie nun jedenfalls nicht, wohl aber haben sie Mühe gehabt, ernst zu bleiben bei den Schriftbeweisen, mit denen die papistischen Theologen ihre Papstlehren stützen wollten. So hatten sie als Beweis dafür, daß im Abendmahl den Laien nur das Brot und nicht auch der Kelch gereicht werden sollte, 1 Sam 2,26 angeführt. Hier wird von den Nachkommen Elis gesagt, daß diese, nachdem sie das Priestertum verloren hatten, um ein Stück Brot betteln sollen. Daraus hatten die Meister der Konfutation den Schluß gemacht: also müssen die Laien auch mit dem Brote allein im Sakrament zufrieden sein. Melanchthon schreibt weiter in dem soeben erwähnten Briefe an Luther: "Die kaiserliche Rede3 (*) ist zwar hart und fürchterlich genug gewesen; weil aber die Konfutation so gar kindisch und läppisch gelautet, so hat man doch nach geendigter Verlesung ein großes Vergnügen bei der Sache bezeugt. . . . Alle Rechtschaffenen und Verständigen scheinen getroster und mutiger zu sein, nachdem sie gehört haben, wie so gar kindisch und läppisch die Konfutation geschrieben ist."
Auch ein Teil der papistischen Fürsten muß bei der Verlesung der Konfutation nicht gar freudig und zuversichtlich dreingeblickt haben. Melanchthon berichtet an Luther: "Die Widersacher, die Verstand besitzen, sollen großen Unwillen haben verspüren lassen, daß man dergleichen Lappereien Kaiserlicher Majestät aufgedrungen." So war denn auch keineswegs bei allen Gegnern der Eindruck, den das Bekenntnis der Lutheraner gemacht hatte, gänzlich verwischt. Das zeigte sich besonders einige Tage nachher in einer Versammlung, in der ein Teil der papistischen Stände anwesend war. Der Bischof Stadion von Augsburg eröffnete diese Versammlung mit einer Rede, in der er unter anderm sagte: "Es ist höchst nötig, daß man in dieser Sache allen möglichen Fleiß, Vorsicht und Behutsamkeit anwende, damit nichts unternommen noch beschlossen wird, so der Heiligen Schrift entgegen oder sonst wider Recht und Billigkeit wäre. Denn es ist nur allzuwahr und jedermann vor Augen, daß die Bekenner der Lehre Lutheri keinen einzigen Glaubensartikel angefochten oder zu verletzen begehrt haben. Bei solcher Bewandtnis sind aber auch alle christlichgesinnten Gemüter schuldig und verbunden, mit allem Fleiß auf zureichende Mittel und Wege zu gedenken, wie die Ruhe und Einigkeit in der Kirche wiederhergestellt, bestätigt und erhalten werden kann." . Heftig unterbrach ihn der Bischof von Salzburg Matthias Lang mit dem Worten: "Woher kommt Euer Liebden diese so schnelle Veränderung und ganz unvermutete Heiligkeit? Ich habe ja wohl noch in frischem Angedenken, daß Euer Liebden noch vor kurzer Zeit ganz anders von dieser Sache mit mir geredet haben." . Der Bischof von Augsburg erwiderte hierauf: "Ich leugne nicht, daß ich in meinem Leben viel Böses und Strafbares begangen; gegenwärtige Zeit und Gelegenheit aber dringet mich, aller Bosheit abzusagen, den schädlichen Lüsten des Fleisches Abschied zu geben und ein anderes Leben anzufangen. Und daß ich nicht verhalte, so ist vielleicht Euer Liebden Leben nicht viel frömmer und besser als meines, Euer Lieb den Vorsatz aber gegen den meinigen um so viel ärger und schrecklicher, weil Dieselben ihre Laster mit größerer Hartnäckigkeit zu entschuldigen, die abgöttischen Mißbräuche zu bemänteln und gottlose Lehre zu verteidigen und zu erhalten sich bemühen. Gott bewahre mich, daß ich mich ja einer solchen Gottlosigkeit nicht teilhaftig mache!" . Da fuhr der Kurfürst Joachim von Brandenburg auf und rief laut, die Lutheraner hätten doch Glaubensartikel umgestoßen. Der Bischof von Augsburg wollte diese Artikel genannt wissen. Joachim von Brandenburg antwortete: "Von den Lutheranern wird die Lehre von der katholischen Kirche und der Anrufung der Heiligen gänzlich verworfen und umgestoßen." . Aber der Bischof ließ sich nicht irremachen. Er erwiderte: "Die Anrufung der Heiligen ist kein Glaubensartikel, und die katholische oder christliche Kirche wird von den Lutheranern keineswegs angefochten, sondern nur die Mißbräuche, deren so viele, so grobe und so gefährliche in der römischen Kirche vorhanden sind, daß sie niemand leugnen kann." . Am Nachmittag desselben Tages wiederholten sich diese Auftritte unter den Päpstlichen, ja diese gerieten so aneinander, daß es beinahe zu Tätlichkeiten gekommen wäre.
Es ist darum um so verwunderlicher, daß der Kaiser erklären ließ, er stimme mit der verlesenen Konfutation überein; durch sei sei der Protestanten Bekenntnis widerlegt worden, und er hoffe zuversichtlich, die letzteren würden nunmehr zur alten Religion zurückkehren. Es beweist dies klar, wie wenig der Kaiser von geistlichen Dingen verstand und wie völlig er in den Händen der fanatisch papistischen Partei war.
Die lutherischen Stände baten zunächst um eine Abschrift der Konfutation. Diese wurde ihnen verweigert mit dem Bemerken, die Religionssache sei nun genugsam erwogen und allbereit abgetan. Auch mit der Verweigerung der Abschrift handelte der Kaiser ganz nach dem Wunsch der päpstlichen Legaten Campegius. Dieser hatte schon früher geraten: "er könne unter den gegenwärtigen Umständen nicht für gut erkennen, daß diese neue Lehre (so nannte er das Bekenntnis der Lutheraner) genau geprüft werde, weil es hitzigen, scharfsinnigen und unruhigen Köpfen (so nannte er die gelehrten und in heiligem Eifer entbrannten Bekenner der Wahrheit) niemals an Mitteln fehlen werde, ihre neuen Meinungen sehr wahrscheinlich zu machen. . . . Er halte fürs beste, daß man eine schriftliche Widerlegung der protestantischen Konfession verfertige und öffentlich ablesen lasse, um etwa die günstigen Vorurteile, mit welchen einige für dieselbe eingenommen seien, zu unterdrücken. Aber Exemplare von dieser Widerlegung sollten niemand mitgeteilt werden, damit sie keine Gelegenheit zu neuen Zänkereien gäben". . Die papistischen Theologen fühlten es, daß sie den lutherischen nicht gewachsen seien. Der Jesuit Masenius bekennt selbst, die Weigerung der Papisten, eine Abschrift ihrer Konfutation den Protestanten zuzustellen, habe allerdings den Eindruck gemacht, als trauten sie ihrer Sache nicht. Und er setzt hinzu: "Es steht fest, die Evangelischen brachten in ihrer Sache viel geübtere Männer zum Streit als die Katholischen, daß es demnach ebenso gefährlich war, die Disputation aufzunehmen, als sie abzulehnen. Jene griffen ihre Gegner, die oft nicht wußten, wo man sie anfallen würde, allein mit der Heiligen Schrift an; diese irrten in den Auslegern der Schrift, in den Schriften der Väter und den Beschlüssen der Konzilien wie auf einem weiten Felde umher."
Als die lutherischen Stände mit Bitten um eine Abschrift der Konfutation noch ferner anhielten, erteilte der Kaiser am 5 August den Bescheid, man wolle ihnen eine Abschrift einhändigen, wenn sie zuvor eidlich versprechen würden, gegen dieselbe nichts zu schreiben und vorzulegen, auch sie nicht durch den Druck zu veröffentlichen. Unter diesen Bedingungen konnte den Protestanten eine Abschrift nichts nützen; so verzichteten sie auch auf eine Überreichung derselben. Das Ansinnen des Kaisers, sich mit der gehörten Konfutation "gleich und einhellig zu halten", wiesen sie natürlich entschieden zurück.
Die Augsburgische Konfession in Gefahr und aus der Gefahr errettet.
Als die lutherischen Stände es so entschieden abgelehnt hatten, sich auf Grund der Konfutation mit den Papisten zu vereinigen, schien ihre Lage sehr gefährlich. Der Kaiser war, wie Melanchthon an Luther berichtete, sehr aufgebracht (aufgebracht). Die eifrig papistische Partei erwartete nun wohl, daß der Kaiser jetzt endlich zu Gewaltmaßregeln greifen werde. Der Landgraf Philipp von Hessen reiste am 6 August heimlich von Augsburg ab. Teils war er ungeduldig geworden durch den Gang der bisherigen Handlungen, teils aber auch fürchtete er einen Anschlag gegen seine Person. Aber noch einmal gewann die friedlicher gesinnte Partei unter den Gegnern die Oberhand. Es wurden neue Verhandlungen behufs friedlicher Vergleichung eröffnet. Drei Ausschüsse wurden nacheinander ernannt. Die Verhandlungen des ersten Ausschusses erwiesen sich bald als erfolglos. Auf der gegnerischen Seite führte namentlich der fanatische Kurfürst von Brandenburg das Wort. Dieser schloß seine Reden meistens mit Drohungen. Er rief dem Kurfürsten von Sachsen zornig zu: "Wofern der Kurfürst Johannes von Sachsen die angenommene lutherische Lehre nicht wiederum verlassen wird, so wird erfolgen, daß Kaiserliche Majestät ihn nicht allein mit gewaffneter Hand angreifen und aller Würden, Land und Leute entsetzen, ja gar des Lebens berauben, sondern auch alle seine Untertanen mit Weibern und Kindern sich unterwürfig machen wird." . Solche Drohungen schadeten der Sache des Bekenntnisses nicht. Die lutherischen Fürsten entgegneten einfach, um ein gutes Gewissen zu behalten, um nicht Seele und Seligkeit zu verlieren, müßten sie schon Leib und Leben, Gut und Herrschaft in die Schanze schlagen.
Es wurde aber bald, weil die Poltereien des Kurfürsten von Brandenburg kaum Unterhandlungen gestatteten, ein zweiter, engerer Ausschuß ernannt. "Etliche, der Sache verständige und zum Frieden geneigte Personen von beiden Teilen" sollten die Verhandlungen behufs eines Ausgleichs führen. Dieser engere Ausschuß bestand aus 14 Personen. Die papistischen Theologen waren Eck, Wimpina und Cochläus; die lutherischen Melanchthon, Schnepf und Brenz. Man unterhandelte vom 16 bis zum 21 August.
Das war die gefährlichste Zeit für unsere Augsburgische Konfession. Ein Geschichtschreiber des achtzehnten Jahrhunderts sagt: "Noch niemals schien die Hoffnung des Friedens zwischen den Protestanten und der römischen Kirche ihrer Erfüllung so nahe zu sein, als solange dieser zweite Ausschuß seine Unterhandlungen fortsetzte. Und niemals würde ein Friede so schädliche Folgen für die Protestanten nach sich gezogen haben als dieser, wenn er zustande gekommen wäre. Wenn hier nicht die Regierung einer höheren Hand anerkannt wird, so wird es unerklärlich bleiben, daß von der Nachgiebigkeit der Protestanten damals nicht ein besserer Gebrauch gemacht worden ist." . Wer wurde denn zu nachgiebig? Nicht die protestantischen Fürsten und Stände. Nachgiebig und schwach wurde Melanchthon, und er, der Führer der lutherischen Theologen zu Augsburg, machte durch seine zeitweilige Schwäche und Verzagtheit auch andere Gottesgelehrte zeitweilig schwach und verzagt.
Man verachte Melanchthon deshalb nicht! Bedenken wir, wie gerade auf ihn der böse Feind damals alle feurigen Pfeile abgeschossen hat. Handelte es sich doch um die Feststellung und Aufrechterhaltung eines Bekenntnisses, das bis an den Jüngsten Tag ein Banner der Wahrheit für die Kirche sein und dem Reiche des Satans fort und fort großen Abbruch tun sollte. Wurde doch durch dieses Bekenntnis ein helles Licht gegeben für die Erkenntnis, die aus dem Reiche der Finsternis errettet. Wie wird also der Fürst der Finsternis die Diener Gottes, die ihm sein Spiel verderben wollten, zu Augsburg mit Zweifel und Kleinmut angefochten haben! Wie wird er ganz besonders auf den von Natur furchtsamen Melanchthon eingestürmt sein! Melanchthon sah Kaiser, Papst und die mächtigsten deutschen Fürsten verbündet, nötigenfalls mit Waffengewalt die Länder der Protestanten sich unterwürfig zu machen und unter Verjagung aller Prediger des Evangeliums wieder unter die Tyrannei des Papstes zu bringen. Dann würden auch die Nachkommen des Evangeliums gänzlich beraubt sein. All dieses Elend sah Melanchthon im Anzug, wenn man jetzt sich nicht mit der Gegenpartei vergleichen könnte. So kam der Geist der Bangigkeit und Verzagtheit über ihn. Und dies hatte die Folge, daß er bei den nun begonnen /en Verhandlungen zeitweilig mehr nachgab, als unbeschadet der Wahrheit geschehen konnte. Man hatte sich bald über sämtliche Lehrartikel der Augsburgischen Konfession fast gänzlich geeinigt, aber nur - - in den Ausdrücken, nicht in der Sache. Melanchthon ließ sich solche Ausdrücke gefallen, hinter denen die Gegner ihre falsche Lehre verbergen konnten. Die Gegner dachten nicht daran, ihre falschen Lehren fahren zu lassen. Schon am 6 Juli war in Rom beschlossen worden, man wolle nichts nachgeben und in nichts willigen. Und die papistischen Theologen hatten es auch offen ausgesprochen; sie ließen sich in Unterhandlungen ein nur in der Hoffnung, daß die Lutheraner weichen würden.
Melanchthon war nun diesen ränkevollen, unehrlichen Gegnern gegenüber nicht genug auf der Hut. Luther hatte recht, wenn er den Theologen zu Augsburg vorhielt, die verstellte Freundlichkeit der Papisten sei mehr zu fürchten als ihr Wüten und Drohen. Selbst der Artikel, mit welchem die Kirche steht und fällt, der Artikel von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden, um Christi willen, allein durch den Glauben, stand in Gefahr. Wie? Das ersehen wir am besten aus einem Briefe Melanchthons an Luther. Melanchthon schrieb unter dem 22 August: "Was die Lehre belangt, steht es also: Eck ficht an das Wort sola (allein), wenn wir sagen, der Mensch werde allein durch den Glauben gerecht. Doch hat er die Lehre an sich selbst nicht verdammt, sondern sagte, daß die Unerfahrenen sich ärgerten. Denn ich habe ihn gezwungen zu bekennen, daß die Gerechtigkeit dem Glauben recht zugeeignet werde. Doch hat er gleichwohl begehret, wir sollten also schreiben, daß der Mensch durch die Gnade und den Glauben gerecht werde. Dies habe ich nicht widerfochten. Aber der Narr versteht das Wort Gnade nicht." . So weit Melanchthon an Luther. Aber da hätte der teure Melanchthon "widerfechten" sollen. Es ist ja an und für sich ganz recht geredet, daß der Mensch gerecht werde "durch die Gnade und den Glauben". . Aus eitel Gnade und Barmherzigkeit rechnet Gott dem, der an Christum glaubt, die Gerechtigkeit Christi zu. Aber der Narr Eck verstand, wie Melanchthon selbst bemerkt, in diesem Handel nicht das Wort Gnade. Er befaßte unter dem Wort Gnade auch die durch Gottes Gnade in dem Menschen gewirkten guten Werke. Er wollte also im Grunde eine Rechtfertigung durch den Glauben und die Werke des Menschen. Darum focht er das Wort sola an. Und es war Heuchelei, wenn er privatim zugeben wollte, es sei recht, zu sagen, daß der Mensch allein durch dem Glauben gerecht werde. Luther antwortete daher Melanchthon auch: "Ihr schreibet, wie Eck von Euch gezwungen sei zu bekenne, daß wir allein durch den Glauben gerecht werden. Aber wollte Gott, Ihr hättet ihn gezwungen, daß er nicht mehr lügen müßte!"
Auch in bezug auf die sogenannten Mißbräuche gaben die Papisten nur scheinbar nach. Das war auch gar nicht anders möglich. Diese Mißbräuche hatten ihren Grund in falscher Lehre. Und diese Mißbräuche aufrechtzuerhalten (aufrechterhalten), darauf kam es den Papisten vornehmlich an. Wie sollte zum Beispiel die Papstkirche ohne die Messe4 (*) bestehen? Ein alter Theologe schreibt: "Die Messe ist die Deichsel an ihrem ganzen Wagen; wo die zerbrochen, gehet der Wagen nicht mehr aus der Stelle. . . . Der Verlust der Messe hätte als ein großer Komet an dem papistischen Himmel einen großen Schwanz lauter verlorner und verdüsterter Glaubensartikel nach sich gezogen." . Deshalb hatte auch der päpstliche Gesandte schon am 26 Juni gesagt: "Die Mißbräuche, über welche die Protestanten klagen, können nicht abgeschafft werden, weil der Kirche diese Verbesserungen mehr schaden würden als das Übel selbst." . Ja er äußerte, er wolle sich eher in Stücke reißen lassen, als die Messe aufgeben.
Nichtsdestoweniger ließ sich Melanchthon aus Furcht zeitweilig auf das wunderbare Werk ein, den Papst mit Luther und Christum mit Belial zu vereinigen, wie Luther sich ausdrückte.
Aber Gott wollte seiner Kirche zu der Zeit ein reines, lauteres Bekenntnis geben und erhalten. So mußten sich auch diese Unterhandlungen schließlich zerschlagen. Die Papisten bestanden zum Beispiel hartnäckig darauf, die Lutheraner sollten die Austeilung des heiligen Abendmahls unter beiderlei Gestalt nicht als göttliches Gebot lehren. Das war Melanchthon doch zu stark. Man mußte am 22 August berichten, daß der Ausschuß sich nicht habe vergleichen können. Ein noch engerer Ausschuß, in welchem als Theologen nur Eck und Melanchthon verhandelten, hatte auch keinen Erfolg. Melanchthon wurde durch Gottes Gnade wieder stark. Hatte doch Luther die gewaltigsten Brief an ihn geschrieben, um seinen Glauben zu stärken und ihm die Furcht vor den drohenden Gefahren aus dem Herzen zu nehmen. Ja selbst ein Venetianer, Paolo Roselli, hatte einen eindringlichen Brief an Melanchthon gerichtet, in welchem er ihn im Namen Christi beschwor, den Papisten gegenüber fest zu bleiben. Die Fürsten erklärten auch endlich rundheraus, sie könnten sich auf keine weiteren Unterhandlungen die Lehre betreffend einlassen. Sie könnten nichts nachgeben, weil ihre Lehre in Gottes Wort gegründet sei, und die Gegner wollten nichts nachgeben. Zugleich beriefen sie sich wiederholt auf ein allgemeines Konzil. So blieb das am 25 Juni überantwortete Bekenntnis in seiner klaren, unzweideutigen Gestalt stehen.
Letzte Verhandlungen und Schluß des Reichtags.
Als die lutherischen Stände ihren Entschluß, nicht mehr über die Lehre unterhandeln zu wollen, kundgegeben hatten, ließ ihnen der Kaiser am 7 September sagen, "daß Ihro Majestät mit großem Mißfallen und Beschwerung vernommen haben, daß sie (die Lutheraner) in den vornehmsten Artikeln mit den andern (den papistischen Ständen) noch mißhellig seien. Ihro Majestät hätten nicht vermuten können, da ihrer (der Lutheraner) so wenige seien, daß sie solche Neuerungen wider den alten, heiligen Gebrauch der ganzen christlichen Kirche dennoch einführen und sich einer sonderlichen Lehre, die des Papsts, Ihrer Majestät, des Königs Ferdinand und aller Fürsten und Stände des Reichs Lehre und Glauben entgegen sei, gebrauchen und dabei bleiben wollten". . Ein Konzil wollte er beim Papst vermitteln, doch unter der Bedingung, daß die Protestanten bis dahin - - wieder papistisch würden. "Es könne nicht verstattet werden, daß die Sachen also unerörtert hangen und den Neuerungen nicht gewehrt, noch dieselben abgeschafft werden sollten."
Wesentlich desselben Inhalts waren alle Kundgebungen des Kaisers bis zur Abreise des Kurfürsten von Sachsen am 23 September. Die Drohungen wurden wiederholt und verstärkt. Man kam immer wieder mit der unverschämten Behauptung, die Lutheraner seien eine neue Sekte und ihr Bekenntnis sei mit Gottes Wort widerlegt worden "nach tapferem Rat vieler Gelehrten nicht einer Nation allein". . Immer wieder stellte man den gottlosen Grundsatz auf, der geringere Teil müsse auch in Sachen des Glaubens dem größeren Teil folgen. Der Kaiser führte auch folgendes Argument ins Feld: wenn das Bekenntnis der Lutheraner recht wäre, so "müßten auch Ihro Majestät löbliche Vorfahren, Kaiser und Könige, und anderer Kurfürsten und Fürsten Voreltern irrgläubig gewesen sein. Dies könnte Ihro Majestät nicht zugeben und also auch nicht glauben, daß die Konfession der Protestanten im Evangelio gegründet sei".
Wir setzen noch einige Stellen aus den Reden hierher, mit denen unsere Väter auf diese papistischen Behauptungen und Zumutungen antworteten. Diese Antworten zeugen sowohl von dem Mut als auch von dem christlichen Verständnis der Bekenner.
Auf den Vorwurf, die Lutheraner seien eine neue Sekte, wurde unter anderm erwidert: "von einer Sekte wüßten die protestantischen Fürsten und Stände gar nichts, sondern was sie glaubten, sei in Gottes Wort so fest gegründet, daß es der rechte, wahre, christliche Glaube und keine Sekte zu nennen sei". . Sie führten noch weiter aus, ihre Kirche habe die Gestalt der uralten, apostolischen Kirche. Die Papstkirche sei es, die Neuerungen in Lehre und Gebräuchen eingeführt habe. - - Aufs ernsteste protestierten sie auch gegen die Behauptung, daß ihr Bekenntnis aus der Schrift widerlegt worden sei. "Sie seien vielmehr überzeugt, daß solch ihr Bekenntnis in Gottes heiligem Wort christlich und beständig gegründet und in keinem Wege möge abgelehnt werden. Sie hielten es für die göttliche Wahrheit so gewiß, daß sie vor dem Jüngsten Gericht damit sicher zu bestehen sich getrauten. Die Konfutationsschrift des Widerteils würden sie nicht ermangelt haben also zu widerlegen, daß Kaiserliche Majestät und männiglich hätte spüren müssen, wie dieselbe gegen ihr Bekenntnis gar nichts wirken könne, wenn ihnen die gebetene Kopei (Kopie?) davon widerfahren wäre. Indessen hätten sie gleichwohl auf das, was man unter dem Ablesen in der Eil` (Eile) anmerken können, eine Antwort stellen lassen, aus welcher Kaiserliche Majestät sehen würde, daß alles in ihrem Bekenntnis noch feststehe. Sie bäten also untertänig, daß Kaiserliche Majestät diese Apologie annehmen möchte." . Bei diesen Worten überreichte der Redner, Dr Brück, dem Pfalzgrafen Friedrich die Apologie der Augsburgischen Konfession.5 (*). . Der Pfalzgraf nahm sie entgegen, um sie dem Kaiser einzuhändigen. Der Kaiser würde sie auch entgegengenommen haben (er hatte schon die Hand danach ausgestreckt), wenn ihm nicht der König Ferdinand eine Abmahnung ins Ohr geflüstert hätte. So winkte der Kaiser dem Pfalzgrafen, die Schrift zurückzugeben.
Der am 22 September publizierte kaiserliche Abschied enthielt im wesentlichen folgendes: Der Kaiser versprach, er wolle beim Papst das von den Protestanten begehrte Konzil vermitteln; binnen sechs Monaten sollte es ausgeschrieben werden. Eine Bedenkzeit bis zum 15 April kommenden Jahres wurde zugestanden, ob man sich mit der römischen Kirche vergleichen wolle. Aber inzwischen solle nichts in Sachen des Glaubens gedruckt noch verkauft werden. Auch solle es niemand freistehen, inzwischen zu den Lutheranern überzutreten. Die Behauptung, daß das lutherische Bekenntnis mit der Schrift widerlegt worden sei, wurde gleichfalls wiederholt.
Diesen Abschied konnten die lutherischen Stände nicht annehmen. Der Kurfürst von Brandenburg drohte: "wo die vereinigten (lutherischen) Fürsten den publizierten Abschied nicht annehmen wollten, würden Ihro Majestät verursacht, darob zu halten, wie ihnen wohl gebühre. Daneben hätten ihm (dem Kurfürsten von Brandenburg) Kurfürsten, Fürsten und Stände zu melden aufgetragen, daß sich Kaiserliche Majestät mit ihnen und sie mit Kaiserlicher Majestät verschworen, vereidet und verbunden hätten, ihr Gut und Blut, Leib und Leben, Land und Leute daranzusetzen, daß dieser Handel zu Ende gebracht werde". . Die Lutheraner erwiderten, "sie würden Ihro Majestät zu allem in Untertänigkeit willfährig sein, worin es mit Gott und gutem Gewissen möglich sei; wider ihr Glaubesbekenntnis aber sei es ihnen nach ihrem Gewissen ganz unmöglich, in den kaiserlichen Abschied zu willigen und dessen Inhalt anzunehmen". . Sie erklärten schließlich, sie müßten die Sache nun auf sich beruhen lassen und Gott befehlen.
Diese letzten Erklärungen wurden am Vormittag des 23 September gegeben. Der Kurfürst von Sachsen war anfänglich nicht zugegen, weil er sich zur Abreise, die noch an demselben Tage vor sich ging, rüstete. Gegen Mittag trat er ein und bezeugte noch einmal vor allen Anwesenden, "er wisse aufs allergewisseste, daß seine Konfession so fest und unbeweglich in der Heiligen Schrift gegründet sei, daß auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen könnten". Darauf verabschiedete er sich vom Kaiser. Der Kaiser reichte ihm, wie es gebräuchlich war, die Hand und sagte: "Ohm, Ohm, das hätte (ich) mich zu Euer Lieb den nicht versehen." . Der Kurfürst konnte vor Bewegung kein Wort sprechen und verließ mit tränenden Augen den Saal. "Es wäre sehr falsch, zu glauben", sagt ein neuerer Geschichtsschreiber, "dem Kurfürsten von Sachsen habe politisch daran gelegen, dem Kaiser Opposition machen zu können. Es tat ihm von Herzen leid, sich von seinem Kaiser und Herrn so trennen zu müssen; aber es konnte nun nicht anders sein."
Der Reichstag dauerte nach der Abreise des Kurfürsten von Sachsen noch zwei Monate fort. Der vom 19 November datierte Schlußabschied lautete noch viel drohender gegen die Lutheraner als der am 22 September veröffentlichte. Da wurde zwischen Lutheranern, Zwinglianern, Wiedertäufern und aufrührerischen Bauern gar kein Unterschied gemacht. Das Wormser Edikt sollte in aller Strenge durchgeführt werden. Die Ungehorsamen sollte schließlich die Reichsacht treffen. Aber - - "beschließet einen Rat, und werde nichts draus! Beredet euch, und es bestehe nichts; denn hie ist Immanuel", Ies 8,10. . Der Kaiser kam bald wieder in solche Bedrängnis, daß er an eine Ausführung des Augsburger Reichsabschieds nicht denken konnte. 300,000 Türken bedrohten die österreichischen Lande. König Ferdinand wollte mit den schmählichsten Bedingungen den Frieden erkaufen, um freie Hand für die Ausführung des Augsburger Abschieds zu haben. Die Türken wiesen jedoch alle Friedensbedingungen zurück. So mußte man den Lutheranern in Sachen der Religion Frieden gewähren, um mit ihrer Hilfe die Türken besiegen zu können.
Luther und die Augsburgische Konfession.
Wunderbar! Zu dieser Zeit, da zu Augsburg die durch Luther ans Licht gebrachte Wahrheit so öffentlich bezeugt und ein Bekenntnis überantwortet wird, bei welchem sich die rechtlehrende Kirche bis an den Jüngsten Tag nächst Gottes Wort finden lassen wird: zu dieser so wichtigen Zeit ist Luther nicht persönlich bei den im heißen Kampfe stehenden Genossen und Schülern.
Luther war, wie wir gesehen haben, von seinem Kurfürsten in Koburg zurückgelassen worden. Und hier blieb er während des ganzen Reichstags. Aber obwohl von Augsburg mehrere Tagereisen entfernt, war er doch allezeit bei den kämpfenden Seinen mit Gebet und Flehen, mit Ermahnung und Trost, mit Lehre und Zurechtweisung. Wir hätten, menschlich zu reden, keine Augsburgische Konfession, wenn Luther den Sommer des Jahres 1530 untätig und von der Sache der Lutheraner ausgeschlossen gewesen wäre. Hierzu im folgenden einige Belege.
Luther war es vor allen Dingen, der für die Bekenner in Augsburg betete. Luther ist nicht nur seit der Zeit der Apostel der größte Lehrer der Kirche, sondern ohne Zweifel auch der gewaltigste Beter. Und zu keiner Zeit seines Lebens hat er diese Waffe gegen des Satans Reich gewaltiger geschwungen als zur Zeit seines Aufenthalts auf der Koburg. Veit Dietrich, der während des Reichstags bei Luther in Koburg war, schrieb am 20 Juli an Melanchthon: "Ich kann mich nicht genug wundern über Luthers treffliche Beständigkeit, Freude, Glauben und Hoffnung in diesen jämmerlichen Zeiten. Solche Stücke aber mehrt er täglich durch fleißige Übung Gottes Worts. Es geht kein Tag vorüber, an welchem er nicht aufs wenigste drei Stunden, so dem Studieren am allerbequemlichsten sind, zum Gebet nimmt. Es hat mir einmal geglückt, daß ich ihn beten hörte; hilf, Gott, welch ein Geist, welch ein Glaub` ist in seinen Worten! Er betet so andächtig als einer, der mit Gott, mit solcher Hoffnung und Glauben als einer, der mit seinem Vater redet. "Ich weiß", sprach er, "daß du unser lieber Gott und Vater bist; deshalb bin ich gewiß, du wirst die Verfolger deiner Kinder vertilgen. Tust du das aber nicht, so ist die Fahr dein sowohl als unser. Was wir getan, das haben wir müssen tun; darum magst du, lieber Vater, sie beschützen." Als ich ihn solche Worte mit heller Stimme von ferne hörte beten, brannte mir es Herz im Leib für großer Freude, sintemal ich ihn so freundlich und andächtiglich mit Gott hörete reden; vornehmlich aber, weil er auf die Verheißungen aus den Psalmen so hart drang, als wäre er gewiß, daß alles geschehen müßte, was er begehrte. Darum zweifle ich nicht, sein Gebet werde eine große Hilfe tun in dieser, wie man es achtet, verlornen Sache, welche auf jetzigem Reichstage wird gehandelt. werden." . Luther selbst sagt am Schluß eines Briefes, den er am 30 Mai an Melanchthon schrieb: "Ich bitte für Euch, hab` gebeten und will bitten und zweifele auch nicht, daß ich erhöret sei; denn ich fühle das Amen in meinem Herzen." . "War das nicht", sagt Mathesius in seinen Predigten über Luthers Leben, "ein Mosesgebet für den Zeug und Streiter Gottes, der zu Augsburg wider den leidigen Satan zu Felde lag? Mit diesen Paternostersteinen schleuderte man damals den großen Goliath, den leidigen Satan, und alle seine höllischen Gehilfen zurück." . Ja, Luther war wirklich für die in Augsburg streitenden Glaubensgenossen das, was Moses nach 2 Mose 17,8-13 für die unter Josua wider Amalek streitenden Israeliten war. Hören wir darüber Mathesius noch weiter: "Weil dieser Reichstag vornehmlich wider Doktor Luthers Lehre angestellt und (wider die,) so diese Lehre halfen predigen und für Recht in ihren Landen und Städten hielten, feiert unser Doktor auch nicht, wie Moses, da er seinen treuen Diener Josua mit viel guten Leuten wider König Amalek gerüstet ins Feld schickt. Denn Doktor Luther hielt auch den Stab und Stecken Gottes in seiner Hand und trat vor Gottes Angesicht und hob in der Erkenntnis des HErrn Christi seine heiligen und schweren Hände auf, damit er das Papsttum hart gedrückt und geschwächt hatte, und schrie Tag und Nacht zu Gott, daß er sein Reich und die rechten Josuiten und deutschen Ritter, so zu Augsburg mit den Englein (Engeln?) wider den Widerchrist zu Felde lagen, bei rechtem Glauben und reiner Lehre erhalten und sie mit seinem Geist stärken und trösten und sie mit seinen Englein bewachen und umlagern wolle."
Aber nicht bloß mit Gebet, auch mit Ermahnung und Trost stand Luther den Seinen bei. Durch Luthers Zuspruch getröstet, bewies sich das Haupt der lutherischen Fürsten, der Kurfürst Johann von Sachsen, so standhaft. Der Kurfürst schickte dem oft kranken Luther leibliche Arznei von seinem Leibarzt Dr Caspar; Luther sandte dafür dem Kurfürsten die geistliche Arznei des göttlichen Trostes.
Besonders aber war es Melanchthon, der der Stütze bedurfte. Melanchthon wurde, wie bereits besagt worden ist, zeitweilig von einer Ängstlichkeit und Kleinmütigkeit befallen, die der Sache des Evangeliums gefährlich zu werden drohte.
In solchen Stunden der Anfechtung schrieb Melanchthon kurz nach der Übergabe der Konfession zum Beispiel folgendes an Luther: Wir sind hier in dem größten Jammer und müssen beständig Tränen vergießen. . . . Ich will nun, mein lieber Vater, meinen Schmerz nicht mit vielen Worten noch größer machen, sondern Euch nur zu überlegen geben, an welchem Ort und in was großer Gefahr wir uns befinden, da wir außer Eurem Trost gar keine Erquickung haben können. Die Sophisten und Mönche laufen alle Tage zu und bemühen sich, daß sie den Kaiser gegen uns aufbringen. Die vorhin auf unserer Seite gewesen, sind nun nicht da, und wir schweben ganz verlassen und verachtet in unendlicher Gefahr." . In einem Brief aus derselben Zeit sagt er: "Ich kann nicht erraten, was zu hoffen oder zu fürchten sei, da wir mit so viel Feinden umgeben sind." . Ja, Melanchthon entfuhren in einigen Briefen die Worte, daß er in dieser großen Sache nur Luthers Ansehen gefolgt sei.6 Jonas bittet unter dem 29 Juni Luther: "Ich wollte, Du schriebest baldigst an Philippus. Er ist bisweilen von der größten Traurigkeit wegen des Gemeinwohls angefochten."
Konnte nun Luther Trost geben? Er hatte auch zu Koburg die schwersten Anfechtungen zu bestehen. Er war sehr viel leiblich krank, so daß er sich, wie er selbst schreibt, zu Koburg bereits ein Plätzchen zu seiner Grabstätte ausgesehen hatte. Der Satan griff ihn mit Krankheit und Schreckgespenstern an. Aber er trank auch unaufhörlich aus der rechten Trostquelle, so daß er schreiben konnte: "Ich spreche des Satans Engel, der mich mit Fäusten schläget, Hohn." . Unaufhörlich las und betrachtete er Gottes Wort, sonderlich die herrlichen Verheißungen, die Gott seinem Wort und dessen Bekennern gegeben hat. ER machte sich ein Verzeichnis auserlesener Sprüche der Heiligen Schrift, um sie zu seinem Trost immer bereit zu haben. Ja, er schrieb mit großen Buchstaben die Worte an die Wand" "Ich werde nicht sterben, sondern lebenund des HErrn Werk verkündigen", Psalm 118,17. . Auch gebrauchte er fleißig die Absolution und das heilige Abendmahl. Mathesius schreibt: "Hie soll ich noch mit einem Wort erwähnen, wie unser Doktor in seiner Anfechtung vielmals vom Pfarrer des Orts, Herrn Johann Karg, die heilige Absolution begehrt und durch das heilige Abendmahl herzlichen Trost bekommen habe, wie er seinen Beichtvater deswegen oft gerühmt, durch welches Wort ihn der HErr Christus trefflich erquickt."
So in Anfechtung und Not, so aber auch stets getröstet mit dem rechten Trost, konnte Luther nun auch andere und sonderlich den versagten Melanchthon recht trösten. Diese Trostbriefe, die Luther nach Augsburg geschrieben hat, zeugen von dem gewaltigsten Glauben, den wohl je ein Mensch seit der Apostel Zeit gehabt hat. Wer diese Briefe liest, der muß dem Ähnliches empfinden, was Veit Dietrich empfand, als derselbe Luther zu Koburg betenhörte: "Es brannte mir es Herz im Leibe für großer Freude." . Jeder Christ muß durch den Glauben, der sichin diesen Briefen Luthers ausspricht, zum Glauben gereizt und im Vertrauen auf Gottes Verheißungen gestärkt werden.
Luther hatte eine felsenfeste Überzeugung von der Richtigkeit des im Bekenntnis Vorgelegten. Er schreibt an Melanchthon: "Tag und Nacht lebe ich in diesen Dingen. Ich durchsuche die Schrift, überlege, disputiere; täglich wächst mir die Gewißheit. Ich werde mir nichts mehr nehmen lassen, es gehe mir darüber, wie es Gott will." Und weil er so gewiß die Sache der Bekenner zu Augsburg als Gottes Sache wußte, so war er im Glauben auch dessen gewiß, daß Gott selbst sich der Sache annehmen und sie nicht untergehen lassen werde. Er schreibt an Melanchthon: "Sehet nur zu, Philippe, daß Ihr Euch nicht gar zu sehr kränket in einer Sache, die nicht in Eurer Hand, sondern in der Hand dessen stehet, der größer ist als derjenige, so in der Welt herrschet, und aus dessen Hand uns niemand reißen kann. . . . Werfet Euer Anliegen auf den HErrn, der die Toten lebendig macht, der die demütigen und zerbrochenen Herzen erquicket und heilet. Der Gott alles Trostes, in dessen Schoß und Hände ich Euch alle befehle, hat uns selbst berufen und ersehen, seine ehre auszubreiten." . - - "Ich bin, was die gemeine Sache betrifft, ganz wohlgemut und sein zufrieden. Denn ich weiß, daß sie recht und wahrhaftig ist und, das noch wohl mehr ist, Christi und Gottes selber, Derhalben bin ich schier als ein müßiger Zuschauer und wollte nicht ein Klipplein auf die Papisten oder ihr Wüten und Dräuen geben. Fallen wir, so fällt Christus auch mit, nämlich der Regierer der Welt. Und obgleich er fiele, so wollte ich doch lieber mit Christo fallen denn mit dem Kaiser stehen." . - - "So Christus bei uns nicht ist, so wollen wir ihn nimmermehr finden in der ganzen Welt. Sind wir nicht die Kirche oder ein Teil der Kirche, wo ist denn die Kirche? Sind die Herzoge zu Bayern, Papst, der Türke und ihresgleichen die Kirche? Wenn wir Gottes Wort nicht haben, wer ist denn, der es hat? So aber Gott mit uns ist, wer ist wider uns? Ja, sprecht ihr, wir sind Sünder und undankbar. Ei, Lieber, höret, er wird darum nicht zum Lügner. Über das können wir nicht Sünder sein in solcher heiligen, göttlichen Sache, ob wir gleich sonst auf unsern Wegen böse sind. Aber Ihr wollt solches nicht hören, so quält und kränkt Euch der Satan. Christus helfe Euch, das bitte ich ohne Unterlaß ernstlich. Amen."
Aber freilich, daß es so vortrefflich steht um die Sache derer, die Gottes lauteres Wort bekennen, das wird hier auf Erden nur im Glauben erkannt, nicht im Schauen. So schärfte Luther den zu Augsburg Kämpfenden ganz gewaltig ein, sie sollten sich daran gewöhnen, daß Gottes Sachen hier auf Erden im Glauben gehen. Man müsse Gott die Ehre antun, ihm auf sein Wort zu glauben, worin er verheißen hat, daß er sicherlich seiner Wahrheit und deren Bekennern den Sieg verleihen werde. An dieser Zusage Gottes müsse man sich genügen lassen und ihr vertrauen, auch wenn es scheine, als ob Gottes Sache verloren sei. Wer hier aber bloß mit seinen natürlichen Augen sehen und nach seiner Vernunft urteilen wolle, der könne nur Sorge, Kummer und Zagen haben. Luther schreibt am 28 Juni an Melanchthon: "Das Ende und der Ausgang der Sache quält Euch darum, daß Ihr es nicht begreifen könnt. Ich sage aber so viel, wenn Ihr es begreifen könntet, so wollte ich ungern der Sache teilhaftig sein, viel weniger wollt` ich ein Haupt oder Anfänger dazu sein. Gott hat sie an einen Ort gesetzt , den Ihr in Eurer Rhetorik nicht findet, auch nicht in Eurer Philosophie; derselbe Ort heißt Glaube, in welchem alle Dinge stehen, die wir weder sehen noch begreifen können. Wer dieselben will sichtbar, scheinlich und begreiflich machen, wie Ihr tut, der hat das Herzeleid und Heulen zu Lohn, wie Ihr auch habt wider unsern Willen. Der HErr hat gesagt, er wolle wohnen in einem Nebel, und hat Finsternis gestellt, darin er verborgen liegt. Wer da will, der mach es anders! Hätte Mose das Ende wollen begreifen, wie das Volk Israel dem Heer Pharaos entgehen möchte, so wären sie vielleicht noch diesen Tag in Ägypten. Der HErr mehre Euch und den andern allen den Glauben! Wenn Ihr den habt, was will Euch der Teufel tun und die ganze Welt dazu?" . In einem Briefe vom 26 Juni redet Luther Melanchthon also zu: "Gnade und Friede in Christo! In Christo sage ich und nicht in der Welt. Amen! In Christo sage ich und nicht in der Welt. Amen! Eurer großen Sorge, durch die Ihr geschwächet werdet, wie Ihr schreibt, bin ich von Herzen feind. Daß sie in Eurem Herzen so überhandnimmt, ist nicht der großen Sache, sondern Eures Unglaubens Schuld. Denn eben diese Sache ist viel größer gewesen zur Zeit Johann Hus und vieler andern denn zu unsern Zeiten. Und ob sie gleich groß wäre, so ist auch der groß, der sie angefangen hat und führt; denn sie ist nicht unser. Was kränkt ihr euch denn so stets und ohne Unterlaß? Ist die Sache unrecht, so laßt sie uns widerrufen. Ist sie aber recht, warum machen wir Gott in so großen Verheißungen zum Lügner, weil er uns heißt guter Dinge und zufrieden sein? Wirf, sagt er, deine Sorge auf den HErrn. Der HErr ist nahe allen betrübten Herzen, die ihn anrufen. Meint Ihr, daß er solches in den Wind rede oder vor die Türe wirft? Es kommt mich auch oft ein Grauen an, aber nicht allewege. Eure Philosophie, nicht Theologie, plagt Euch also, gerade als könntet Ihr mit Eurer unnützen Sorge etwas ausrichten. Was kann der Teufel mehr tun, als daß er uns töte? Ich bitte Euch um Gottes willen, weil Ihr doch sonst in allen andern Sachen Euch wehret, kämpfet wider Euch selbst; denn Ihr seid selbst Euer größter Feind, weil Ihr dem Teufel so viel Wehr wider Euch selbst reichet. Christus ist für die Sünde gestorben einmal, aber für die Gerechtigkeit und Wahrheit wird er nicht sterben, sondern er lebet und regieret. Ist das wahr, was sorgen wir denn für die Wahrheit, weil er regiert? Ja, sagt Ihr, sie wird aber niedergeschlagen werden durch Gottes Zorn. So laßt uns mit ihr niedergeschlagen werden, aber nicht durch uns selbst Der unser Vater worden ist, der wird auch unserer Kinder Vater sein. Ich bitte wahrlich mit Fleiß für Euch, und tut mir weh, daß Ihr die Sorge gierig, wie der Wasserigel das Blut, in Euch sauget und mein Gebet so kraftlos machet. Ich zwar, soviel die Sache betrifft, bin nicht sonderlich bekümmert. Was? Ich habe eine bessere Hoffnung, als ich gemeint hätte? . . . Wenn wir uns mit seinen (Gottes) Zusagungen nicht trösten wollen, wer ist denn jetzt anders in der Welt, den sie angehen?" . An Spalatin schrieb Luther unter dem 30 Juni: "Daß die Könige, Fürsten und Völker wider Christum wüten und toben, hat` ich für ein gutes Zeichen und besser, als wenn sie heuchelten und sich freundlich stellten; denn es folgt: Der im Himmel wohnt, lachet ihr, und der HErr spottet ihrer. Er spottet ihrer aber nicht um sein selbst -, sondern um unsertwillen, daß wir auch getrost sein und ihre eitlen Anschläge ebenfalls verlachen sollen. So ganz kommt alles auf den Glauben an, damit die Sache des Glaubens auch beständig im Glauben gehe. Der das Werk angefangen, hat es ohne allen unsern Rat und Fleiß getan, hat es bisher über all unsern Rat und Fleiß fortgeführt und beschützt und wird es auch vollenden und ausführen ohne und über allen unsern Rat und Fleiß. Daran zweifle ich gar nicht; ich weiß es und bin es gewiß und glaube ihm, weil er mächtig ist und mehr tun kann, als wir bitten und verstehen können, obgleich Philippus denkt und gern wollte, daß er es nach seinem Rat und nach seinen Einsichten machen möchte, damit er auch eine Ehre davon hätte. Nein, es muß nicht heißen: Ich, Philippus. Ich ist zu gering. Es heißt: "Ich werde sein, der ich sein werde"; das ist sein Name: "der ich sein werde", 2 Mose 3,14. . Man siehet nicht wer er ist, aber er wird es sein; da werden wir es sehen." . - - Beim Glauben wollte Luther die Seinen erhalten. Wenn sie einmal auf das Fleisch vertrauen wollten, so suchte er ihnen dieses Vertrauen zu nehmen. Als Spalatin Luther einmal mitgeteilt hatte, daß sich der Kaiser freundlicher gegen sie erzeigt habe, erwiderte Luther: "Ich habe aber doch keine Hoffnung, daß er für unsere Sache sei oder uns helfen werde, wenn er es auch gleich willens wäre. Denn wie sollte ein einziger Mensch gegen so viel böse Geister bestehen können? Daher ist nur Gott allein unsere Zuversicht, der in der Schwachheit mächtig ist und der sich freut, die Blöden zu erquicken und zu trösten und den Verlassenen zu helfen. . . . Ehe uns geholfen wird, müssen wir zuvor verlassen sein."
Wir können diesen Abschnitt nicht schließen, ohne noch ein Schreiben Luthers an den kursächsischen Kanzler Dr Brück mitgeteilt zu haben. Darin stellt Luther in einem Gleichnis dar, welch unnötige Sorge sich diejenigen machen, welche meinen, die Sache des Wortes Gottes müsse untergehen, weil so mächtige Feinde sie bestreiten, während sie doch von der allmächtigen, wiewohl den fleischlichen Auge unsichtbaren, Hand Gottes getragen wird. Es heißt in diesem Schreiben: "Ich hab` neulich zwei Wunder gesehen. Das erste, da ich zum Fenster hinaussah, die Sterne am Himmel, und das ganze Gewölb` Gottes, und sah doch nirgends keine Pfeiler, darauf der Meister solch Gewölb` gesetzt hatte, noch fiel der Himmel nicht ein, und stehet auch solch Gewölb` noch feste. Nun sind etliche, die suchen solche Pfeiler und wollten sie gerne greifen und fühlen; weil sie denn das nicht vermögen, zappeln und zittern sie, als werde der Himmel gewißlich einfallen, aus keiner andern Ursach`, denn daß sie die Pfeiler nicht greifen noch sehen. Wenn sie dieselbigen greifen könnten, so stünde der Himmel feste. Das andere: Ich sah auch dicke, große Wolken über uns schweben mit solcher Last, daß sie mochten einem großen Meer zu vergleichen sein, und sah doch keinen Boden, darauf sie ruheten oder fußten, noch kein Kufen, darein sie gefaßt wären; noch fielen sie doch auch nicht auf uns, sondern grüßten uns mit einem sauren Angesicht und flohen davon. Da sie vorüber waren, leuchtete hervor der Boden und unser Dach, der sie gehalten hatte, der Regenbogen. Das war doch ein schwacher, dünner, geringer Boden und Dach, daß es auch in den Wolken verschwand, und mehr ein Schemen (als durch ein gemalt Glas zu scheinen pflegt), denn ein so gewaltiger Boden anzusehen war, daß einer auch des Bodens so sehr verzweifeln sollte als der großen Wasserlast. Dennoch fand sich es in der Tat, daß solcher unmächtiger (anzusehen) Schemen die Wasserlast trug und uns beschützte. Noch sind etliche, die des Wassers und der Wolken dicke und schwere Last mehr ansehen, achten und fürchten denn diesen dünnen, schmalen und leichten Schemen; denn sie wollen gerne fühlen die Kraft solches Schemens; weil sie das nicht können, fürchten sie, die Wolken würden eine ewige Sintflut anrichten."
Aber Luther tröstete nicht bloß die Trostbedürftigen zu Augsburg. Er belehrte auch seine Brüder, die bei der verwickelten Sachlage fort und fort bei ihm Rat und Belehrung suchten. "Ich bitte Euch um der Ehre des Evangelii willen", schrieb Melanchthon an Luther, "Ihr wollet Euch unser annehmen." . Um Luthers Rat für alle schwierigen Fälle möglichst bei der Hand zu haben, hatte ihn ja auch der Kurfürst bis in die südlichste Stadt des kursächsischen Landes mitgenommen.
Und Luther konnte die in Augsburg Streitenden recht beraten und belehren. Ein guter Feldherr muß nicht nur sich selbst und sein Heer, sondern vor allen Dingen auch den Feind kennen, dessen Stärke und Schwäche, dessen Art und Weise der Kriegführung. Nun kannte Luther den Satan und seine Schuppen, den Papst und seine Klerisei, durch Gottes Gnade "ein gut Teil mehr und besser" als alle seine Brüder zu Augsburg. So wußte er auch immer den rechten Rat zu geben. Ja, man kann zuversichtlich behaupten, daß Luther von Koburg aus die ganze Sachlage zu Augsburg besser verstanden hat als alle Fürsten, Staatsmänner und Theologen.
Die Protestanten setzten anfänglich noch gute Hoffnung auf den Kaiser. Der werde sich, wenn er sich ihrer Sache auch nicht annehme, doch wenigstens gerecht erzeigen. Luther erkannte gar bald, daß diese Hoffnung eine nichtige sei. Als er erfuhr, daß der Kaiser die lutherischen Predigten untersagt habe, hoffte er auf keine Versöhnung mehr. Er sah voraus, daß der Kaiser nun auch weiter in die Fürsten dringen werde, ihre ganze Lehre fahren zu lassen. Nicht als ob er den Kaiser für einen böswilligen und verstockten Feind des Evangeliums gehalten hätte. Im Gegenteil, er redet immer mit der größten Ehrerbietung von ihm. Aber er wußte ihn vollkommen unter dem Einfluß und in der Gewalt der Feinde. Er schreibt am 30 Juni an den Kurfürsten: "Zwar Kaiser ist ein frommes Herz, aller Ehren und Tugend wert, dem seiner Person halben nicht mag zu viel Ehre geschehen. Aber, lieber Gott! was kann ein Mensch wider so viel Teufel, wo Gott nicht gewaltiglich hilft?"
Vor allen Dingen aber erkannte Luther klar, daß man mit den Papisten vergeblich über die
Einigkeit in der Lehre verhandle. Er wußte, eine wie große Kluft zwischen den beiden Teilen befestigt war, daß die Seinen Gottes, die Papisten des Teufels Wort und Sache führten, daß das ganze Papsttum auf teuflischer Irrlehre stehe und notwendig das ganze Papsttum fallen müsse, wenn im Ernst dessen Irrlehren aufgegeben würden. Es könne nur (Lug und Trug) sein, wenn die Verteidiger des Papsttums sich nachgiebig und freundlich zeigten. Er schreibt an Melanchthon am 26 August: "Es gefällt mir gar nicht, daß man will von Einigkeit der Lehre handeln, weil dieselbe gar unmöglich ist, wo der Papst sein ganzes Papsttum nicht will abtun. Es wäre genug gewesen, wir hätten angezeigt die Ursache unsers Glaubens und hätten Friede Begehrt. Daß wir sie aber sollten zur Wahrheit bekehren, wie können wir das hoffen? . . . Es ist gewiß, daß sie unsere Lehre verdammen, in dem, daß sie keine Buße tun und darüber ihre Lehre zu erhalten sich unterstehen. Warum merken wir denn nicht, daß alles ein Schein und Betrug ist, was sie vornehmen?" . An demselben Tage schrieb Luther an Spalatin: "Ich höre, wiewohl nicht sehr gerne, daß Ihr ein wunderbares Werk angegangen und den Papst und Luther an miteinander vergleichen wollt. Es wird aber der Papst nicht wollen, und Luther bittet auch dafür. Solltet Ihr aber dennoch die Sache wider beider Willen und Verlangen ausrichten können, so will ich Eurem Exempel auch ohne allen Zeitverlust nachfolgen und Christum und Belial ebenfalls vergleichen."
Klar und bestimmt sprach Luther es von vornherein aus, daß an ein Weichen von dem überantworteten Bekenntnis gar nicht gedacht werden könne. Das Nachgeben gebühre sich einzig und allein für die Papisten, die Menschenlehre führten.7 (*). . Melanchthon äußerte einmal das Bedenken, ob die Augsburgische Konfession doch nicht vielleicht zu scharf und schroff gehalten sei. Luther antwortete: "Wollen sie (die Papisten) die nicht annehmen, so weiß ich nicht, was ich mehr könnte nachgeben." . Und am 10 August schrieb er an Melanchthon: "Von den Artikeln die Lehre belangend können wir nicht weichen, weil sie nicht allein in der Schrift gegründet, sondern auch durch der Väter Schriften bewiesen sind. Begehrt aber Kaiserliche Majestät etlicher Stücke Erklärung, so ist unser Teil dazu allezeit erbötig. Bei den Artikeln die Mißbräuche betreffend können wir von beider Gestalt im Sakrament ebenfalls nicht weichen, weil es eine göttliche Ordnung ist, die Christus selbst eingesetzt. Von der Geistlichen Ehe können wir auch nicht willigen, daß die Ehe jemand verboten werde. Und Paulus heißt solch Verbieten eine Teufelslehre, 1 Tim 4,1-3. . Daß die Privatmesse wieder aufgerichtet oder gelitten werden sollte, können wir darum nicht bewilligen, weil am Tage, daß es ein öffentlicher Mißbrauch und Abgötterei ist und wider den Hauptartikel des Glaubens an Christum strebet. So sind auch weder der kleine noch große Kanon zu leiden, weil sie ebendermaßen wider die Lehre des Glaubens sind und das Leiden Christi lästern. Von den unverledigten Klöstern wollen wir gerne willigen, daß die Personen, die darin sind, bleiben und versorgt werden. Aber daß man sollte ihre Messen und ander gottloses Wesen handhaben und schützen, das ist wider die obigen Artikel. Daß man von der Jurisdiktion (Gerichtsbarkeit der Bischöfe) handele, ist ein vergeblich Ding. Denn wo sie uns nicht leiden und nichts nachlassen, sondern stracks immerhin verdammen wollen, so können wir keine Jurisdiktion von ihnen gewarten ohne des Meister Hansen. Wohl ist wahr, wo sie unsere Lehre wollten leiden und nicht mehr verfolgen, so wollten wir ihnen keinen Abbruch tun an ihrer Jurisdiktion, Dignität oder wie sie es nennen. Denn wir begehren freilich nicht, Bischöfe noch Kardinäle zu sein, sondern allein gute Christen; die sollen arm sein, Matth 5 und Luk 6."
Die Papisten forderten von den lutherischen Ständen die Herausgabe der Klöster, die von den Mönchen verlassen und deren Güter nun zur Errichtung von Schulen, zur Versorgung der Armen usw verwendet worden waren. Luther gab den Seinen in Augsburg folgende ausgezeichnete Gegenrechnung an die Hand: "Werden sie viel vom Wiedergeben der Klöster und geistlichen Einkünfte sprechen wollen, so haben auch wir zu fordern, daß sie uns Leonhard Kaisern, der in Bayern verbrannt worden, und viele andere, die sie jämmerlich hingerichtet, so viele Seelen, die sie mit ihren gottlosen Lehren ins Verderben gestürzt, und so viel unsägliche Summen Geldes, die sie mit ihrem betrügerischen Ablaß und auf andere heillose Weisen zusammengerafft, wiederherstellen und zurückgeben sollen; daß sie Gott seine Ehre wiedererstatten, die sie ihm mit so vielen Lästerungen geschändet; daß sie die Reinigkeit und Lauterkeit der Kirche und die Heiligkeit des Lebens, die mit so viel Greueln und Unflat ganz vertilgt worden, wieder einführen und instand setzen; und wer kann alles beschreiben, was noch mehr zu fordern wäre? Tun und leisten sie, was sie diesfalls schuldig sind, so wollten wir hernach vom Possessorium - - oder was ein Teil dem andern noch weiter zurückzugeben habe - - auch gern mit ihnen handeln."
So war Luther lehrend, ermahnend und tröstend bei den Bekennern in Augsburg. "Wollte Gott", schrieb er an Melanchthon, "ich könnte auch leiblichbei Euch sein. Denn die Sache geht mich auch an, und zwar mehr denn Euch alle miteinander." . Als der Schluß der Verhandlungen zu Augsburg bevorstand und er sah, daß das herrliche Bekenntnis aufrechterhalten worden war, schrieb er freudig den Theologen: "Ich habe ihn (den Kurfürsten) gebeten, mich Euch bei Eurer Rückkunft empfangen und begrüßen zu lassen, damit ich Euch den Schweiß nach Eurem heißen Angstbade abwischen könne. Ihr habt Christum bekannt, den Frieden angeboten, dem Kaiser gehorcht, Unrecht und Schmähungen ertragen und dabei nicht Böses mit Bösem vergolten. Das heilige Werk Gottes habt Ihr, wie es Frommen geziemt, würdig ausgeführt. Freuet Euch darum in dem HErrn und jauchzet, Ihr Gerechten! Lange genug habt Ihr Traurigkeit gehabt in der Welt; hebt Eure Häupter auf und blicket in die Höhe, denn Eure Erlösung nahet!"
Luther sagte später einmal: "Der Katechismus, die Auslegung der Zehn Gebote und die Augsburgische Konfession sind mein." . Aus dem in diesem Kapitel Gesagten geht wohl zur Genüge hervor, wie Luther mit Wahrheit so reden konnte. Von ihm hauptsächlich waren die Schriftstücke (die Schwabacher und Torgauer Artikel), die Melanchthon bei der Verabfassung der Konfession vorlagen. Unter seiner fortwährenden Oberleitung wurde die Konfession verfaßt, und endlich wurde die Konfession auch von ihm gegen die Gefahr, in wesentlichen Punkten fallengelassen zu werden, sichergestellt.
Ein alter Theologe unserer Kirche schreibt: "Das Bekenntnis rühret nächst Gott eigentlich von Luther her, den Melanchthon in dieser ganzen Sache den Lehrmeister heißet." . Und ein Theologe aus unserer Zeit bemerkt: "Es ist ohne Zweifel großenteils diesem so väterlich milden,8 nachsichtigen und doch glaubenstärkenden Verhalten Luthers gegenüber jenen Anwandlungen von Furcht und Schwäche, wie sie sich Melanchthons in jener kritischen Zeit bemächtigt hatten, zuzuschreiben, daß derselbe sich schließlich wieder ermannte, zu seiner früheren Entschiedenheit zurückkehrte und in der Apologie das in der Konfession Bekannte in seinem vollen Umfange aufrechterhielt und verteidigte."
Rückblick und Schlußerinnerung.
Tun wir zum Schluß noch einen Rückblick auf das Verhalten unserer Väter in den Bekenntnistagen zu Augsburg. Johann Brenz schreibt in bezug auf die lutherischen Fürsten: "Unsere Fürsten sind höchst standhaft im Bekenntnis des Evangeliums. Und fürwahr, wenn ich ihre so große Standhaftigkeit betrachte, so ergreift mich ein nicht geringes Gefühl der Beschämung wegen der Furcht, womit wir armen Bettler gegenüber der Kaiserlichen Majestät erfüllt sind." . Ja, die lutherischen Fürsten - - und sonderlich der Kurfürst Johann von Sachsen - - haben einen Mut und eine Bekenntnisfreudigkeit zu Augsburg gezeigt, die alle Lutheraner bis an den Jüngsten Tag unter Lob und Dank gegen Gott bewundern und rühmen müssen. Gott hat die Herzen dieser Männer mit Kraft aus der Höhe erfüllt, so daß sie Leib und Leben, Ehre und Herrschaft, Gut und Freundschaft um des Evangeliums willen daranzugeben willig waren. Sie sind Muster christlicher Bekenner.
Dem Kurfürsten von Sachsen wurde wegen seines standhaften Bekenntnisses zur Wahrheit nicht nur die Belehnung mit der Kurwürde wiederholt versagt, sondern es wurde ihm, wie wir bereits gesehen haben, geradezu mit Verjagung von Land und Leuten gedroht. Der Kurfürst zweifelt auch nicht, daß es dahin kommen könne. Aber trotzdem wich und wankte er nicht. Scharf und schneidend stellte er sich nach Matth 10,32, über welchen Text er sich ja vor der Abreise nach Augsburg eine Predigt halten ließ, das Entweder - Oder. Er sagte: "Entweder Gott verleugnen oder die Welt - - wer kann zweifeln, was das Beste sei? Gott hat mich zu einem Kurfürsten des Reichs gemacht, was ich niemals wert geworden bin. Er mache ferner aus mir, was ihm gefällt." Er instruierte seine Räte: "Saget meinen Gelehrten, daß sie tun, was recht ist, Gott zu Lob, und mich oder mein Land und Leute nicht ansehen." Der Landgraf Philipp von Hessen ließ bei seiner Abreise von Augsburg an den Kurfürsten von Sachsen ein Schreiben zurück, worin er diesen ermahnte, sich durch keine Drohungen und Schmeicheleien bewegen zu lassen, vom Worte Gottes abzugehen. Zu ihm, dem Landgrafen, haben sich der Kurfürst nichts anderes zu versehen, "als daß er Leib und Gut, Land und Leute für das Wort Gottes lassen wolle". Seinen Gesandten schrieb er unter dem 29 August nach Augsburg: "Kann es nicht gut werden, muß man es Gott befehlen." Die Abgeordneten der Stadt Nürnberg erklärten, als es überaus drohend aussah: "Ein Krieg ist zwar zu befürchten. Doch darf man um dieser Furcht willen das Wort Gottes nicht verleugnen noch das Gewissen beschweren. Man muß vielmehr Gott vertrauen und ihm Krieg und Frieden und alle Sorgen deshalb anbefehlen und überlassen."
Das war nicht natürlicher Mut, sondern vom Heiligen Geist gewirkte Bekenntnisfreudigkeit. Hätten die Bekenner zu Augsburg Fleisch und Blut fragen und der natürlichen Neigung ihres Herzens folgen wollen, so hätten sie dem Drängen der Widersacher nachgegeben und den äußeren Frieden erwählt. Aber ihre Gewissen waren in Gottes Wort gefangen. Sie waren auch nicht solche Leute, die aus natürlichem Widerspruchsgeist und Trachten nach weltlicher Freiheit gegen das Papsttum aufgetreten wären. Nein, sie hatten durch Gottes Gnade erkannt, daß das Papsttum aufs greulichste Gottes Wort fälsche und so Gott die Ehre und den teuer erkauften Seelen die Seligkeit raube. Nachdem ihnen Gott über diesen Greuel die Augen geöffnet hatte, konnten und wollten sie sich desselben nicht teilhaftig machen. Bezeichnend für den Sinn, in welchem sie mit dem Bekenntnis der reinen Lehre und der Verwerfung aller falschen Lehre hervortraten, sind die Worte, mit denen der erste Teil der Augsburgischen Konfession schließt. "Dies ist", heißt es dort, "fast die Summa der Lehre, welche in unsern Kirchen zu rechtem christlichen Unterricht und Trost der Gewissen, auch zu Besserung der Gläubigen gepredigt und gelehret ist, wie wir den unsere eigene Seele und gewissen ja nicht gerne wollten vor Gott mit Mißbrauch göttliches Namens oder Worts in die höchste und größte Gefahr setzen oder auf unsere Kinder und Nachkommen eine andere Lehre, denn so dem reinen göttlichen Wort und christlicher Wahrheit gemäß, fällen oder erben."
Ihr lieben lutherischen Christen! Durch Gottes Gnade scharen wir uns hier in diesem neuen Vaterlande um die ungeänderte Augsburgische Konfession als das Grundbekenntnis unserer teuren lutherischen Kirche. Seien wir nun auch durch Gottes Gnade recht treue Bekenner der in diesem unserm Bekenntnis bezeugten göttlichen Wahrheit!
Dazu reize uns das Beispiel unserer Väter, die als so treue Zeugen der Wahrheit sich bewiesen. Dazu reize uns wie sie der Eifer für die Ehre Gottes. Denn jede falsche Lehre ist Mißbrauch des göttlichen Namens und somit Verunehrung Gottes. Dazu reize uns wie sie die Sorge für unsere eigene Seligkeit, die durch jede falsche Lehre "in die höchste und größte Gefahr" gesetzt wird. Denn nur Gottes Wort ist ein Wort des Lebens; Menschenwort in geistlichen Dingen kann nur Tod und Verderben wirken. Endlich reize uns wie unsere Väter zum Festhalten an der in unserm Bekenntnis niedergelegten Wahrheit auch die Sorge für unsere Kinder und Nachkommen. Sprechen wir mit ganzem Ernst unsern Vätern nach: "Denn wir ja nicht wollten auf unsere Kinder und Nachkommen eine andere Lehre, denn so dem reinen göttlichen Wort und christlicher Wahrheit gemäß, fällen oder erben." . Wir hinterlassen unsern Kindern die reichste Erbschaft, ein Erbteil, das unendlich mehr wert ist als alles irdische Gut, wenn wir, soviel an uns ist, den reinen Verstand des Wortes Gottes, wie er auch in der Augsburgischen Konfession so klar bezeugt ist, auf sie bringen.
Dazu laßt uns, wie alle unsere herrlichen Bekenntnisschriften, so namentlich unser Grundbekenntnis, die Augsburgische Konfession, neben dem Worte Gottes fleißig lesen und studieren, damit ein jede in seinem Kreise die erkannte Wahrheit bezeugen kann. Dazu laßt uns aufs eifrigste bemüht sein, niedere und höhere lutherische Schulen zu gründen und zu erhalten.
Bedenken wir, daß unsere Väter in Zeiten der äußersten Gefahr unerschütterliche Bekenner der Wahrheit gewesen sind. Wir leben in einem Lande, in welchem wir, von der weltlichen Obrigkeit gegen äußere Gewalttat geschützt, ungehindert unsers wahrhaftigen Glaubens leben und ihn auch bekennen dürfen. Wie schmählich wäre es also für uns, wenn wir jetzt vom Bekenntnis der Wahrheit weichen wollten! Zwar ist die Horde des Antichrists, des Papstes, auch hier überaus geschäftig "nach der Wirkung des Satans mit allerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundern und mit allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit", 2 Thess 2,9-10; zwar ist auch hier der Schwarm der Sekten, die, das reine Wort Gottes verlassend, "die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren", 2 Tim 4,4, über das ganze Land verbreitet; aber gegen alle Feinde und Verkehrer der Wahrheit können wir ungehindert das scharfe, zweischneidige Schwert des Wortes Gottes schwingen. Lassen wir das Jubiläum der Augsburgischen Konfession uns eine Erinnerung sein, alle geistliche Trägheit, wo solche sich eingeschlichen haben sollte, durch Gottes Gnade abzustreifen. Halten wir mit neuem geistlichen Mut und mit neuer geistlicher Kraft das Panier der Wahrheit hoch, so wird der HErr seiner Verheißung gemäß durch dasselbe "zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten aus Juda zuhauf führen", Ies 11,12.
1 Unsere Väter wurden Protestanten genannt, weil sie in den Sachen, die Seele und Gewissen betreffen, nicht Menschenwort und Menschenansehen, sondern allein Gottes Wort gelten lassen wollten. Heutzutage nennen sich hauptsächlich diejenigen Protestanten, welche gegen die alleinige Geltung von Gottes Wort in Sachen des Glaubens protestieren, ja schon gänglich vom christlichen Glauben abgefallen sind. Diese neuen Protestanten haben mit jenen echten Protestanten und Bekennern nichts gemein. Wenn im folgenden das Wort "Protestanten" öfter sich findet, so ist es nur in dem rechten und echten Sinne gebraucht.
2 Das heißt, Verteidigungsschrift. So nannte man damals die Augsburgische Konfession.
3 Melanchthon meint die Rede, die der Kaiser der Verlesung der Konfutation voranschicken ließ.
4 Über die papistische Messe siehe den 24 Artikel der Augsburgischen Konfession.
5 Die lutherischen Theologen hatten bei der Verlesung der papistischen Konfutation sogleich fleißig nachgeschrieben. Sie ahnten schon, daß man ihnen keine Abschrift werde zukommen lassen. Auf Grund dieser Notizen hatte Melanchthon eine Apologie der Augsburgischen Konfession verfaßt, in der die von den Papisten angegriffenen Artikel ausführlich und klar verteidigt werden. Diese Apologie wollten sie dem Kaiser am 22 September einhändigen. Nach dem Schluß des Reichstags wurde diese Schrift noch weiter von Melanchthon ausgearbeitet. Luther sagt, "dadurch habe Melanchthon alles wieder gutgemacht und reichlich ersetzt, was er durch seine zu große Friedensliebe und Unterwerfung bei seinem zugleich ängstlichen und furchtsamen Naturell sollte versehen haben". Diese Apologie wurde bald unter die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche aufgenommen.
6 Luther verwies Melanchthon ernstlich solche Rede. Er schreibt an Melanchthon am 28 Juni: "Es gefällt mir übel in Eurem Briefe, daß Ihr schreibt, Ihr habt mir als dem Haupt in dieser Sache um meines Ansehens willen gefolgt. Ich will nichts heißen, auch nichts befehlen, will auch nicht Autor genannt werden. Und wenn man gleich hierauf eine bequeme Deutung finden möchte, so will ich doch das Wort nicht. Ist die Sache nicht zugleich Euer und geht Euch ebensowohl an als mich, so soll man nicht sagen, daß sie mein sei und Euch von mir aufgelegt, sondern ich will sie selbst führen, so sie mein ist." . - - Es war wirklich nur das Fleisch, welches Melanchthon solche Worte hatte schreiben lassen. Dem Geiste nach war der teure Melanchthon von der Richtigkeit der lutherischen Lehre aus Gottes Wort überzeugt. Durch das, was im Bekenntnis bekannt war, wollte er selig werden. In der Anfechtung fühlte er aber oft wenig von der durch den Heiligen Geist gewirkten Überzeugung. Und er klagte Luther seine Not, um durch dieses Glaubenshelden felsenfeste Überzeugung gestärkt zu werden. Ein neuerer Theologe schreibt: "Der strenge Ton, womit Luther in mehreren Briefen Melanchthons Kleingläubigkeit tadelte, hielt diesen nicht ab, immer wiederholt seinen Trost und Rat zu suchen und sich, gerade weil er fühlte, wie nötig ihm ein solcher Zuchtmeister und Zurechtweiser sei, nur um so fester an ihn anzuklammern. Es ist rührend, zu sehen, wie er immer wieder bei ihm anklopft, um seine Meinung über den Fortgang der Verhandlungen mit den Papisten zu hören. . . . Man meint das zarte Efeugewächs zu sehen, das immer wieder den Stamm des ihm zur Stütze gereichenden Eichbaums umschlingt."
7 Zu erwähnen ist hier eine merkwürdige Schrift Luthers, die er von Koburg aus "An die ganze Geistlichkeit, zu Augsburg versammelt auf dem Reichstag Anno 1530" richtete. Darin deckt er das große Verderben der römischen Kirche in Lehre und Leben kurz und schlagend auf. Er zeigt, wie das Papsttum auf lauter Neuerungen stehe, die der Lehre Christi und der Apostel schnurstracks zuwiderlaufen. So ermahnt er die "ganze (papistische) Geistlichkeit", ja nicht darauf zu denken, wie man die Lutherischen dämpfe, sondern dazu möchten die Gegner diesen Reichstag benutzen, ihr Ding, das wider Gottes Wort sei, abzutun. Es heißt in dieser Schrift: "Ihr dürft von meinen und meiner gleichen wegen nichts handeln; denn der rechte Helfer und Rater hat uns und unsere Sachen so weit bracht und dahin gesetzt, da sie bleiben soll, und da wir es auch lassen wollen, daß wir für uns keines Reichstages, keines Rates, keines Meisterns bedürfen, dazu auch von euch nicht haben wollen, als die wir wissen, daß ihr es nicht besser, ja nicht so gut zu machen vermögt. Denn wir kommen gleich unter Türken oder Tartern, unter Papst oder Teufel, so stehet unsere Sache gewiß, daß wir wissen, wie wir gläuben und leben, wie wir lehren und tun, wie wir leiden und beten, wie wir genesen und sterben, wo wir alles gewarten, holen und finden und wo wir endlich bleiben sollen, nach dem Wort St Pauli Römer 8,28: Den Auserwählten schaffet der Geist alle Ding` zu ihrem Besten. Solches hat uns Gott reichlich gegeben durch Christum JEsum, unsern HErrn, und ist bereitan durch vieler frommer Leute Blut und Marter (von eurem Teil getötet) bekannt und bestätigt. Nicht daß wir vollkommen seien und alles erlangt hätten, sondern daß wir die rechten Regeln, wie St Paulus redet (Phil 3,16), den rechten Weg und den rechten Anfang vor uns haben und an der Lehre ja nichts mangelt, das Leben sei gleich, wie es mag. Aber für euch und für das arme Volk, so noch unter euch ganz unbericht oder je ungewiß ist, da sorgen wir für und wollten je gerne hier helfen mit Beten und Vermahnen, das Beste wir könnten." . Diese Schrift machte ungeheures Aufsehen, zumal sie der Bischof von Augsburg in einer Versammlung der papistischen Stände öffentlich verlas.
8 Luther verstand das Ermahnen. Mit dem strengen Ernst verband er die väterliche Milde, die das Herz gewinnt und fröhlich macht. Einen Brief an Melanchthon, der damals gerade sehr niedergeschlagen war, beginnt er also: "An Magister Philipp Melanchthon, den treuen Bekenner Christi und wahrhaftigen Zeugen, seinen liebsten Bruder: Martin Luther. Gnade und Friede in Christo!"
Digitalisiert von Herrn Ron Lah, Lafayette USA
Herausgegeben von Pfr.
Martin Blechschmidt
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