Kennzeichen
des Pietismus
- Der Begriff
der Frömmigkeit (Pietät) wird von den Gnadenmitteln
mehr gelöst betrachtet.
- Der Begriff
der Rechtgläubigkeit (Orthodoxie), wird falsch gefaßt,
als könne die rechte reine Lehre des Wortes Gottes aus
bloß natürlichen Kräften (d.h. rein verstandesmäßig)
besessen werden.
- Es wird
falsch gelehrt von "Geist" und "Buchstaben"
(vgl. 2.Kor. 3,6; Röm. 2,27 und 7,6): Statt unter dem
"Buchstaben" das Gesetz Gottes zu verstehen,
wird darunter in "Buchstaben" gefaßte Lehre
verstanden ("kalte" Dogmatik).
- Es findet
eine ständige Verschiebung der Betonung von
Rechtfertigung zur Heiligung statt: Die Erläuterungen
und Anleitungen dafür, wie ein Christ zu leben, wie er
seinen Dank gegenüber seinem Erlöser auszudrücken hat,
nehmen einen breiteren Raum in der Verkündigung ein, bzw.
erfahren eine stärkere Betonung.
- Daraus
folgt eine latente Gesetzlichkeit, erkennbar an: "Nun
hat Christus so viel für dich getan, nun gib du jetzt
auch alles...!" (auf Evangeliumsverkündigung folgt
Gesetz). Damit findet eine Vermischung von Gesetz und
Evangelium statt, denn das Gesetz tritt weniger als
"Zuchtmeister auf Christum hin" auf (Gal. 3,24.25),
sondern mehr als ein "Zuchtmeister" zur
besseren Heiligung. Aber die Heiligung hervorzubringen,
ist allein Aufgabe des Evangeliums (Eph. 2,8-10; Gal. 5,6).
- Die
Gesetzlichkeit drückt sich auch aus im verschobenen Verhältnis
zu den Mitteldingen (adiaphora), also Dingen, die Gott in
seinem Wort weder geboten noch verboten hat (Gebrauch von
Genußmitteln, Kopfbedeckung bei Frauen, Frauen- und Männerkleidung;
vgl. Kol. 2,16).
- Das Gefühl
spielt eine große Rolle: Sowohl auf das Empfinden "echter"
Buße, als auch auf das Spüren und Erfahren der Gnade
Gottes wird Wert gelegt. Ebenso haben "Glaubenserfolge"
eine große Geltung (Fortschritte in der Heiligung).
- Daraus
folgt statt Heilsgewißheit Ungewißheit darüber, ob man
selig wird. "Bin ich wirklich fromm genug? Bete ich
inbrünstig genug?" Ein ständiges "In-sich-hineinlauschen"
folgt, an dessen Ergebnis man den Grad der eigenen Frömmigkeit
zu erfahren sucht.
- Die
objektiven Heilstatsachen Gottes (die alleiniger Grund
unserer Heilsgewißheit sein können) werden genannt,
aber gleichzeitig spielt eine Rolle, wie der Mensch diese
empfindet (vielfach in Liedern).
- Die Furcht
vor einem falschen Vertrauen auf die Heilstatsachen
Gottes, bei dem der Mensch zu sicher wird (Gewohnheitschristentum),
führt in pietistischen Kreisen zu einem gefühlsmäßigen
Reflektieren auf die Heilserfahrung.
- Reformatismus.
Fest formulierte Gebete und wörtlich ausgearbeitete
Predigten werden als mehr verstandesmäßig (wenig
geistgewirkt) durch frei formulierte verdrängt.
Oft
genannte Merkmale des Pietismus
Indifferentismus
(Gleichgültigkeit gegen konfessionelle Unterschiede). Kampf für
reine Lehre, Benennung der Antithese werden "um der Liebe zu
den Irrenden willen" zurückgestellt.
Geringschätzung
der Gnadenmittel (seltener Gebrauch des Hl. Abendmahles; nebulöses
Taufverständnis)
Entkräftung des
hl. Predigtamtes
Vermengung der
Glaubensgerechtigkeit mit den Werken
Chiliasmus (Lehre
vom Tausendjährigen Reich Christi auf Erden)
Terminismus (Termin
der Buße nicht hinausschieben, sonst keine Möglichkeit mehr)
Präzidismus (falsche
Lehre von den Mitteldingen)
Duldung und
Entschuldigung der Schwärmer
Perfektionismus
(vollkommen werden in der Heiligung)
Reformatismus (unnötige
Abschaffung alter ehrwürdiger Kirchengebräuche)
Schisma/
Separatismus (Trennung nicht um der Lehre willen, sondern um der
Bewahrung der eigenen Frömmigkeitsübungen willen)