Quelle: Herzer, Ev.-Luth. Katechetik, Concordia
Pzblishing House, St. Louis Mo. 1911
Überarbeitet: Pfarrer Martin Blechschmidt
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Quelle und Grundlage des katechetischen Lehrstoffes *
Die alleinige Quelle, Grundlage, Regel und Richtschnur des katechetischen Lehrstoffs. *
Die Grundlage, der eigentliche Gegenstand und die Lehrnorm des katechetischen Religionsunterrichts. *
Vom Katechismus Luthers *
Quelle und Grundlage des katechetischen Lehrstoffes
An die Darstellung des Katechumenats nach Begriff, Wesen, Aufgabe, Geschichte und Einteilung im ersten Teil schließt sich nun die Darlegung des katechetischen Lehrstoffs oder der Katechumenenlehre oder des Katechismus an. Die Katechetik hat sich mit der Behandlung der Grundwahrheiten oder Grundlehren des Christentums zu befassen. Ein kurzer Inbegriff der Grundwahrheiten der christlichen Lehre sind die aus der Heiligen Schrift geschöpften und im Katechismus enthaltenen Anfangslehren. Diese bilden den Gegenstand und Inhalt der katechetischen Theologie oder den katechetischen Lehrstoff.
Die alleinige Quelle, Grundlage, Regel und Richtschnur des katechetischen Lehrstoffs.
Die alleinige und vollkommene Quelle, das Erkenntnisprinzip aller katechetischen Lehren sind die kanonischen Schriften des Alten und Neuen Testaments, welche allein die Wahrheiten und Lehraussagen enthalten, die gelehrt werden und von denen aus der Katechet auch allein Schlußfolgerungen machen kann,. so daß jede Lehre und Schlußfolgerung allein dann und nur insofern eine spezifisch christlich-religiöse oder theologische und Katechismuswahrheit ist, wenn und insofern sie eine aus der Schrift genommene oder gezogene ist. Daher ist auch das geschriebene Wort der Apostel und Propheten nicht nur die einzige Quelle und Grundlage, sondern auch die alleinige Regel, Norm und Richtschnur aller Katechismuslehren. .
Quelle ist weder die Vernunft (1.Kor. 1, 21; 2, 4. 5. 14), auch die erleuchtete und wiedergeborene nicht (2.Kor.10,15; 1.Mose 18,10-15), noch Traditionen (Matth. 15,1-13), noch neue Offenbarungen (Hebr. 12,25-28), sondern ausschließlich die ganze Heilige Schrift. Sie ist es nach ihrem doktrinellen, wie nach ihrem historischen Gehalte, das heißt, nach Lehre und Geschichte, nach Gesetz und Evangelium, nach Weissagung und Erfüllung, die einzige Quelle, Grundlage, Norm und Richterin der Katechismuslehren. 2.Tim. 3,15-17; 5.Mose 4,2; Jos. 23,6; Jes. 8,20; Luk. 16,29; Röm. 15,4; Joh. 5,39; 2.Petr. 1,19.
Nicht allein die biblische Geschichte, die Tatsachen oder Heilstatsachen, sondern alle Lehren und Lehraussagen der Schrift sind Grundlage des katechetischen Unterrichts. Es können und sollen also nicht etwa aus den Tatsachen der biblischen Geschichte, aus den Heilstatsachen die Katechismuslehren und die Heilslehren entwickelt, gefunden, konstruiert, abgeleitet und erschlossen werden, sondern die Katechismuslehren sollen als aus Gottes Wort genommen, als Gottes Wort (1.Petr. 4,11) vorgelegt werden. Nur die Lehren, welche dem Wortlaut nach und weil sie dem Wortlaut nach in der Schrift stehen, sollen im Katechismusunterricht vorgetragen werden. Die Katechismuslehren sollen und dürfen nicht aus der biblischen Geschichte, aus biblischen Tatsachen abstrahiert werden, sondern müssen alle aus eben den Stellen der Schrift genommen werden, wo sie als solche, als Lehren, stehen, und alle biblische Geschichte muß nach der Lehre erklärt werden, welche die Heilige Schrift selbst vorlegt.
Die Heilige Schrift ist aber nicht nach eigener oder menschlicher Auslegung (2.Petr. 1,20), sondern aus sich selbst auszulegen. Daher ist kein menschlicher Ausleger der Heiligen Schrift für authentisch und dessen Auslegung um seines Amtes willen für untrüglich und bindend und darum für richtig anzuerkennen, weil sie irgendein Mensch oder Menschen irgendeines besonderen Standes, oder die Kirche, ein Partikular- oder Universalkonzil, oder die ganze Kirche gibt, wenn sie eine eigene, selbstgemachte und erfundene ist. Sondern nur dann und darum ist eine Auslegung als richtig anzunehmen, wenn und weil sie von den Auslegenden nicht als ihre eigene, sondern als die einzig richtige, als die des Heiligen Geistes selbst, aus der Schrift bewiesen worden ist.
Köcher sagt in seiner,,Einleitung in die katechetische Theologie" (§ 8):
"Die Quelle, woraus die katechetische Gottesgelahrtheit ihre Lehren und Wahrheiten schöpfet, ist keine andere als das unfehlbare und seligmachende Wort Gottes, welches die Albernen weise und die Einfältigen klug machet, Ps. 19,8; 119,130, welches einen Timotheum von Kind auf zur Seligkeit unterweiset, 2.Tim. 3,15. Gleichwie alle theologischen Wissenschaften die Heilige Schrift für ihre Grundregel erkennen, also muß auch die katechetische Theologie sich schlechterdings nach derselben richten."
Zwar ist alles, was in der Schrift enthalten ist, um der göttlichen Offenbarung willen zu glauben und daher die ganze Schrift Quelle und Regel und das organische Fundament des Glaubens, Eph. 2, 20. Es gibt jedoch Fundamentalartikel, auf welche der Glaube gebaut ist, die den Glauben erzeugen und erhalten, oder das dogmatische oder Lehrfundament. Nach 1.Kor. 15, 1-- hat der Apostel gewisse Lehren "zuvörderst" gegeben und verkündigt. Hebr. 6,1.2 redet von Fundamentalartikeln, nämlich von der Lehre von der "Buße", "vom Glauben an Gott", "von der Taufe", "von der Lehre, vom Händeauflegen, von der Toten Auferstehung und vom ewigen Gerichte". Hebr. 5,12 wird geredet von den "ersten Buchstaben der göttlichen Worte". Es werden die primären Artikel des Glaubens genannt. 1.Kor. 3,10-15 wird Christus als der wesentliche oder Realgrund bezeichnet. Der HErr hat seiner Kirche Matth. 28, 20 befohlen, die Getauften alles zu lehren, was er seiner Kirche gelehrt haben will, das heißt, den ganzen Rat Gottes zu unserer Seligkeit. Da es sich aber bei dem Katechismusunterricht um Kinder und Unmündige handelt, so kommen hier in erster Linie die Grund- oder Hauptlehren des göttlichen Wortes in Betracht, das, was die Schrift "Milch" nennt, 1.Petr. 2,2; 1.Kor. 3,2; Hebr. 5,12.
Der Apostel ermahnt 2.Tim.1,13 den Timotheus: "Halte fest an dem Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehöret hast, vom Glauben und von der Liebe in Christo JEsu." Das griechische Wort hypotyposis (Vorbild) bezeichnet Original, Vorschrift, Grundabriß, Entwurf. Über diese Stelle sagt Glassius: "Die Analogie oder Regel des Glaubens ist nichts anderes als eine gewisse Summa der himmlischen Lehre, die aus ganz klaren Stellen der Schrift gesammelt ist und zwei Teile hat, von denen der erste vom Glauben handelt, dessen vornehmste Hauptstücke im Apostolischen Symbolum vorgelegt werden, der andere von der Liebe, deren Summa die zehn Gebote erklären. Beides faßt der Apostel 2.Tim. 1,13 in folgenden Worten zusammen: ,Halte an dem Vorbilde der heilsamen. Worte, die du von mir gehöret hast, vom Glauben und von der Liebe in Christo JEsu." (Phil. s.7 lib. II, P. I7 s. 27 p. 355.) Die Hauptstücke des Katechismus sind demnach eine Regel des Glaubens.
Die Grundlage, der eigentliche Gegenstand und die Lehrnorm des katechetischen Religionsunterrichts.
Eine kurze Zusammenfassung der ganzen Analogie des Glaubens und der Grundartikel der christlichen Religion findet sich schon in dem Kleinen Katechismus Luthers. Dieses Buch, das in fünf Hauptstücken alle zur Erkenntnis des Heils und Christi nötigen Grundartikel und die meisten sekundären Grundartikel enthält, ist der eigentliche Gegenstand und die Grundlage, sowie Lehrnorm für den katechetischen Unterricht; denn der lutherische Katechismus ist ein Auszug aus der ganzen Heiligen Schrift, sowohl der zu wissen nötigen Tatsachen als auch der Lehren. Er enthält nicht bloß ein Stück der Bibel, sondern die ganze Bibel nach ihrem lehrhaften, wie geschichtlichen Gehalte: die ganze Bibel im Auszug. Er ist ein Abstrakt, ein Resumé der ganzen Bibel, eine kleine oder "Laienbibel". Was nach der Schrift jedem Christen zu wissen nötig ist, ja, eben die Dinge, um welcher willen die ganze Bibel geschrieben ist, nicht bloß Lehren, sondern auch die nötigen biblischen Tatsachen und gerade die Heilstatsachen, finden sich im lutherischen Katechismus in kürzester Form zusammengestellt, eine Bibel in nuce (=Nuß).
Zwar findet sich die Bezeichnung Katechismus nicht im Neuen Testament für die Summe der Anfangs- oder Grundlehren des christlichen Glaubens oder der christlichen Religion, jedoch die Sache selbst, die Grundwahrheiten der christlichen Lehre, wird nicht nur zum Teil erwähnt, sondern auch die ,,Milch", "die ersten Buchstaben der göttlichen Worte", Hebr. 5,12, "die Lehre vom Anfang christliches Lebens", "Grund legen", Hebr. 6,1, genannt und von der "starken Speise" und der "Vollkommenheit", 1.Kor. 3,2; Hebr. 5,12-14; 6, 1, unterschieden. Was die Apostel Petrus (1.Petr. 2,2) und Paulus (1.Kor. 3,1.2) unter dem Wort "Milch" verstehen, das zeigt sowohl der Zusammenhang als auch der Verfasser des Hebräerbriefs (5,12-14) mit den Worten: "die ersten Buchstaben der göttlichen Worte" oder Anfangsgründe der göttlichen Wahrheiten, welche sie ihren Christen, die "Kinder an dem Verständnis" waren (1.Kor. 14,20), einzuflößen suchten, weil sie noch "unerfahren waren in dem Wort der Gerechtigkeit" (Hebr. 5,13). "Wenn wir dieser Art der Theologie einen biblischen Namen geben wollen, so können wir sie eine "Milchtheologie" oder "Kindertheologie" nennen. Wohl aus diesem Grund gab der lutherisch orthodoxe Theologe Dannhauer seinen katechetischen Erklärungen auch den Namen "Katechismusmilch".
Werden aus dem Alten und Neuen Testament alle Lehren, die ausdrücklich als die elementaren Lehren des göttlichen Wortes bezeichnet werden und die zuerst denen verkündigt werden, die die Anfangsgründe lernen sollen, zusammengestellt, so ergibt sich eine gewisse Summe der göttlichen Lehre. Ihr erster Teil, vom Glauben, dessen Hauptstücke im Apostolischen Symbolum enthalten sind, und deren anderer Teil von der Liebe handelt, deren Summa die zehn Gebote enthalten, ein Urkatechismus, eine apostolische hypotyposis die auch das Gebet aller Gebete, das Gebet des HErrn, und die Lehre von der Taufe und dem heiligen Abendmahl in sich schließt. Das ist der wesentliche Inhalt und die Summa des Katechismusunterrichts oder der Katechumenenlehre, wie Luther sagt: "Diesen Unterricht und Unterweisung weiß ich nicht besser zu stellen, denn sie bereits ist gestellet von Anfang der Christenheit und bisher blieben, nämlich die drei Stücke: die zehn Gebote, der Glaube und das Vaterunser. In diesen drei Stücken stehet es schlecht (=schlicht) und kurz fast alles, was einem Christen zu wissen not ist." (Deutsche Messe usw. 1526) "Solches haben wir von Anfang der Christenheit empfangen, denn da sehen und greifen wir, daß der Glaube, Vaterunser, zehn Gebote gefasset sind als kurze Form und Lehre für die Jugend und alberne (=einfache) Leute, und hat auch von Anfang an Katechismus geheißen." Die drei Hauptstücke, von den zehn Geboten, vom Glauben und vom Vaterunser, waren schon vor der Reformation, das ganze Mittelalter hindurch bis auf die Zeit der Reformation, als Grundlage des Unterrichts in der Kirche geblieben und von Luther als Grundlage seiner Katechismen beibehalten. In seiner Vorrede zur "Kurzen Form der zehn Gebote,. des Glaubens und des Vaterunsers" (1520) sagt er: ,,Das ist nicht ohne sonderliche Ordnung Gottes geschehen, daß für den gemeinen Christenmenschen . . . verordnet ist, zu lehren und wissen die zehn Gebote, den Glauben und das Vaterunser. In welchen drei Stücken fürwahr alles, was in der Schrift steht und immer gepredigt werden mag, auch alles, was einem Christen not ist zu wissen, gründlich und überflüssig (=völlig) begriffen ist... Denn drei Dinge sind not einem Menschen zu wissen, daß er selig werden möge: das erste, daß er wisse, was er tun und lassen soll; zum andern, wenn er nun sieht, daß er es nicht tun noch lassen kann aus seinen Kräften, daß er wisse, wo ers nehmen und suchen und finden soll, damit er dasselbe tun und lassen möge; zum dritten, daß er wisse, wie er es suchen und holen soll."
Über den Inhalt des Katechismus spricht Luther sich also aus: "Der Katechismus ist die rechte Laienbibel, darin der ganze Inhalt der christlichen Lehre begriffen, so einem jeden Christen zu wissen vonnöten. Wie das Hohelied Salomonis ein Gesang über alle Gesänge, canticum canticorum, genannt wird, also sind die zehn Gebote Gottes doctrina doctrinarum eine Lehre über alle Lehren, daraus Gottes Wille erkannt wird, was Gott von uns haben will und was uns mangelt. Zum andern, so ist das Symbolum, oder das Bekenntnis des Glaubens an Gott, unsern HErrn IEsum Christum usw., historia historiarum eine Historie über alle Historien, oder die allerhöchste Historia, darinnen uns die unermeßlichen Wunderwerke der göttlichen Majestät von Anfang bis in Ewigkeit vorgetragen werden, wie wir und alle Kreaturen erschaffen find von Gott, wie wir durch den Sohn Gottes (vermittelst seiner Menschwerdung, Leidens, Sterbens und Auferstehung) erlöset, wie wir auch durch den Heiligen Geist erneuert, geheiliget und eine neue Kreatur und allesamt zu einem Volk Gottes versammelt, Vergebung der Sünden haben und ewig selig werden. Zum dritten ist die oratio dominica, das Vaterunser, eine oratio orationum, ein Gebet über alle Gebete, das allerhöchste Gebet, welche der allerhöchste Meister gelehret und darinnen alle geistliche und leibliche Not begriffen hat, und der kräftigste Trost ist in allen Anfechtungen, Trübsalen und in der letzten Stunde. Zum vierten find die heiligen Sakramenta ceremoniae ceremoniarum die höchsten Zeremonien, welche Gott selber gestiftet und eingesetzt hat und uns darinnen seiner Gnaden versichert. Derohalben sollen wir ja den Katechismus lieb und wert halten und der Iugend mit Fleiß einbilden; denn darinnen ist die rechte, alte, wahre, reine göttliche Lehre der alten christlichen Kirche zusammengefasset, und was dem entgegen ist, für Neuerung und falsche Lehre und Irrsal zu halten, es habe auch so lange gewähret und so einen großen Schein und Ansehen, als es immer wolle, es sei alt oder neu; dafür sollen wir uns hüten." (Tischreden. Erl. 58, 241.)
In der Vorrede zum Großen Katechismus sagt Luther: "Daß sie" (alle Pfarrherren und Prediger) "sich täglich im Katechismo, so der ganzen Heiligen Schrift eine kurze Summa und Auszug ist, wohl üben und den immer treiben sollen. .. . Denn das muß ja sein, wer die zehn Gebote wohl und gar kann, der muß die ganze Schrift können, ... den Katechismum wissen, . . . welcher der ganzen Heiligen Schrift kurzer Auszug und Abschrift ist." (S. 375. 379.)
Ferner schreibt in der Vorrede zu der Übersetzung der Auslegung Luthers von Kap. 32 des 5. Buches Mosis Justus Ionas (W. III, 2732 ff.): "Dadurch" (durch den Katechismus) "hat ein jeglicher Mensch die ganze Theologie und kann erkennen lernen, was Gottes Wille und Gebot sei und was er von uns fordert, ingleichen, wie ein jedweder in seinem Stande in allem Wandel und Leben gegen seinen Nächsten sich halten soll, daß es Gott gefalle. Und wenn die lutherische Lehre, welcher der Teufel so bitterlich feind ist, nicht hätte anders genützet, denn daß sie den Katechismus und die zehn Gebote hat wiederum dem Volk bekannt gemacht, so hätte sie doch mehr in der christlichen Kirche gebauet denn Paris und alle hohen Schulen, solange sie auf Erden gewesen."
Der Heiligen Schrift entnommen, enthält der Kleine Katechismus Luthers eine kurze Summa derselben, sowohl des Gesetzes, als auch des Evangeliums, und nicht nur eine herrliche Erklärung der bereits vorhandenen üblichen drei Hauptstücke (zehn Gebote, Glaube und Vaterunser), sondern auch der zwei Hauptstücke von der Taufe und dem heiligen Abendmahl. Dieser Katechismus übertrifft in seiner Gestalt alle andern, früheren und späteren Katechismen sowohl nach seinem Texte als auch nach seiner Auslegung, sowohl nach seiner Anordnung als nach seiner Form. Er ist, wie die Konkordienformel schreibt, die rechte "Laienbibel".
Summarischer Begriff, Vorrede, S. 518: "Und weil solche Sachen" (Lehr- und Streitfragen) "auch die gemeinen Laien und derselben Seelen Seligkeit betreffen, bekennen wir uns auch zu dem Kleinen und Großen Katechismus Doktor Luthers, wie solche beide Katechismi in den tomis Lutheri (=Werken Luthers) verfasset, als zu der Laienbibel, darin alles begriffen, was in Heiliger Schrift weitläuftig gehandelt und einem Christenmenschen zu seiner Seligkeit zu wissen vonnöten ist."
Und die Kurländische Kirchenordnung bezeichnet dementsprechend den lutherischen Katechismus als "das rechte, ausbündigste, einfältigste und klärste Kompendium der ganzen Schrift". Er ist ein Auszug aus der ganzen Bibel für Laien, weil er bei aller Kürze doch das Nötige enthält, bei aller Tiefe doch so faßlich ist, ein Lehrbuch für Haus, Schule und Kirche. Als erstes, herrliches, kurzgefaßtes Symbolum ist er als ein Bekenntnisbuch mit dem Großen Katechismus unter die Symbolischen Bücher der lutherischen Kirche aufgenommen. Er ist ein treffliches Wehr-, Gebet-, Trost- und Erbauungsbüchlein und treibt Gesetz und Evangelium, Glauben und Liebe und lehrt einen jeden, wes Standes und Alters er auch sei, seine besondere Lektion. Durch Luthers Katechismus ist auch ein fleißiges Katechisieren in den Häusern und in den Gottesdiensten und daraus Gemeindeschulen, Konfirmationsunterricht und die sogenannten Katechismusexamina oder Christenlehren entstanden. Aus dem Kleinen Katechismus ist eine ganz unabsehbare, herrliche geistliche und Katechismusliteratur, Katechismusauslegungen, viele sogenannte "größere" Katechismen (zirka 200), Katechismustabellen, Katechismusvorlesungen, Katechismuspredigten, Katechismus-Predigtbücher und Katechismuslieder geflossen.
Die hohen Verdienste D. Luthers um den Katechismus kennzeichnet D. Rudelbach kurz und trefflich also: "Daß Martin Luther der wahre Katechismusvater in der evangelischen Kirche ist, ist unnötig zu sagen, denn jedermann weiß es: sein Herz voll brünstiger Liebe und starken Glaubens trieb ihn, vor allen mit den Jungen anzufangen, damit ein Geschlecht in Gottesfurcht und wahrer christlicher Erkenntnis gebildet werde. Seine Erfahrungen, besonders die er als Visitator in den Iahren1527 bis 1529 über die traurige Unwissenheit und Versunkenheit des Volkes und gemeinen Mannes, sowie über das Ungeschick und die Untüchtigkeit vieler Pfarrer gemacht hatte, geboten ihm, früh etwas zu tun. Ehe noch das Gesamtbekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche da war, war der Katechismus auf dem Platze, und ob auch Luther nicht der erste war, der öffentlich damit hervortrat (denn Brenz und einige andere hatten kurz zuvor Katechismen herausgegeben), so war er doch der, welcher durch Gottes Gnade am einfachsten alles zusammenfaßte - eine so herrliche Einfalt, daß man sich damit in die ersten Tage der bekennenden Gemeinde Christi zurückversetzt sieht.
Luthers kleiner und großer Katechismus erschienen im Jahr 1529.