(Eastern District, 1930, Baltimore, Franz Pieper; File EAST30_S.DOC; started 6/3/97- RL)
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Die Reformation der Kirche und die drei Kontrareformationen.
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I. . Die Reformation.
Aus der Heiligen Schrift kennen wir genau den Zweck der Welt und des ganzen Weltgebäudes. Wir haben in der Schrift aus dem Munde unsers Heilandes eine Lebensbeschreibung *eine "Biographie") DER Welt, die die ganze Zeit der Welt von Christi Zeit an bis zur sichtbaren Wiederkunft Christi am Jüngsten Tage umfaßt. Der Heiland stellt in kurzer Zusammenfassung die Weltereignisse auf dem Gebiet der Kirche, des Staates und der Natur dar, fügt dann aber die Worte hinzu: "Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen", Matth 24,14.
Aus diesen Worten Christi lernen wir zweierlei. Erstens: Die Welt besteht nicht ewig, sondern es kommt mit ihr zu Ende. Das ist eine Tatsache, die nicht nur von Ungläubigen geleugnet wird, sondern manchmal auch den Christen in den Hintergrund tritt. Zweitens: Solange aber die Welt noch steht, ist ihr Endzweck nicht der, den Menschen Gelegenheit zu geben, daß sie zeigen, was für große Taten zu tun sie imstande sind, sondern der eigentliche Zweck des Bestehens der Welt ist kein anderer als der, den Menschen Gelegenheit zu geben, Buße zu tun, das Evangelium vom Reich zu hören, im Glauben anzunehmen und selig zu werden.
Das "Evangelium vom Reich" - - was ist sein Inhalt? Die meisten von uns kennen den Inhalt von Jugend auf. Es ist aber unsers Herzens Freude und Trost, den Inhalt immer wieder von neuem zu vernehmen. Der Inhalt des Evangeliums ist die Botschaft von der Rettung des in Sünde gefallenen Menschengeschlechts. Es ist die Botschaft von der Tatsache, daß Gott sich von der sündig gewordenen Menschheit nicht im Zorn abwendete, sondern ihr in der Person seines menschgewordenen Sohnes einen Retter sandte, der sie von Sündenschuld und damit auch vom Tode und von der ewigen Verdammnis erlöse. Gott haßt nicht die verlorene Sünderwelt, sondern er liebt sie, wie die Schrift ausdrücklich bezeugt: "Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben", Joh 3,16. Zur Erweckung und Stärkung unsers Glaubens betrachten wir auch immer wieder gern die Art und Weise, wie die rettende Liebe sich an uns Sündern betätigt hat. Gott hat seinen menschgewordenen Sohn zum Mittler zwischen sich und den sündigen Menschen gemacht. Gott hat einen Personenwechsel vorgenommen. Seinen in den Menschenorden eingetretenen Sohn ließ er das tun, was wir Menschen zu tun unterlassen haben, nämlich Gottes heiliges Gesetz zu halten. Wie die Schrift ausdrücklich lehrt: "Als die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf daß er die, so unter dem Gesetz waren" - - also uns Menschen - - "erlösete, daß wir die Kindschaft empfingen", Gal 4,4-5. Gott hat seinen in den Menschenorden eingetretenen Sohn auch das leiden lassen, was wir mit ewige Verbannung von Gottes Angesicht hätten büßen müssen, wenn Gott nicht alle unsere Sünden auf unsern Stellvertreter geworfen und von ihm hätte büßen lassen. Durch diese von Gott selbst geordnete stellvertretende Genugtuung (satisfactio vicaria, vicarious satisfaction)
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ist das "Evangelium vom Reich" zustande gekommen, zu dessen Verkündigung die Welt noch steht, und sein Inhalt ist kein anderer als der, daß Gott uns Sündern die Sünden vergibt, das ist, uns gerechtspricht und uns zum ewigen Leben annimmt ohne jegliche eigene Würdigkeit und Werke auf unserer Seite, allein aus Gnaden um der Erlösung willen, die durch Christum JEsum geschehen ist.
Die Heilige Schrift nennt dieses Evangelium vom Reich auch die "heimliche, verborgene Weisheit Gottes", die in keines Menschen Herz gekommen ist, die auch die Obersten dieser Welt nicht erkannt haben, die nur aus Gottes Offenbarung in seinem Wort erkannt wird, 1 Kor 2,6-13. Wir Menschen nämlich denken uns ohne die Offenbarung des Heiligen Geistes im Wort die Erlangung der Gnade Gottes und der Seligkeit ganz anders. Weil wir auch nach dem Sündenfall noch etwas vom Gesetz Gottes wissen und unser Gewissen uns bezeugt, daß wir Gottes Gesetz übertreten haben, so meinen wir, auch durch eigene Werke, Gottesdienste und Opfer Gott versöhnen zu können. Das ist die allen Menschen angeborne natürliche Religion. Man zählt Hunderte von verschiedenen heidnischen Religionen. Aber sie gehören sämtlich in eine Klasse. Sie stimmen darin überein, daß sie sämtlich mit eigenem Tun die Gottheit versöhnen wollen. Aber das Resultat dieser Bemühung ist ein ganz klägliches. Das lehrt die Heilige Schrift und die Erfahrung. Der Apostel Paulus erinnert die Epheser an ihren Zustand vor ihrer Bekehrung zum Christentum. Er sagt von ihnen, daß sie zu ihrer Heidentumszeit "keine Hoffnung hatten und ohne einen Gott" - - das ist, ohne einen gnädigen Gott - - "in der Welt waren", Eph 2,12. Die Heilige Schrift nennt die ganze Menschenwelt, auch wenn sie sich mit eigenen Werken eifrig um Gottes Gnade bemüht, "das Volk, so im Finstern wandelt", Ies 9,1, in der Finsternis des bösen Gewissens vor Gott. Es gibt nur eine Weise, wie die Menschen nach dem Sündenfall zur Gnade Gottes und zu einem guten Gewissen vor Gott kommen. Sie müssen Buße tun, das ist, sich aus dem Gesetz als verdammungswürdige Sünder erkennen, und vor dem Fluch des göttlichen Gesetzes Deckung suchen bei dem, der den Fluch des Gesetzes auf sich genommen und dadurch abgetan hat. Deshalb faßte Christus, als er in den Tagen seines Fleisches sein öffentliches Lehramt antrat, das Evangelium vom Reiche Gottes in die Worte zusammen: "Tut Buße und glaubet an das Evangelium", Mark 1,14-15. Und als Christus nach Ausrichtung des Erlösungswerkes der Kirche seine sichtbare Gegenwart entzog und gen Himmel fuhr, befahl er, in seinem Namen zu predigen "Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern", Luk 24,47.
Und es hat seit dem Sündenfall nie einen andern Weg zur Gnade Gottes und zur Seligkeit gegeben als den Glauben an Christum, den Gott selbst zum Mittler zwischen sich und dem schuldigen Menschengeschlecht gemacht hat. Die irren sehr, welche meinen, daß zur Zeit des Alten Testaments die Menschen auf dem Wege des Gesetzes, das ist, ihrer eigenen Werke, selig geworden seien. Nein, nicht also! Gott hat - - nach Bestrafung der Sünde des Abfalls - - Adam und Eva und dem ganzen Menschengeschlecht sofort die Verheißung von dem Weibessamen gegeben, der der Schlange den Kopf zertreten, also Sündenschuld und Tod, die durch des Teufels Verführung in die Menschenwelt eingedrungen waren, abtun werde. Dieses Evangelium ist auch von allen Propheten des Alten Testaments tatsächlich gelehrt worden. Das ist nicht eine Eintragung in die Geschichte des Alten Testaments, wie auch moderne Lutheraner behauptet haben, sondern die ausdrückliche Lehre der Heiligen Schrift. Der Apostel Petrus bezeugt im Hause des Hauptmanns
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Kornelius: "Von diesem (JEsu) zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen", Apost 10,43. Die Schrift bezeugt ferner, daß die Kinder Gottes des Alten Testaments diese Verheißung geglaubt und dadurch die Vergebung der Sünden erlangt und sich des Heils durch den Namen Christi gefreut haben. Als in den Tagen Christi hier auf Erden die werkgerechten Juden dem erschienenen Messias den Glauben verweigerten und sich für ihren Unglauben auf Abraham als ihren Vater beriefen, bezeugte ihnen der HErr: "Abraham, euer Vater, ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freuete sich", Joh 8,56. Die Schrift bezeugt ferner, daß es unter dem Volke Israel zu allen Zeiten solche Seelen gab, die, wie Simeon und Hanna, auf den verheißenen Messias als den Trost Israels warteten, Luk 2,25-38.
Aber freilich, die Geschichte des Evangeliums ist eine traurige. Sie beweist die traurige Tatsache, daß Gott, wie Luther wiederholt sagt, mit seinem Gnadenevangelium wenig Glück in der Welt gehabt hat. Der große Haufe zu allen Zeiten blieb in der Werkgerechtigkeit gefangen. Der große Haufe wollte nicht Buße tun über seine Sünden und verweigerte daher auch dem Gnadenevangelium von der Vergebung der Sünden um Christi willen die Annahme. Die Werkgerechtigkeit suchte sogar schon in die apostolischen Gemeinden Eingang. Der Apostel sieht sich veranlaßt, die Gemeinden in Galatien also zu schelten: "O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, daß ihr der Wahrheit nicht gehorcht? welchen Christus Jesus vor die Augen gemalet war und jetzt unter euch gekreuzigt ist!" Er bezeugt den Galatern, daß sie mit ihrer Werkgerechtigkeit vom christlichen Glauben abgefallen sind: "Ihr habt Christum verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen", Gal 5,4. . In heiligem Eifer für die alleinseligmachende Wahrheit des Gnadenevangeliums ruft der Apostel Gott an, er möge den Lehrern, die Werkgerechtigkeit lehren, ihr böses Handwerk legen: "Wollte Gott, daß sie auch ausgerottet würden, die euch verstören!" Gal 5,12.
Ein Höhepunkt der offiziellen Feindschaft gegen das Gnadenevangelium entwickelte sich im Verlauf der Geschichte der Kirche unter der Herrschaft des Papsttums im sogenannten Mittelalter. Die Kirche, die sich die alleinseligmachende nannte, wurde zu einer reichgegliederten Organisation, die vom Evangelium hinweg auf Werklehre führte. Sie wurde zu einem großen Nein gegen die Versöhnung, die ein für allemal durch Christum geschehen ist. Nachdem Christus ein für allemal sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung und dies auch im Evangelium zu predigen befohlen hat, kann die Aufgabe der christlichen Kirche, wenn sie ihren Beruf wirklich ausrichtet, nur darin bestehen, daß sie alle Seelen,die in Gewissensangst nach der Vergebung der Sünden fragen, auf das Evangelium verweist und zum Glauben an die im Evangelium ausgesprochene Vergebung der Sünden auffordert. Es steht nun nach der Erwerbung der Vergebung der Sünden durch Christum und ihrer Verkündigung im Evangelium wahrhaftig so, daß jedem Menschen in der Welt die Vergebung seiner Sünden so nahe ist wie das Evangelium. Das Wort des Evangeliums, das wir hören, das wir lesen, das wir auswendig gelernt haben, das wir uns hersagen und in Gedanken bewegen - - in dem Wort steckt die Vergebung der Sünden, die Christus erworben und in der Welt zu verkündigen befohlen hat. Es kommt nur darauf an, daß wir auf den durch das Wort herbeigebrachten Schatz im Glauben vertrauen. Die Heilige Schrift erteilt uns in bezug auf diesen wichtigen Punkt einen anschaulichen Unterricht.
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Der Apostel Paulus führt die Glaubensgerechtigkeit also redend ein: "Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? (Das ist nichts anderes denn Christum herabholen.) Oder: Wer will hinab in die Tiefe fahren? (Das ist nichts anderes denn Christum von den Toten holen.) Aber was sagt sie? Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen", Römer 10,6 ff. Daß für die, welche das Evangelium haben, keine Reisen, überhaupt keine Ortsveränderungen, nötig sind, zur Vergebung der Sünden zu kommen, lernen wir auch aus Hebr 12,22, wo denen, die das Evangelium haben und glauben, versichert wird: "Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem."
Vergleichen wir nun hiermit die schreckliche Praxis unter dem Papsttum. Die geängstigten Gewissen, die sich um die Vergebung der Sünden sorgten, wurden nicht auf das Evangelium gewiesen, sondern auf Reisen nach Rom, nach Compostella in Spanien und an andere Wallfahrtsorte geschickt, auch in Mönchsklöster und Nonnenklöster dirigiert als besonders gesegnete Orte, der Vergebung der Sünden teilhaftig und gezüge zur Befreiung des Heiligen Landes von der Herrschaft der Ungläubigen und erteilten Sündenablaß an die Teilnehmer. Wo sich unter dem Papsttum noch etwas vom Evangelium regte, wie bei den Waldensern, wurde es grausam verfolgt und unterdrückt.
Aber gibt es nicht ein ganzes Jahrhundert vor der Reformation der Kirche durch den Dienst Luthers die sogenannten "reformatorischen Konzilien" zu Pisa, Kostnitz und Basel? Allerdings. Aber diese Konzilien haben die Kirche weder reformiert noch auch eine Reformation angebahnt. Es fehlte auf diesen Konzilien an der Erkenntnis des Evangeliums. Zu Kostnitz wurde der Mann, der etwas vom Evangelium wußte (Johann Hus), zum Tode verurteilt und verbrannt. Auf diesen Konzilien wurde in kindischer Weise um etwas gestritten, was es gar nicht gibt. Der Streit drehte sich darum, ob die Konzilien oder die Päpste die höchste Gewalt in der Kirche hätten. Der Streit glich dem Streit zwischen zwei Dieben, die über gestohlenes Gut in Fehde miteinander geraten. In der Kirche haben weder die Konzilien noch die Päpste die höchste Gewalt. In der Kirche gibt es überhaupt keine Menschenherrschaft. Die Kirche ist eine absolute Monarchie, wie Christus sehr nachdrücklich lehrt: "Einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder", Matth 23,8. Und Christus übt seine Alleinherrschaft in der Kirche aus durch sein der Kirche gegebenes Wort. Wo nicht durch Wirkung des Heiligen Geistes Christi Wort herrscht, da tritt Menschenherrschaft ein. In dem Diebsstreit zwischen den Konzilien und den Päpsten behielten die Päpste schließlich völlig die Oberhand. In dem Laterankonzil, das Leo X im April 1513 eröffnete und im März 1517 schloß, wurde die päpstliche Allgewalt im Sinne des Papstes Bonifazius VIII und der Bulle "Unam sanctum" (vom Jahre 1302) festgesetzt. Es wurde einstimmig angenommen und sanktioniert, daß dem Papst die höchste Gewalt sowohl in der Kirche als im Staat zukomme. Wer sich dem Papst nicht unterwerfe. Habe keine Vergebung der Sünde und könne nicht selig werden.
Das war das klägliche Ende einer Reformation der Kirche, die von Menschen ohne die Erkenntnis des Evangeliums versucht wurde. Aber Gottes Zeit, sich seiner Kirche zu erbarmen, war gekommen. Im März des Jahres 1517 schloß Leo X seine Lateransynode, in der die Papstherrlichkeit bestätigt wurde. Im Oktober desselben Jahres schlug Luther
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Seine fünfundneunzig Sätze an die Schloßkirche zu Wittenberg. Gott hatte schon angefangen, sich den Mann auszurüsten, durch den er dem geistlichen Elend unter dem Papsttum steuern und zum Trost der geängsteten Gewissen das Gnadenevangelium in der Kirche wieder hell auf den Leuchter stellen wollte. Die Reformation der Kirche besteht darin, daß Gott durch den Dienst Luthers das Gnadenevangelium in apostolischer Reinheit der Kirche wiedergeschenkt hat.
Wie kam es bei Luther selbst zur Erkenntnis des alleinseligmachenden Evangeliums? Auch Luther, in der Papstkirche aufgewachsen, war der Abführung vom Gnadenevangelium und der Hinführung auf das Verdienst eigener Werke zum Opfer gefallen. Er gab gegen den Willen seines Vaters das Studium der Rechtsgelehrtheit auf und ging ins Kloster, um der Gnade Gottes gewiß zu werden. Luther nahm es daher mit dem Mönchsleben sehr ernst. Er war, wie er später selbst sagt, unter den Tollen einer der Tollsten. Um Luther von diesem Unverstand zu befreien und ihn geistlich verständig zu machen, ließ Gott ihn eine besondere Schulung - - "a course of special training" - - durchmachen. Er führte Luther so, daß dieser durch eigene lebendigste Erfahrung aus der Schrift erkannte, daß der Mensch vor Gott gerecht wird nicht durch des Gesetzes Werke, sondern durch die Gerechtigkeit, die Gott im Evangelium um Christi willen dem Glauben zusagt und schenkt. Dr Walther beschrieb in einer Abendvorlesung den Spezialkursus, durch den Gott seinen erwählten Reformator sich heranbildete, in diesen Worten: "Obwohl Luther von Jugend auf ein ganz ehrbares Leben führte, so wurde ihm doch sehr bald durch die Wirkung des Heiligen Geistes offenbar, daß er mit seiner natürlichen Gerechtigkeit vor Gott nicht bestehen könne, daß er bei all seiner Ehrbarkeit doch ein großer Sünder sei, daß sein Herz tief verderbt, daß er im Grunde des Herzens ein Feind Gottes und darum ein Kind der Verdammnis sei. Dieses Bewußtsein, dies Gefühl begleitete ihn überall, beunruhigte, ängstigte, quälte, peinigte ihn Tag und Nacht und trieb ihn endlich ins Kloster. Mochte er aber hier noch so viel beten und kämpfen und ringen und fasten und sich kasteien und ganze lange, kalte Nächte fröstelnd durchwachen - - nein, in allen diesen seinen eigenen Werken fand er den Frieden und die Ruhe der Seele nicht. So versuchte er auch dies: Er schloß sich einmal in seiner Zelle auf mehrere Tage ein mit der Absicht, seine Zelle nicht eher zu verlassen, als bis er der Gnade Gottes endlich versichert werde. Es vergingen Tage, Luther erschien nicht. Seinen Mitmönchen wurde bange, sie brachen die Tür zur Zelle auf; und was erblickten sie? Da lag Luther ohnmächtig auf seinem Angesicht am Boden. Die Verzweiflung hatte ihn ergriffen. O wie erschrecklich ist es doch, wenn ein Mensch einmal aus seinem natürlichen Sündenschlaf aufwacht und dann nicht weiß, wo Hilfe ist! Darum ist aber auch die Hauptprobe einer Kirche und Religion diese, daß sie dem armen Sünder den Weg zeigt zu völliger Gewißheit der Gnade Gottes und seiner Seligkeit. Und, Gott Lob, meine Brüder, auch diese Hauptprobe besteht unsere teure evangelisch - lutherische Kirche. Ist doch Luther allein dadurch von Gott zum Reformator ausgerüstet worden, daß er erst in jener Hölle der Angst über seine Sünden steckte und daß ihm endlich plötzlich nach vielem Seufzen, Beten und Ringen und Weinen die selige Lehre von der Rechtfertigung eines armen Sünders vor Gott allein aus Gnaden durch den Glauben an JEsum Christum wie eine Sonne aufging. Da, sagt er, sei es ihm denn gewesen, als ob das Paradies alle seine Pforten vor ihm geöffnet hätte. Da fühlte er sich plötzlich neugeboren.
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Jetzt war er der Gnade Gottes versichert, jetzt war er seiner Seligkeit gewiß, und in diesem Jubel über Gottes Gnade in Christo JEsu ist er trotz mancher Anfechtung geblieben bis zum letzten Hauch seines Lebens. Er hat es für seine hohe Aufgabe erkannt, den armen Sündern zu bezeugen: Wollt ihr der Gnade Gottes gewiß werden, wollt ihr versichert werden, welcher Weg zum Himmel führt, ich weiß einen Weg: das ist die selige Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben."
Teure Väter und Brüder! Wir vergessen nicht, daß durch die Väter unserer Synode die reine Gnadenlehre der Kirche der Reformation auch auf uns gekommen ist. Gott verleihe Gnade, daß wir, die Kinder und Nachkommen unserer Väter, das überkommene, so überaus köstliche Erbe nicht veruntreuen, um das auch unsere Väter zu Augsburg alles hinzugeben bereit waren. Die Gefahr des Verlustes bedroht uns in mehr als einer Weise. Doch hierüber ist später mehr zu sagen unter dem Abschnitt "Die Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche".
Hier wollen wir nur noch auf eine falsche Anklage achten, die von Papisten gegen die Kirche der Reformation von Anfang an erhoben wurde und die auch zu unserer Zeit mit unverminderter Dreistigkeit wiederholt wird. Die Anklage lautet, daß durch das Gnadenevangelium ein gottloses Leben gefördert werde. Ein hoher Würdenträger der römischen Kirche, der nicht hundert Meilen von Baltimore entfernt wohnte, versetzte Luther unter die Pseudoreformer, die Tür und Tor für ein gottloses Leben geöffnet hätten. Aber diese Kritik der Kirche der Reformation, so allgemein sie seitens Roms und der abgefallenen Protestanten ist, offenbart eine totale geistliche Finsternis. Allein der Glaube an das Evangelium wirkt die Heiligung und die guten Werke, weil durch den Glauben an das Evangelium der Heilige Geist in das Menschenherz einzieht und Wohnung darin macht. Der Apostel Paulus lehrt Gal 2,20: "Was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben." So auch Luther: "Glaube (an das Evangelium) ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott, Joh 1,13, und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften und bringt den Heiligen Geist mit sich. O, es ist ein lebendig, schäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, daß unmöglich ist, daß er nicht ohne Unterlaß sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein glaubloser Mensch, tappet und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder, was Glaube oder gute Werke sind, wäscht und schwatzt doch viele Worte vom Glauben und guten Werken. Glaube ist eine lebendige, erwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiß, daß er tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, jederman zu dienen, allerlei zu leiden Gott zu Liebe und zu Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, also daß unmöglich ist, Werke vom Glauben zu scheiden, ja so unmöglich, als Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden" (St L XIV, 99). Walther: "Alle wahren Christen - - und das sind alle, die Durch Wirkung des Evangeliums glauben - -, alle wahren Christen sind so beschaffen, daß man mit einer dringenden Ermahnung sozusagen alles bei ihnen ausrichten kann. . . . Hören sie in dem ermahnenden Predige die Stimme ihres gnädigen Gottes, so wollen und können sie sich nicht dawider setzen" (Pastorale, Seite 86).
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Es wird gegenwärtig ziemlich viel vom "Problem der sozialen Einstellung" geredet und geschrieben. Man sagt: die Kirche, wenn sie mehr Einfluß in der Welt gewinnen wolle, müsse sich auch die leibliche Not der Menschen zu Herzen gehen lassen. Dieses "Problem" löst der Glaube an das Gnadenevangelium ebenfalls. Ein Ereignis, das etwa hundert Jahre zurückliegt und aus der sogenannten Rationalistenzeit stammt, ist ein Beweis hierfür. In Wusterhausen bei Berlin brach die Cholera aus. Schrecken und Entsetzen ergriff die Einwohner. Ein gläubiger Predigtamtskandidat und ein anderer gläubiger Christ erboten sich als Krankenpfleger. Aus dem Krankenhaus schrieb der Kandidat einen Brief, in dem Worte vorkamen: "Der HErr, der gekreuzigte, süße HErr JEsus, macht meine Seele unsäglich froh, und ich könnte, wenn es sein Wille wäre, daß wieder einer von dieser Krankheit befallen und hierher gebracht würde, augenblicklich meinen Dienst aufs neue wieder anfangen. . . . O daß ich doch allen die Worte ins Herz rufen könnte, ich vornehmster unter allen begnadigten Sündern, daß "die Sonne, die mir lachet, ist mein HErr JEsus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist"! . . . Nichts als der Glaube an ihn, der durch seine Kreuzesmarter für mich genuggetan und um deswillen mir nun der himmlische Vater wieder gnädig ist. . . . Nur wer diesen Glauben hat, kann sprechen: "Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen." Und wenn es uns träfe? O dann gingen wir heim zum Vater, nach Hause in den Himmel." . (Mitgeteilt in Wangemanns Lebensbeschreibung von Gustav Knak, Seite 33 f). Wahrlich, das Gnadenevangelium ist nicht ein Feind der Heiligung und der guten Werke, sondern die wirkende Kraft, wie der Vergebung der Sünden und Seligkeit, so auch der Heiligung und der guten Werke. Lob und Dank sei Gott für seine Reformation der Kirche durch den Dienst Luthers!
II. . Die römische Kontrareformation.
Die Papisten merkten, welche Gefahr dem Reiche des Papstes drohe, wenn das Evangelium weiter auf den Plan kommen würde. Das ganze Papstreich ist ja - - in Lehre und Praxis - - auf Werklehre eingestellt. Der ganze große Aufbau mit dem Papst an der Spitze bis auf den Meßpriester herab würde zusammenbrechen, wenn durch den Glauben an das Evangelium die christliche Erkenntnis allgemeine Verbreitung finden würde, die Gal 2 so beschrieben ist: "Weil wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an JEsum Christum, so glauben wir auch an Christum JEsum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum und nicht durch des Gesetzes Werke. In unserer Mitte ist die Sachlage - - etwas stark populär - - so ausgedrückt worden: Angenommen, die Lehre des Evangeliums würde in der Kirche zu allgemeiner Aufnahme kommen, so könnte der Papst an den prachtvollen Gebäuden des Vatikans sehr bald die Anzeige anbringen: "Wegen Aufgabe des Geschäfts zu vermieten", "For Rent". Das ist nicht zu viel gesagt. Durch den Glauben an das Evangelium ist das Verhältnis zwischen dem Sünder und Gott vollkommen in Ordnung gebracht. Die im Glauben an das Evangelium stehen, sprechen mit dem Apostel Paulus im Namen aller Christen: "Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HErrn JEsum Christum.". Sie haben keinen Gebrauch mehr für die Mittlerstellung zwischen Gott und den Menschen, die die Papstkirche sich angemaßt hat. Der Anspruch, die "alleinseligmachende" Kirche zu sein, wird durch den Glauben an das
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Evangelium als ein Betrug erkannt. Anstatt diesen Anspruch gelten zu lassen, wird das Papsttum mit seiner Werklehre als das gerade Gegenteil der christlichen Lehre erkannt, wie die Schrift noch ausdrücklich urteilt: "Ihr habt Christum verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen." Kurz, Evangelium und Papsttum vertragen sich nicht miteinander. Das Evangelium macht der Geschäftstätigkeit der Papstkirche ein Ende.
Weil, wie gesagt, die Patrone der Papstkirche dieses Resultat kommen sahen, so war ihre fieberhafte Tätigkeit darauf gerichtet, das Evangelium aus der Kirche fernzuhalten und, wo es schon Fuß gefaßt hatte, wieder zu verdrängen. Im Dienst dieser Verbannung des Evangeliums aus Kirche und Welt stand sowohl der vom Papst über Luther 1520 verhängte Bann als auch die von Kaiser Karl 1521 über Luther ausgesprochene Reichsacht. Alle Obrigkeiten sollen "Martinum Luther fangen, ihn tot oder lebendig ausliefern und für dies heilige Werk" eine "ziemliche Ergötzlichkeit", das ist, eine stattliche Belohnung, erwarten. Niemand soll Martinum Luther ins Haus nehmen oder ihm Speise und Trank reichen. Luthers Bücher sollen nicht gelesen, sondern verbrannt werden.
Um die wütende Feindschaft der Papstkirche gegen das Evangelium nicht zu vergessen, ist es ganz am Platze, wenn wir uns hin und wieder einige Sätze aus Bannbulle und Reichsacht dem Wortlaut nach vergegenwärtigen. Beide Schriftstücke sind abgedruckt in der St Louiser Ausgabe der Schriften Luthers, die Bannbull XV, 1425 ff, die Reichsacht XV, 2274 ff. In der Reichsacht wird Luther genannt "nicht ein Mensch", sondern "der böse Feind in Gestalt eines Menschen mit angenommener Mönchskutte" (St L XV, 2282), und in der Bannbulle wird Luther tituliert "ein wild, hauend Schwein aus dem Wald und ein sonderlich wild Tier" (St L XV, 1427). . Luther wird würdig geachtet, daß sein "Gedächtnis gänzlich aus der Gesellschaft der Christgläubigen ausgetilgt werde" (a a O, 1452). In der Bannbulle "gebietet" Papst Leo X "allen und jedem Fürsten, Königen, Kaisern, Kurfürsten, Herzogen, Markgrafen, Grafen, Freiherren, Hauptleuten, Geleitsleuten, Junkern, Kommunen, Universitäten, Gewalten, Städten, Landen, Schlössern und Gegenden oder ihren Einwohnern und Bürgern und allen und jeden durch die ganze Welt, - - - daß sie oder ein jeder von ihnen bei allen und jeden Pönen gedachten Martinum, seine Beipflichter, Anhänger, Halter und Günstigen persönlich fahen und fangen, bis auf unser Ansuchen halten und uns übersenden. Dagegen sie für ein so gutes Werk von uns und dem Apostolischen Stuhl eine würdige Belohnung und Vergeltung erlangen sollen" (a a O, 1453 f.). . In der Reichsacht gebietet Kaiser Karl "allen und jeden besonder bei den Pflichten, damit ihr uns und dem heiligen Reiche verwandt seid", "daß ihr sämtlich und sonderlich" - - - den vorgemeldeten Martin Luther nicht hauset, höfet, ätzet, tränket noch enthaltet noch ihm weder mit Worten noch Werken heimlich noch öffentlich keinerlei Hilfe, Anhang, Beistand noch Vorschub beweiset, sondern, wo ihr ihn alsdann ankommen und betreten und des mächtig sein mögt, ihn gefänglich einziehet, annehmet und uns wohl bewahret zusendet - - - und ihr um solch heilig Werk, auch eurer Mühe und Kosten ziemlich Ergetzlichkeit empfangen werdet" (XV, 2287). . Bannbulle und Reichsacht sind in einem ganz verzwickten Stil geschrieben, in einem so verzwickten Still, daß uns beim Lesen und erst recht beim Vorlesen schier der Atem ausgeht. Aber so viel ist aus beiden Schriftstücken klar zu vernehmen: Luther und das von ihm ans Licht gebrachte Evangelium müssen aus der Kirche geschafft werden und aus der Welt verschwinden. Auf die Ausrottung des Evangeliums wird eine Prämie gesetzt.
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Es sind im Laufe der Zeit viele Steckbriefe (warrants of arrest) hinter Verbrechern her in die Welt hinausgesandt worden, Steckbriefe, in denen die Polizei in allen Ländern der Welt aufgefordert wird, nach einem Mann Ausschau zu halten, der so und so aussieht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihn zur Bestrafung nach dem Lande zurückzusenden, wo er das Verbrechen begangen hat. Aber sicherlich lautet kein Steckbrief fürchterlicher als der, der von Worms aus gegen Luther, den Verkündiger des Evangeliums von der Gnade Gottes in Christo, in der ganzen Welt verbreitet wurde. Denn im Reich Karls V, der nicht nur Kaiser in Deutschland, sondern auch König von Spanien war, "ging die Sonne nicht unter".
Aber: "Beschließet einen Rat, und werde nichts daraus." Gottes Zeit war erfüllt. Gott wollte durch den von ihm erwählten Reformator sich seiner vom Papsttum so schrecklich mißhandelten Kirche erbarmen. Gott sorgte dafür, daß das Dekret von Worms in dem beabsichtigten Umfange nie ausgeführt wurde, wenn auch in einigen Ländern Märtyrerblut floß. Auf der Heimreise verschwand Luther, und es hieß, er sei von den Papisten ermordet worden. Der Maler Albrecht Dürer zu Nürnberg, einer von denen, deren Herz Gott schon für das Evangelium geöffnet hatte, schrieb in sein Tagebuch: "Lebt Luther noch, oder haben sie ihn gemördert? Das ich nicht weiß, so hat er das gelitten um der christlichen Wahrheit willen, und um daß er gestraft hat das unchristliche Papsttum. . . . O Gott, ist Luther tot, wer wird uns hinfort das heilig Evangelium so klar vortragen? Ach Gott, was hätt` er noch in zehn oder zwanzig Jahren schreiben mögen! O ihr alle frommen Christenmenschen, helft mir fleißig beweinen diesen gottgeistigen Menschen und Gott bitten, daß er uns einen andern erleuchteten Mann sende!" (G., Kirchengeschichte, Seite 268). . Albrecht Dürer hatte sich unnötig geängstet. Gott schützte seinen Reformator. Zwar der Kurfürst Friedrich von Sachsen nahm "Martinum Luther" gefangen, aber nicht zur Auslieferung an den Kaiser oder den Papst, sondern um ihn auf die Wartburg zu führen und ihn dort so wohl zu hausen, zu ätzen und zu tränken, daß es Luther schier zu viel wurde. Auch Luthers Bücher wurden hie und da verbrannt, aber im großen und ganzen noch viel eifriger gelesen als vorher, besonders auch das von ihm auf der Wartburg ins Deutsche übersetzte Neue Testament. Sodann waren dem Kaiser durch Kriege gegen Frankreich und dann auch gegen den Papst selbst die Hände gebunden. Als der Kaiser nach dem Friedensschluß mit dem Papst, und von diesem zum Kaiser gekrönt, zur Abhaltung des Reichstags zu Augsburg wieder auf deutschem Boden erschien, sah er sich einer merkwürdig veränderten Sachlage gegenüber. Zu Worms - - vor neun Jahren - - stand Luther mit seinem Bekenntnis zur Schrift, die noch nie geirrt habe und daher die einzige Autorität in der Kirche sei, noch allein da vor Kaiser und Reich. Zu Augsburg, im Jahre 1530, standen hinter der Augsburgischen Konfession, die eine vollständige Darstellung der Lehre Luthers auf Grund der Schrift ist, sieben lutherische Fürsten und zwei Reichsstädte.
Luther war in Augsburg nicht persönlich anwesend. Er wurde, weil die Wormser Reichsacht noch nicht aufgehoben war, von seinem Kurfürsten auf der Koburg zurückgelassen. Aber von der Koburg aus wartete er seines Berufs als Reformator der Kirche in doppelter Weise. Einmal dadurch, daß er durch Bekehrung, Ermahnung und Trost aus der Schrift die Bekenner zu Augsburg stärkte, wenn sie von Schwachheit angefochten wurden. So dann aber auch dadurch, daß Luther sich nicht als ein durch Bann und Reichsacht persönlich Beleidigter von dem
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Ganzen Handel zurückzog, sondern von der Koburg aus und vor der Eröffnung des Reichstags an die zu Augsburg versammelte römische Geistlichkeit eine herzliche Ermahnung richtet, die Gnadenzeit der Wiederkehr des Evangeliums nicht zu versäumen, sondern Buße zu tun ob der bisher geführten Werklehre und an das Evangelium zu glauben. Nicht die "Lutherischen", die Gott aus dem Irrtum der Werklehre herausgeführt habe, bedürften des bevorstehenden Reichstages, wohl aber sie, die Anhänger des Papsttums, die des Evangeliums vergessen hätten und noch in der heidnischen Werklehre wandelten. Es seien hier die Worte zitiert: "Für euch und für das arme Volk, so noch unter euch ganz unberichtet oder je ungewiß ist, da sorgen wir für und wollten ja gerne hier helfen mit Beten und Vermahnen, das beste wir könnten."
Etwa neun Monate später veröffentlichte Luther seine Schrift "Glosse auf das vermeinte kaiserliche Edikt". In dieser Schrift schlägt Luther durchweg einen sehr ernsten Ton der Ermahnung an. Durch Mark und Bein gehen die Worte, in denen Luther darauf hinweist, was für ein Frevel es sei, wenn die Papstkirche neben Christi Versöhnungsopfer noch Menschenverdienst und Menschenwerke stelle: "Da stehet der Artikel, den die Kinder beten: "Ich glaube an JEsum Christum,gekreuziget, gestorben" usw. Es ist ja niemand für unsere Sünde gestorben denn allein JEsus, Gottes Sohn. Allein JEsus, Gottes Sohn, hat uns von Sünden erlöset; das ist gewißlich wahr und die ganze Schrift; und sollten alle Teufel und Welt sich zerreißen und bersten, so ist es ja wahr. Ist er` aber allein, der Sünde wegnimmt, so können wir es mit unsern Werken nicht sein; so ist es ja unmöglich, daß ich solchen einigen und allein Erlöser von Sünden, JEsum, anders denn mit dem Glauben fassen und erlangen möge, mit Werken ist und bleibt er unergriffen." Und diese Worte leitet Luther ein mit den Worten: "Weil ich sehe, daß diesen Hauptartikel der Teufel immer muß lästern durch die Säulehrer und nicht ruhen noch aufhören kann, so sage ich, Doktor Martinus Luther, unsers HErrn JEsu Christi unwürdiger Evangelist, daß diesen Artikel "Der Glaube allein, ohne alle Werke, macht gerecht vor Gott" sollen lassen stehen und bleiben der römische Kaiser, der türkische Kaiser, der tartarische Kaiser, der Persen Kaiser, der Papst, alle Kardinäle, Bischöfe, Pfaffen, Mönche, Nonnen, Könige, Fürsten, Herren, alle Welt samt allen Teufeln und sollen das höllische Feuer dazu haben auf ihren Kopf und keinen Dank dazu. Das sei mein, Doktor Luthers, Einsprechen vom Heiligen Geist." An diesen Worten Luthers haben manche Anstoß genommen. Sie haben gemeint, Luther habe hier zu starke Ausdrücke gebraucht. Aber Luther spricht hier nur nach, was der Apostel Paulus durch den Heiligen Geist von den Irrlehrern sagt, die ihm seine galatischen Gemeinden vom Evangelium ab auf des Gesetzes Werke geführt hatten: "So auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht", Gal 1,8. Und diesen Fluch wiederholt der Apostel im folgenden Vers.
Aber die Papstkirche nahm von dem von Gott erwählten Reformator der Kirche weder freundliche Ermahnung noch ernste Bestrafung an. Im Tridentinischen Konzil, das im Dezember 1545 - - also etwa zwei Monate vor Luthers Tode - - begann, sagt sich Rom für alle Zeiten vom Evangelium los. Rom verlangt aus das entschiedenste, daß die Vergebung der Sünden oder die Rechtfertigung auch auf des Gesetzes Werke gegründet werde. Alles, was Rom schon vorher wider das Evangelium gelehrt und getan hat, ist in den Beschlüssen des Tridentinischen
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Konzils "kodifiziert und satanisiert", wie es ausgedrückt worden ist. Die Satanisierung gibt sich auch darin kund, daß in den Konzilsbeschlüssen Wahrheit und Irrtum nebeneinander gestellt und dann beides, nicht nur der Irrtum, sondern auch die göttliche Wahrheit, verflucht wird. So gerade auch bei der Lehre von der Rechtfertigung. In den Beschlüssen über die Rechtfertigung (Canones de Iustificatione, Sessio VI) wird die Lehre verflucht, daß der Mensch ganz ohne Gottes Gnade in Christo gerecht werde. Daneben wird aber auch die Lehre verflucht, daß der Mensch allein durch den Glauben an Gottes Gnade in Christo vor Gott gerecht werde. Denn Kanon 12 lautet wörtlich so: "Wenn jemand sagt, der rechtfertigende Glaube sei nichts anderes als ein Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit, welche die Sünden um Christi willen vergibt, oder daß dieses Vertrauen es allein sei, wodurch wir gerecht werden, der sei verflucht." Ebenso wird Kanon 20 die Lehre verflucht, daß das Evangelium eine Verheißung des ewigen Lebens sei ohne die Bedingung, die Gebote Gottes und die Gebote der Kirche zu halten. Wie ernstlich das Tridentinum die christliche Lehre von der Vergebung der Sünden ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben an Christum verwirft, geht auch aus der tridentinischen Lehre von der Buße hervor. Im Tridentinum nämlich wird zur Beschreibung der römischen Buße auch wieder das "zweite Brett", secunda tabula, hervorgesucht, kodifiziert und kanonisiert. Mit dem "zweiten Brett" hat es nach römischer Lehre diese Bewandtnis: Wenn jemand aus der Taufgnade gefallen ist, so gibt es für ihn keine Rücklehr in die Taufgnade oder in das Schiff der Kirche. Die Kirche aber ist so gnädig, daß sie dem über Bord Gefallenen ein Brett zuwirft, auf dem er unter Direktion der Kirche in das ewige Leben schwimmen kann. Dieses Fahrzeug für die aus der Taufgnade Gefallenen (lapsi) ist die von der römischen Kirche vorgeschriebene Buße. Sie besteht aus drei Menschenwerken: aus selbstgemachter Neue, aus Ohrenbeichte und aus der Genugtuung der Werke, die vom Priester auferlegt werden (contritio cordis, confessio oris, satisfactio operis). . Verflucht wird, wer zur heilsamen Buße die von Gottes Gesetz gewirkten Gewissensschrecken (terrores conscientiae) und den Glauben an die von Christo erworbene Vergebung der Sünden rechnet. Chemnitz macht in seinem Examen Concilii Tridentini (Genf, 1667, Seite 379) diesen vollauf berechtigten Kommentar zur römischen Buße: "Hierdurch wird vor der ganzen Welt klar, was für eine Kirche die papistische Gemeinschaft ist. Zu beständigem Gedächtnis sei es der wahren Kirche bekanntgegeben, daß das Tridentinische Konzil in der Lehre von der Buße eine Versöhnung mit Gott und Vergebung der Sünden verheißt ohne den Glauben, der aus dem Evangelium entsteht und durch den der Mensch glaubt, daß ihm um Christi willen die Sünden vergeben sind." Vollberechtigt ist auch der Kommentar in der Apologie der Augsburgischen Konfession: "Lieber Gott, welche dicke Finsternis", Bone Deus, quantae tenebrae sunt (Müller 168,6)! . Wahrlich, die römische Buße, das "zweite Brett", dient der Verbannung des teuren Evangeliums aus der Papstkirche.
Es ist hier wohl die Frage am Platze: Wie steht es eigentlich um die aus der Taufgnade Gefallenen? Es ist ja leider wohl Tatsache, daß, wie behauptet wird, die Mehrzahl der Getauften aus der Taufgnade fällt. Müssen nun diese, die lapsi, auf dem "zweiten Brett" der römischen Buße nach dem Himmel trachten? Wehe, wenn es so wäre! Alle, die so fahren, fahren notwendig übel, weil das Fahrzeug aus schlechtem Material, aus Menschenwerken, gebaut ist. Hören wir Luther
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Über diesen Punkt. Luther gibt in seinem Großen Katechismus eine Geschichte des "zweiten Bretts" und warnt vor diesem Fahrzeug. Luther sagt (Müller 497, 79 ff.): "Hieronymus hat geschrieben, die Buße sei die andere Tafel (secunda tabula), damit wir müssen ausschwimmen und überkommen (herausschwimmen und hinüberfahren, wenn wir in die Christenheit kommen. Damit ist nun der Brauch der Taufe weggenommen, daß sie uns nicht mehr nützen kann. Darum ist es nicht recht geredet oder ja nicht recht verstanden; denn das Schiff (der Taufe) zerbricht nicht, weil es, wie gesagt, Gottes Ordnung und nicht unser Ding ist. Aber das geschieht wohl, daß wir gleiten und herausfallen. Fällt aber jemand heraus, der sehe, daß er wieder herzuschwimme und sich daran halte, bis er wieder hineinkomme (in das Schiff) und darin gehe, wie vorhin angefangen" (nämlich, als er die Taufe empfing und dadurch ein Glied der Kirche wurde). Was Luther hier in seinem Großen Katechismus lehrt, ist auch in den 12 Artikel der Augsburgischen Konfession aufgenommen worden, wo es hießt: "Von der Buße wird gelehret, daß diejenigen, so nach der Taufe gesündigt haben, zu aller Zeit, so sie zur Buße kommen mögen, Vergebung der Sünden erlangen und ihnen die Absolution von der Kirche nicht soll geweigert werden. Und ist wahre, rechte Buße eigentlich Neue und Leid oder Schrecken haben übe die Sünde und doch daneben glauben an das Evangelium und Absolution, daß die Sünde vergeben und durch Christum Gnade erworben sei, welcher Glaube wiederum das Herz tröstet und zufrieden macht." Diese Wirkung kann das "zweite Brett" der papistischen Buße nicht haben. Es ist, wie schon gesagt wurde, aus schlechtem Material gebaut. Es besteht aus drei Menschenwerken: aus selbstgemachter Neue, der Ohrenbeichte und der menschlichen Genugtuung. Die können ein geängstetes Gewissen nicht zur Ruhe bringen, das ist, der Vergebung der Sünden nicht gewiß machen. Es tauchen immer wieder die Fragen auf, ob die Neue groß genug. Die Beichte "rein" genug und die vom Priester auferlegte Genugtuung hinreichend sei. Kurz, das "zweite Brett" der papistischen Buße ist ein Marterfahrzeug, weil die Vergebung der Sünden auf Menschenwerke anstatt allein auf Gottes Gnade und Christi Verdienst gegründet wird.
Gab und gibt es denn gar keine Christen unter dem Papsttum? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, weil die Schrift lehrt, daß die, welche mit des Gesetzes Werken umgehen, unter dem Fluch sind (Gal 3,10) und die offizielle Lehre und Praxis der römischen Kirche auf Werklehre lautet. Aber tatsächlich steht es so, daß es zu allen Zeiten, auch zu unserer Zeit, im äußeren Reich des Papstes Seelen gibt, die wider das Verbot der offiziellen Kirche, und ohne beim Papst um Erlaubnis zu fragen, in Anfechtung und Todesnot sich an das Evangelium von der gnädigen Vergebung der Sünden allein um Christi vollkommenen Verdienstes willen anklammern. Gerade auch Luther weist auf diese Tatsache hin (VII, 1949 f.). . Luther sagt: "Ich habe einen Mönch gesehen, der da ein Kreuz in der Hand erwischte und sagte, als die andern Mönche ihre Werke rühmten: "Ich weiß von keinen meinen Verdiensten denn allein von des Verdienste, der für mich am Kreuz gestorben ist`, und starb auch darauf." Es muß nicht vergessen werden, daß in der Papstkirche noch der Text der Evangelien und Episteln ist, derselbe Text, den auch die lutherische Kirche herübergenommen hat. In diesen sogenannten Perikopen ist durchweg auch das Evangelium gelehrt, und aufgewachte Gewissen haben daraus durch die Wirkung des Heiligen Geistes den Trost der Vergebung allein um
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Christi Verdienstes willen geschöpft. Ferner erinnert Luther an die Tatsache, daß die Papstkirche noch die rechte Taufe hat, wodurch Christo immerfort geistliche Kinder geboren wurden und werden. "Was also getauft" - - sagt Luther - - "lebet und stirbt bis in das siebente und achte Jahr, ist gewißlich selig geworden und wird selig; daran zweifeln wir nicht"; aber wenn nach dem siebten und achten Jahr die Kinder in den Katechismusunterricht der Papstkirche kommen, der auf Werklehre lautet, dann fallen sie ab von ihrer Taufe und dem lieben Heiland ihrer Seelen, der sie mit seinem Gottesblut erkauft hat, bauen und trauen auf eigene Werke. "Wie mir und andern geschehen ist", setzt Luther hinzu.
Zur Beschreibung der gewaltigen Tätigkeit, wodurch die römische Kirche sich gegen die Reformation abschloß, gehört auch der Hinweis auf einen neuen Orden, der dem Papst die "Frontsoldaten" oder "Stoßtruppen" zur Bekämpfung des Evangeliums lieferte. Das ist der 1534 gestiftete und 1540 von Papst Paul III in Dienst gestellte Jesuitenorden. Es trifft ungefähr zu, was Karl Hase in seiner Kirchengeschichte (9 Aufl, Seite 488) schreibt: "Große Anschläge wurden gemacht. Noch einmal fühlte sich das Papsttum als eine welterobernde Macht. Beredsamkeit und Geist, List und Gewalt wurden aufgeboten. Es galt vorerst, die noch Schwankenden zu gewinnen, sodann, den Protestantismus unter Völkern, die vorherrschend katholisch waren oder doch unter katholischer Herrschaft geblieben waren, zu stürzen. Beides ist den Jesuiten großenteils gelungen, nicht durch heroische Menschen und neue Geistesbahnen, aber durch kluge, unermüdliche Tätigkeit, wie sie sich darstellt in dem Niederländer Peer Canisius (de Hondt, 1597), dem ersten deutschen Jesuiten". So weit Karl Hase. Karl Hase hat recht.
Auch die Stärke des Jesuitenordens liegt nicht in der Entwicklung "neuer Geistesbahnen", sondern darin, daß der Orden, auf das feinste organisiert, rücksichtslos in den alten Bahnen der alten päpstlichen Feindschaft gegen das Evangelium wandelt. Damit die Ordensglieder bei Anwendung von Gewalt, List, Verstellung und ähnlichen Mitteln nicht durch moralische Bedenken gehindert würden, hat der Orden in sein Institutum die Regel aufgenommen, daß die Sünde aufhört, Sünde zu sein, wenn sie vom Ordensoberen geboten wird. Die Glieder des Ordens machen eine besondere Schulung durch, wodurch sie darauf eingeübt werden, auf das eigene Gewissen und Urteil zu verzichten. Die Jesuiten haben auch im Jahre 1870 die offizielle Erklärung von der absoluten - - das ist, von der Kirche unabhängigen - - Unfehlbarkeit des Papstes durchgesetzt gegen den anfänglichen Protest einer Anzahl Bischöfe, die aer einer nach dem andern sehr bald oder etwas später, laudabiliter se subieerun, sich löblich unterworfen haben. Vom christlichen Standpunkt aus hat man den Jesuitenorden den ordo satanissimus genannt, vom weltlichen Standpunkt aus "die vollkommenste einheitliche Gliederung, die je auf Erden bei einer größeren Gesellschaft existiert hat". Auch zu unserer Zeit stellt der Jesuitenorden die "Frontsoldaten" für die Bekämpfung des Evangeliums.
Aber es gibt eine Macht, die stärker ist als der Jesuitenorden und die von ihm regierte Papstkirche. Diese stärkere Macht ist das Evangelium, das Gott durch den von ihm erwählten Reformator wieder in die Welt hat hinausgehen lassen. Wehrlos ist nur der, welcher auf das Evangelium nicht achtet. Der alter Martinus, Martin Chemnitz, ist in seinem Examen Concilii Tridentini auch den Jesuiten sieghaft entgegengetreten, wie einige von ihnen selbst bekannt haben. Wir in
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St Louis haben Jesuiten in nächster Nähe. Aber wir haben das Evangelium auf unserer Seite, und daher kommt es, daß wenig Lutheraner zur Kirche des Papstes übergehen, aber viele aus der Papstkirche zur Kirche der Reformation treten. Jedoch warnte Chemnitz die lutherische Kirche seiner Zeit vor einer großen Gefahr, nämlich vor der Gefahr, daß man anfange, das Evangelium unfleißig zu lehren und zu hören. Chemnitz schreibt (Loci 11, 201): "Ich schaudere oft zusammen, daß Luther - - ich weiß nicht in welcher Ahnung - - sehr oft - - - das Wort wiederholt: Diese Lehre wird nach unserm Tode wieder verdunkelt werden." Die Gefahr ist für die bisher treu gebliebene amerikanisch - lutherische Kirche auch zu unserer Zeit vorhanden. Doch hierüber mehr in den beiden folgenden Abschnitten: "Die reformierte Kontrareformation" und "Die Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche".
III. Die reformierte Kontrareformation.
Es ist eine weitverbreitete Vorstellung, daß die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts eine zweiteilige, eine lutherische und eine reformierte, sie. Diese Vorstellung kommt zum Ausdruck durch die Redeweise, daß die lutherische und die reformierte Kirche als "Schwesterkirchen" anzusehen seien. Das ist aber eine irrige Auffassung. Geschichtlich steht fest, daß die sogenannte reformierte Kirchenreformation sich sehr bald als Gegenreformation oder Kontrareformation entwickelte. Wahr ist freilich, daß Zwingli und Anhänger merkwürdig schnell von Luther lernten und das von Luther Gelernte dann auch als Schriftlehre erkannten. Es ist auch die Meinung geäußert worden, daß Calvin, der nach Zwinglis Tode der Vorkämpfer der reformierten Kirche wurde, mehr ein Schüler Luthers als Zwinglis zu nennen sei. Neuere lutherische Theologen haben den Unterschied zwischen der lutherischen und der reformierten Kirche sogar dahin bestimmt, daß die lutherische Kirche neben der Heiligen Schrift auch die Tradition der alten Kirche zur Geltung kommen lasse, während die reformierte Kirche sich mehr nur auf die Heilige Schrift als Duelle und Richtschnur der Lehre eingestellt habe. Calvinistische Theologen - - und zwar auch amerikanische Calvinisten - - sind noch weiter gegangen und haben die Behauptung gewagt, daß Calvin unter allen protestantischen Theologen sich am engsten an die Schrift angeschlossen und Menschengedanken aus der Theologie ferngehalten habe.
Dagegen ist folgendes als geschichtliche Wahrheit anzuerkennen: Einerlei, ob wir die reformierte Kirche in zwinglischer oder in calvinischer Färbung betrachten, so stehen wir vor der offenbaren Tatsache, daß die reformierte Kirche in den Lehren, in denen sie sich von der lutherischen Kirche unterscheidet, die blinde menschliche Vernunft auf den Herrscherthron setzt im Gegensatz zur klaren Lehre der Heiligen Schrift. Das meinte Luther, wenn er zu Marburg (1529) über Zwingli und Genossen sein Urteil dahin zusammenfaßte: "Ihr habt einen andern Geist denn wir." Dasselbe Urteil spricht D Walther aus. Er nennt die reformierte Kirche, sofern sie durch schriftwidrige Sonderlehren Trennung in der Kirche der Reformation anrichtete und diese Trennung bis auf diese Zeit aufrechterhält, einen "Bau nach den Bangesetzen der Vernunft". Daß dies ein richtiges Urteil ist, wollen wir jetzt an einigen Lehren nachweisen.
Die reformierte Kirche leugnet rationalistisch, das ist, aus Gründen der blinden menschlichen Vernunft, daß das Wort des Evangeliums und die Sakramente der heiligen Taufe und des heiligen Taufe und des Heiligen Abendmahls die von Gott geordneten Mittel seien, wodurch Gott die von Christo
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erworbene Vergebung der Sünden den Menschen sowohl darbietet als auch den Glauben an die dargebotene Vergebung wirkt und erhält. Aber was die reformierte Kirche leugnet, ist die klare Lehre der Heiligen Schrift. Luk 24, 46 47: "Also ist es geschrieben, und also mußte Christus leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tage und predigen lassen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern und anheben zu Jerusalem". Ebenso lehrt die Heilige Schrift von der Taufe, daß die zur Vergebung der Sünden geschieht. Apost 2, 38: "Lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen JEsu Christi zur Vergebung der Sünden." Ebenso lehrt die Schrift vom heiligen Abendmahl, daß es verwaltet werde zur Vergebung der Sünden. Matth 26, 27 28: "Trinket alle daraus [nämlich aus dem Abendmahlskelch]; das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden".
Und wo die Vergebung der Sünden dargeboten wird, da ist nach Christi Verheißung, Johann 16, 14, der Heilige Geist gegenwärtig und wirksam, um Christum in seinem Erlösungswerk in den Menschenherzen zu verklären, das ist, den Glauben an die dargebotene Vergebung der Sünden zu wirken. Daher heißt es Römern 10, 17 ausdrücklich: "So kommt nun der Glaube aus der Predigt". Und weil durch den Glauben an das Evangelium die Wiedergeburt geschieht, so wird auch der Predigt des Evangeliums die Wiedergeburt zugeschrieben, wie es 1 Petr 1, 23 von allen gläubigen Christen heißt: "wiederum geboren, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibt . . . . Das ist das Wort, welches unter euch verkündigt ist". Ebenso lehrt die Heilige Schrift Tit 3, 5 von der Taufe, daß sie ein Mittel sei, wodurch der Heilige Geist die Wiedergeburt und Erneuerung wirkt: "Nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit machte Gott uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes". Und was das heilige Abendmahl betrifft, so ist es nicht bloß ein Mittel äußerer christbrüderlicher Gemeinschaft, sondern durch Stärkung des Glaubens an die Vergebung der Sünden ein Mittel der Einfügung in den geistlichen Leib Christi, das ist, in die christliche Kirche. 1 Kor 10, 17: "Wir viele sind ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind". Kurz, die Heilige Schrift lehrt, daß der Heilige Geist durch die von Christo eingesetzten äußeren Gnadenmittel die von Christo erworbene Vergebung der Sünden darbietet und auch den Glauben daran wirkt und, wo er bereits vorhanden ist, stärkt. Unsere herrliche Augsburgische Konfession bekennt im 5 Artikel, daß Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakrament gegeben hat, wodurch er "als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wann er will, in denen, so das Evangelium hören, wirket". . Von den Sakramenten als Gnadenmitteln heißt es im 13 Artikel der Augsburgischen Konfession, "daß die Sakramente eingesetzt sind nicht allein darum, daß sie Zeichen seien, dabei man äußerlich die Christen kennen möge, sondern daß es Zeichen und Zeugnis sind des göttlichen Willens [nämlich des gnädigen göttlichen Willens] gegen uns, unsern Glauben dadurch zu erwecken und zu stärken, derhalben sie auch Glauben fordern und dann recht gebraucht werden, so man es im Glauben empfähet und den Glauben dadurch stärket".
Anders die reformierte Kirche. Sofern sie Zwingli, Calvin und
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neueren calvinistischen Theologen folgt, behauptet sie, es sei eine Beleidigung des Heiligen Geistes, wenn gelehrt werde, daß der Heilige Geist durch das Wort des Evangeliums und die Sakramente die Vergebung der Sünden herbeibringe und darbiete und den Glauben daran wirke und stärke. Zwingli hat im Jahre 1530 in Augsburg ein eigenes Glaubensbekenntnis (Fidei Ratio) eingereicht, worin er sagt, der Heilige Geist brauche keinen Wagen (vehiculum). Calvin hat diese wunderbare Belehrung darüber, was für den Heiligen Geist anständig sei, wiederholt (Inst. IV, 14, 17). . Ebenso calvinistische Theologen unserer Zeit und auch in unserm Lande: Efficacious grace acts immediaely. The influence of the Holy Spirit is directly upon the human spirit and is independent even of the Word. In the work of regeneration all second causes are excluded. Nothing intervenes between the volition of the Spirit and the regeneration. (Hodge, Syst Theol II, 682 ff)
Das klingt sehr zuversichtlich. Aber der Heilige Geist richtet sich nicht nach den Dekreten der calvinistischen Theologen. Er hat nirgends in der von ihm inspirierten Heiligen Schrift gesagt: "Ich weiß, es wird in Zürich, Genf, Heidelberg, Princeton, New York und an andern Orten Leute geben, die es für besser und schicklicher halten, wenn ich ohne das Wort des Evangeliums und die Sakramente zu ihnen käme. Darum will ich mich ihnen akkommodieren und ohne Mittel die von Christo erworbene Vergebung der Sünden darbieten und den Glauben wirken". Nein, der Heilige Geist bleibt in der Ausrichtung seines Amtes, Christum als den Sünderheiland in den Herzen der Menschen zu verklären, bei den von Christo geordneten äußeren Gnadenmitteln des Wortes des Evangeliums , der Taufe und des Abendmahls. Christi Gnadenordnung aber lautet: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe", Matth 28, 19 20. Durch die von ihm geordneten Gnadenmittel sammelt und erhält sich Christus hier auf Erden eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Gläubigen.
Und was ist die schreckliche Folge, wenn wir Menschen die von Gott geordneten Gnadenmittel beiseitesetzen? Wir lassen damit auch die christliche Lehre von der Rechtfertigung fahren, nämlich die Lehre, daß Gott Sünde vergibt oder rechtfertigt aus Gnaden um Christi willen allein durch den Glauben, ohne eigene Würdigkeit und Werke unsererseits. Denn Gott hat die Weise geordnet, daß er die von Christo erworbene Vergebung der Sünden oder Rechtfertigung durch das Wort des Evangeliums darbietet, damit sie geglaubt werde und der Heilige Geist durch diese Darbietung auch den Glauben wirke und erhalte. Luther sagt daher schriftgemäß: "Sei du gewiß, daß Gott keine andere Weise hat, die Sünde zu vergeben, denn durch das mündliche Wort, so er uns Menschen befohlen hat. Wo du nicht die Vergebung der Sünden im Wort [des Evangeliums] suchst, wirst du umsonst gen Himmel gaffen nach der Gnade oder, wie sie sagen, nach der innerlichen Vergebung" (XIX, 946). . Es gibt keine andere "innerliche", das ist, im Herzen und Gewissen empfundene, Vergebung als die, welche im Glauben an das Evangelium besteht. So nahe uns das Wort des Evangeliums ist (einerlei ob es von außen an uns herangebracht oder gedächtnismäßig in unsern Geist aufgenommen ist), so nahe ist uns stets die göttliche Vergebung unserer Sünden oder unsere Rechtfertigung. Das "innerliche" Zeugnis des Heiligen Geistes (testimonium internum Spiritus Sancti) ist nichts außer und neben dem vom
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Heiligen Geist gewirkten Glauben an das Evangelium, 1 Johann 5, 9 10. Außerdem gibt es freilich auch ein "äußeres" Zeugnis des Heiligen Geistes (testimonium externum Spiritus Sancti). . Es besteht in den vom Heiligen Geist gewirkten guten Werken, 1 Johann 3, 14. Bekanntlich versagt aber dieses äußere Zeugnis des Heiligen Geistes in den Stunden der Anfechtung, wenn wir wahrnehmen, daß unsere guten Werke mit greulichen Sünden, zB der Selbstsucht, des Ehrgeizes, des Neides, befleckt sind. Da errettet dann nichts anderes von Zweifel und Verzweiflung an der Vergebung der Sünden als dies, daß wir die Vergebung der Sünden glauben, die Gott uns in den von ihm geordneten äußeren Gnadenmitteln ohne alle eigene Würdigkeit und Werke zusagt.
Weil nun die reformierte Kirche, wie aus den oben angeführten Zeugnissen hervorgeht, die Gnadenmittel leugnet und behauptet, daß Gott die Vergebung der Sünden und den Heiligen Geist ohne Mittel mitteile, so kennzeichnet sie sich dadurch als Kontrareformation. Achten wir auf Zwinglis Polemik gegen Luther. Weil Luther unerschütterlich festhielt, daß Gott nicht ohne, sondern nur durch die Gnadenmittel, deren Handhabung Menschen befohlen ist, die Gnade und den Heiligen Geist mitteile, so ging Zwingli so weit, daß er behauptete, Luther verstehe nichts vom Evangelium und habe eigentlich als Reformator ausgedient. Zwingli schrieb im Jahre 1527: "Ich [Zwingli] will dir [Luther] vor die Augen stellen, daß du den weiten herrlichen Schein des Evangelii nicht erkannt hast, du habest denn desselben wiederum vergessen" (XX, 1131). . Die Strafe folgt dieser Verachtung der Gnadenmittel auf dem Fuße. Wer die Vergebung der Sünden nicht aus den Gnadenmitteln nehmen will, sucht in sich selbst ein Fundament der Vergebung der Sünden. Er produziert durch eigenes Tun Gefühle, Zustände und Stimmungen, auf die er seinen Gnadenstand gründet. Damit landet er aber im Lager der römischen Werkgerechtigkeit, wie Luther sehr richtig urteilt: "Die Schwärmer [weil sie die Gnadenmittel beiseitesetzten] nehmen die Zuversicht der Werke nicht weg, sondern stärken die Werke noch viel mehr und lassen die Zuversicht darauf bleiben" (XI, 1415). . Und als Carlstadt, ein Vorgänger der Leugner der Gnadenmittel, auftrat, rief Luther aus: "Walt es Gott und unser lieber HErr JEsus Christus! Da gehet ein neues Wetter her . . . . Doktor Carlstadt ist von uns abgefallen, dazu unser ärgster Feind worden. Der Satan [der Carlstadt treibt] will die ganze Lehre des Evangelii, so er bisher mit Gewalt [durch die Papisten] nicht hat mögen täuben [unterdrücken], mit listiger Handlung der Schrift verderben" (XX, 132). .
Es ist die Frage erhoben worden, ob und wie in den reformierten Sekten, die die äußeren Gnadenmittel verwerfen, christlicher Glaube möglich sei. Dazu ist zu sagen: Weil Gott nur durch die von ihm geordneten äußeren Gnadenmittel mit uns Menschen handelt, so kann da, wo man sich von den Gnadenmitteln konsequent losmacht, kein Glaube an die Vergebung der Sünden sein. Aber es gibt auch an diesem Punkt eine "glückliche Inkonsequenz". Die reformierten Lehrer, die im Ernst dafürhalten, daß der Heilige Geist ohne Gnadenmittel (immediately) Vergebung der Sünden mitteile und den Glauben und den Heiligen Geist schenke, sollten eigentlich ganz stilleschweigen, um durch ihr Reden das Werk des Heiligen Geistes nicht zu stören. Statt dessen sind sie sehr fleißig im Reden und Schreiben. Wenn sie nun dabei JEsum Christum als den für die Sünden der Welt gekreuzigten Heiland ihren Zuhören und Lesern verkündigen, so geben sie dem Heiligen Geist
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Gelegenheit, durch das von ihnen offiziell verworfene, aber von ihnen doch tatsächlich verkündigte äußere Evangelium den Glauben zu wirken. Sodann treibt, wie ein neuerer reformierter Theologe (Schneckenburger) darlegt, auch Anfechtung und Todesnot die Reformierten auf den lutherischen Standpunkt, nämlich ihren Glauben auf das äußere Wort des Evangeliums zu gründen. Es wird Luther bis auf diesen Tag vorgeworfen, er habe gegen Zwingli und Anhänger wegen ihrer Behauptung, der Heilige Geist habe zu seiner Wirksamkeit äußere Gnadenmittel nicht nötig, zu harte Worte gebraucht. Aber hier waren harte Worte sehr wohl am Platze. Jeder Mensch täuscht sich in bezug auf seine persönliche Gnadengemeinschaft mit Gott, sofern er seinen Gnadenstand bei Gott nicht auf die im äußeren Wort des Evangeliums zugesagte Vergebung der Sünden gründet. In Anfechtung und Todesnot wird er dessen auch inne. Was Zwingli und Genossen von der unmittelbaren Wirksamkeit des Heiligen Geistes lehrten, konnte konsequenterweise nur die Wirkung haben, die christliche Kirche vom Evangelium, das durch die Reformation wieder auf den Plan kam, abzuführen und mit einer unmittelbaren Geisteswirkung zu täuschen, die es gar nicht gibt. Zwingli und Genossen betrieben kontrareformatorische Arbeit. Was sie "Geist" nannten, war die Einbildung ihrer sich klug dünkenden Vernunft, daß der Heilige Geist anständigerweise direkt, ohne äußere Mittel, auf den menschlichen Geist wirken müsse.
Die reformierte Kirche calvinistischer Richtung ist ferner rationalistisch in der Lehre von der ewigen Erwählung. Sie behauptet nämlich, daß jeder, der eine ewige Erwählung zum Glauben und zur Seligkeit lehre, notwendig auch eine ewige Erwählung zum Unglauben und zur Verdammnis lehren müsse. Calvin wir unanständig grob gegen die, die nur eine Prädestination zur Seligkeit lehren, aber die Prädestination zur Verdammnis ablehnen. Er schilt sie unwissend und kindisch. Unsere amerikanischen Calvinisten reden nicht so grob, sagen aber doch von der lutherischen Kirche, daß sie kein Recht habe zu existieren, weil sie in der Konkordienformel zwar eine Erwählung zum Glauben und zur Seligkeit lehre, aber eine Erwählung zum Unglauben und zur Verdammnis abweise. Das sei eine unhaltbare Stellung (untenable ground). . Aber dieses Urteil ist menschliche Klugtuerei, ja ein förmliches Toben wider die Heilige Schrift. Apost 13, 48 heißt es von den Heiden zu Antiochia in Pisidien, die an das Evangelium gläubig wurden: "Und wurden gläubig, wieviel ihrer zum ewigen Leben verordnet waren". V 46 wird aber der Unglaube der Juden nicht auf eine Prädestination zum Unglauben und zur Verdammnis zurückgeführt, sondern es heißt von den ungläubigen Juden: "Nun ihr es [das Wort Gottes] von euch stoßt und achtet euch selbst nicht wert des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden." Dasselbe ergibt sich, wenn wir V 34 und v 41 von Matth 25 nebeneinanderstellen. V 34 sagt Christus zu denen, die zu seiner Rechten stehen: "Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt." Aber V 41 spricht Christus zu denen, die zu seiner Linken stehen: "Gehet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln." Die Hölle ist also ursprünglich nicht für Menschen bereitet, sondern Menschen kommen in die Hölle, wenn sie, wie die ungläubigen Juden zu Antiochia, das Wort des Evangeliums von sich stoßen und sich selbst nicht wert achten des ewigen Lebens.
Die reformierte Kirche ist ferner rationalistisch in der Lehre vom heiligen Abendmahl. Was sie vom Abendmahl lehrt, widerspricht
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spricht der Heiligen Schrift und ist lediglich auf Menschengedanken gegründet. Es gibt innerhalb der äußeren Christenheit drei verschiedene Lehren vom Abendmahl. Erstens: Im Abendmahl ist nur Leib und Blut Christi; Brot und Wein werden durch die von einem römischen Priester vollzogene Konsekration in Leib und Blut Christi verwandelt. Dies ist die römische Lehre, die durch das Laterankonzil vom Jahre 1215 zur offiziellen Kirchenlehre gemacht wurde und in verschärfter Form auch in das Tridentinum aufgenommen worden ist. Zweitens: Im Abendmahl ist nur Brot und Wein. Aber Brot und Wein sind Abbilder oder Symbole des Leibes und Blutes Christi, die sich im Himmel befinden und deshalb im Abendmahl, das auf Erden gefeiert wird, nicht gegenwärtig sein können. Dies ist die reformierte Lehre vom Abendmahl. Drittens: Im Abendmahl ist beides, Brot und Wein und Leib und Blut Christi, gegenwärtig, und zwar in der Weise, daß mit dem Brot der Leib Christi und mit dem Wein das Blut Christi empfangen wird. Dies ist die Lutherische Lehre vom Abendmahl, wie es im lutherischen Katechismus auf die Frage "Was ist das Sakrament des Altars?" heißt: "Es ist der wahre Leib und Blut unsers HErrn JEsu Christi unter dem Brot und Wein, uns Christen zu essen und zu trinken, von Christo selbst eingesetzt".
Welche Lehre die christliche sei, entscheidet die Heilige Schrift. Die römische Verwandlungslehre ist dadurch ausgeschlossen, daß auch noch nach der Segnung oder Konsekration Brot und Wein als gegenwärtig genannt werden, 1 Kor 11, 27: "Welcher unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des HErrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des HErrn." Die reformierte Lehre ist dadurch ausgeschlossen, daß der Leib Christi, der im Abendmahl zum Essen mit dem Munde dargereicht wird, nicht als ein abgebildeter Leib, sondern als der wahre Leib beschrieben ist durch den Zusatz "der für euch gegeben wird". Nun ist aber nicht ein Abbild des Leibes Christi, sondern der wahre Leib Christi, der Leib, den er aus der Jungfrau Maria an sich nahm, für uns gegeben worden. Die lutherische Lehre ist dadurch als die schriftgemäße erwiesen, daß sie die Schriftworte vom Abendmahl stehen läßt, wie sie lauten. Weder macht sie mit der römischen Kirche aus Brot ein Scheinbrot noch mit der reformierten Kirche aus dem Leib Christi einen Scheinleib. Sie läßt Brot Brot und Christi Leib Christi Leib sein. Damit ist die lutherische Lehre vom Abendmahl als die allein richtige Lehre erwiesen.
Es gilt auch nicht der Einwand, daß Christi Rede "ungewöhnlich" und "dunkel" sei, wenn er vom Abendmahlsbrot sagt: "Das ist mein Leib" und von dem Abendmahlswein: "Das ist mein Blut." Vielmehr ist Christi Redeweise eine ganz gewöhnliche und leicht verständliche. Sie wird, wo vernünftige Menschen miteinander verkehren, fortwährend gebraucht. Von zwei miteinander verbundenen Dingen nennen wir nur das eine, worauf es uns ankommt. Ein Beispiel aus dem täglichen Leben: Bei der Darreichung von Wasser in einem Glase oder einem andern Behälter sagen wir nicht: Dies ist erstlich ein Glas und zum andern Wasser, sondern nur: Dies ist Wasser. Ebenso sagt auch Christus im Abendbrot nicht: Dies ist erstens Brot und zum andern mein Leib, sondern er sagt nur: Dies ist mein Leib. Der Grund hierfür ist der, daß die Jünger das Brot sahen und Christus es daher nicht besonders zu nennen brauchte. Was die Jünger aber nicht sahen und worauf Christus bei der Einsetzung eines Sakraments des Neuen Testaments die Aufmerksamkeit richten wollte, war sein Leib. Ein Beispiel aus der Heiligen Schrift für dieselbe Redeweise haben wir in dem
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Bekenntnis des Petrus zu Christo als dem wahrhaftigen Sohn Gottes, Matth 16,13-16: "Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn." Wie der Menschensohn Gottes Sohn ist, nicht durch Abbildung oder Verwandlung, sondern durch Vereinigung des Menschensohns mit Gottes Sohn in einer Person (unio personalis), so ist im heiligen Abendmahl das Brot wahrhaftig Christi Leib, nicht so, daß das Brot Christi Leib nur abbildet, auch nicht so, daß das Brot in Christo Leib verwandelt ist, sondern so, daß durch Christi Einsetzung mit dem Brot Christi Leib vereinigt ist (unio sacramentalis) und jeder, der das Brot empfängt, auch Christi Leib empfängt. Kurz, Christi Worte, mit denen er das heilige Abendmahl einsetzt, sind, was die Weise zu reden betrifft, nicht ungewöhnlich und dunkel, sondern ganz gebräuchlich und völlig klar. Sie bedürfen, um verstanden zu werden, keines Kommentars, wie denn auch Christus keinen Kommentar hinzufügt. Daß Christus uns im Abendmahl mit dem Brot seinen Leib gibt, kommt in Christi Worten völlig klar zum Ausdruck. Um sich von den Worten, wie sie lauten, nicht abdrängen zu lassen, schrieb daher Luther bei dem Gespräch zu Marburg (1529) die Worte "Hoe est corpus meum" (Dies ist mein Leib) vor sich auf den Tisch.
Was plagte und plagt denn die reformierten Theologen, daß sie Christi Worte nicht annehmen, wie sie lauten? Das bekannte Zwingli zu Marburg, als er behauptete, es sei unmöglich, daß Christi Leib im Abendmahl sei; Christi Leib könne nicht zugleich im Himmel und im Abendmahl auf Erden sein; Gott gebe uns nicht so unglaubliche Dinge (incredibilia) zu glauben vor. Was die reformierten Theologen auch in der Lehre vom Abendmahl plagte und plagt, ist ihre blinde menschliche Vernunft, die sich in eingebildeter Weisheit über Christi Worte erhebt und das für unmöglich erklärt, was Christi Worte besagen. Wie bei der Leugnung der Gnadenmittel und bei der Leugnung der allgemeinen Gnade, so ist auch bei der Leugnung der Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl das treibende Interesse die Befriedigung einer eingebildeten menschlichen Vernunft.
In diesem Interesse machen die reformierten Theologen den Versuch, die Abwesenheit des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl sogar in den Worten Christi "Das ist mein Leib" unterzubringen, aber mit so schlechtem Erfolg, daß sie dabei einander selbst widerlegen. Carlstadt fand das Mittel, Christi Leib aus dem Abendmahl zu entfernen, in dem Wort "das" (xxxxx). Christus habe bei dem ersten Abendmahl mit "das" auf seinen am Tisch sitzenden Leib gezeigt, so daß der Sinn berauskam: Nehmet hin und esset, dies ist Brot, und was mit euch an diesem Tisch sitzt, das ist mein Leib. Zwingli lobt Carlstadt als einen frommen Mann, aber seine Auslegung der Abendmahlsworte sei nicht nur unhaltbar, sondern auch "trefflich Frevel". . Dagegen erklärte Zwingli, das rechte Mittel, Christi Leib aus dem Abendmahl fernzuhalten, sei dies, wenn man in den Worten "Das ist mein Leib" "ist" im Sinn von "bedeutet" nehme" Dies Brot bedeutet (significat, signifies) meinen Leib. Dagegen traten wieder andere reformierte Theologen auf und erklärten, daß "ist" stets aussage, was ein Ding ist und nie in dem Sinne von "bedeutet" genommen werden könne. Das rechte Mittel, Christi Leib aus dem Abendmahl fernzuhalten, sei dies, in den Worten "Das ist mein Leib" die Worte "mein Leib" in dem Sinne zu nehmen: Dies Brot ist meines Leibes Abbild oder Zeichen (signum corporis, symbolum corporis). . Aber dagegen wendeten wieder andere reformierte Theologen ein, unter ihnen auch Beza, der Nachfolger Calvins auf dem Lehrstuhl in Genf, daß auch
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Diese Auslegung unmöglich sei, weil Christus nicht nur sage: "Das ist mein Leib", sondern zu Leib hinzusetze "der für euch gegeben wird". Diese Zusatz zwinge uns, unter dem Leibe, den Christus im Abendmahl gebe, den wahren, wesentlichen Leib Christi zu verstehen (de ipsa corporis et sanguinis substantia intelligere). So widerlegen die reformierten Theologen in der Auffassung der Abendmahlswort einander selbst. Aber trotzdem stimmen sie völlig in der Behauptung überein, daß die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl unmöglich sei. Um hierfür einen scheinbaren Schriftbeweis zu gewinnen, fälschen sie auch die Schriftlehre von der Person Christi. Sie behaupten nämlich, daß Christo nach seiner menschlichen Natur immer nur eine sichtbare und mit Händen greifbare Gegenwart zukomme. Wo man Christi Leib nicht sehen und mit Händen fassen könne, da sei er auch nicht gegenwärtig. Luther sagt sehr richtig: "All ihr Grund (daß Christi Leib nicht im Abendmahl sein könne) stehet darauf, daß Christus` Leib müsse nur an einem Ort sein, leiblicherweise und begreiflicherweise", das ist, nur in der Weise, daß er mit Augen gesehen und mit den Händen erfaßt werden könne. Und darin stimmen alle reformierten Theologen überein. Auch Calvin sagt von den Lutheranern: "Sie schwatzen von einer unsichtbaren (Gegenwart" und nennt die unsichtbare Gegenwart eine "dumme Erdichtung" (stultum commentum). Calvin behauptet wirklich im Ernst, daß Christi Gegenwart nicht über die natürliche Körpergröße (dimensio corporis), also nicht über etwa sechs Fuß, hinausreiche. Mit dieser Vorstellung geht Calvin an die "Auslegung" der Heiligen Schrift und behauptet zB, Christus sei nicht bei verschlossenen Türen zu seinen Jüngern getreten, wie doch die Schrift zweimal ausdrücklich berichtet, Johann 20,19-20, sondern habe durch seine Allmacht erst eine Öffnung seinen Leib in das Zimmer gebracht.
Die reformierten Theologen werden an diesem Punkte von allen verständigen Christen beschämt. Jeder Christ, der einigermaßen seine Bibel kennt, weiß, daß die Heilige Schrift Christo nach seiner menschlichen Natur mindestens drei Weisen, irgendwo zu sein, zuschreibt. Wenn die Schrift berichtet, daß Christus von Judäa durch Samaria nach Galiläa reiste, so weiß jeder Christ, daß sie Christo nach seiner Menschheit eine sichtbare und an einem bestimmten Ort stattfindende Gegenwart zuschreibt. Ferner: Wenn die Schrift berichtet, daß Christus in seiner Menschheit durch verschlossene Türen ging, so weiß jeder Christ, daß Christo nach seiner Menschheit auch eine Weise der Gegenwart zukommt, nach welcher er keinen Raum einnimmt, sondern mit seinem Leibe da sein kann, wo schon ein anderes Ding ist oder den Raum eingenommen hat. Ferner: Wenn die Schrift berichtet, daß Christus nach seiner Menschheit über alle Himmel aufgefahren ist, auf daß er alles erfüllete, Eph 4,10, so weiß daraus jeder Christ, daß Christus nach seiner menschlichen Natur auch an der göttlichen Allgegenwart teilhat und über alles im Himmel und auf Erden regiert, Eph 1,22-23. . So weiß wirklich, wie schon gesagt, jeder Christ, der seine Bibel kennt und glaubt, von drei Weisen der Gegenwart Christi nach seiner menschlichen Natur, wenn ihm auch die gelehrten theologischen Ausdrücke völlig unbekannt sind. Wenn nun dagegen die reformierten Theologen behaupten, daß Christo nach der menschlichen Natur immer nur eine Weise der Gegenwart zukommen könne, nämlich die sichtbare und raumeinnehmende Gegenwart, und aus diesem Grunde die Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl leugnen, so werden sie von verständigen Bibelchristen als solche erkannt, die ihre blinde menschliche Vernunft über und wider Gottes Wort setzen.
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Nur noch einige Worte über das Wort "ist". Unter den reformierten Theologen haben die recht, welche festhalten, daß "ist" nicht im Sinne von "bedeutet" genommen werden könne. Bekanntlich sagt Luther: "Wenn die Schwärmer in allen Sprachen, so auf Erden sind, einen Spruch bringen, darinnen "ist" so viel gelte als "deutet", so sollen sie gewonnen haben. Aber sie sollen es wohl lassen." Walther - St Louis: "Wo die Heilige Schrift sagt, daß eine Sache dies oder jenes ist, so können wir uns auch fest und ohne Zweifel darauf verlassen. Was wäre auch die Heilige Schrift, könnte man sich auf dieses Wörtchen nicht verlassen? Dann stünde keine, auch nicht eine darin geoffenbarte Wahrheit fest. Vergeblich stünde dann in der Bibel: Es ist ein Gott, es ist ein Gericht, es ist eine Hölle, es ist ein Himmel, Christus ist Gottes Sohn usw, denn könnte "ist" für "bedeutet" genommen werden, wer könnte es dann hindern, daß ein ungläubiger Schriftausleger auch aus Gott, Gericht, Hölle, Himmel, Gottes Sohn usw lauter leere Bedeutungen macht?" Ebenso Krauth - Philadelphia: "A more dangerous falsity in interpretation than the assumption that the word "is" may be explained in the sense of "signify" or "be a symbol of" is hardly conceivable. Almost every doctrine of the Word of God will melt under it. . . . By it Christ would cease to be the Way, the Truth, and the Life and would be a mere symbol of them; would no longer be the Door, the Vine, the Good Shepherd, the Bishop of souls, but would be the symbol of a door, the sign of a vine, the figure of a shepherd, the representation of a bishop. This characteristic use of "is" is essential to the very morality of languange; and language itself would commit suicide if it could tolerate the idea the substantive (Wesen bezeichnende) verb shall express not substance, but symbol." "Ist" behält seine eigentliche Bedeutung auch in den Worten 1 Mos 41,26: "Die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre." Es handelt sich hier um ein Traumgesicht Pharaos, also um ein Bild oder Gleichnis. Wenn wir zB von einem Bilde Luthers sagen: Das ist Luther, so wollen wir nicht sagen: Das Bild bedeutet Luther, sondern: "Das Sinn ist nicht: Der Same "bedeutet" (Gottes Wort, sondern: Das durch den natürlichen Samen bildlich Dargestellte ist Gottes Wort. (Zitate in "Christliche Dogmatik" III, 359 ff).
Als Kontrareformation erwies sich die reformierte Kirche auch dadurch, daß sie die lutherische Kirche aus den Gebieten zu verdrängen suchte, wo die lutherische Kirche bereits Fuß gefaßt hatte. Dies geschah zB in Bremen, in der Pfalz, in Hessen - Kassel und in Anhalt. Konrad Dannhauer, ein alter lutherischer Theologe (d 1666), sagt richtig von der reformierten Kirche, daß sie sich "auf den Trümmern der Kirche Luthers" aufzubauen suchte (Meusel II, 105). . Dr Walther nennt unter den Ursachen, die den Siegeslauf der Reformation aufhielten und teilweise zum Stehen brachten, auch die kontrareformatorische Tätigkeit der reformierten Kirche. Walther sagt: "Als Gott vor viertehalbhundert Jahren Luther erwählte, erleuchtete, zurüstete und durch ihn das Werk der Reformation begann, da schien es nicht anders, als ob in kurzem die ganze Christenheit aus der Gefangenschaft des Antichrists befreit sein und die alte apostolische Kirche in der ganzen Welt wieder in ihrer alten, ursprünglichen Herrlichkeit und Reinheit dastehen werde. Wie mit Windes - , ja mit Blitzeseile drang der Schall der neuen und doch ewig alten Lehre von Land zu Land, nicht nur in die Nachbarländer Deutschland, im Süden nach der Schweiz und nach Böhmen, im Osten
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Nach Ungarn, Galizien, Siebenbürgen, Polen, Estland und Livland, im Norden nach Dänemark, im Westen nach Belgien, Holland und Frankreich; selbst weit hinaus über diese Grenzländer ertönte der Schall des reinen Evangeliums, wie der Posaunenschall einer geistlichen Auferstehung. Auch in Italien, im Lande des Papstes selbst, in Spanien, in Portugal, in England, in Norwegen, in Schweden, in Finnland und überall lockte das Evangelium, wie die aufgehende Frühlingssonne nach langen, kalten Winternächten, einen geistlichen Frühling hervor, wie er seit den Tagen der heiligen Apostel nicht geblüht hat. - - Woher kam es denn nun, daß das Evangelium nach einer kurzen Reihe von Jahren schier ganz plötzlich in seinem herrlichen Siegeslauf gehemmt und zum Stillstand gebracht wurde? So viele der Ursachen hier auch angegeben werden können, so ist und bleibt doch eine Hauptursache, daß ein Zwingli und ein Calvin die Einfalt in Christo verließen, daß sie neben dem Wort des lebendigen Gottes ihre kurzsichtige Vernunft mitsetzten, aus dem Christentum ein System der Spekulation machten und auf diese Weise den bereits in den letzten Zügen liegenden Antichrist aufs neue stärkten und seine Wunden heilten; denn der kann durch nichts anderes als durch das Wort des großen Gottes überwunden und gestürzt werden. Zwar nennt sich gerade die reformierte Kirche die reformierte xxx xxxxxx. Sie will damit sagen, daß gerade sie vor allen andern sich gründlich gereinigt habe von allem papistischen Sauerteig. Aber ihre Reformation ist wahrlich keine Reformation nach Gottes Wort, sondern vielmehr eine Deformation, eine Verunstaltung, nicht eine Wiederherstellung; denn sie ist ein Bau nach den Baugesetzen der Vernunft" (LuW 33, 288).
Als kontrareformatorisch erweist sich die reformierte Kirche auch durch ihren unionistischen Geist. Die Reformierten waren in der Regel je und je bereit, sich ohne Übereinstimmung in der Lehre zu unieren, sogar mit Tränen in den Augen, wie Zwingli zu Marburg. Melanchthon berichtet über diesen unionistischen Geist: "Die Widerpart (Zwingli und Ökolompad) wollten nicht von ihrem gefaßten Glauben weichen, begehrten aber, Dr Luther sollte sie annehmen als Brüder, Solches hat Dr Martinus in keinem Wege wollen willigen, hat sie auch hart angeredet, daß ihn sehr wundernehme, wie sie ihn für einen Bruder halten könnten, so sie anders ihre Lehre für recht halten; es sei ein Zeichen, daß sie ihrer Sache nicht groß achten" (XVII, 1949 f.). . Und daß sie ihrer Sache nicht groß achteten, kam daher, daß sie ihrer Lehre nicht gewiß waren. Und daß sie ihrer Lehre nicht gewiß waren, kam daher, daß sie für ihre Lehre keinen Schriftgrund hatten, sondern nur die Einbildung ihrer Vernunftweisheit. Dieser untheologische Standpunkt erzeugt keine Gewißheit, wohl aber Hochmut. Welcher Hochmut spricht sich aus in den bereits erwähnten Worten Zwinglis: "Ich will dir (Luther) vor die Augen stellen, daß du den weiten, herrlichen Schein des Evangelii nicht erkannt hast, du habest den desselben wieder vergessen" (XX, 1131 ff.)! . Dazu kam bei Zwingli der Neid auf Luthers einzigartigen Einfluß: "Du (Luther) bist nur ein redlicher Ajax oder Diomedes unter vielen Nestoren, Ulyssen, Menelaen" (a a O, 1134). . Das ist der Neid, der verfluchte Neid, der in der Kirche so viel Trennung verursacht hat und noch anrichtet.
Unter den Einwänden, mit denen die reformierten Theologen die christliche Lehre vom Abendmahl bekämpften und noch bekämpfen, ist auch dieser: das Abendmahl als Gnadenmittel sei unnötig, weil der Glaube an das Wort des Evangeliums schon Vergebung der Sünden besitze. Das ist wahr, denn nach der Lehre der Schrift steht es nicht
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so, daß sich die Vergebung der Sünden auf das Wort des Evangeliums, die Taufe und das Abendmahl verteile, etwa in der Weise, daß ein Drittel durch das Wort des Evangeliums, ein zweites Drittel durch die Taufe, das dritte Drittel durch das heilige Abendmahl vergeben werde. Vielmehr steht es so: durch das Wort des Evangeliums werden alle Sünden vergeben, durch die Taufe werden alle Sünden vergeben, und durch das Abendmahl werden alle Sünden vergeben, wie wir oben aus der Schrift nachgewiesen haben. Daher sagen wir mit Luther und der Vorrede zum Konkordienbuch, daß wir den Christen in der reformierten Kirche, die aus Schwachheit in der Erkenntnis in bezug auf das Abendmahl irren, nicht die Seligkeit absprechen, wenn sie durch Wirkung des Heiligen Geistes glauben, daß Gott ihnen aus Gnaden um Christi willen die Sünde vergebe. Aber der Schluß, den reformierte Theologen sich erlauben, daß darum das Abendmahl (das einzusetzen Christum herzlich verlangte) unnötig sei, ist gotteslästerlich. Daß Luther auch an diesem Ort gegen die reformierten Vernunftkünstler harte Worte gebraucht, ist ganz am Platze. Er schreibt: "Der andere Grund, den sie führen, ist, es sei nicht vonnöten (daß Christi Leib im Abendmahl sei). . Da muß sich Christus lassen zur Schule führen und meistern: der Heilige Geist habe es nicht recht troffen. Denn so sagen sie: Wenn ich glaube an JEsum Christum, der für mich gestorben ist, was ist not, daß ich glaube an den gebackenen Gott (Christi Leib im Abendmahlsbrot)? . . . Willst du nun Gott meistern, was not und nicht not sei, und nach deinem Dünkel schließen lassen? Viel billiger kehren wir es um und sagen: Gott will es so haben. Darum ist dein Dünkel falsch. Was Gott für nötig ansieht, wer bist du, daß du darfst dagegen reden? Du bist ein Lügner, so ist Gott wahrhaftig" (XX, 744 ff.). . Auch an diesem Punkte erweisen sich die reformierten Theologen als Baumeister nach den Grundsätzen der menschlichen Vernunft, die sich über Gottes Wort erhebt. Infolge ihrer Feindschaft gegen Christi Leib im Abendmahl übersehen sie den besonderen Trost, den Christus seinen Christen dadurch zuwenden will, daß er das heilige Abendmahl eingesetzt hat. Luther weist auf diesen Trost in den Worten hin: "Wir predigen auch den Tod Christi, nach den Worten: "Das tut zu meinem Gedächtnis. Es ist aber ein Unterschied da: wenn ich seinen Tod predige, das ist eine öffentliche Predigt in der Gemeine, darin ich niemand sonderlich gebe; wer es faßt, der fat es; aber wenn ich das Sakrament (des Abendmahls) reiche, so eigene ich solches dem sonderlich zu, der es nimmt, schenke ihm Christi Leib und Blut, daß er habe Vergebung der Sünden, durch seinen Tod erworben und in der Gemeine gepredigt. Das ist etwas mehr denn die gemeine (allgemeine) Predigt" (XX, 750). .
IV. . Die Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche.
Es gibt leider auch eine Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche. Damit kommen wir zu dem traurigsten Ereignis der Kirchengeschichte. Gott hatte sich seiner Kirche erbarmt. Gott hatte Luther als sein Werkzeug erkoren und ausgerüstet. Durch Luthers Dienst sollte die Sonne des Gnadenevangeliums, die unter dem Papsttum aus der öffentlichen Lehre fast ganz verschwunden war, wieder in die Kirche und in die Welt hinausleuchten. Durch das Gnadenevangelium sollten die vom Gesetz geplagten Gewissen zur Gewißheit der Gnade Gottes und der Seligkeit geführt werden. Aus der Erkenntnis des Gnadenevangeliums war Luther auch die Kraft gekommen, daß er alle Afforderungen zum Widerruf zurückwies. Es hieß bei ihm, er
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könne das nicht widerrufen, wodurch er ein Christ geworden sei. Und Gott hatte auch bereits Glück zum Lauf des Evangeliums gegeben. Durch Deutschland und über Deutschland hinaus tönte es in Stadt und Land wieder:
Es ist das Heil uns kommen her
Von Gnade und lauter Güte,
Die Werke helfen nimmermehr,
Sie mögen nicht behüten;
Der Glaube sieht JEsum Christum an,
Der hat genug für uns alle getan,
Er ist der Mittler worden.
Und welche Veränderungen auch in den äußeren Umständen! Während Luther 1521 zu Worms noch allein dastand, waren neun Jahre später, 1530 zu Augsburg, sieben deutsche Fürsten und die Vertreter von zwei Reichsstädten bereit, um des Gnadenevangeliums willen auf den Frieden in dieser Welt, auf alle irdischen Güter, auch auf Leib und Leben zu verzichten, um durch den Glauben an das Evangelium von der Gnade Gottes in Christo den Frieden des Gewissens mit Gott und den ewigen Frieden zu haben und zu behalten. Und nun das traurige Ereignis, daß noch zu Luthers Lebzeiten innerhalb der lutherischen Kirche selbst und an der Universität Wittenberg ein Mann auftrat, der das Gnadenevangelium anfocht, und daß dieser Mann Philipp Melanchthon war, eine Zeitlang ein so getreuer Gehilfe Luthers, für den Luther Gott so oft von Herzen gedankt hatte!
Was haben wir von Melanchthon zu halten? Melanchthon war ein ganz guter Theologe, solange er Luthers Führung auf Grund der Heiligen Schrift folgte. Als er sich aber fühlen lernte und neben Luther eine selbständige Rolle spielen wollte, da "plagte ihn seine Philosophie", das ist, eingebildete menschliche Weisheit. Melanchthon wollte über die Heilige Schrift hinaus klug sein. Er wollte über Dinge, die der Menschen Seligkeit betreffen, mehr wissen, als Gott uns Menschen in seinem Wort geoffenbart hat. Gott offenbart uns in seinem Wort: Wer selig wird, wird allein durch Gottes Gnade selig; wer verloren geht, geht durch eigene Schuld verloren. Um für die menschliche Vernunft zu erklären, warum nicht alle Menschen selig werden, da Gottes Gnade in Christo doch alle Menschen umfaßt, kam Melanchthon Mitte der dreißiger Jahre, etwa fünf Jahre nach dem Augsburger Reichstag, auf den tollen Gedanken, der Mensch könne und müsse zur Entstehung des Glaubens an das Evangelium und damit zur Erlangung der Rechtfertigung vor Gott einen Beitrag liefern. Gottes Wort und der durch Gottes Wort wirkende Heilige Geist seien nicht genug zur Entstehung des Glaubens und der Erlangung der Rechtfertigung; der Mensch müsse durch seinen nicht widerstrebenden Willen (voluntas non repugnans) dazu mitwirken. Der liebe Melanchthon hatte wahrhaftig vergessen, was die Schrift so klar lehrt, nämlich daß nach dem Sündenfall jeder Mensch in Sünden tot und seine Bekehrung zu Gott lediglich ein Werk der Gnade und Allmacht Gottes ist. Daß Melanchthon dies vergaß, überrascht um so mehr, als Melanchthon im zweiten Artikel der Augsburgischen Konfession (Von der Erbsünde) und im achtzehnten Artikel (Vom freien Willen) in den Dingen, die zur Erlangung der Seligkeit gehören, die christliche Gnadenlehre so schön niedergeschrieben und bekannt hatte. Als Melanchthons Abweichung von der Gnadenlehre Luther bekannt wurde, war Luther erstaunt und urteilte, wenn Melanchthon an seiner neuen Lehre festhalte, müsse er aufhören, Theologie zu lehren, und sich auf das Lehren von Sprachen beschränken.
(Seite 40 von Original).
Luther hatte eine sehr ernste Unterredung mit Melanchthon, und Melanchthon gab nach. Es scheint wieder ein herzliches Verhältnis eingetreten zu sein. Als Melanchthon 1540 aus Herzeleid schon gestorben war, ist er - - das berichtet Melanchthon selbst - - durch Luthers heroisches Glaubensgebet ins Leben zurückgerufen worden. Aber bald nach Luthers Tode trat Melanchthon mit seiner Verleugnung der christlichen Gnadenlehre aufs entschiedenste an die Öffentlichkeit. Während die Schrift lehrt, daß der natürliche Mensch für das Gnadenevangelium kein Verständnis habe, sondern es für eine Torheit halte, schrieb Melanchthon dem Menschen vor seiner Bekehrung die Fähigkeit zu, sich der Gnade zuzuneigen (facultas applicande se ad gratiam). Daß von zwei Menschen einer bekehrt wird, ein anderer unbekehrt bleibt, müsse notwendig (necesse est ) so erklärt werden, daß der, welcher bekehrt wird, sich "verschieden" (gemeint ist: besser) verhalten hat. Nun brach ein dreißigjähriger Krieg innerhalb der lutherischen Kirche aus. Sie wurde in zwei Lager gespalten und an den Rand des Untergangs gebracht.
Aber Gott erbarmte sich noch einmal der lutherischen Kirche. Der Kampf kam zu Ende durch die Konkordienformel, und zwar nicht durch einen Kompromiß, sondern in der Weise, daß die christliche Gnadenlehre, die aus der Schrift durch Luthers Dienst wieder ans Licht gebracht worden war, einen klaren und vollständigen Sieg errang. Was der spätere Melanchthon zugunsten einer Mitwirkung des Menschen zur Bekehrung und Rechtfertigung gelehrt hatte, wurde bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgt und in jeder Form und Gestalt gründlich ausgefegt. Melanchthons Mitwirkungslehre lag die Annahme eines "Verschiedenen" Verhaltens zugrunde, wodurch die Menschen, die bekehrt und selig werden, sich vor denen auszeichnen, die unbekehrt bleiben und verlorengehen. Die Konkordienformel aber legt dar, daß es ein solches verschiedenes Verhalten gar nicht gibt. Die Menschen, welche bekehrt und selig werden, müssen, wenn sie sich mit denen, die unbekehrt bleiben, in Vergleich stellen, ihrerseits die gleiche Schuld (eadem culpa) und das gleich üble Verhalten anerkennen. Sonst würden sie von der christlichen Gnadenlehre abfallen und verlorengehen. Was die Frage betrifft, warum nicht alle Menschen selig werden, da Gottes Gnade in Christo doch universalis ist, das ist, alle Menschen umfaßt, so antwortet die Konkordienformel, daß wir uns diese Frage im ewigen Leben beantworten lassen. In diesem Leben wissen wir aus der Heiligen Schrift nur zweierlei, nämlich dies: Wenn Menschen bekehrt und selig werden, so ist das Gottes Gnade allein; wenn Menschen unbekehrt bleiben und verlorengehen, so ist das allein der Menschen Schuld. Die Konkordienformel fügt hinzu: "Wenn wir so fern (so weit, eo usque) in diesem Artikel gehe, so bleiben wir auf der rechten Bahn, wie geschrieben steht Hosea 13,9: "Israel, daß du verdirbest, die Schuld ist dein; daß dir aber geholfen wird, das ist lauter meine Gnade." Was aber in dieser Disputation zu hoch und aus diesen Schranken laufen will, da sollen wir mit Paulo den Finger auf den Mund legen, gedenken und sagen: "Wer bist du, Mensch, der du mit Gott rechten willst?"" (Müller 717, 62-63). . Was über Hosea 13,9 hinausgeht, gehört zu Gottes "unbegreiflichen Gerichten" und "unerforschlichen Wegen", die Gott seiner Weisheit und Erkenntnis vorbehalten und in seinem Wort nicht geoffenbart hat.
Ist es denn etwas so Erschreckliches, wenn wir Menschen uns über andere Menschen in der Weise erheben, daß wir uns vor Gott besser und weniger schuldig dünken im Vergleich mit andern? Allerdings! Das ist das Erschrecklichste und Verderblichste, was einem Menschen
(Seite 41 von Original).
passieren kann. Wir schließen uns damit von der Gnade Gottes und, wenn wir nicht Buße tun, von der Seligkeit aus. Wir vollziehen damit den Akt des Selbstausschlusses aus der christlichen Kirche. Das lehrt die Schrift in Wort und Beispiel. Unser Heiland sagt Luk 18,14: "Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden." Und der Heiland erläutert dies durch das Beispiel des Pharisäers. Der Pharisäer betete bei sich selbst: "Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute - - - oder auch wie dieser Zöllner." Resultat: Der Pharisäer ging ungerechtfertigt in sein Haus. Ein anderes Beispiel der Erhebung über andere ist Petrus. Der Heiland sagte seinen Jüngern vorher: "In dieser Nacht werdet ihr euch alle ärgern an mir", Matth 26,31. Petrus antwortete: "Wenn sie auch alle sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern", V 33. Resultat: Wenige Stunden später dreimalige Verleugnung seines Heilandes unter Schwur und Selbstverfluchung, V 69-74. Ein anderes Beispiel der Erhebung über andere sind die Juden. Sie wollten sich mit den Heidenvölkern nicht auf dieselbe Armesünderbank setzen und schlossen sich dadurch zeitlich und ewiglich vom Reiche Gottes aus, Matth 8,10-12. Derselbe böse Geist der Erhebung über andere wollte auch in die Heidenchristen fahren. St Paulus berichtet, daß die Heidenchristen geneigt waren, sich über das Volk der Juden zu erheben. Der Apostel hält ihnen aber eine Vorlesung, von der ihnen die Ohren gellen mußten. Er hält ihnen vor: "Sie (die Juden) sind zerbrochen um ihres Unglaubens willen, du (Heide) stehest aber durch den Glauben; sei nicht stolz, sondern fürchte dich! . . . Schaue die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte aber an dir, sofern du an der Güte bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden", Römer 11,20-22.
Weil in der Konkordienformel das "verschiedene" Verhalten und die Darauf gegründete menschliche Mitwirkung zur Bekehrung und Erlangung der Seligkeit so gründlich aus der lutherischen Kirche verwiesen ist, könnte man meinen, daß diese Fälschung der christlichen Gnadenlehre innerhalb der lutherischen Kirche für immer abgetan sei. Aber sie ist schon wieder im siebzehnten Jahrhundert und in steigendem Maße im achtzehnten Jahrhundert aufgetaucht. Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts artete die Mitwirkungslehre nach und nach in heidnische Morallehre aus. Was das neunzehnte Jahrhundert betrifft, so setzte nach den sogenannten Freiheitskriegen in Deutschland eine bedeutende Erweckung ein. Es wurde der Ruf laut: Zurück zur Schrift und zum Luthertum der Kirche der Reformation! Aber sehr bald danach brach namentlich in Deutschland die sogenannte "wissenschaftliche" Theologie aus. Ihre Eigenheit war und ist, daß sie es für ihre Aufgabe hält, den Glauben zum "Wissen" zu erheben und zu diesem Zweck auch die Lehre der Kirche der Reformation "fortzubilden". Das Losungswort wurde: "Fortbildung der lutherischen Lehre auf Grund des lutherischen Bekenntnisses." Diesem Fortbildungsgedanken fiel auch die lutherische Gnadenlehre zum Opfer. Luther und die Konkordienformel fordern sehr dringend, die Beantwortung der Frage, warum bei der allgemeinen Gnade Gottes und dem gleichen gänzlichen Verderben aller Menschen nicht alle Menschen selig werden, auf das ewige Leben zu verschieben. Die "wissenschaftliche" Theologie aber bestand kraft ihres Amtes, den Glauben zum Wissen zu erheben, darauf, die Frage schon in diesem Leben zu beantworten. Und die Antwort der Fortbilder lautet bis auf diesen Tag: der "Gnadenbegriff" des lutherischen Bekenntnisses müsse "eingeschränkt" werden, sonst sei der Calvinismus, das ist, die Leugnung der allgemeinen Gnade, unvermeidlich.
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Zur Vermeidung des Calvinismus sei unumgänglich die Lehre nötig, daß die Bekehrung und Seligkeit nicht allein in Gottes Hand, sondern entscheidend in des Menschen Hand stehe: in des Menschen rechtem Verhalten, Selbstentscheidung, Selbstsetzung, Selbstbestimmung usw. In der Regel wurde mit dieser Erhebung des Glaubens zum "Wissen" auch die geschichtlich unwahre Behauptung verbunden, daß Luther in seiner Schrift gegen Erasmus (vom Jahre 1525) vom Calvinismus noch nicht frei gewesen sei. Die Väter der Missourisynode und die, die sich bald zu ihnen gesellten, hat Gottes Gnade zu rechter Zeit aus Deutschland nach Amerika geführt. Sonst wäre ihnen vielleicht dasselbe passiert, was ihrem anfangs warmen Freunde Franz Delitzsch passierte. Etwas später Einwandernde waren schon auf "Fortbildung" der lutherischen Lehre eingestellt, inklusive der Behauptung, daß Luther in seiner Schrift gegen Erasmus calvinistische Lehre vorgetragen habe. Weil in der amerikanisch - lutherischen Kirche sowohl die Vertreter der Fortbildung der lutherischen Lehre als auch die Vertreter der Rückkehr zu Luther und dem lutherischen Bekenntnis energische Leute waren, so sind hierzulande die beiderseitigen Vertreter so scharf aneinander geraten, wie es selbst in dem dreißigjährigen Krieg des sechzehnten Jahrhunderts, der nach Luthers Tode ausbrach, nicht geschehen ist. Die Fortbildner behaupteten: wer, wie die "Missourier", Bekehrung und Seligkeit nicht im letzten Grund vom "verschiedenen" Verhalten des Menschen, seiner "Selbstentscheidung" usw abhängen lasse,, der lehre "grundstürzenden Irrtum, sei ein Calvinist, ein falscher Prophet, ja ein Teufelsapostel". Die Stellung der Vertreter der Rückehr zur lutherischen Lehre ist in den Worten zusammengefaßt: "Eine Theologie, die den Glauben zur eigenen Tat des Menschen macht und den Grund, warum gewisse Menschen selig werden, während andere verlorengehen, in deren freier persönlicher Entscheidung, in deren Verhalten, in deren Mitwirkung sucht, unterscheidet sich von der römischen Rechtfertigungslehre nur noch durch die Terminologie" (Weise zu reden). .
Die Frage, ob diejenigen, die Bekehrung und Seligkeit auf ihr verschiedenes, das ist, besseres, Verhalten gründen, im christlichen Glauben stehen können, ist schon von Luther mit Ja und Nein beantwortet worden. Mit Nein, wenn sie selbst in ihrem Herzen glauben, was sie öffentlich lehren, weil sie dadurch in ihrem Herzen von Gottes Gnade (sola gratia) abfallen. Als Erasmus Luther zumutete, er (Luther) möge seinen Gnadenstand zum größten Teil auf Gottes Gnade, zum geringeren Teil auf sein eigenes Verhalten gründen, antwortete Luther: "Du bist mir an die Kehle gefahren (iugulum petisti). . Sinn: Damit würdest du mir das geistliche Leben nehmen. Die Frage kann nur dann mit Ja beantwortet werden, wenn die, welche in Schriften und öffentlichen Reden Gottes Gnade auf ihr eigenes Verhalten gründen, in ihrem Herzen selbst nicht glauben, was sie lehren. Und das erklärt auch Luther für möglich. Wie das möglich sei, legt Luther in seiner Schrift gegen Erasmus so dar: Wenn Christen, die im Streit (inter disputandum) für das eigene rechte Verhalten eingetreten sind, im Gebet vor Gott hintreten, dann vergessen sie gänzlich ihre falsche Lehre, verzweifeln an sich selbst, rechnen sich mit allen andern Menschen zu den verdammungswürdigen Sündern und rufen Gottes alleinige und reine Gnade an (sola et pura gratia). . (Erlangen opp lat v a VII, 166; St Louis XVIII, 1730). .
Zur Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche gehört ferner, daß die neueren lutherischen Theologen fast ohne Ausnahme die Inspiration der Heiligen Schrift leugnen, das ist, leugnen,
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daß die Heilige Schrift Gottes eigenes und daher unfehlbares Wort sei. Die Heilige Schrift lehrt sehr klar die Inspiration der Schrift. Hierher gehören die allbekannten Schriftworte: "Alle Schrift von Gott eingegeben", 2 Tim 3,16. . "Die Schrift kann nicht gebrochen werden", Johann 10,35. . "Es ist noch nie keine Weissagung (der Schrift, V 20) aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist", 2 Petr 1,21. . Von dem, was der Apostel Paulus geschrieben hat, heißt es 1 Kor 14,37: "Was ich (Paulus) euch schreibe - - - , sind des HErrn Gebote." Der Heiland sagt im hohepriesterlichen Gebet, Johann 17,14: "Ich habe ihnen (den Aposteln) gegeben dein Wort", und deshalb ermahnt der Apostel Paulus die Thessalonicher: "So stehet nun, liebe Brüder, und haltet an den Satzungen, die ihr gelehret seid, es sei durch unser Wort oder Epistel", 2 Thess 2,15.
Auch Luther lehrt die Inspiration der Heiligen Schrift. Er sagt: Menschliche Schriften, auch Konzilien, haben geirrt, aber "die Schrift hat noch nie geirrt" (XV, 1481). . Freilich, neuere lutherische Theologen behaupten, daß auch Luther eine "liberale" Stellung zur Schrift eingenommen habe. Die Inspiration der Schrift und ihre völlige Irrtumslosigkeit sei eine Lehre der späteren "orthodoxen lutherischen Theologen". Aber das ist eine unwahre Behauptung. Luther lehrt die Inspiration der Schrift und völlige Irrtumslosigkeit noch viel gewaltiger als die späteren Dogmatiker. Luther sagt von der ganzen Heiligen Schrift: "Also gibt man nun dem Heiligen Geist die ganze Heilige Schrift." . "Die Heilige Schrift ist nicht auf Erden gewachsen." . "Die Heilige Schrift ist durch den Heiligen Geist gesprochen." . "Sie ist des Heiligen Geistes Buch." . "Sie ist "Gottes Brief" an die Menschen."" . Denen, die darauf bestehen, man müsse Irrtümer in der Schrift zugeben, weil sie von Menschen geschrieben sei, antwortet Luther so: "Wenn sie es so vornehmen und sagen: Du predigst, man solle nicht Menschenlehre halten, so doch St Petrus und Paulus, ja Christus selbst Menschen sind gewest; wenn du solche Leute hörst, die so gar verblendet und verstockt sind, daß sie leugnen, daß dies Gottes Wort sei, was Christus und die Apostel geredet und geschrieben haben oder daran zweifeln, so schweige nur stille, rede kein Wort mit ihnen und laß sie fahren; sprich nur also: Ich will dir Grund genug aus der Schrift geben; willst du es glauben, gut; wo nicht, so fahr immer hin" (IX, 1238). . Auch was die geschichtlichen Angaben der Schrift betrifft, so bemerkt Luther in seiner "Berechnung der Jahre der Welt" (Chronikon), die Heilige Schrift sei das einzige Buch, in dem sich keine geschichtlichen Irrtümer finden. Dies begründet Luther so: "Denn ich glaube, daß in der Schrift der wahrhaftige Gott rede, aber in den (andern) Historien gute Leute nach ihrem Vermögen ihren Fleiß und ihre Treue, doch als Menschen, erweisen, oder wenigstens, daß die Abschreiber haben irren können" (XIV, 491).
In der Gegenwart aber steht es, namentlich auch in Deutschland, in bezug auf die Lehre, von der Inspiration der Schrift überaus traurig. Freilich, es fehlt auch in Deutschland nicht ganz an zeugen für die göttliche Wahrheit. Ein alter Rostocker Professor mahnte, die Kirche müsse zur Schrift stehen wie Christus, Johann 10,35. Auch haben immer einige Pastoren sich zur Schrift als Gottes Wort bekannt. Vor zwei Jahren teilten wir in "Lehre und Wehre" einen Vortrag von einem P Matthiesen mit, worin dieser sich zur "nietfesten - und nagelfesten Bibel" bekannte. P Schulze-Walsleben sagte 1891 in einem Vortrage vor der sogenannten Augustkonferenz: "Wir finden keinen Anlaß, die Stellung zur
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Schrift aufzugeben, welche die Kirche von Anbeginn zu ihr eingenommen hat, und bleiben dabei, dies als ihre Herrlichkeit zu preisen, daß durch sie Gott zu den Menschen redet und daß sie sein unfehlbares Wort ist." Aber P Schulze wurde darüber öffentlich von Professor Zöckler getadelt. Seine unhaltbare Stellung zur Schrift möge er dem amerikanischen Westen überlassen. Professor Zöckler wollte damit uns "Missourier" als "unwissenschaftliche" Leute verspotten. Denn leider steht es so, daß die Universitätsprofessoren Deutschlands fast ohne Ausnahme die Heilige Schrift nicht mehr für Gottes Wort halten. Wie traurig es in bezug auf diesen Punkt auch in England aussieht, kam bei der Stellenbosch - Angelegenheit zum Vorschein. Auch im lutherischen Seminar zu Philadelphia (U.L.C.) will man Schrift und Gottes Wort nicht "identifizieren".
Welche Gefahr für die Gnadengewißheit bringt die Leugnung der Inspiration der Schrift konsequenterweise mit sich? Luther sagt warnend: "Der Heilige Geist läßt sich nicht trennen noch teilen, daß er ein Stück sollte wahrhaftig und das andere falsch lehren oder glauben lassen. Ohne wo Schwache sind, die bereit sind, sich unterrichten zu lassen und nicht halsstarriglich zu widersprechen" (XX, 1781). . Wenn eine Leugner der Inspiration Christo Johann 10,35 ("Die Schrift kann nicht gebrochen werden") widerspricht, dann aber in Anfechtung und Todesnot sich mit Johann 3,16 ("Also hat Gott die Welt geliebet") trösten will, mag ihm wohl der Teufel zuflüstern: Wie kannst du dich auf Johann 3,16 verlassen, weil du die Schrift doch nicht für Gottes untrügliches Wort hältst?
Zur Kontrareformation innerhalb der lutherischen Kirche gehört auch die überaus traurige Tatsache, daß die modern - lutherischen Theologen zumeist auch die stellvertretende Genugtuung (satisfactio vicaria, vicarious satisfaction) leugnen.
Die Heilige Schrift lehrt die stellvertretende Genugtuung Christi sehr klar. Sie lehrt nämlich, daß Gott von allen Menschen und von jedem einzelnen Gliede der menschlichen Gesellschaft eine vollkommene Übereinstimmung mit seinem heiligen, den Menschen gegebenen Gesetz fordert. Matth 22,37-39: "Du sollst lieben Gott, deinen HErrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst." Jeder Mensch, bei dem sich diese völlige Übereinstimmung mit dem heiligen Gesetz Gottes nicht findet, steht unter dem Fluch des Gesetzes. Gal 3,10: "Es stehet geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibet in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buch des Gesetzes, daß er es tue." Die Schrift lehrt ferner, daß Gott aus Erbarmen mit dem Menschengeschlecht seinen Sohn Mensch werden und ohn an Stelle der Menschen sowohl unter die Pflicht als auch unter die Strafe des den Menschen gegebenen Gesetzes stelle. Die Erfüllung des den Menschen gegebenen Gesetzes durch Christum lehrt Gal 4,4-5: "Da die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf daß er die, wo unter dem Gesetz waren, erlösete." Daß der menschgewordene Sohn Gottes an Stelle der Menschen auch die Strafe oder den Fluch des göttlichen Gesetzes erlöste, ist bezeugt Gal 3,13: "Christus hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns." 1 Petr 3,18: "Christus hat einmal für unsere Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten." die stellvertretende Genugtuung Christi ist also nicht
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bloß eine "Theorie", wie moderne Lutheraner sagen, auch nicht bloß eine "theologische Folgerung", deren Annahme man freigeben könne, sondern die stellvertretende Genugtuung ist die direkte Lehre der Heiligen Schrift.
Auch Luther lehrt die stellvertretende Genugtuung Christi. Luther lehrt, daß alle, welche nicht die stellvertretende Genugtuung Christi glauben, außerhalb der christlichen Kirche stehen und hinsichtlich ihres Glaubens von Türken und Juden sich nicht unterscheiden. Er sagt wörtlich zu Johann 3,16 in einer Predigt über das Evangelium am Pfingstmontag: "Ich habe zuvor oft gesagt, daß der Glaube nicht allein genug sei zu Gott, sondern die Köste (der Kaufpreis) muß auch da sein. Der Türke und Juden glauben auch an Gott, aber ohne Mittel und ohne Köste. . . . Christus lehrt hier, daß wir nicht verloren sind, sondern das ewige Leben haben, das ist, daß uns Gott habe liebgehabt also, daß er es sich kosten hat lassen sein eigenes liebstes Kind, welches er hat gesteckt in unser Elend, Hölle und Tod und hat ihn das lassen aussaufen. Das ist die Weise, selig zu werden." Trotzdem ist von modernen Theologen behauptet worden, daß Luther auch in bezug auf die Lehre von der satisfactio Christi vicaria seine Bedenken gehabt habe. Man hat sich auf Luthers Worte zu 1 Mos 42,6-7 berufen, wo Luther sagt: "Darum sollte man das Wort "Genugtuung" aus der Kirche hinwegtun" (II, 1455). . Aber Luther redet hier von der menschlichen Genugtuung. Das geht klar aus den unmittelbar vorhergehenden und nachfolgenden Worten Luthers hervor, in denen er die menschliche Genugtuung verwirft und zugleich die durch Christum geschehene als die einzige sündentilgende Genugtuung lehrt: "Diese Genugtuung (wenn die Obrigkeit Übeltäter straft) hat mit der Theologie und Lehre der Heiligen Schrift nichts zu tun. Denn darin ist nur das einzige Opfer, nämlich unser HErr Christus, mit welchem dem Zorne Gottes genuggetan worden ist (satisfactum est). . . . Es ist die Vergebung der Sünden viel ein höher Ding, denn unsere Genugtuung sein kann. Denn wo dieselbige schon geleistet und gehalten wird, bleibt doch die Sünde noch da." Luther weist auch unablässig auf die praktische Wichtigkeit der stellvertretenden Genugtuung Christi für die Zeit der Anfechtung hin. "Wenn die Sünde dich ängstet, wenn der Tod dich schreckt, so denke, daß es ein nichtiges Gespenst und Täuschung des Teufels sei, wie es denn gewißlich ist, Denn in der Tat ist keine Sünde mehr da, kein Fluch, kein Tod, kein Teufel, weil Christus dies alles überwunden und abgetan hat" (IX, 379). . Denselben Trost zeigt Luther auf in der Tatsache, daß Christus an stelle der Menschen Gottes Gesetz vollkommen gehalten hat. "Dem Gesetz tat Christus genug, er hat das Gesetz erfüllt ganz und gar; denn er hat Gott geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzen Kräften, von ganzem Gemüte und den Nächsten als sich selbst. . . . Darum, wenn das Gesetz kommt und verklagt dich, daß du es nicht hast gehalten, so weise es hin zu Christo und sprich: Dort ist der Mann, der es getan hat, an dem hange ich, der hat es für mich erfüllt und mir seine Erfüllung geschenkt; so muß das Gesetz schweigen" (XI, 1964,1966). . Seien wir auf unserer Hut! Wir sind zu unserer Zeit von Leugnern der stellvertretenden Genugtuung Christi umgeben. Da sind erstlich die ausgesprochenen Unitarier, die direkt Christi Gottheit und daher auch direkt die von ihm geleistete satisfactio vicaria leugnen. Der Unitarismus aber ist die herrschende Religion auf unsern altberühmten Universitäten. Was die reformierten Sekten betrifft, so fehlt es unter ihnen keineswegs ganz an entschiedenen Zeugen für die stellvertretende
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Genugtuung. Aber sie sind in der Minorität erhebt die Klage, daß der Unitarismus bereits in die Heidenmission eingedrungen sei. Auch innerhalb der lutherischen Kirche Amerikas ist die stellvertretende Genugtuung Christi in einzelnen Fällen direkt geleugnet worden. Allgemeiner ist dies indirekt (aber der Sache nach ebenso entschieden) geschehen. Speziell liegt auch der Behauptung, daß die Bekehrung und Seligkeit nicht allein von Gottes Gnade in Christo, sondern auch vom rechten Verhalten des Menschen abhänge, (wenn auch in vielen Fällen unbewußt) die Vorstellung zugrunde, daß Gott durch Christi stellvertretende Genugtuung die Welt nicht vollkommen mit sich selbst versöhnt habe. Die angebliche "Verschiedenheit" der Schuld und des Verhaltens auf seiten der Menschen wird als eine Ergänzung der satisfactio Christi vicaria gefaßt und der seligmachende Glaube nicht als alleiniges Vertrauen auf den gekreuzigten Christus gedacht, sondern in ein Vertrauen auf unser rechtes Verhalten verwandelt, als wovon entscheidend unsere Seligkeit abhänge. Dieser Punkt ladet zu einer ernstlichen Selbstprüfung ein. Insofern wir noch das böse Fleisch an uns haben, erfüllt sich auch noch an uns des Apostels Wort, daß der gekreuzigte Christus, das ist, Christus in seiner satisfactio vicaria, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist. Steht es so bei uns, nicht mehr ein Ärgernis und eine Torheit, sondern der Schönste unter den Menschenkindern ist, auf den allein wir im Glauben zur Erlangung der Seligkeit vertrauen, so ist das - Gnade, Gnade allein. Da ist nicht der geringste Grund zur Erhebung über andere. Wohl aber erwächst aus dieser uns erzeigten Gnade die Pflicht, der Welt in der Nähe und in der Ferne und in den dazu nötigen Sprachen zu bezeugen, daß in keinem andern Heil, auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben ist, darinnen sie sollen selig werden, denn JEsus Christus, der menschgewordene ewige Gottessohn in seiner stellvertretenden Genugtuung, nach dem Beispiel des Apostels: "Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch ohne allein JEsum Christum, den Gekreuzigten", 1 Kor. 2, 2. Diese Predigt hat Gott Durch Luthers Dienst in ihrer apostolischen Reinheit wieder auf den Plan gebracht. Wir sind durch Gottes Gnade Kinder der Kirche der Reformation. Hüten wir uns durch Gottes Gnade vor Kontrareformation in jeder Form und Gestalt!
Zum Schluß noch einige Worte über "ökumenisches Luthertum". Der Ausdruck wird gegenwärtig in Reden und Schriften viel gebraucht. Aber in ganz verschiedenem Sinne. Die einen verstehen darunter eine Fortbildung der lutherischen Lehre, so daß die Lehre in unsere in der religiösen Erkenntnis "fortgeschrittene" Zeit paßt. Eine Rückkehr zu der alten Lehre, daß die Heilige Schrift in allen ihren Teilen Gottes unfehlbares Wort ist, sei unmöglich. Ebenso müsse der "Gnadenbegriff" der alten lutherischen Kirche "eingeschränkt" werden. Um die allgemeine Gnade Gottes "wissenschaftlich" sicher zu stellen, sei es nötig, die Seligkeit entscheidend auf den Menschen selbst zu gründen, nämlich auf des Menschen rechte Selbstbestimmung oder Selbstentscheidung für die Gnade. Mit dieser modernen Auffassung des "ökumenischen Luthertums" hängt auch die weitverbreitete Forderung zusammen, daß verschiedene gleichberechtigte "Richtungen" un der Kirche anzuerkennen seinen. Gegen diesen diesen Begriff von "ökumenischem Luthertum" würden unsere Väter von Augsburg sehr entschieden protestiert haben. Daß die Heilige Schrift in allen ihren Teilen Gottes unfehlbares Wort und das "Allein aus Gnaden" in jeder Beziehung festzuhalten sei, weil sonst die Gewißheit
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der Gnade und Seligkeit dahinfalle - auf diesen christlichen Wahrheiten beruht alles, was unsere Väter zu Augsburg in den achtundzwanzig Artikeln der Augsburgischen Konfession bekennen. Wie fern ihnen der Gedanke lag, daß die von ihnen bekannte Lehre veränderlich sei, geht aus ihrer wahrlich wohlbegründeten Behauptung hervor, daß sie in ihrem Bekenntnis nicht eine "neue" Lehre, sondern nur die Lehre der Heiligen Schrift vortragen. Vertreter des "ökumenischen Luthertums" im rechten Sinne sind wir nur dann, wenn wir aufrichtigen Herzens die Schrift in allen ihren Teilen als Gottes eigenes Wort anerkennen, an dem "Allein aus Gnaden" unverrückt festhalten und daher auch verschiedene gleichberechtigte Richtungen innerhalb der lutherischen Kirche entschieden abweisen. Die Kirche der Reformation ist eine in sich geschlossene völlig unveränderliche Einheit. Es gibt, was die Lehre betrifft, nicht Altlutheraner und Neulutheraner. Auch nicht amerikanische, deutsche, französische, russische, skandinavische usw. Lutheraner. Die lutherische Kirche kennt freilich ein großes Gebiet der Freiheit und verschiedenheit. Das ist das Gebiet der "Zeremonien, von den Menschen eingesetzt". Aber zu ihrem für alle Zeiten und Orte gleichbleibenden, "ökumenischen" Charakter gehört die Einheit in der christlichen Lehre. Wie es im siebten Artikel der Augsburgischen Konfession heißt: "Dieses ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden." Wenn wir "ökumenisches Luthertum" pflegen und weiter aus breiten wollen, so müssen wir durch Gottes Gnade so gesinnt sein und handeln, wie der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen seine Gesandten für das Kolloquium zu Regensburg (1541) instruierte: "Wir wollen es dahin stellen und dabei bleiben: wer sie [die Religionen] vergleichen wolle, der vergleiche sich mit Gott und seinem Wort und nehme dasselbige und diese Lehre an, wie wir und andere dieses Teils auch getan gaben. Wer mit Flickwerk umgehen will, der fahre hin." Was der fromme und treulutherische Kurfürst von Sachsen hier sagt, ist schriftgemäß. Kirchliche Einigkeit kommt immer nur so zustande, daß die, wenn wir "ökumenisches Luthertum" recht pflegen und fördern wollen, müssen wir so gesinnt sein und handeln wie Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen und Märtyrer für die christliche Wahrheit. Dazu verleihe Gott Gnade!
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