Synodal-Bericht
Verhandlungen der deutschen evang.-luth. Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten
Kansas-District
Anno Domini 1892

Seiten 7-57 (Der Text "Seite ... von Original" verweist auf die Nummerierung des Synodal-Berichtsheftes)

 

Lehrverhandlungen.

(Referent : Prof. F. Pieper.)

Die Praktische Wichtigkeit der rechten Scheidung von Gesetz und Evangelium. *)

 

Thesis 1.

Wiewohl beide, Gesetz und Evangelium, Gottes Wort sind, so sind sie doch zwei grundverschiedene und darum streng von einander zu scheidende Lehren.

Thesis 2.

Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der aller-größten Wichtigkeit

A. für jeden Christen; denn nur durch die Scheidung von Gesetz und Evangelium

  • 1. ist er ein Christ und bleibt er ein Christ ;

    2. versteht er die heilige Schrift ;

    3. kann er die Geister prüfen und zwischen rechten und falschen Lehrern recht unterscheiden ;

    4. kann er der Gnade Gottes und der Seligkeit gewiß sein ;

    5. hat er Kraft zur Heiligung und Lust zu guten Werken.

  • B. für den Prediger; denn

  • 1. nur so ist er ein rechtgläubiger Lehrer, der in Wahrheit Christum predigt (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist falsche Lehre) ;
  • *) Vergl. Concordienf. Art. V. VI. Von Luther: Sermon vom Unterschiede 2c. E. A. 19, 234 ff. Schrift wider die Antinomer. St. Louiser Ausg. XX, 1610 ff. Predigt über das Evang. 5. p. Trin. XI, 1328; 18. p. Trin. XI, 1700. Luther in s. Comm. zu l Mos. 21,15.16.; zu Gal. 3, 19.21.; Cap. 4, 21. ff.

     

  • (Seite 8 von Original.)

    2. nur so kann er sowohl in der öffentlichen Predigt, als auch in der Privatseelsorge Jedem seine Gebühr geben und den Zweck des Predigtamts, der Zuhörer Seligkeit, erlangen (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist immer Behinderung auf dem Wege zur Seligkeit) ;

    3. nur so kann er die Herrschaft der Sünde brechen, wahre Heiligung und Fleiß in guten Werken in der Gemeinde wirken (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist das größte Hinderniß der wahren Heiligung).

  • C für die ganze christliche Gemeinde; denn nur so kann sie

  • 1. die Amtsführung ihres Pastors recht beurtheilen und die von Gott gebotene (Col. 4, 17.) Beaufsichtigung derselben recht ausüben;

    2. ihre einzelnen Glieder recht beurtheilen und behandeln, sowie an den Gefallenen die von Gott gebotene Zucht in rechter Weise üben ; auch kann sie nur so die rechte Stellung der Welt gegenüber einnehmen;

    3. nur so kann sie bei Aufrichtung und Handhabung der kirchlichen Ordnungen wahrhaft christlich verfahren.

  • In unserer Zeit wird mitten in der Christenheit geleugnet, daß die heilige Schrift Gottes unfehlbares Wort sei. Dieser Unglaube ist in Deutschland, so weit die Universitäten und die auf denselben ausgebildeten Pastoren in Betracht kommen, zu einer fast unumschränkten Herrschaft gelangt, und auch hier in America breitet er sich, namentlich unter den englischen Secten, mit Macht aus. Leugnet man, daß die heilige Schrift Gottes unfehlbares Wort sei, so ist damit der Lehrgrund und Glaubensgrund der christlichen Kirche aufgegeben. Denn ist die Schrift nicht mehr Gottes unfehlbares Wort, dann hat die Kirche an ihr auch nicht mehr eine Regel und Richtschnur ihres Glaubens, dann regiert nicht mehr Gottes Wort in der Kirche, sondern dann ist die menschliche Meinung in der Kirche auf den Herrscherthron gesetzt.

    Wir wollen durch Gottes Gnade mit diesem Irrthum unverworren bleiben und ihm gegenüber festhalten : Die ganze heilige Schrift ist Gottes unfehlbares Wort. Wir wollen im Glauben festhalten, was Christus sagt: "Die Schrift kann nicht gebrochen werden " Joh. 10, 35. Wir wollen mit Luther bekennen : "Die Schrift hat noch nie geirrt". Wohl wissen wir : Gott hat uns die heilige Schrift durch Menschen gegeben, Menschen haben sie geschrieben. Und doch ist die heilige Schrift nicht fehlbares Menschenwort, sondern eitel unfehlbares Gottes Wort. Weshalb ? Diese heiligen Menschen Gottes haben nicht aus ihrem Eigenen, sondern vom Heiligen Geist getrieben geredet. Und weil die heilige Schrift von Gott eingegeben ist, so ist sie auch nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung

    (Seite 9 von Original).

    in der Gerechtigkeit und zum Trost. Es klingt wie Spott, wenn diejenigen, welche die Eingebung der heiligen Schrift leugnen, noch Lutheraner, ja, rechtgläubige Lutheraner sein wollen.

    Aber auch nicht alle, welche noch die Schrift als Gottes Wort stehen lassen, sind darum rechtgläubige Christen und Lehrer. Ein Theil der Secten hält noch fest, ja, kämpft dafür, daß die Schrift Gottes unfehlbares Wort sei, und doch lehren sie den Weg zur Seligkeit nicht recht. Auch die Pabstkirche läßt es äußerlich gelten, daß die heilige Schrift Gottes unfehlbares Wort sei, und doch ist das Pabstthum das Antichristenthum. Zur Rechtgläubigkeit gehört auch, daß man zwei Lehren, welche sich durch die ganze heilige Schrift hindurchziehen, wohl unterscheiden könne, nämlich Gesetz und Evangelium. Unter Gesetz verstehen wir den Theil der göttlichen Lehre, in welchem Gott uns sagt, was wir Menschen thun und lassen sollen, und unter Evangelium den Theil, in welchem Gott uns kundthut, was er durch Christum für uns gethan hat und in Christo uns schenkt. Wer diese beiden Lehren nicht unterscheiden lernt, dem nützt die ganze Schrift nichts, dem bleibt die Schrift ein verschlossenes Buch, der weiß nichts vom Christenthum und kann nicht selig werden. Luther sagt : wo diese beiden Lehren nicht unterschieden werden, da müssen die Gewissen in Blindheit und Irrthum verderben. Wir sind vornehmlich auch deshalb eine rechtgläubige Gemeinschaft, in welcher der Weg Gottes recht gelehrt wird, weil wir durch Gottes Gnade Gesetz und Evangelium unterscheiden können Könnten wir diese beiden Lehren nicht mehr unterscheiden, dann würden wir aufhören, ein rechtgläubiger Kirchenkörper zu sein. Die Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der äußersten Wichtigkeit. Von der praktischen Wichtigkeit dieser Unterscheidung wollen wir bei den diesjährigen Synodalsitzungen handeln.

    Thesis I.

    Wiewohl beide, Gesetz und Evangelium, Gottes Wort sind, so sind sie doch zwei grundverschiedene und darum streng von einander zu scheidende Lehren.

    Wollen wir vom Unterschied des Gesetzes und Evangeliums handeln, so ist von Vortheil, daß wir uns zunächst vergegenwärtigen , worin der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium nicht bestehe. Wir möchten sonst den Unterschied falsch angeben oder ihn zu weit ausdehnen. Gesetz und Evangelium unterscheiden sich nämlich nicht nur, sondern haben auch gewisse Dinge mit einander gemein.

    Es hat Leute gegeben, welche sagten, das Gesetz unterscheide sich darin vom Evangelium, daß es gar nicht Gottes Wort sei und darum auch nicht in der Kirche gelehrt werden dürfe. Diese Irrlehrer standen schon zu Luthers Zeit auf und haben den Namen Antinomer oder Gesetzesstürmer

    (Seite 10 von Original).

    erhalten. Wohl ist es nötig, sich vor dem Antinomismus warnen zu lassen. Die Feindschaft wider Gottes Gesetz, nach welcher man leugnet, daß das Gesetz Gottes Wort sei, steckt auch noch in unserm Fleisch. Die fleischliche Sicherheit, welche sich noch bei den Christen findet, kommt auch daher, daß man das die Sünde offenbarende und strafende Gesetz nicht ernstlich für Gottes unverbrüchliches Wort hält.

    Wir halten daher auf Grund der Schrift fest, daß das Gesetz ebensowohl Gottes Wort sei, als das Evangelium. ZB die Worte der Schrift: "Du sollst Gott, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth, und deinen Nächsten als dich selbst", Luc 10,27; ferner: "Thue das, so wirst du leben", Luc 10,28; und abermals: "Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllet, daß er darnach thue", 5 Mose 27,26 - - diese Worte sind nicht weniger Gottes Wort, als die Worte des Evangeliums: "Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Joh 3,16. "Glaube an den HErrn JEsum Christum, so wirst du und dein Haus selig". Apost. 16,31. "Wer an den Sohn glaubet, der hat das ewige Leben". Joh 6,40-47. Wer da sagen wollte: ich lasse das Evangelium als Gottes Wort gelten, aber nicht das Gesetz, der würde einen falschen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium machen. - - Und zwar ist das Gesetz ein Wort Gottes, welches alle Menschen ohne Ausnahme angeht, gerade wie das Evangelium. Das Evangelium ist freilich international und universal, das heißt, es gibt keinen Menschen in der ganzen Welt, den nicht das Evangelium anginge. Alle Menschen sind durch Christum erlöst, und alle sollen durch den Glauben selig werden. Es gibt keinen Menschen, der mit Wahrheit sagen könnte: Für mich gibt es kein Evangelium, für mich ist Christus nicht gestorben, mich liebt Gott nicht. Die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt also geliebt habe, daß er seinen eingebornen Sohn gab, daß Christus die Versöhnung sei für der ganzen Welt Sünde, daß Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Wer sich vom Evangelium ausschließt, der schließt sich eben selbst aus, Gott thut es nicht. So allgemein aber das Evangelium ist, so allgemein ist auch das Gesetz. Auch das Gesetz ist international und universal. Es gibt keinen Menschen in irgend einem Lande und zu irgend einer Zeit, den das Gesetz nicht anginge. Die Worte: "Du sollst Gott, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth, und deinen Nächsten als dich selbst", "Thue das, so wirst du leben", "Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllet, daß er darnach thue" - - diese Worte beziehen sich auf alles, was Mensch heißt. Im Himmel und auf Erden bewegt sich alles nach Gottes Gesetzen. In der Höhe und in der Tiefe geht alles so zu, wie Gott es haben will. Sonne, Mond und Sterne

    (page 11).

    ziehen nicht ihre eigenen Bahnen, sondern die, welche Gott ihnen vorgeschrieben hat. Der Mensch nun ist ein besonderes Geschöpf Gottes. Er ist ein vernünftiges Wesen. Er hat Gedanken, Worte und Werke. So hat Gott auch dem Menschen ein ganz besonderes Gesetz gegeben, in welchem er sagt, wie der Mensch in Werken, Worten, Gedanken und Begierden beschaffen sein soll. Kein Mensch kann sagen: Mich verbindet das göttliche Gesetz nicht; ich kann denken, reden und thun, wie ich will. Der König wie der Bettler, der Reiche wie der Arme haben die Verpflichtung des göttlichen Gesetzes über sich anzuerkennen. Freilich, der Mensch in seiner Verderbtheit sucht dies zu leugnen. Die Obersten dieser Welt geberden sich, als ob sie nicht, wie andere Sterbliche, dem göttlichen Gesetz unterworfen wären. Aber das wird Gott finden! Auch die Armen nehmen wohl wegen der gedrückten Lage, in welcher sie sich befinden, eine Ausnahmestellung für sich in Anspruch. Aber sie betrügen sich selbst! Das Gesetz Gottes verbindet alle Menschen in allen Ständen, Lebenslagen und Zeiten. Das Gesetz ist die Beschaffenheitsregel und Lebensregel für die Creatur, welche Mensch heißt. Der Mensch müßte erst aufhören, Mensch zu sein, ehe das Gesetz aufhören könnte, ihn ü verbinden. So ist das Gesetz Gottes unverbrüchliches Wort für alle Menschen.

    Auch in der Kirche muß das Gesetz nach seinem dreifachen Gebrauch bis an den jüngsten Tag im Schwange gehen. Es ist ein schlauer Kunstgriff des Teufels, wenn er die Leute zu bereden sucht, daß man in der Kirche des Gesetzes nicht bedürfe. Ohne die Zuhülfenahme des Gesetzes Gottes wäre die Kirche in ihrer Thätigkeit völlig lahm gelegt. Ohne die Zuhülfenahme des Gesetzes könnte durch die Thätigkeit der Kirche kein Mensch bekehrt und zur Seligkeit geführt werden. Freilich, die Bekehrung besteht eigentlich und wesentlich in der Annahme des Evangeliums. In demselben Augenblick, in welchem in dem Menschenherzen ein Fünklein des Glaubens an Christum angezündet wird, wird ein Mensch bekehrt, ein Christ. Aber das Evangelium glaubt nur der, welcher zuvor durch die Predigt des Gesetzes erkannt hat, daß er ein verdammungswürdiger Sünder sei. Das Evangelium, in seiner ganzen Fülle und Lieblichkeit gepredigt, kann nicht zur Wirkung kommen, wo nicht vorher das Gesetz seine verdammende und tödtende Wirksamkeit ausgeübt hat. Luther sagt: "Wie gehet es aber zu, daß dies gut Gerücht von Christo viel mehr gehöret haben, die ihm doch nicht nachlaufen, achten auch solch gut Gerücht nichts? Antwort: Dem Kranken ist der Arzt nütze und angenehme, die Gefunden achten sein nicht. Aber das Weiblein fühlet seine Noth, darum lief es dem süßen Geruch nach. Cant 1,3. Also muß auch Moses fürhergehen, und die Sünden lernen fühlen, auf daß die Gnade süße werde und angenehme. - - Darum ist es verloren, wie freundlich und lieblich Christus fürgebildet wird, wo nicht zuvor der Mensch durch sein selbs Erkenntniß gedemüthiget und begierig wird nach Christo, wie das Magnificat sagt (Luc 1,53): Die

    (page 12).

    Hungrigen füllet er mit Gütern und lässet die Reichen leer". (Predigt über das Evangelium des Sonntags Reminiscere. St Louis XI, 546).

    Luther eifert gegen die Antinomer: "Und ist das nicht Blindheit, daß er (Agricola) nicht will ohn und vor dem Evangelio das Gesetz predigen, das doch sind impossibilia? Wie ist es doch möglich, von Vergebung der Sünden predigen, wo nicht zuvor Sünden da sind? Wie soll man das Leben verkündigen, da nicht zuvor der Tod ist? Oder sollen wir denen Evangelium predigen von Vergebung der Sünden und Erlösung von Tod, die zuvor keine Sünde noch Tod haben"? (Wider Agricola, 1539. E.A. Bd. 32, S. 73). - - Aber auch die schon Bekehrten, die Christen, bedürfen noch der Predigt des Gesetzes; nicht zwar, insofern sie Christen sind, sondern insofern sie noch das Fleisch an sich haben. Wie denn? Nach dem Fleisch sind auch die Christen geneigt, die Sünden, welche ihnen noch ankleben, gering zu achten. In demselben Maße aber, in welchem sie die Sünde gering achten, nimmt auch die Brunst des Glaubens ab, und stehen sie in Gefahr, den Glauben ganz zu verlieren. Durch das Gesetz aber wird ihnen immer wieder offenbar, daß sie, nach ihrer eigenen Beschaffenheit angesehen, noch verdammungswürdige Sünder sind. So bitten sie täglich mit neuer Inbrunst: "Vergib uns unsere Schuld"; so klammern sie sich täglich auf es neue mit Heilsverlangen an ihren Heiland an. Luther thut die merkwürdige Aeußerung, daß niemand ein Christ bleiben könne, der nicht die sogenannten läßlichen Sünden, das heißt, die den Gläubigen noch anklebende Sünden, immerfort als Todsünden, das heißt, die Verdammniß verdienende Sünden erkenne. Erkennt nämlich ein Christ nicht täglich, daß er noch Tod und Verdammniß verdient habe, dann ergreift er auch nicht täglich im Glauben den, der ihn von Tod und Verdammniß errettet hat. Sobald ein Christ meint, er sündige wohl noch, verdiene aber damit nicht die Verdammniß, sobald muß der Glaube aufhören. Der Glaube wird alsbald ein Maulglaube, ein Glaube, der sich nicht mehr wider das Urtheil des Gesetzes mit dem Verdienste Christi tröstet. Daher sehen wir auch aus den apostolischen Briefen, daß die Apostel nicht ablassen, die Sünden und Mängel der Christen noch fortwährend mit dem Gesetz zu offenbaren und zu strafen. So ist also das Gesetz bei den Christen noch immer als Spiegel zu gebrauchen.

    Luther: "Denn wenn ich mein Leben gegen das Gesetz halte, so sehe und fühle ich allezeit an mir das Widerspiel. Ich soll Gott meinen Leib und Seele vertrauen und von ganzem Herzen, und bin fröhlicher, wenn ich zehn Gulden weiß zu gewinnen, denn wenn ich das ganze Evangelium höre. Wenn einem ein Fürst schenkt ein Schloß oder etliche tausend Gulden, wie ist das ein Springen und Frohlocken? Dagegen wo einer getauft wird oder das Sacrament empfähet, welches ist ein himmlischer, ewiger Schatz, so ist nicht das zehnte Theil solcher Freude da. Also sind

    (page 13).

    wir alle geschickt; da ist keiner, der sich so herzlich freut über Gottes Gaben und Gnade, als von Geld und Gut: was ist das anders, denn daß wir Gott nicht lieben, wie wir schuldig sind? Denn so wir ihm vertrauten und liebten, so sollte es uns lieber sein, daß er uns ein Auge gibt, denn so wir die ganze Welt hätten; und ein tröstlich Wort, so er mir zuspricht durch es Evangelium, sollte mich höher freuen, denn aller Welt Gunst, Geld, Gut und Ehre. Daß aber solches nicht geschieht, und zehen tausend Gulden den Menschen können fröhlicher machen, denn alle Gottes Gnade und Güter, das zeigt, was wir für Früchtlein sind, und was für ein jämmerlicher greulicher Fall sei, darin wir liegen; und doch wir solchen nicht sehen noch achten, wo es nicht durch das Gesetz uns offenbaret würde, und ewiglich darin bleiben und verderben müßten, so uns nicht wieder durch Christum aufgeholfen würde. Darum ist nun das Gesetz und Evangelium dazu gegeben, daß wir solches lerneten erkennen, beide, was wir schuldig sind und wozu wir wieder kommen sollten". (St L XI, 1705-1706).

    Derselbe: "Die wahre und evangelische Predigt ist, die Sünden, so viel als möglich ist, groß machen, daß der Mensch zur Furcht und rechtmäßigen Buße gebracht werde. . . . Ich bekenne das für meine Person, so lange ich die Scholastiker gelesen habe, habe ich niemals verstanden, was und wie groß die erläßliche oder tägliche Sünde sei. Ob sie es selber verstehen, das weiß ich nicht. Das sage ich kürzlich: Wer nicht beständig sich also fürchtet und aufführt, als ob er voller Todsünden wäre, der wird kaum jemals selig werden; weil die Schrift spricht Psalm 143,2: "HErr, gehe nicht in es Gericht mit deinem Knecht. Denn nicht allein die erläßlichen oder täglichen Sünden, wie man sie jetzt insgemein nennt, sondern auch die guten Werke können Gottes Gericht nicht ertragen, sondern bedürfen der Barmherzigkeit, die ihnen selbige verzeihe. Denn er spricht nicht: Gehe nicht in es Gericht mit deinem Feinde, sondern mit deinem Knechte und Diener, der dir dient. Derowegen sollte diese Furcht uns lehren, nach der Barmherzigkeit Gottes zu seufzen und auf diese zu vertrauen. Wo es an dieser mangelt, so fangen wir an, auf unser Gewissen mehr zu vertrauen, als auf die Barmherzigkeit Gottes, indem wir uns keiner groben Sünde und Laster bewußt sind, die wir gethan hätten; und diese werden in ein schreckliches Gericht fallen". (Resolutiones oder Beweis seiner Sätze wider Tetzel. 1518. XVIII, 518 ff).

    Die Christen bedürfen aber des Gesetzes auch noch als Norm, das heißt, als Regel und Richtschnur, aus welcher sie lernen, wie sie Gott wohlgefällig wandeln sollen. Freilich wiederum nicht, insofern sie wiedergeboren oder Christen sind. Insofern nämlich haben sie das Gesetz Gottes in ihrem Innern und bedürfen keiner äußeren Regel und Richtschnur für ihren Wandel. Hierher gehört das Wort: "Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben". 1 Tim. 1,9. Aber insofern die Christen noch das Fleisch an sich haben, herrscht in ihnen in Bezug auf den Willen Gottes Blindheit

    (page 14).

    und Verkehrtheit. Da wollen sie Dinge thun, die Gott gar nicht von ihnen verlangt, und die Dinge, die sie thun sollten, wollen sie unterlassen. Die Geschichte der Kirche und jedes Christenlebens liefert hierzu Beispiele genug. Denken wir nur an die Möncherei. Menschen kamen und kommen auf den sonderbaren Wahn, Gott damit dienen zu wollen, daß sie ihren Stand verlassen und in die Klöster laufen. Denken wir daran, daß wir bei uns selbst, das heißt, in unserm Fleische, oft wenig Lust verspüren zu den Werken unsers Berufs, wohl aber Lust haben zu den Dingen, die uns nicht befohlen sind. Wir können daher nicht ernstlich genug betonen, daß in der Kirche unablässig das Gesetz als Norm eines gottgefälligen Lebens zu lehren ist. Denselben Leuten, welchen der Apostel gesagt hat: "Christus ist des Gesetzes Ende", Römer 10,4, hält er vor: "Lasset uns ehrbarlich wandeln, als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den HErrn JEsum Christ und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde." . Römer 13,12-14. . Ferner: Wohl gibt Paulus den Christen das Zeugniß, daß sie gerne geben. Er bezeugt den christlichen Gemeinden, daß sie "nach allem Vermögen und über Vermögen willig weren", 2 Cor 8,3, und abermal: "Ich weiß euren guten Willen", 2 Cor 9,2. . - - und dennoch, derselbe Apostel hält denselben Leuten vor als Regel und Norm: "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb", und erinnert sie: "Ich meine aber das: Wer da kärglich säet, der wird auch kärglich ernten; und wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen." . 2 Cor 9,6-7. . Daraus sehen wir, daß wir nur dann dem apostolischen Vorbild folgen, wenn wir den Christen das Gesetz auch als Norm, die ihnen zeigt, was sie thun sollen, vorhalten. Sehen wir uns vor, daß in diesem Stücke keine antinomistische Praxis sich bei uns einschleiche. Es könnte jemand so denken: Alles äußere Wesen hat vor Gott keinen Werth. Darum will ich zwar mit der Predigt des Evangeliums anhalten, aber des Gesetzes als Norm des christlichen Wandels geschweigen. Ich will warten, bis die rechten Werke von selbst hervorkommen. Das hieße einen falschen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium machen. Das hieße einen Theil des Wortes Gottes im Brauch vernachlässigen. Es ist ja wahr, ein Christ, als Christ, ist aus sich selbst nicht nur willig, in allen Geboten Gottes zu wandeln, sondern er weiß als Christ auch aus sich selbst (weil nämlich das Gesetz nach dem neuen Menschen ihm in es Herz geschrieben ist), welches der gute Wille Gottes sei. Aber ein Christ ist eben ein Doppelmensch. Er hat den alten Menschen noch an sich, der immerdar den Irrweg weist in bezug auf die Werke. Weil aber der alte Mensch nicht neben dem Christen oder von ihm entfernt, sondern in dem Christen wohnt, mit ihm eine Person bildet, so verdunkelt er dem Christen auch noch fortwährend die rechte Erkenntniß, was der Wille Gottes sei. Darum muß dem Christen noch immer das Gesetz Gottes als Norm eines gottgefälligen Lebens vorgehalten werden.

    (Seite 15 von Original).

    Endlich bedürfen auch die Christen des Gesetzes noch als eines Riegels, damit das Fleisch äußerlich im Zaum gehalten werde. Marc 9,42-48 stellt der HErr Christus den seinen in dreimaliger feierlicher Wiederholung die Schrecken der Hölle vor Augen: "Da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlischt", Vers 44,46,48. . Denselben Brauch des Gesetzes treibt auch die Kirche in ihren Liedern. Man vergleiche No 434 in unserm Gesangbuch:

    O Ewigkeit, Du Donnerwort,

    O Schwert, das durch die Seele bohrt,

    O Anfang sondern Ende!

    O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,

    Ich weiß vor großer Traurigkeit

    Nicht, wo ich mich hinwende;

    Mein ganz erschrock`nes Herz erbebt,

    Daß mir die Zunge` am Gaumen klebt.

    Kein Unglück ist in aller Welt

    Das endlich mit der Zeit nicht fällt

    Und ganz wird aufgehoben;

    Die Ewigkeit nur hat kein Ziel,

    Sie treibet fort und fort ihr Spiel,

    Läßt nimmer ab zu toben,

    Ja, wie mein Heiland selber spricht,

    Aus ihr ist kein` Erlösung nicht.

    Wenn der Verdammten große Qual

    So manches Jahr, als an der Zahl

    Hie Menschen sich ernähren,

    Als manchen Stern der Himmel hegt,

    Als manches Laub die Erde trägt,

    Noch endlich sollte währen,

    So wäre doch der Pein zuletzt

    Ihr recht bestimmtes Ziel gesetzt.

    Nun aber, wenn du die Gesahr

    Viel hunderttausend tausen Jahr

    Hast kläglich ausgestanden

    Und von den Teufeln solcher Frist

    Gar grausamlich gemartert bist

    Ist doch kein Schluß vorhanden;

    Die Zeit, so niemand zählen kann,

    Die fänget stets von neuem an.

    Auch den Christen sollen die Schrecken der Hölle gezeigt werden. Wozu? Nicht, um sie innerlich fromm zu machen, sondern um das Fleisch äußerlich im Zaum zu halten, damit es die Geschäfte des Geistes nicht gar hindere.

    Unser Bekenntniß faßt den dreifachen Gebrauch des Gesetzes, welcher auch noch bei den Christen statt hat, in der Concordienformel so zusammen: "Nachdem aber die Gläubigen in dieser Welt nicht vollkommen

    (Seite 16 von Original).

    erneuert, sondern der alte Adam hänget ihnen an bis in die Gruben, so bleibet auch in ihnen der Kampf zwischen dem Geist und Fleisch. Darum haben sie wohl Lust an Gottes Gesetz nach dem innerlichen Menschen, aber das Gesetz in ihren Gliedern widerstrebet dem Gesetz in ihrem Gemüthe, dergestalt sie dann nimmer ohne Gesetz, und gleichwohl nicht unter, sondern im Gesetz sein, im Gesetz des HErrn leben und wandeln, und doch aus Trieb des Gesetzes nichts thun.

    "So viel aber den alten Adam belanget, der ihnen noch anhanget, muß derselbige nicht allein mit Gesetz, sondern auch mit Plagen getrieben werden; der doch alles wider seinen Willen und gezwungen thut, nicht weniger, als die Gottlosen durch Dräuungen des Gesetzes getrieben und im Gehorsam gehalten werden, 1 Cor 9. Römer 7.

    "So ist auch solche Lehre des Gesetzes den Gläubigen darum nöthig, auf daß sie nicht auf eigene Heiligkeit und Andacht fallen, und unter dem Schein des Geistes Gottes eigen erwählten Gottesdienst ohne Gottes Wort und Befehl anrichten, wie geschrieben stehet Deut 12: Ihr sollt deren keins thun, ein jeder was ihm recht dünket, sondern höret die Gebot und Rechte, die ich euch gebiete, und sollet auch nichts darzu thun, noch darvon thun.

    "So ist auch die Lehre des Gesetzes in und bei den guten Werken der Gläubigen darum vonnöthen, dann sonst kann ihm der Mensch gar leicht einbilden, daß sein Werk und Leben ganz rein und vollkommen sei. Aber das Gesetz Gottes schreibet den Gläubigen die guten Werk also für, daß es zugleich wie in einem Spiegel zeiget und weiset, daß sie uns in diesem Leben noch unvollkommen und unrein sein, daß wir mit dem lieben Paulo sagen müssen: Wann ich mir gleich nichts bewußt bin, so bin ich darum nicht gerechtfertiget. Also, da Paulus die Neugebornen zu guten Werken vermahnet, hält er ihnen ausdrücklich für die Zehen Gebot Römer 13, und daß seine gute Werk unvollkommen und unrein sein, erkennt er aus dem Gesetz Römer 7, und David spricht Psalm 119: Viam mandatorum tuorum cucurri, ich wandel auf dem Wege deiner Gebote; aber gehe mit deinem Knecht nicht in es Gericht, dann sonst wird kein Lebendiger für dir gerecht sein, Psalm 143." (Sol Decl, Art. VI, Seite 643 f).

    So sind Gesetz und Evangelium neben einander als Gottes unverbrüchliches Wort anzuerkennen und neben einander in der Kirche zu lehren bis an den jüngsten Tag. Wer nicht das Gesetz als Gottes unverbrüchliches Wort gelten lassen wollte, würde einen falschen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium setzen. - -

    Aber Gesetz und Evangelium sind nun weiter als zwei grundverschiedene Lehren zu erkennen und streng von einander zu scheiden. Gesetz und Evangelium haben erstlich einen ganz verschiedenen Inhalt. Gesetz und Evangelium verhalten sich ihrem Inhalte nach zu einander wie Ja und Nein. Das Gesetz fordert des Menschen Thun, wenn er Gott gefallen

    (Seite 17 von Original).

    soll. Es gebietet dem Menschen: "Du sollst Gott, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth, und deinen Nächsten als dich selbst." Luc 10,27. . Und zwar soll der Mensch alles thun, was im Gesetz geboten ist. "Verflucht sei jedermann, der nicht bleibet in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buch des Gesetzes, daß er es thue." . Mit nichts anderem als dem Thun ist das Gesetz zufrieden. "Das Gesetz ist nicht des Glaubens; sondern der Mensch, der es thut, wird dadurch leben." . Gal 3,10-12. . Das Evangelium dagegen heißt den Menschen von allem eigenen Thun absehen und nur glauben. Der Glaube aber, den das Evangelium fordert, ist der Gegensatz von allem eigenen Thun. Römer 1,16 wird von dem Evangelium gesagt: "Es ist eine Kraft Gottes, die da selig machet alle, die daran glauben." . Und Capitel 4,5 schreibt der Apostel: "Dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit." . Das Evangelium fordert weder Kleines noch Großes vom Menschen. Wenn gesagt wird, das Evangelium fordere den Glauben, so ist damit gemeint, daß das Evangelium den Menschen von allem eigenen Thun absehen und das Geschenk der Gnade Gottes annehmen heißt. Das Evangelium ist eben die wunderbare Botschaft Gottes, daß Christus bereits alles gethan habe, was den Menschen zur Erlangung der Seligkeit nöthig ist, und daß Gott um Christi willen den Menschen die Seligkeit nun als ein freies Gnadengeschenk anbiete. - - Damit hängt zusammen, daß ferner auch die Verheißungen des Gesetzes und des Evangeliums von ganz entgegengesetzter Beschaffenheit sind. Das Gesetz verheißt das ewige Leben unter der Bedingung, daß der Mensch bleibe in alle dem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes, daß er es thue. Als der Schriftgelehrte (Luc 10) Christum fragte, wie er wohl auf dem Wege des Gesetzes in den Himmel kommen könne, da hieß ihn Christus das Gesetz anführen, und als er es richtig anführte, sagte ihm der HErr: "Thue das, so wirst du leben." . St Paulus schreibt Römer 10,5: "Moses schreibet wohl von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt: welcher Mensch dies thut, wird darinnen leben." . Das Gesetz hat allerdings auch eine Verheißung des Lebens, aber unter einer Bedingung: unter der Bedingung, daß der Mensch es in allen Theilen erfülle. - - Die Verheißung des Evangeliums ist ganz das Gegentheil von der Verheißung des Gesetzes. Das Evangelium spricht dem Menschen die Seligkeit zu ohne alle Bedingung, umsonst, ohne Rücksicht auf gethane oder noch zu thuende Werke. Das Evangelium fordert von dem Menschen weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft Werke. Ob der Mensch gute oder böse Werke gethan hat, kommt bei der Verheißung des Evangeliums gar nicht in Betracht. Das Evangelium verheißt Gnade und Seligkeit [im Original griechisch.: chooris ergoon nomoon], ohne des Gesetzes Werke, ganz losgelöst, unabhängig von allen Werken des Menschen. Der Glaube, welcher auf Seiten des Menschen der

    (Seite 18 von Original).

    Verheißung des Evangeliums gegenüber gefordert wird, ist nicht eine Bedingung im eigentlichen Sinne, sondern das Mittel der Aneignung der Verheißung. So gänzlich verschieden sind Gesetz und Evangelium, wenn man sie auf ihre Verheißungen ansieht. St Paulus beschreibt dies Römer 10 so, daß er ausführt, wie beide, Gesetz und Evangelium, dem Menschen das Heil zeigen. Das Gesetz aber zeigt das Heil in weiter Ferne. Zwischen dem Gesetz und dem Heil liegt nämlich die vom Gesetz geforderte und vom Menschen zu leistende Gesetzeserfüllung. Das Evangelium dagegen zeigt das Heil ganz in der Nähe, bringt das Heil mit, das Wort ist selbst das Heil. Zwischen dem Evangelium und dem Heil, von dem es sagt, ist gar kein Abstand, liegt nicht ein Zoll, nicht eine Linie menschlichen Thuns. Wenn ich das Wort des Gesetzes in den Mund nehme und dem Menschen vorhalte, dann ist in meinem Munde nicht zugleich das Heil für den Menschen, sondern das Heil ist weit, weit entfernt. Das Heil kommt erst dann über den Menschen, wenn der Mensch das Gesetz sein ganzes Leben hindurch gehalten hat. Wenn ich dagegen das Evangelium in den Mund nehme, so ist in meinem Munde zugleich das Heil. Warum? Zwischen dem Evangelium und dem Heil, welches das Evangelium verheißt, liegt kein Forderung menschlichen Thuns. Die Seligkeit ist durch kein erst noch von dem Menschen zu leistendes Werk von dem Wort des Evangeliums geschieden. Die Seligkeit ist immer beim Wort, im Wort. Mit jedem evangelischen Spruch, den ich in den Mund nehme oder im Herzen bewege, ist die Seligkeit in meinem Munde, in meinem Herzen. Hat jemand den Spruch gelernt: "Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben", Johann 3,16, oder: "Das Blut JEsu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde", 1 Johann 1,7, so trägt er mit diesen Worten, so zu sagen, das Heil bei sich. Hält er sich im Glauben an dies Wort, so hat er das Heil. "Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: Sprich nicht in deinem Herzen, wer will hinauf gen Himmel fahren? Oder wer will hinab in die Tiefe fahren? Aber was sagt sie: das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Das ist das Wort vom Glauben, das wir predigen." Römer 10,6-8.

    Daraus ergibt sich sofort ein dritter Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium. Weil das Gesetz des Menschen Thun fordert, so verurtheilt es die Menschen, weil diese nach dem Fall allesammt Uebertreter des Gesetzes sind. Das Gesetz kündigt nunmehr den Menschen Gottes Zorn an. "Welche Seele sündiget, die soll sterben", sagt das Gesetz dem Menschen. Das Evangelium dagegen, weil es gar kein Thun und gar keine eigene Würdigkeit vom Menschen fordert, sagt zu den Uebertretern kein Wort von Gottes Zorn und Strafe; es verurtheilt die Sünder nicht ihrer Sünden wegen, sondern spricht im Gegentheil: alle Seelen, die gesündigt haben, sollen leben. Es soll den Uebertretern nicht schaden, daß sie das Gesetz übertreten

    (Seite 19 von Original).

    haben; ihre Uebertretung soll ihnen nämlich vergeben werden. "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." Das Evangelium ist eben "das Evangelium von der Gnade Gottes" gegen die vom Gesetz verurtheilten Sünder, Apost 20,24.

    Doch da könnte nun jemand sagen: Wie ist man nun daran? Gibt denn das nicht lauter Verwirrung? Gesetz und Evangelium haben einen vollkommen entgegengesetzten Inhalt: das Gesetz fordert des Menschen Thun, das Evangelium heißt den Menschen absehen von allem Thun; das Gesetz verheißt ewiges Leben, wenn der Mensch das Gesetz gehalten hat, das Evangelium verheißt ewiges Leben, ohne auf die Werke des Menschen Rücksicht zu nehmen; das Gesetz verflucht den Sünder und wirft ihn in die Hölle, und das Evangelium spricht denselben Sünder und wirft ihn in die Hölle, und das Evangelium spricht denselben Sünder los von seinen Sünden und hebt ihn in den Himmel. Wenn nun beide Gottes unverbrüchliches Wort sind und bis an den jüngsten Tag gepredigt werden sollen, muß man da nicht ungewiß zwischen beiden hin und her schwanken, immer zwischen Furcht und Hoffnung schweben? Freilich, wenn es so stünde, dann wären wir unglückliche Creaturen. Doch so steht es nicht. Aber es ist nöthig, daß wir einen weiteren Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium zu machen verstehen. Gesetz und Evangelium haben ihre ganz bestimmt abgegrenzten Gebiete, auf welchen sie Geltung haben. Das Gesetz soll innerhalb der von Gott festgesetzten Heilsordnung dazu dienen, die Menschen zur Erkenntniß ihrer Sünden zu führen; über dieses Gebiet hinaus soll das Gesetz nicht geltend gemacht werden. Nimmermehr soll es dazu dienen, die Menschen besser oder gar selig zu machen. Von Sünden los und selig machen, will Gott nur durch das Evangelium. Wenn daher das Gesetz zur Erkenntniß der Sünden geführt hat, hat es die Grenze seines Gebietes erreicht. Die Frage, wie der Sünder selig werde, soll ihm allein aus dem Evangelium beantwortet werden. Noch anders ausgedrückt: Nach Gottes Bestimmung soll das Gesetz den sicheren und das Evangelium den armen Sündern vorgehalten werden. Darin besteht die rechte Scheidung von Gesetz und Evangelium in Bezug auf das Object. Diese Scheidung ist schwer bei andern, noch schwerer aber ist sie bei uns selbst. Wir sind geborne Vermischer von Gesetz und Evangelium, weil wir nach unserer natürlichen Art durch das Gesetz selig werden wollen.

    Luther: "Das ist aber die Ordnung, so die Schrift allenthalben zeigt und hält, daß allezeit vor dem Trost der Vergebung muß die Sünde erkannt und Schrecken vor Gottes Zorn empfunden werden durch die Predigt oder Fühlen des Gesetzes, auf daß der Mensch getrieben werde, nach der Gnade zu seufzen, und geschickt werde, den Trost des Evangelii zu empfahen. Darum soll man die, so noch ohne alle Furcht Gottes Zorns, sicher, hart und ungebrochen sind, nur auf es stärkste mit Dräuen und Schrecken desselben zur Buße vermahnen und treiben, das ist, kein Evangelium, sondern lauter Gesetz und Mosen ihnen predigen.

     

    (Seite 20 von Original).

    "Wiederum, wo nun solche Herzen sind, in welchen das Gesetz sein Amt wirket, daß sie durch Erkenntniß ihrer Sünde erschrocken, blöde und flüchtig sind, denen soll man alsdann kein Gesetz mehr, sondern das lautere Evangelium und Trost predigen und sagen. Den das ist eigentlich das Amt Christi, dazu, er kommen ist und das Evangelium hat heißen predigen allen armen Sündern, und befohlen, demselben zu glauben, daß er alle Anklage, Schrecken und Dräuen des Gesetzes aufhebe und wegnehme, und dafür eitel Trost gebe; wie er allenthalben im Evangelium zeigt und (Luc 4,18) aud dem Propheten Iesaia, Capitel 61,1, sagt: "Der Geist des HErrn ist bei mir, darum hat er mich gesandt, das Evangelium zu predigen und zu trösten alle Traurigen." . Darum habe ich oft gesagt, daß man soll Mosen nicht regieren lassen in solchen Gewissen, die in Anfechtung und Furcht vor Gottes Zorn sich ängsten, sondern Mosen mit dem ganzen Gesetz schlecht von sich weisen und nicht hören wollen." . (St L XI, 1330).

    In Bezug darauf, daß das Evangelium unserer Natur so schwer eingeht und wir von Natur Vermischer von Gesetz und Evangelium sind, sagt Luther: "Aber das ist die leidige Unart unsrer Natur, daß, wo auch Christus mit seiner Gnade und Trost zu ihr kommt, da scheucht und fleucht sie vor ihrem Heiland, dem sie doch billig sollte nachlaufen bloß und barfuß bis an es Ende der Welt; windet und ringet sich, sucht eigen Werk, und wollte gern zuvor rein und würdig genug sein und durch sich selbst einen gnädigen Gott und Christum verdienen; wie St Petrus meint, damit Friede zu suchen und der Sünde zu entlaufen, daß er von Christo läuft und zuvor will etwas bei sich selbst finden, damit er sein werth werde, daß er zu ihm komme; und fällt doch damit nur je tiefer in Schrecken und Zagen, bis ihn Christus wieder mit seinem Wort herausreißt." . (XI, 1327)

    Endlich, weil Gesetz und Evangelium dem Inhalte nach so verschieden sind, so haben sie auch ganz verschiedene Wirkungen auf den gefallenen Menschen. Läßt man einen Menschen unter dem Gesetz, oder führt man ihn wieder unter das Gesetz, so hat das die Wirkung auf den Menschen, daß er verdammt wird. Die Schrift sagt ganz ausdrücklich: "Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch. Denn es stehet geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buch des Gesetzes, daß er es thue." . Gal 3,10. . Kein Mensch aber bleibt nach dem Fall in alle dem, das geschrieben stehet im Buch des Gesetzes. Läßt man darum einen Menschen unter dem Gesetz, oder führt man ihn wieder unter das Gesetz, so ist das Resultat, daß er verdammt wird. Jemand unter dem Gesetz halten und ihn in die Verdammniß führen, ist gleichbedeutend. Letzteres ist bei dem Zustand des Menschen die nothwendige Folge von Ersterem. - - Ferner hat das Gesetz die Wirkung, daß es den Menschen böser und gottloser macht. Aeußerlich freilich kann der Mensch durch das Gesetz im Zaum gehalten werden, aber

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    die innere Lust zur Sünde wird durch es Gesetz so wenig erstickt, daß sie vielmehr durch dasselbe gesteigert wird. Das lehrt die Schrift ausdrücklich Römer 7,5: "Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durch es Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen." . Jemand unter dem Gesetz halten und ihn unter der Herrschaft der Sünde halten, ist ein und dasselbe. Letzteres ist nothwendig die Folge des Ersteren. Das ist freilich nicht Schuld des Gesetzes, sondern des ganz verderbten Zustandes des Menschen, nach welchem er dem Gesetz Gottes nicht unterthan sein kann. Tritt daher das Gesetz mit seinen Forderungen an den Menschen heran, so ist das Einzige, was der Mensch solchen Forderungen gegenüber zu leisten vermag, dies, daß er sich gegen dieselben auflehnt. Das Gesetz hält dem Menschen eine klare und deutliche Lehre vor; es sagt ihm ganz rund heraus, wie er beschaffen sein und was er thun solle, ja, es schärft dem Menschen das, was gut ist, so ernstlich ein, daß es sagt: Wenn du das Gute nicht thust, so ist dein Theil die ewige Verdammniß. Wenn nun im Menschen noch etwas geistlich Gutes wäre, so würde diese Belehrung den Erfolg haben, daß durch dieselbe das Gute herausgelockt würde. Aber nun ist im Menschen von Natur nichts geistlich Gutes, keine wahre Liebe zu Gott und dem Nächsten. Wenn darum das Gesetz mit seinen Forderungen an den Menschen herantritt, so kann er nicht anders als sagen: das gefällt mit nicht und will ich nicht. Daher heißt es Römer 7,9: "Da das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig", nicht heißt es: da starb die Sünde. Freilich, das Gesetz bringt keine Bosheit in den Menschen hinein; aber es wird mit seinem Gebot die Veranlassung, daß die Bosheit, welche im Herzen des Menschen steckt, sich entfaltet. - - Eine ganz andere Wirkung hat das Evangelium auf den sündigen Menschen. Die Menschen, welche unter dem Evangelium sind, sind nicht unter dem Fluch, sondern haben das ewige Leben. Woher kommt das? Daher, daß das Evangelium den Sündern die Sünde vergibt und Himmel und Seligkeit ohne alle Werke, umsonst, aus Gnaden schenkt. Auch vor dem Evangelium steht der Mensch da als ein Sünder, der eigenen Gerechtigkeit bar, aber das Evangelium ist das eigenthümliche Wort Gottes, welches Sünde vergibt, Gerechtigkeit und Seligkeit ohne des Gesetzes Werke zusagt. So erlangt der Mensch trotz seiner Uebertretung des Gesetzes unter dem Evangelio die Seligkeit, wenn er das Evangelium nur glaubt. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben. Es ist für die Todeswürdigen das Wort des Lebens, Phil 2,16. . Die des Glaubens sind, das sind Abrahams Kinder und werden daher auch gesegnet mit dem gläubigen Abraham, Gal 3,7-9. . - - Ferner hat das Evangelium die Wirkung auf den Menschen, daß es in ihm die Sünde tödtet, ein neues geistliches Leben in ihm schafft und ihn mit Kraft und Lust zu guten Werken erfüllt. Römer 6,14: "Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter

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    der Gnade." Gal 4, 21 ff stellt der Apostel die dem Gesetz und dem Evangelium eigenthümlichen Wirkungen unter dem Beispiel der Söhne Abrahams dar. Isaak, das Kind der Verheißung, erlangt das Erbe. Ismael, das Kind des Gesetzes, wird hinausgestoßen. Isaak ist geistlich gesinnt, Ismael ist böse und verfolgt das Kind der Verheißung.

    So wäre in einigen Hauptzügen angegeben, wie Gesetz und Evangelium zwei grundverschiedene und darum streng zu unterscheidende Lehren sind. In Thesis 2 soll nun darauf hingewiesen werden, wie wichtig es sei, diesen Unterschied zu machen.

    Thesis II

    A. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit für jeden Christen; denn nur durch die Scheidung von Gesetz und Evangelium

    1. . ist er ein Christ und bleibt er ein Christ;

    2. . versteht er die heilige Schrift;

    3. . kann er die Geister prüfen und zwischen rechten und falschen Lehrern recht unterscheiden;

    4. . kann er der Gnade Gottes und der Seligkeit gewiß sein;

    5. . hat er Kraft zur Heiligung und Lust zu guten Werken.

    1. . Durch die praktische Scheidung von Gesetz und Evangelium ist ein Mensch ein Christ und bleibt er ein Christ. - - Wer ist ein Christ? - - Die Rationalisten beschreiben einen Christen etwa so: Ein Christ ist ein Mensch, welcher sich bestrebt, tugendhaft zu sein, nach seiner Vernunft oder auch nach den Vorschriften "des großen Tugendlehrers" ehrbar zu leben. Ein Papist würde auf Befragen einen Christen etwa so definiren: Ein Christ ist ein Mensch, der sich der Herrschaft des Pabstes unterstellt und den kirchlichen Anordnungen sich fügt. Und es möchte auch wohl unter den Lutheranern hin und wieder solche geben, welche einen Christen also beschreiben: Ein Christ ist ein Mensch, der in die Kirche und von Zeit zu Zeit zum heiligen Abendmahl geht, seine kirchlichen Beiträge bezahlt und sich eines ehrbaren Wandels vor der Welt befleißigt. - - Das sind aber Beschreibungen, die theils ganz falsch sind, theils das Wesen eines Christen nicht klar zu erkennen geben. Wir sagen auf Grund der Schrift: Ein Christ ist ein Mensch, welcher durch Wirkung des Heiligen Geistes von einem Doppelten überzeugt ist, 1. . davon, daß er vor Gott ein verdammungswürdiger Sünder sei, und 2. . davon, daß Gott ihm um Christi willen alle Sünden vergebe; das heißt, ein Christ ist ein Mensch, welcher Gesetz und Evangelium zu unterscheiden weiß. Er läßt das Gesetz zur Geltung

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    kommen; er läßt sich nämlich durch es Gesetz seine Sünde offenbaren. Er spricht nicht: Mit den Forderungen und Drohungen des Gesetzes ist es nicht so ernstlich gemeint. Nein, er läßt die Forderungen des Gesetzes stehen, wie sie lauten. Er gibt nicht nur mit Worten, sondern auch in seinem Herzen zu: Ich bin ein verdammungswürdiger Sünder. Durch das Gesetz kommt ihm Erkenntniß seiner Sünde und Verdammungswürdigkeit. Aber auf diesem Gebiet läßt er das Gesetz auch bleiben. Die Frage, wie er selig werde, läßt er sich allein aus dem Evangelium beantworten. Er glaubt, daß Gott ihn im Evangelio losspricht von den Sünden, die er ihm durch das Gesetz offenbaret hat. Er erkennt das Gesetz als Gottes Wort an; aber er weiß auch, daß Gott noch ein anderes Wort hat, das Evangelium, und daß dieses andere Wort alle armen Sünder hören und daraus die Zuversicht schöpfen sollen, daß ihre Sünden ihnen vergeben seien. So ist ein Christ ein Mensch, der beides, Gesetz und Evangelium, an sich zur Wirkung kommen läßt, aber beides auch zu scheiden weiß. Wo dies nicht geschieht, da ist auch kein Christenthum.

    Steht es so bei einem Menschen, daß er dem Gesetz die Spitze abbricht, daß er meint, Gott sei mit ihm zufrieden, wenn er nur so viel thue, als in seinen Kräften stehe, der lebt noch in fleischlicher Sicherheit. Der will dann auch noch durch das Gesetz - - nämlich durch das von ihm abgeschwächte Gesetz - - selig werden. Er steckt noch in der falschen Meinung, in welcher die ganze Welt ersoffen ist, daß man durch des Gesetzes Werke gerecht und selig werde. Vom Glauben an Christum kann bei ihm nicht die Rede sein. Ein solcher Mensch hat noch den Judenglauben, Heidenglauben und Türkenglauben, wenn er sich auch mitten in der Christenheit befindet. Denn das ist eben die Religion aller Heiden, Juden und Türken, daß sie selig werden wollen durch ihre eigenen Werke. - - Ferner kann auch bei dem Menschen vom Christenthum nicht die Rede sein, der zwar das Gesetz bei sich zur Wirkung kommen, das heißt, durch dasselbe sich zur Erkenntniß der Sünde führen läßt, aber nun das Gesetz nicht auf sein Gebiet einschränkt, das heißt, sich mit dem Evangelium nicht wider die Verdammniß des Gesetzes tröstet. Ein solcher muß in Verzweiflung umkommen. So ist ein Mensch nur durch die Praktische Scheidung von Gesetz und Evangelium ein Christ. Und nur so kann er auch ein Christ bleiben. Ein Christ muß sich noch täglich vor Gott der Verdammniß schuldig geben und wider die anklage des Gesetzes und seines Gewissens durch das Evangelium aufrichten. Läßt er sich wieder in den Zustand der Vermischung von Gesetz und Evangelium hineinziehen, wird das wieder seines Herzens eigentliche Meinung, daß er durch des Gesetzes Werke gerecht zu werden gedenkt, so hört der Glaube an Christum den Sünderheiland und damit das Christenthum auf. In dieser Gefahr standen die Galater. Deshalb schrieb Paulus seinen Brief an sie. Gal 5, 4: "Ihr habt Christum verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen." So ist ein Mensch ein

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    Christ und bleibt er ein Christ durch die tägliche praktische Scheidung von Gesetz und Evangelium.

    Luther: "St Pauli Meinung ist diese: Daß in der Christenheit soll, beides von Predigern und Zuhörern, ein gewisser Unterschied gelehret und gefasset werden zwischen dem Gesetz und Evangelio, zwischen den Werken und dem Glauben; wie er denn solches auch Timotheo befiehlet, da er ihn vermahnet 2 Epist 2, 15, "das Wort der Wahrheit recht zu theilen" 2c. . Dieser Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium ist die höchste Kunst in der Christenheit, die alle und jede, so sich des christlichen Namens rühmen oder annehmen, können und wissen sollen. Denn wo es an diesem Stück mangelt, da kann man einen Christen vor einem Heiden oder Juden nicht erkennen; so gar liegt es an diesem Unterschied. Darum dringet St. Paulus so hart darauf, daß die zwo Lehren, nämlich des Gesetzes und Evangelii, bei den Christen wohl und recht von einander geschieden werden. Beides ist wohl Gottes Wort, das Gesetz oder die zehn Gebote und Evangelium, dieses anfänglich im Paradies, jenes auf dem Berge Sinai von Gott gegeben. Aber daran liegt die Macht, daß man die zwei Wörter recht unterscheide und nicht in einander menge; sonst wird man weder von diesem noch von jenem rechten Verstand wissen noch behalten können, ja, wenn man meinet, man habe sie beide, wird man keines haben. . . . Darum ist hoch vonnöthen, daß diese zweierlei Worte recht und wohl unterschieden werden; daß, wo das nicht geschieht, kann weder das Gesetz noch Evangelium verstanden werden, und müssen die Gewissen in Blindheit und Irrthum verderben. Denn das Gesetz hat sein Ziel, wie weit es gehen und was es ausrichten soll, nämlich bis auf Christum, die Unbußfertigen schrecken mit Gottes Zorn und Ungnade. Desgleichen hat das Evangelium auch sein sonderlich Amt und Werk, Vergebung der Sünden betrübten Gewissen zu predigen. Mögen darum diese beide, ohne Verfälschung der Lehre, nicht in einander gemenget, noch eines für das andere genommen werden." (Sermon vom Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium. 1532. IX, 410 ff)

    Derselbe: "Wie denn jetzt der Teufel durch die Schwärmer in einander gemenget Gesetz und Verheißung, Glaube und Werk, und zermartert die armen Gewissen, läßt sie weder Gesetz noch Evangelium recht unterschiedlich ansehen, treibt und jagt sie in das Gesetz, spannet ein Netz vor, das heißt: Das soll ich thun und lassen. Unterscheide ich hier nicht wohl Mosen und Christum, so bin ich und bleibe gefangen, kann nicht frei und los werden, sondern muß verzweifeln. Wenn ich aber das Gesetz und Evangelium recht wüßte zu theilen, so hätte es nicht Noth, so könnte ich sagen: Hat dem Gott nur einerlei Wort, als nämlich das Gesetz gegeben? Hat er nicht auch das Evangelium von Gnade und Vergebung der Sünden predigen heißen? Ja, spricht das Gewissen, wo nicht Glaube ist an die Verheißung,

    (Seite 25 von Original)

    da dringet das Gesetz bald darauf: Dies und das ist dir geboten, das hast du nicht gethan, darum mußt du herhalten. In solchem Kampf und Todesangst ist hohe Zeit und Noth, daß sich der Glaube ermanne und mit ganzer Macht hervorbreche und dem Gesetz unter die Augen trete, und ihm getrost zuspreche: Ei, liebes Gesetz, bist du allein Gottes Wort? Ist das Evangelium nicht auch Gottes Wort? Hat denn die Verheißung ein Ende? Hat Gottes Barmherzigkeit aufgehört? Oder sind die zwei, Gesetz und Evangelium, oder Verdienst und Gnade, nunmehr in einander gemenget und gekocht, ein Ding worden? Wir wollen den Gott nicht haben, der nicht mehr kann, denn Gesetz geben, das wisse gar eben; so wollen wir auch das Gesetz mit dem Evangelio unvermenget haben. Darum lasse uns diesen Unterscheid ungewehret und ungehindert frei gehen: daß du auf Pflicht und Recht dringest, das Evangelium auf eitel Gnade und Geschenk uns weise. Darum, wenn mich das Gesetz beschuldiget: Ich habe dies und das nicht gethan; ich sei ungerecht und ein Sünder, in Gottes Schuldregister geschrieben: muß ich bekennen, es sei alles wahr. Aber die Folgerede: Darum bist du verdammt, muß ich nicht einräumen, sondern mich mit starkem Glauben wehren und sagen: Nach dem Gesetz, welches mir meine Schuld rechnet, bin ich wohl ein armer, verdammter Sünder, aber ich appellire vom Gesetz zum Evangelio; denn Gott hat über das Gesetz noch ein ander Wort gegeben, das heißt das Evangelium, welches uns seine Gnade, Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Leben schenkt, dazu frei und losspricht von deinem Schrecken und Verdammniß, und tröstet mich, alle Schuld sei bezahlt durch den Sohn Gottes, JEsum Christum selbst. Darum hoch vonnöthen, daß man beide Worte recht wisse zu lenken und handeln, und fleißig zusehe, daß sie nicht in einander vermenget werden." (A a D, Seite 419-421)

    Derselbe: "Diesen Wahn oder Opinion haben alle Werkheilige und Heuchler, ja, alle Menschen auf Erden aus der Vernunft her, nämlich, daß man durch des Gesetzes Werke gerecht werden müsse. Und ist eben dieser allerschädlichste Wahn und Dünkel der Vernunft so tief und fest eingewurzelt, daß sie ihn ihr durch keinerlei Weise noch Wege will nehmen oder ausreden lassen, denn sie verstehet nicht, was des Glaubens Gerechtigkeit sei. . . . Eben dieser Wahn, daß man meinet durch eigene Werke gerecht zu werden, ist eine Grundsuppe alles Unglücks und die Hauptsünde über alle Sünde der ganzen Welt. Denn um alle andere Sünde ist es doch so gethan, daß man sie für Sünde erkennen und zur Besserung bringen, oder je durch Strafe der Obrigkeit wehren kann. Diese Sünde aber, nämlich der Eigendünkel, daß ein jeder sich selbst für gerecht hält, ist so geschickt, daß sie nicht allein keine Sünde sein will, sondern gibt sich auch aus für die höchste Heiligkeit und Gottesdienst. Darum übet auch der Teufel durch die Sünde die allergrößte Gewalt und thut damit den größten Schaden in aller Welt. In Summa,

    (Seite 26 von Original)

    sie ist der rechte Schlangenkopf und Fallstrick, damit der Teufel alle Menschen fällt und hält; denn natürlich halten sie allzumal, daß man durch es Gesetz müsse gerecht werden. Derhalben auf daß St Paulus anzeige, was doch das rechte, eigene und sonderliche Werk des Gesetzes sei und den Leuten den Mißverstand und Irrthum aus dem Herzen reiße, so gibt er auf diese wichtige Frage: "Es ist dazu kommen", nicht daß es solle oder könne gerecht machen, sondern vielmehr, "um der Sünde willen".". (Zu Gal 3, 19)

    2. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit: denn nur durch die Scheidung von Gesetz und Evangelium versteht der Christ die heilige Schrift. - - Ohne die Fähigkeit, Gesetz und Evangelium zu scheiden, ist uns die Schrift ein verschlossenes Buch. In einer Reihe von Stellen fordert die Schrift des Menschen Thun und verheißt ihm das ewige Leben, wenn er solchen Forderungen nachkommt, zB Luc. 10,28: "Thue das, so wirst du leben." . In einer andern Reihe von Stellen heißt die Schrift den Menschen von allem eigenen Thun absehen und nur dem Evangelium glauben, zB Apost 16,30-31: "Glaube an den HErrn JEsum Christum, so wirst du und dein Haus selig." . Erkennt nun ein Mensch hierin nicht zwei ganz verschiedene Worte, und weiß er nicht, wozu jedes da ist, nämlich das Gesetz zur Offenbarung der Sünde und das Evangelium zur Errettung von der Sünde, so meint er wohl, daß die Schrift sich widerspreche, daß sie ein Buch sei, aus dem kein Mensch klug werden könne. Oder aber er versucht eine Vereinigung beider Lehren dadurch, daß er aus ihnen ein drittes macht, das halb Gesetz und halb Evangelium setzt er einige Werke hinzu. Wenn er vom Gesetz liest: "Thue das, so wirst du leben", so legt er sich das so zurecht: "Thue so viel, als du kannst, dann wird Gott zufrieden sein." . Und wenn er im Evangelio liest: "Glaube an den HErrn JEsum Christum, so wirst du selig", so versteht er unter dem Glauben eine Leistung des Menschen. Wer so die Schrift liest und versteht, der versteht auch nicht ein Tüttelchen von der Schrift. Er weiß weder was Gesetz noch was Evangelium ist. Und was er in Bezug auf den Heilsweg aus der Schrift herausgelesen hat, ist nicht der in der Schrift geoffenbarte Heilsweg, sondern heidnische Irrlehre. Er liest in Folge seiner Vermischung von Gesetz und Evangelium aus der heiligen Schrift heraus, was auch alle heidnischen Religionsbücher lehren, nämlich, daß der Mensch auch durch eigene Werke selig werden müsse. Darum ist es gewißlich wahr: ohne Unterscheidung von Gesetz und Evangelium wird die Schrift nicht verstanden, bleibt sie ein völlig verschlossenes Buch.

    Wer dagegen Gesetz und Evangelium unterscheiden kann, der versteht die Schrift, dem ist sie ganz klar und licht. Er liest die Theile der Schrift,

    (Seite 27 von Original).

    welche Gesetz sind; er erkennt den Inhalt des Gesetzes und schwächt denselben nicht ab. Er läßt Gottes Forderung an die Menschen in ihrem ganzen Umfange stehen: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HErr, euer Gott." . Er weiß auch, daß es ganz ernstlich gemeint ist, wenn das Gesetz die Drohung ausspricht: "Welche Seele sündigt, die soll sterben." . Er weiß endlich auch, was Gott mit seinem Gesetz bei den Menschen ausrichten will, nämlich, sie zur Erkenntniß ihrer Sünde und ihrer Verdammungswürdigkeit führen. - - Auf der andern Seite weiß nun auch der Christ, wenn er das Evangelium liest, was er von demselben zu halten und mit demselben anzufangen habe. Er weiß, daß das Evangelium das Wort von der freien Gnade Gottes in Christo ist, an das sich alle armen Sünder im Glauben halten und wider die Verdammniß des Gesetzes trösten sollen. Er weiß, daß er die Frage: Was muß ich thun, daß ich selig werde? aus den Sprüchen sich beantworten soll, in welchen das Evangelium geoffenbart ist. So gebraucht der, welcher Gesetz und Evangelium recht scheidet, diese beiden Lehren und somit die heilige Schrift so, wie Gott sie gebraucht haben will. Er versteht die Schrift und gebraucht sie recht.

    Vergegenwärtigen wir uns an einigen Beispielen, wie die Schrift ohne die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium nicht verstanden werden kann. Wir lesen Matth 12,36: "Die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben." Ferner 1 Cor 4,5: "Der HErr wird an es Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rath der Herzen offenbaren." - - Dagegen lesen wir Micha 7,19: "Der HErr wird alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen", und Jer 31,34: "Ich will ihnen ihre Missethat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken." Wie sond diese beiden Reihen von Aussagen, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, zu vereinigen? Die ersteren Sprüche sind Gesetz, die letzteren Evangelium. An denen, welche unter dem Gesetz bleiben, wird erfüllt, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben, und daß der HErr alles an es Licht bringen wird. An denen dagegen, welche unter dem Evangelio sich befinden, wird wahr, daß der HErr ihre Sünden in die Tiefe des Meeres werfen, ihrer Missethat nicht mehr gedenken wird. - - Ein anderes Beispiel. Was sollen die Christen von der Erlangung der Seligkeit glauben? Da gibt es auch zwei Reihen von Schriftaussagen, die einander zu widersprechen scheinen. Auf der einen Seite heißt es 1 Cor 10,12: "Wer sich lässet dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle"; ferner Römer 11,20: "Sei nicht stolz, sondern fürchte dich." . Auf der andern Seite heißt es Phil 1,6: "Und bin desselbigen in guter Zuversicht, daß, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag JEsu Christi", und Römer 8,38-39: "Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch

    (Seite 28 von Original).

    keine andere Creatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo JEsu ist, unserm HErrn." . Diese zwei Reihen von Schriftstellen hat man so zu vereinigen gesucht, daß man aus ihnen ein Drittes machte: der Christ solle seiner Seligkeit halb gewiß, halb ungewiß sein; er solle zwischen Furcht und Hoffnung in der Schwebe bleiben. Das ist eine Verfälschung der heiligen Schrift infolge der Vermischung von Gesetz und Evangelium. Beide Reihen von Schriftstellen lassen wir in ihrer vollen Geltung, schränken sie aber auf die Gebiete ein, auf welchen sie gelten sollen. Wir merken schon aus dem Wortlaut: "Sei nicht stolz, sondern fürchte dich", Wer sich lässet dünken, er stehe" etc, was das für Worte sind und auch an welche Adresse sie gerichtet sind. Das ist Gesetz, und das ist dem alten Menschen im Christen gesagt. Insofern ein Christ noch das böse Fleisch an sich hat, ist er auch noch zur fleischlichen Sicherheit, der schlimmsten Feindin des Glaubens, geneigt. Insofern ist dem Christen auch noch das Gesetz vorzuhalten. Jene andere Reihe von Bibelstellen enthält Evangelium. Sie sind dem Christen gesagt, insofern er ein Christ oder ein neuer Mensch ist. Dem Christen als Christen ist die bange Frage: "Werde ich das Ende des Glaubens davonbringen?' . allein aus dem Evangelium zu beantworten. So weiß ein Christ durch die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, daß er auf Grund des Evangeliums seiner Seligkeit im Glauben gewiß sein soll.

    Das wären einige Beispiele, welche zeigen, wie die Scheidung von Gesetz und Evangelium dazu dient, die Schrift zu verstehen, und wie ohne diese Scheidung die Schrift nicht verstanden werden kann. Deshalb nennt unser Bekenntniß die Scheidung von Gesetz und Evangelium "ein besondern herrlich Licht, welches dazu dient, daß Gottes Wort recht getheilet und der heiligen Propheten und Apostel Schriften eigentlich erklärt und verstanden werden". . (Concordienformel, Art V, Seite 633). . Die Schrift enthält nur diese zwei Lehren, Gesetz und Evangelium. Wer sie gefaßt hat und festhält, kann nicht mehr so irren, daß er verloren ginge. Er hat auch zur Beurtheilung aller Lehren das rechte Licht.

    3. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit; denn nur durch die Scheidung kann der Christ die Geister prüfen und zwischen rechten und falschen Lehrern recht unterscheiden. - - Falsche Kirchen haben vieles an sich, was, äußerlich angesehen, einnimmt, ja, besticht. Denken wir zunächst an das Pabsttum. Da sind die großen Kirchengebäude und Anstaltsgebäude. Da ist die große äußere Einheit. Da sind die vielen Orden, welche scheinbar ganz im Dienste der Wohlthätigkeit aufgehen. Da treten oft Priester und Bischöfe mit großer Gewandtheit, Sicherheit und äußerer Frömmigkeit auf. Auch die Päbste in unserer Zeit bestechen manche mit ihrem äußeren Wesen und Auftreten. Sie sind nicht mehr die äußeren Scheusale, welche sie früher oft waren. Ihr Auftreten ist meistens

    (Seite 29 von Original).

    ein solches, daß er die Besucher einnimmt. Pius IX war ein galanter Hofmann. Der jetzige Pabst imponirt seinen Besuchern durch ein feierliches, würdevolles Benehmen. Auch sogenannte protestantische Männer und Frauen bekennen, durch den bloßen Anblick des Pabstes zu Thränen gerührt worden zu sein.

    Aber all dieses äußere Wesen besticht nur so lange, als man nicht Gesetz und Evangelium unterscheiden kann. Hat man in der Schule des Heiligen Geistes diese Kunst gelernt, dann wird der Pabst als das größte geistliche Scheusal, und das Pabstthum als der größte Greuel, als das Antichristenthum erkannt. Warum? Das Pabstthum decretirt unter dem Schein des Christenthums, ja, unter dem Anspruch der Unfehlbarkeit die Vermischung von Gesetz und Evangelium. Der Mensch soll die Seligkeit nicht allein aus dem Evangelio, sonder auch aus den Werken des Gesetzes suchen. Ja, das Pabstthum spricht den Fluch aus über die, welche allein durch es Evangelium selig werden wollen. So führt das Pabstthum fortwährend viele Millionen in die Verdammniß, und so lästert es fortwährend Christum, dem es den Ruhm nicht lassen will, daß er allein unser Heiland sei. Die ganze große Maschinerie des Pabstthums dient dem Zweck, Gesetz und Evangelium zu vermischen, aus dem Evangelium ein Gesetz zu machen, die Gerechtigkeit und Seligkeit aus den Werken des Menschen zu suchen. Diesem Zweck dienen die Mönchsorden und Nonnenorden, die Bußübungen etc. Weiß man nun aber Gesetz und Evangelium zu scheiden, hat man erkannt, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben, so erscheinen die Mönchswerke und Nonnenwerke, die die Blinden äußerlich bestechen, als die allerscheußlichsten Werke, welche Menschen nur vollbringen können. Die diese Werke thun, sind in einer Empörung gegen Gott begriffen. Gott hat seines eigenen Sohnes nicht verschonet, sondern ihn für uns Menschen dahingegeben, damit wir durch den Glauben an den Sohn das ewige Leben hätten. Die Mönche und Nonnen wollen aber ein Anderes; sie wollen auch durch ihre eigenen Werke das ewige Leben ererben. So sind wirklich die Mönchswerke ein Greuel vor Gott. Das erkennt man aber nur, wenn man Gesetz und Evangelium zu unterscheiden versteht. So schützt die rechte Scheidung von Gesetz und Evangelium vor Abfall zum Pabsttum.

    Auch die Sectenkirchen haben für das Fleisch manches Verlockende. Sie verfügen meistens über reiche Geldmittel. Es geht auch in der Regel äußerlich anständig bei ihnen zu. Aber beantworten sie klar die Frage, wie ein Sünder selig werde? Nein, da fehlt es bei den meisten Sectenpredigern. Sie antworten auf die Frage nach der Seligkeit zumeist mit einer Vermischung von Gesetz und Evangelium. Sie erklären das Bemühen, die Gebote zu halten, für die Quintessenz des Christenthums; sie lehren die Gerechtigkeit und Seligkeit aus Menschenwerken suchen. Das lautere, unverclausulirte Gnadenevangelium hört man wenig unter ihnen.

    (Seite 30 von Original).

    Wer Gesetz und Evangelium unterscheiden kann, wird daher seine lutherische Kirche lieb behalten und sich nicht durch äußerliche Dinge bewegen lassen, zu den Secten abzufallen. Die lutherische Kirche ist die reiche, die von Gott gesegnete, weil sie Gesetz und Evangelium rein scheidet und damit die Seelen den rechten Weg zum Himmel führt.

    Wenn jemand Gesetz und Evangelium unterscheiden kann, erkennt er auch recht, was es eigentlich um das Logenwesen sei. Manche denken und sprechen es auch aus: Wenn das Logenwesen auch nicht viel Werth hat, so schadet es auch nicht viel; es ist ein unschuldiges Vergnügen. So urtheilen kann man nur so lange, als man nicht Gesetz und Evangelium zu unterscheiden vermag und nicht festhält, daß man allein durch das Evangelium, das heißt, durch den Glauben an Christum, selig wird. Was wollen nämlich die Freimaurer, Odd Fellows etc in Bezug auf Religion? Sie wollen den Menschen nicht durch Christum, dessen Namen in den Logen nicht einmal genannt werden darf, sondern durch seine (des Menschen) eigene moralische Ausbesserung in den Himmel führen. Das ist der Sinn der Logenreligion. Das ist aber nicht etwas Unschuldiges, sondern etwas ganz Entsetzliches. Das heißt die Seligkeit in des Gesetzes Werken suchen; aber die mit des Gesetzes Werken umgehen, sind unter dem Fluch und gehen ewig verloren. Wer Gesetz und Evangelium unterscheiden kann, der erkennt, daß die Logen Verbindungen sind, in die kein Christ eintreten kann. - - So lehrt die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium die Geister recht prüfen. Ohne diese Unterscheidung ist man aller Verführung preisgegeben, kann man Christenthum und Heidenthum, rechte Lehre und falsche Lehre nicht mehr unterscheiden.

    Luther schreibt zu Gal 3,21: ("Wenn aber ein Gesetz gegeben wäre, das da könnte lebendig machen, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz"): "Wir sagen mit St Paulo also: daß kein Gesetz, es sei gleich menschlich oder göttlich, weder gerecht noch lebendig machen könne; scheiden derhalben das Gesetz von der Gerechtigkeit so weit, als weit Tod und Leben, Hölle und Himmel von einander sind. Und daß wir solches halten und lehren, bewegt uns dieser helle und klare Text St Pauli dazu, der da sagt: das Gesetz sei nicht gegeben, daß es solle oder könne lebendig machen, sondern stracks dazu, daß es verderben, tödten und verdammen soll, wie droben in der Länge davon gesagt ist, welches kein Mensch auf Erden von Natur noch nie gemeinet oder gehalten, denn jedermann hält dafür, das Gesetz sei gegeben, daß man dadurch erlangen soll Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit. - - Wo dieser Unterschied des Gesetzes und Evangelii fein eigentlich gehalten wird, da bleibet die ganze christliche Lehre rein und lauter, daß man sich dadurch wohl alles Aergernisses und Irrthums erwehren kann. Item, so kommt auch dieser Nutz daraus, daß die Christgläubigen so geschickt und verständig werden, daß sie über allerlei Stände in diesem Leben, dazu über alle Gesetze und Lehre aller Menschen können Nichter sein, können auch allerlei Geister prüfen. Dagegen aber können und wissen die Papisten nichts

    (Seite 31 von Original).

    Gewisses zu lehren, weder vom Glauben noch Werken, von den Ständen dieses Lebens, noch vom Unterschied der Christen etc. Das machet, daß sie die Lehre des Gesetzes und Evangelii so wüst und unordentlich in einander gemenget haben. Ebenso gehet es jetzund den Rotten und Schwärmergeistern auch." . (Separatausgabe. Frankfurt und Leipzig 1717. Seite 393 f)

    Derselbe: "Das war die Zeit der Blindheit, da wir von keinem Gottes Wort nichts wußten, sondern mit unserm eigenen Tand und Träumen uns und andere in den Jammer geführt haben; und ich derselben einer gewesen, der in diesem Schweiß, ja Angstbade wohl gebadet habe. Darum lasset uns zusehen, daß wir solche Lehre wohl fassen und behalten, ob es andere Rotten und falsche Geister wollten anfechten, daß wir gerüstet seien und lernen, weil wir Zeit haben und die liebe Sonne uns wieder leuchtet, und kaufen, weil der Markt vor der Thüre ist. Denn es wird dazu kommen, wenn einmal diese Lichter, die Gott jetzund gibt, hinweg sind, so wird der Teufel nicht feiern, bis er andere Rotten aufwerfen wird, die denn Schaden thun werden; wie er bereits an vielen Orten angefangen hat bei unserm Leben: was wird aber nach uns geschehen? - - Darum lerne, wer da lernen kann, und lerne nur wohl, daß er wisse, erstlich die zehn Gebote, was wir vor Gott schuldig sind, denn wo man das nicht weiß, da weiß man und fragt man auch nach Christo nichts überall. Gleichwie wir Mönche gethan haben, die wir entweder Christum für einen zornigen Richter hielten, oder gar verachteten vor unsrer eignen erträumten Heiligkeit: wähnten, wir wären nicht in den Sünden, so die zehn Gebote zeigen und strafen; sondern wir hätten das natürliche Licht der Vernunft und freien Willen, und wenn wir darnach thäten, so viel wir könnten, so müßte uns Gott seine Gnade geben etc. Nun aber, so wir Christum sollen kennen als unsern Helfer und Heiland, so müssen wir zuvor wissen, wovon er uns helfen soll, nämlich, nicht aus Feuer oder Wasser, oder andern leiblichen Nöthen und Fahr, sondern von der Sünde und Gottes Haß. Woher weiß ich aber, daß ich in solchem Jammer ersoffen liege? Nirgend her, denn durch das Gesetz, das muß mir anzeigen, was mein Schaden und Krankheit ist; sonst fragte ich nichts nach dem Arzt und seiner Hülfe. - - Also haben wir beide Stücke der Hülfe Christi: das eine, daß er uns muß gegen Gott vertreten und unser Schanddeckel sein (uns, sage ich, ein Schanddeckel, als der unsere Sünde und Schande auf sich nimmt), aber vor Gott ein Gnadenthron, an dem keine Sünde noch Schande, sondern eitel Tugend und Ehre ist, und als eine Gluckhenne seine Fittige über uns ausbreitet wider den Weihe, das ist, den Teufel, mit seiner Sünde und Tod, daß Gott um seinetwillen alles vergebe und uns der keines schaden könne. Aber also, daß du nur unter diesen Flügeln bleibest. Denn weil du unter diesem Mantel und Schirm bist und nicht heraus kommst, so muß die Sünde, die noch in dir ist, nicht Sünde sein um deß willen, der sie zudeckt mit seiner Gerechtigkeit.

    "Darnach, zum andern, thut er nicht allein das, daß er uns also deckt

    (Seite 32 von Original).

    und beschirmt; sondern will uns auch nähren und speisen, wie die Henne ihre Küchlein, das ist, den Heiligen Geist und Stärke geben, daß wir anfangen Gott zu lieben und seine Gebote zu halten. Das soll währen bis an den jüngsten Tag, da der Glaube und solcher Gnadendeckel wird aufhören, daß wir werden den Vater ohn alle Mittel und Deckel anschauen, und selbst vor ihn treten, und keine Sünde mehr an uns sein wird, die zu vergeben sei, sondern alsdann alles wieder restituiret und wiederbracht oder ergänzt, wie St Petrus sagt Apost 3,21, rein und vollkommen, was der Teufel von Anfang verstöret und verderbet hat." . (St Louis XI, 1707 f).

    Gott erhalte uns und unserer ganzen Synode die Fähigkeit, Gesetz und Evangelium zu unterscheiden. Dann wird es licht bei uns bleiben. Dann wird der Irrthum, wenn er unter uns selbst sich erhebt, immer wieder ausgeschieden werden, und der Irrthum, welcher von außen an uns herantritt, wird zurückgeschlagen werden können. Vermögen wir aber nicht mehr Gesetz und Evangelium zu unterscheiden, dann würde der Irrthum bald alles überfluthen.

    4. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit; denn nur durch diese Scheidung kann der Christ der Gnade Gottes und der Seligkeit gewiß sein. - - Ein Christ soll ja der Gnade Gottes und der Seligkeit gewiß sein. Der Apostel Paulus spricht ja im Namen aller Christen: "Nun wir den sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Friede mit Gott", Römer 5,1. . Ebenso spricht Paulus im Namen aller Christen: "Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben - - - mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo JEsu ist, unserm HErrn." . Römer 8,38-39. . In dieser Gewißheit der Gnade Gottes und der Seligkeit ist ein Christ glücklich, kann er es hier auf Erden aushalten auch in der Trübsal. Aber wie kommt ein Christ zu dieser Gewißheit, und wie bleibt er in dieser Gewißheit? Nicht durch Leugnung des Gesetzes, welches sagt, daß er ein verdammungswürdiger Sünder sei, wohl aber durch die Scheidung von Gesetz und Evangelium. Er gibt zu: Ich bin, wenn ich auf mich selbst sehe, ein Kind des Zorns. Das Gesetz hat mit seinem Verdammungsurtheil recht. Aber ich sehe, daß es noch ein anderes Wort Gottes, das Evangelium, gibt. Das sollen alle hören, die durch das Gesetz zur Erkenntniß der Sünden gekommen sind, und das sagt allen Sündern die Gnade und Seligkeit umsonst, um Christi willen, zu. - - So kann auch der größte Sünder zur Gewißheit der Gnade Gottes und der Seligkeit kommen. Er hat freilich keine guten Werke aufzuweisen, sondern nur Uebertretung des Gesetzes. Aber nun gibt Gott im Evangelium Gnade und Seligkeit "ohne des Gesetzes Werke". . An die Stimme des Evangeliums aber soll sich jeder arme Sünder halten. So braucht die gänzliche Abwesenheit der guten Werke ihn an der Gnade und Seligkeit nicht irre zu machen. Auch der Schächer kam noch zur Gewißheit der Gnade Gottes. Weshalb? Weil es ein Wort ist, welches

    (Seite 33 von Original).

    die Gnade und Seligkeit ohne alle Werke zusagt. An dieses Wort hielt er sich wider das Verdammungsurtheil des Gesetzes. Er gibt zu, daß er Gottes Zorn und Strafe verdient hat. Aber er hat den Heiland kennen gelernt, der Sünder um sein selbst willen, nicht um der Werke willen, in es Himmelreich nimmt. Den ruft er an, und der spricht zu ihm: "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." . - - Das ist und bleibt aber der einige Trost für alle diejenigen, welche durch Gottes Gnade treue Christen gewesen sind. Denn wenn sie ihre Werke ansehen, so finden sie, daß auch sie viele böse Werke gethan haben. Sie haben freilich durch Gottes Gnade auch gute Werke gethan. Aber auch diese stellen sich bei strenger Prüfung noch als Uebertretung des Gesetzes dar, weil ihnen immer noch Sünde anhing. So beruht die Gewißheit der Gnade auch für sie darauf, daß die Gnade von den eigenen Werken ganz losgelöst ist. Ja, Gott sei Dank, daß es ein Evangelium gibt, welches Gnade umsonst zusagt! Gäbe es kein solches Wort, dann könnte kein Mensch, der zur Erkenntniß seiner Sünde gekommen ist, der Gnade Gottes und der Seligkeit gewiß werden. Damit es aber eine solche Gewißheit gebe, hat Gott einen solchen Heilsweg geordnet, der ein reiner Gnadenweg ist. Römer 4,16: "Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß sei sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen."

    Freilich, auch bei den Christen finden sich thatsächlich noch immerfort Zweifel in Bezug auf die Gnade und Seligkeit. Das kommt aber daher, daß sie dem Fleische nach noch immerfort bei sich Gesetz und Evangelium vermischen. Würden sie immer Gesetz und Evangelium rein scheiden, würden sie die Frage nach der Gnade und der Seligkeit sich immer allein aus dem Evangelium beantworten, so würden keine Zweifel an der Gnade in ihr Herz kommen.

    Luther (zu Gal 4,6): "Darum sollen wir unserm lieben Gott danken in Ewigkeit, daß wir von dem verzweifelten Irrthum sind los worden und können nun für wahr wissen und halten, daß der Heilige Geist, wie St Paulus sagt, in unsern Herzen schreiet und ein unaussprechlich Seufzen anrichtet. Und ist dies unsere Grundfeste: Das Evangelium heißt uns ansehen, nicht unsere guten Werke und Vollkommenheit, sondern Gott selbs, der die Verheißung thut. Item, Christum, der da aus gerichtet und an es Licht gebracht hat das, so verheißen war. Dagegen aber heißt der Pabst ansehen, nicht Gott, der da verheißet, auch nicht Christum, der unser Mittler und Hoherpriester ist, sondern unsere Werke und Verdienst; da kann nichts anderes folgen, als daß man ungewiß wird, ob Gott uns gnädig sei, und endlich verzweifeln; denn die Sache ist gegründet auf unser Werk, Verdienst und Gerechtigkeit." (Seite 454).

    5. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit; denn nur durch diese

    (Seite 34 von Original).

    Scheidung hat der Christ Kraft zur Heiligung und Lust zu guten Werken. - - Es kann von der Heiligung und von guten Werken überhaupt nur da die Rede sein, wo geistliches Leben ist. Wo kein geistliches Leben vorhanden ist, da ist alle Heiligung nur Schein und alle Werke sind todte Werke. Aber wie kommt nun geistliches Leben in den von Natur todten Menschen hinein? Das ist ein wunderbarer Vorgang! Erst führt Gott den Menschen durch das Gesetz in die Hölle hinein; er tödtet ihn erst durch den Buchstaben des Gesetzes. Sodann hebt Gott den Menschen durch das Evangelium wieder aus der Hölle heraus, führt ihn in den Himmel und macht ihn so lebendig. Ja, durch das Evangelium macht Gott den Menschen geistlich lebendig, nachdem er ihn zuvor durch das Gesetz getödtet hatte. "Habt ihr" - - fragt St Paulus die Galater - - "den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt von Glauben", das heißt, durch das Evangelium? Und indem ein Mensch unter dem Evangelio bleibt, bleibt er im geistlichen Leben. Des geistlichen Lebens Ursprung und erhaltende Kraft ist das Evangelium. Durch es Evangelium kommt der Heilige Geist in die Herzen und erfüllt dieselben mit Friede und Freude ob der Vergebung der Sünden, ob der Gottes kindschaft und der Erbschaft des ewigen Lebens. Glaube an das Evangelium ist der innerste Nerv des geistlichen Lebens.

    Wo nun aber dies geistliche Leben ist, da bethätigt sich dasselbe auch in guten Werken. Durch den Glauben an das Evangelium ist der Christ der geistlichen und himmlischen Güter theilhaftig geworden; das Herz ist im Himmel, So wird es von den irdischen Gütern und Genüssen losgelöst. Die Kraft der Sünde ist gebrochen. Der Apostel schreibt Römer 6,14: "Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade." . Kapitel 12,1 heißt es: "Ich ermahne euch, lieben Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst." . Durch die Erinnerung an die Barmherzigkeit Gottes, das heißt, durch die Predigt des Evangeliums, wird der Christ immer wieder willig, sich selbst und alles, was er hat, Gott zu Dienst zu stellen. Wenn Trägheit sich bei uns einstellt, so kommt das daher, daß wir der Barmherzigkeit Gottes, das heißt, des Evangelii, vergessen. Wenn uns die Dinge dieser Erde: die Lust dieser Welt, die irdischen Güter etc gefangen nehmen wollen, so kommt das daher, daß wir uns nicht gegenwärtig halten, wie wir durch das Evangelium bereits den Himmel und die Seligkeit haben. Hat man aber im Glauben den Himmel und die Seligkeit, dann kann das Herz unmöglich von den Dingen dieser Welt gefangen gehalten werden.

    Luther: "Du mußt den Himmel haben und schon selig sein, ehe du gute Werke thust; die Werke verdienen nicht den Himmel, sondern wiederum, der Himmel, aus lauter Gnaden gegeben, thut die guten Werken dahin,

    (Seite 35 von Original).

    ohne Gesuch des Verdienstes, nur dem Nächsten zu Nutz und Gott zu Ehren, bis daß der Leichnam auch von Sünden, Tod und Hölle erlöset werde." . (Halle XII, 183; citirt in Baier, Band III, Seite 295).

    So kommt es durch die Scheidung von Gesetz und Evangelium zu guten Werken. Vermischt dagegen jemand Gesetz und Evangelium, sucht er die Gerechtigkeit und Seligkeit aus des Gesetzes Werken, dann sind alle seine Werke vor Gott nichts werth. Ja, es sind die allerschrecklichsten Werke, die größten Sünden, die es geben kann. Wenn jemand alle seine Habe den Armen gibt - - aber er thut das so, daß er dabei Gesetz und Evangelium vermischt, das heißt, in der Meinung, sich damit die Seligkeit, wenn auch nur zum Theil, zu verdienen, so ist das ein Greuel vor Gott; denn mit diesem Werk befindet er sich in Revolution gegen Gott, der die Menschen nur aus Gnaden um seines Sohnes willen in den Himmel nehmen will. Alle Werke, welche der Mensch unter Vermischung von Gesetz und Evangelium thut, sind böse Werke vor Gott. Die Scheidung von Gesetz und Evangelium ist dagegen der rechte Brunnquell gottgefälliger Werke.

    Luther: "Wenn ein Prediger also lehret, daß das Wort nicht ohne Frucht, sondern kräftig ist in denen, so es hören, das ist, wo aus der Predigt folgen Glaube, Hoffnung, Liebe, Geduld etc, da reicht Gott den Geist und wirkt seine Thaten unter denen, so das Evangelium hören. Auf solche Weise redet St Paulus hie auch, daß unser HErr Gott den Galatern den Geist gereicht und Thaten unter ihnen gethan. Als wollt er sagen: Unser HErr Gott hat durch meine Predigt so viel ausgerichtet und gewirket, daß ihr nicht allein seid gläubig worden, sondern habt auch ein heiliges Leben geführt, viel guter Früchte des Glaubens gebracht und mancherlei Unglück und Widerwärtigkeit erlitten. Item, durch dieselbige Kraft des Heiligen Geistes seid ihr auch andere Leute worden, denn ihr zuvor gewesen seid. Denn zuvor waret ihr Abgöttische, Gottesfeine, Lästerer, Geizige, Ehebrecher, zornig, ungeduldig, neidisch. Nun aber seid ihr gläubig, Gottes Kinder, milde keusch, sanftmüthig, geduldig und Liebhaber des Nächsten etc. Also zeuget er von ihnen im 4 Capitel hernach, daß sie ihn, Paulum, aufgenommen als einen Engel Gottes, ja, als Christum JEsum selbst, und so sehr lieb gehabt, daß sie wohl willig gewesen wären, ihm ihre Augen aus dem Kopf mitzutheilen. Daß einer aber den Nächsten so sehr lieb hat, daß er zu seinem Besten geneigt und willig ist darzureichen sein Geld, Gut, Augen, Leben und alles; darnach auch bereit ist, allerlei Widerwärtigkeit zu leiden: solches sind freilich des Geistes Kräfte. Und solche Kräfte, sagt er, habt ihr empfangen und gehabt, ehe die falschen Apostel zu euch gekommen sind. Ihr habt sie aber empfangen nicht durch das Gesetz, sondern von Gott, der euch den Geist also gereichet und täglich in euch gemehret hat, daß das Evangelium unter euch auf es allerfeinest seinen Fortgang gehabt mit Lehren, Glauben, Thun und Leiden." . (Zu Gal 3,5).

    (Seite 36 von Original)

    B. Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit für den Prediger; denn

    1. . nur so ist er ein rechtgläubiger Lehrer, der in Wahrkeit Christum predigt (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist falsche Lehre);

    2. . nur so kann er sowohl in der öffentlichen Predigt, als auch in der Privatseelsorge Jedem seine Gebühr geben und den Zweck des Predigtamts, der Zuhörer Seligkeit, erlangen (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist immer Behinderung auf dem Wege zur Seligkeit);

    3. . nur so kann er die Herrschaft der Sünde brechen, wahre Heiligung und Fleiß in guten Werken in der Gemeinde wirken (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist das größte Hinderniß der wahren Heiligung).

    1. Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist für den Prediger von der allergrößten Wichtigkeit; denn nur so ist er ein rechtgläubiger Lehrer, der in Wahrheit Christum predigt. - - Will man die ganze christliche Lehre in einer Hauptsumma kurz angeben, so muß man sagen: Die christliche Lehre ist die Lehre, daß Gott die Sünder aus Gnaden um Christi willen, und nicht irgendwie auf Grund ihrer Werke, in den Himmel nimmt. Das Wesen der christlichen Lehre besteht also darin, daß man alle Menschenwerke rein absondert, wenn es sich um die Frage handelt, aus welcher Ursache und auf welche Weise ein Mensch die Seligkeit erlangt. Mit andern Worten: die christliche Lehre besteht darin, daß man Gesetz und Evangelium rein scheidet. Das sehen wir ganz klar und deutlich aus der Schrift. 1 Cor 2, 2 sagt Paulus, indem er die Summa der ganzen Lehre, die ein Prediger zu verkündigen hat, angeben will: "Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch, ohne allein JEsum Christum, den Gekreuzigten." Wie ist das zu verstehen? Der Apostel Paulus hat doch auch das Gesetz gepredigt. In derselben ersten Epistel an die Corinther predigt er das Gesetz ganz gewaltig. "Euer Ruhm ist nicht sein. Wisset ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig versäuert?" "Wandelt in dem Süßteig der Lauterkeit und der Wahrheit." Cap 5, 6 8. Und doch sagt der Apostel Cap 2, 2, er habe weiter nichts gepredigt, als Jesum Christum, den Gekreuzigten. Das ist so zu verstehen, daß der Apostel alle Werke rein abgesondert hat, wenn es sich um die Frage handelte, wie ein Mensch gerecht und selig werde. Da hat er von nichts anderm gewußt, als von Christo, dem Gekreuzigten. Gal 1, 23 wird angegeben, was der Apostel Paulus gelehrt habe, als er aus einem judaistischen Irrlehrer ein

    (Seite 37 von Original)

    rechter Lehrer geworden war. Es wird von ihm berichtet: er predigt jetzt den Glauben! Nun hat er ja auch sicherlich die Heiligung und die Werke eingeschärft. Aber wenn es sich um die Frage handelte, wie ein Sünder gerecht und selig werde, dann hat er allein den Glauben gepredigt. "So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Das ist die Hauptsumma der christlichen Lehre. Und wenn daher von Paulus gesagt werden soll, daß er nicht mehr ein falscher, sondern ein rechter Lehrer sei, so heißt es von ihm: er predigt jetzt den Glauben.

    So läßt sich auch der Inhalt der falschen Lehre kurz so zusammenfassen: Die falsche Lehre besteht darin, daß man lehrt, der Mensch werde nicht allein aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben, das heißt, nicht durch es Evangelium allein gerecht und selig. Vermischung von Gesetz und Evangelium ist die falsche Lehre. Wer Gesetz und Evangelium vermischt, der ist, je nach dem Grad und der Weise der Vermischung, entweder ein Papist, oder ein Schwärmer, oder ein Rationalist, oder ein Synergist, oder er ist alles mit einander. Vermischt man Gesetz und Evangelium in der Weise, daß man die Gerechtigkeit und Seligkeit nicht allein von Christi Verdienst, sondern auch noch von Neuen, Beichten, Genugthun, von den Werken der Heiligen und deren Fürbitte 2c abhängig sein läßt, so ist man ein Papist. Vermischt man Gesetz und Evangelium in der Weise, daß man die armen Sünder, welche nach Gnade fragen, nicht auf die Gnadenmittel, auf die Verheißung des Evangeliums, auf die Absolution, die Taufe, das heilige Abendmahl, sondern vielmehr auf die eingegossene Gnade, auf das Gefühl, auf das Gebet, auf die neue Geburt 2c verweist, so ist man ein Schwärmer. Vermischt man Gesetz und Evangelium in der Weise, daß man den Menschen bei der Frage nach der Seligkeit auf seine natürliche Ehrbarkeit verweist, so ist man ein Rationalist, Unitarier etc. Vermischt man Gesetz und Evangelium in der Weise, daß man sagt: Bekehrung und Seligkeit hängen nicht allein von Gottes Gnade, sondern auch vom Verhalten des Menschen ab, sagt man: Die Gnade muß zwar "alles" thun bei der Bekehrung, aber die "Entscheidung" für die Bekehrung hängt vom Menschen ab, so ist man ein Synergist vom Schlage unserer Ohioer und Iowaer.

    Scheidet ein Lehrer nicht Gesetz und Evangelium, dann ist alles falsch, was er sonst äußerlich richtig lehrt. Was hilft es, wenn der Prediger recht lehrt, daß Christus wahrer Gott und wahrer Mensch sei, wenn er dabei aus Christo einen Moses, einen Richter macht, der Lust dazu habe, die armen Sünder zu verdammen? So wird ja im Pabstthum noch gelehrt, daß Christus wahrer Gott und Mensch sei; und doch bekennt Luther, daß er Unter der papistischen Weise, die Seelen zu berichten, sich vor Christo gefürchtet habe, weil ihm Christus durch diese Vermischung von Gesetz und Evangelium als ein strenger Richter vorgebildet war. Was hilft es, wenn

    (Seite 38 von Original)

    ein Prediger lehrt, daß Christus Gnade und Seligkeit erworben habe, wenn er, Gesetz und Evangelium vermischend, die Aneignung der Gnade doch wieder von menschlicher Würdigkeit abhängig sein läßt? Was hilft es, wenn jemand äußerlich richtig von der Taufe lehrt, daß sie das Bad der Wiedergeburt sei, daß in ihr dem Menschen Vergebung der Sünde dargeboten werde, wenn er, Gesetz und Evangelium vermischend, so von der Taufe redet, daß der arme Sünder auf die Gedanken kommt, er müsse sich erst noch durch Werke der Taufgnade würdig machen, und sich somit seiner Taufe nicht zu getrösten wagt? Was hilft es, wenn jemand richtig vom heiligen Abendmahl lehrt, daß es der wahre Leib und Blut unsers HErrn JEsu Christi sei, zur Versicherung der Vergebung der Sünden dargereicht, wenn er dabei den Abendmahlstisch mit einem Gehege von gesetzlichen Forderungen umgibt, so daß sich die erschrockenen Sünder vor dem Abendmahlstisch fürchten, wie die Kinder Israel vor dem Berge Sinai? Ein lutherischer Prediger, der Gesetz und Evangelium nicht recht scheidet, ist ein Werklehrer in lutherischer Kappe. Er lehrt nicht lutherisch, nicht christlich, sondern im Grunde papistisch, heidnisch. Erst wenn Gesetz und Evangelium geschieden werden, kommen die einzelnen Lehren zur gottgewollten Geltung. Dann erst werden die Lehren von Christi Person, von der Gnade, von der Taufe, vom Abendmahl köstlich und für den armen Sünder brauchbar.

    Und nur so predigt der Pastor wirklich Christum. Was nämlich heißt das: "Christum predigen"? Manche meinen, Christum predige man dann, wenn man ihn als Vorbild in einem heiligen Mandel und in guten Werken vor Augen stelle; die Summa der christlichen Lehre verkündige man dann, wenn man den Leuten sage: "Wandelt so, wie Christus gewandelt hat; dann kommt ihr in den Himmel." Christum predigen heißt aber ganz etwas anderes. Christum predigen heißt lehren und einschärfen, daß in ihm allein das Heil stehe, und zwar so, daß Menschenwerke dabei gar nicht in Betracht kommen. So predigt Paulus Christum. Er sagt Röm 3, 28: "So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Und den Galatern ruft er warnend zu: "Ihr habt Christum verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen." Cap 5, 4. Christum predigt also nur der, welcher lehrt, daß wir aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben gerecht und selig werden, und daß das Heil nicht zum tausendsten Theil auf die Werke des Menschen gestellt sei, auch nicht auf die Werke, durch welche wir Christo nachwandeln. Sobald jemand lehrt, daß man auch durch eigene Werke das Heil erlange, wird Christus nicht mehr gepredigt, sondern verleugnet und gelästert. Luther kommt auf diesen Punkt zu sprechen, wenn er seine, den Papisten ärgerliche Uebersetzung der Stelle Röm 3, 28 vertheidigt. Er sagt: "Sollte man um solcher Aergerniß willen St Paulus Wort verleugnen, oder nicht frisch und frei vom Glauben reden? Lieber, eben St Paulus und wir wollen solch Aergerniß haben und lernen um keiner

    (Seite 39 von Original)

    andern Ursach willen, so stark wider die Werke, und treiben allein auf den Glauben, denn daß die Leute sich sollen ärgern, stoßen und fallen, damit sie mögen lernen und wissen, daß sie durch ihre guten Werke nicht fromm werden, sondern allein durch Christus Tod und Auferstehen. . . . O wie gar sollte es eine feine, besserliche, unärgerliche Lehre sein, wenn die Leute lerneten, daß sie neben dem Glauben auch durch gute Werke fromm möchten werden. Das wäre so viel gesagt, daß nicht allein Christus Tod unsere Sünde wegnähme, sondern unsere guten Werke thäten auch etwas dazu. Das hieße Christus fein geehrt, daß unsere guten Werke ihm hülfen und könnten das auch thun, das er thut, auf daß wir ihm gleich gut und stark wären. Es ist der Teufel, der das Blut Christi nicht kann ungeschändet lassen." (Wittenb IV Seite 477)

    Man kann die Vermischung von Gesetz und Evangelium von den verschiedensten Seiten betrachten. Immer aber tritt hervor, wie dadurch eine falsche Lehre entsteht. Lehrt ein Prediger durch Evangelium versüßtes Gesetz, dann fälscht er Gottes Wort, dann wird er zum Verkündiger einer Lehre, die es gar nicht gibt. Er predigt ein falsches Gesetz. Stellt ein Prediger es so dar, als ob Gott nach dem Gesetz damit zufrieden sei, wenn der Mensch thue, was in seinen Kräften stehe, so predigt er ein Hirngespinst, ein reines Gedankending, ein Menschenfündlein. Es gibt nur ein solches Gesetz, welches vom Menschen fordert, daß er bleibe in allem dem, das Geschrieben steht im Buche des Gesetzes, daß er es thue. - - Ebenso steht es, wenn der Prediger durch Gesetz versäuertes Evangelium predigt, wenn er zwar von einer Gnade sagt, die Christus für die Sünder erworben habe, aber die Aneignung der Gnade noch von menschlicher Leistung, Würdigkeit etc abhängig macht. Ein solches Evangelium gibt es gar nicht. Was hier für Evangelium ausgegeben wird, ist ein reines Menschenfündlein. Nur ein solches Evangelium gibt es, welches den armen Sündern ohne alle Würdigkeit ihrerseits die Gerechtigkeit und Seligkeit zuspricht. So erkennen wir auch in dieser Beziehung, daß Vermischung von Gesetz und Evangelium falsche Lehre ist. Mischt man dem Gesetz Evangelium und dem Evangelium Gesetz bei, so geht man mit Menschengedanken um. Und solche Menschengedanken wirken auch nichts, durch sie kann kein Mensch ein Christ werden. Man könnte gerade so gut Fabeln von Aesop vortragen. Das durch Beimischung von Evangelium verderbte Gesetz bringt keinen Menschen zur Erkenntniß der Sünde, und das durch Menschenwerke verklausulirte Evangelium bringt keinen armen Sünder zum Glauben an Christum.

    Sehen wir dieselbe Sache noch von einer andern Seite an. Wenn ein Prediger, Gesetz und Evangelium vermischend, die Gerechtigkeit und Seligkeit des Menschen nicht allein aus dem Evangelio, sondern auch aus dem Gesetz lehrt, dann treibt er einen ganz schändlichen Mißbrauch mit dem Worte Gottes. Er gebraucht Gottes Wort ganz anders als Gott es gebraucht haben will. Gott hat dem Prediger in der Schrift zwei Worte

    (Seite 40 von Original)

    gegeben, Gesetz und Evangelium, und ihm gesagt, wozu und wieweit er jedes gebrauchen und was er mit jedem ausrichten soll. Er soll mit dem Gesetz die Menschen zur Erkenntniß ihrer Sünden führen; dann aber den armen Sündern aus dem Evangelio die Gnade Gottes offenbaren, welche um Christi willen die Sünder in den Himmel nimmt. Die Gnade und die Seligkeit soll der Prediger allein aus dem Evangelium lehren. Was thut nun der Prediger, der Gesetz und Evangelium vermischend, die Seligkeit auch aus dem Gesetz lehrt? Er spricht thatsächlich: Ich will mit dem Gesetz mehr thun, als Gott damit gethan haben will; ich will durch das Gesetz die Menschen auch selig machen. So richtet er, so viel an ihm ist, einen vollkommenen Umsturz an in der Heilsordnung, die Gott selbst festgesetzt hat.

    Luther: "Gleichwie alle Dinge nicht gleich einerlei Art und Geschicklichkeit, sondern mancherlei sind, also kann man ihrer auch nicht allesammt zu einerlei brauchen, sondern eines jeglichen muß man dazu brauchen, dazu es dienet, oder sonst wird gar ein wüste und seltsam, unordentlich Wesen aus allen Dingen. Ein Weib, sagt das Gesetz 5 Mos 22, soll nicht Mannsgeräthe tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider anthun, sondern ein Mann thue, was ihm gebühret, desgleichen auch ein Weib, was ihr zustehet. Ein Jeder richte aus, was ihm befohlen und dazu er berufen ist. Pfarrherr und Prediger sehen darauf, daß sie Gottes Wort rein und lauter predigen. Die Oberkeit regiere ihre Unterthanen; diese seien der Oberkeit unterthan und so fortan. Desgleichen sollen alle andern Creaturen dienen, eine jegliche, wo und wann sich es gebühret. Die Sonne leuchte am Tage, der Mond aber und die Sterne das Nachts. Das Meer gebe Fische, die Erde Frucht und Getreide, der Wald Wildpret und Holz etc. Also auch das Gesetz unterstehe sich nicht eines ungebührlichen fremden Werks oder Amts, daß es wollte die Leute gerecht machen, denn es vermag es nicht. Wem stehet es denn zu? Der Gnade, der Verheißung, dem Glauben. Was ist aber dann des Gesetzes sonderlich und eigen Werk und Amt? Das ist es, daß die Uebertretung dadurch erkannt werde. Oder wie St Paulus an einem andern Ort saget: Es sei darum nebeneinkommen, daß die Sünde desto größer würde. Ei wie sein reimet sich das, spricht die Vernunft. Es reime sich oder nicht! St Paulus stehet hie und spricht mit dürren hellen Worten: Es sei um der Sünde willen dazu kommen, das ist, es sei über die Verheißung nach der Verheißung hinzu gethan, bis so lang der Same käme, dem die Verheißung geschehen ist." (Zu Gal 3, 19)

    Es mag noch darauf hingewiesen werden, daß die lutherische Kirche an gewissen Redeweisen mit großem Ernst festhält. Es geschieht das zu dem Zweck, damit der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium aufrecht erhalten werde. Hierher gehört das "allein durch den Glauben" (Röm 3, 28). Die Papisten wollten sich ja die Redeweise "durch den Glauben" gefallen lassen, wenn man nur das "allein" beseitige und nicht sage "allein

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    durch den Glauben". . Auf die Formel "durch den Glauben" wollten sie im Jahre 1530 zu Augsburg Frieden schließen. Melanchthon war auch geneigt zu dem Friedensschluß. Doch schrieb er an Luther. Aber Luther schrieb sofort zurück, daß das "allein" nicht preisgegeben werden könne. Luther kannte die Papisten besser. Weshalb nämlich wollten sie das "allein" nicht dulden? Weil sie nach wie vor die Gerechtigkeit und Seligkeit aus den Werken lehren wollten. Das "durch den Glauben" legten sie so aus: Der Mensch wird freilich durch den Glauben selig, aber nicht durch den Glauben, der sich an das Evangelium hält und allein auf Christi Verdienst vertraut, sondern durch den Glauben, insofern er durch die Liebe thätig ist und gute Werke wirkt (fides formata). Damit ist aber die ganze christliche Lehre wieder verleugnet. Durch den Glauben selig werden, heißt nach der Schrift, durch das Werk Christi und in keiner Weise durch eigene Werke selig werden. Der Glaube schließt im Artikel von der Rechtfertigung die Werke aus. Um dies auszudrücken, sagen wir Lutheraner: "allein durch den Glauben". . Und weil die Papisten auch Menschenwerke zum Grunde des Heils machen, die Rechtfertigung auch aus dem Gesetz lehren wollen, deshalb wollten und wollen sie nicht das "allein durch den Glauben". . Wir müssen daher an dem "allein durch den Glauben" festhalten, damit das Evangelium rein bleibe und nicht durch die Beimischung von Gesetz verkehrt werde. Darüber schreibt Luther in seiner Schrift: "Glosse auf das vermeinte kaiserliche Edict"; "Weil ich sehe, daß diesen Hauptartikel der Teufel immer muß lästern durch seine Säulehrer und nicht ruhen noch aufhören kann: so sage ich, Doctor Martinus Luther, unsers HErrn JEsu Christi unwürdiger Evangelist, daß diesen Artikel: Der Glaube allein ohne alle Werke macht gerecht vor Gott - - soll lassen stehen und bleiben der römische Kaiser, der türkische Kaiser, der tartarische Kaiser, der Perser Kaiser, der Pabst, alle Cardinäle, Bischöfe, Pfaffen, Mönche, Nonnen, Könige, Fürsten, Herren, alle Welt samt allen Teufeln, und sollen das höllische Feuer dazu haben auf ihren Kopf und keinen Dank dazu. Das sei mein, Doctor Luthers, Einsprechung vom Heiligen Geist und das rechte heilige Evangelium. Denn da stehet der Artikel, den die Kinder beten: Ich glaube an JEsum Christum, gekreuziget, gestorben etc. Es ist ja niemand für unsere Sünde gestorben, denn allein JEsus Christus, Gottes Sohn; noch einmal sage ich, allein JEsus, Gottes Sohn, hat uns von Sünden erlöset, das ist gewißlich wahr und die ganze Schrift; und sollten alle Teufel und Welt sich zerreißen und bersten, so ist es je wahr. Ist er es aber allein, der Sünde wegnimmt, so können wir es mit unsern Werken nicht sein; so ist es je unmöglich, daß ich solchen einigen und allein Erlöser von Sünden, JEsum, anders denn mit dem Glauben fassen und erlangen möge, mit Werken ist und bleibt er unergriffen. Weil aber allein der Glaube, vor und ehe die Werke folgen, solchen Erlöser ergreifet, so muß es wahr sein, daß allein der Glaube vor und ohne Werke solche Erlösung fasse; welches nichts anders sein kann,

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    denn gerecht werden. Denn von Sünden erlöset oder Sünden vergeben haben, muß nichts anders sein, denn gerecht sein oder werden etc. Aber nach solchem Glauben oder empfangener Erlösung von Sünde und Vergebung oder Gerechtigkeit folgen alsdenn gute Werke, als solches Glaubens Früchte. Das ist unsere Lehre und also lehret der Heilige Geist und die ganze heilige Christenheit, dabei wir bleiben in Gottes Namen, Amen!" (Referat über die Rechtfertigung, Seite 22 f). . - - Also wir halten fest an dem "allein durch den Glauben", weil wir daran festhalten wollen, daß allein Christus, der Sohn Gottes, durch sein Blut uns erlöst hat und wir zu unserer Erlösung keinen Beitrag liefern können.

    Noch auf eine andere Redeweise sei hier hingewiesen. Unser lutherisches Bekenntniß erinnert, man solle nicht sagen, daß die Werke bei dem Glauben, welcher rechtfertige, wenigstens gegenwärtig sein müßten. In der Concordienformel heißt es im 3 Artikel: "Wann man aber fraget, woraus und woher der Glaube das habe, und was dazu gehöre, daß er gerecht und selig mache, ist es falsch und unrecht, wer da saget: daß der Glaube nicht könnte rechtfertigen ohne die Werk oder daß der Glaub dergestalt rechtfertige oder gerecht mache, dieweil er die Liebe bei sich habe, um welcher Liebe willen solches dem Glauben zugeschrieben: oder daß die Gegenwärtigkeit der Werk bei dem Glauben nothwendig sei, soll anders der Mensch dadurch für Gott gerechtfertiget werden; oder daß die Gegenwärtigkeit der guten Werk im Artikel der Rechtfertigung oder zu der Rechtfertigung vonnöthen sei, also daß die gute Werk eine Ursach sein sollen, ohne welche der Mensch nicht könnte gerechtfertigt werden, welche auch durch die particulas exclusivas, absque operibus etc, das ist, wann St Paulus spricht: ohne Werk, aus dem Artikel Rechtfertigung nicht ausgeschlossen werden. Dann der Glaube machet gerecht allein darum und daher, weil er Gottes Gnade und das Verdienst Christi in der Verheißung des Evangelii als ein Mittel und Werkzeug ergreifet und annimmet." . (Müller, Seite 620). . - - Es könnte jemand sagen: Ihr Lutheraner lehrt doch, daß der wahre Glaube nie allein sei, sondern immer die guten Werke bei sich habe. Warum wollt ihr denn nicht auch sagen, daß der Glaube in der Rechtfertigung die guten Werke bei sich haben müsse? Da sagen wir: Wir haben guten Grund, diese Redeweise zu meiden. Freilich lehren wir auf Grund der heiligen Schrift, daß der wahre Glaube immer durch die Liebe thätig ist. Aber deshalb sagen wir nicht, daß die guten Werke auch bei der Rechtfertigung zugegen sein müßten. Die Rechtfertigung geschieht ja ohne die Werke [im Original griechisch.: chooris ergoon nomoon], sie ist von den Werken gänzlich unabhängig; die Werke haben auf die Rechtfertigung gar keinen Einfluß, kommen dabei gar nicht in Betracht. Wir würden daher eine klare Sache nur verwirren, wenn wir lehrten, daß die guten Werke bei der Rechtfertigung gegenwärtig sein müßten. Auch würde der arme Sünder, dem eingeprägt worden ist, die guten Werke müßten bei der Rechtfertigung

    (Seite 43 von Original).

    gegenwärtig sein, sich ängstlich nach seinen Werken umblicken, anstatt allein auf die Verheißung des Evangeliums zu schauen. So sehen wir: zur reinen Scheidung von Gesetz und Evangelium gehört auch die Meidung der Redeweise, daß die Gegenwart der guten Werke bei der Rechtfertigung nöthig sei.

    Luther: "Hier bitte ich und ermahne ich alle Liebhaber der Gottseligkeit und sonderlich die, so mit der Zeit andere Leute lehren sollen, daß sie diesen Artikel, der da lehrt, was des Gesetzes rechtes und eigenes Werk sei, und wie man sein recht brauchen soll, aus St Pauli Schriften mit allem Fleiß wohl lernen, welcher, wie ich große Sorge habe, nach unsern Zeiten wiederum wird verdunkelt und ganz und gar unterdrückt werden. Denn auch jetzund bereitan, da wir noch im Leben sind und auf es allerfleißigste anzeigen, wozu beide, das Gesetz und Evangelium, ein jedes insonderheit diene, ihrer sehr, sehr wenig sind auch unter denen, so sich zum Evangelio bekennen und gar herrlich davon zu rühmen wissen, die solches Amt des Gesetzes recht und eigentlich verstehen und wissen. Was meint ihr, daß werden wird, wenn wir nun das Haupt gelegt haben? Ich will jetzt der Wiedertäufer, der neuen Arianer und der Schwärmergeister, so das heilige Sacrament des Leibes und Blutes unsers lieben HErrn JEsu Christi lästern und schänden, geschweigen, welche allesammt auf einen Haufen ja so wenig verstehen oder wissen, was des Gesetzes eigen Werk sei und wozu es diene, als die Papisten selbst, ob sie sich mit viel Worten wohl anders vernehmen lassen; denn sie sind vorlängst von der reinen Lehre des Evangelii zurückgefallen auf des Gesetzes Lehre; darum lehren sie auch nicht Christum. Das thun sie wohl, daß sie mit großem Geschrei rühmen und dürfen auch wohl theuer dazu schwören, daß sie nichts anders lehren, und mit ihrer Lehre nichts anders suchen, noch meinen, denn Gottes Ehre, der Brüder Heil, und daß Gottes Wort möge rein und lauter ausgebreitet und erhalten werden; aber wenn man es beim Licht und im Grunde besehen will, so befindet man, daß sie Gottes Wort fälschen und verkehren in einen irrigen Mißverstand, daß es ihnen lauten und deuten muß, was sie träumen und wollen ihres Gefallens. Darum lehren sie unter Christi Namen ihre eigenen Träume, unter dem Namen des Evangelii eitel Gesetze und Ceremonien, bleiben also immerhin einen Weg wie den andern, wie sie von Anfang je und je gewesen sind, nämlich Mönche, Werkheilige, des Gesetzes und der Ceremonien Lehrer, ohne daß sie ihrem Wesen neue Namen und auch andere oder neue Werke erdichten. . . . Derhalben ist das Gesetz auch ein Licht, das da leuchtet und sichtbar und offenbar macht, nicht Gottes Gnade, auch nicht die Gerechtigkeit, dadurch man das Leben erlangt, sondern die Sünde, den Tod, Gottes Zorn und Gericht. Denn gleichwie den Kindern Israel zu Sinne war, da sie unten am Berge Sinai stunden und hörten das grausame Donnern, sahen das Blitzen, die schwarzen, finstern Wolken, den Berg brennen und rauchen, und was schreckliche Dinge sonst mehr da geschahen,

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    das ihnen freilich kein lustig noch fröhlich Schauspiel war, sondern erschreckte sie vielmehr, ja, machte, daß sie vor großer Angst schier gestorben wären, und lehrte sie, wie sie mit aller ihrer Heiligkeit und Reinigkeit vor Gott nicht bestehen könnten, noch seine Stimme hören, die doch auf es allerfreundlichste und tröstlichste war, nämlich: "Ich, der HErr, dein Gott" etc: also ist auch allen Heuchlern zu Sinne, wenn das Gesetz sein eigen Werk oder Amt beginnt auszurichten, das ist, die Sünde offenbaren, Zorn anrichten, die Gewissen verklagen, sie schrecken und in Verzweiflung treiben. Das ist des Gesetzes eigen und recht Werk, dabei es bewenden und weiter nicht schreiten soll. Das Evangelium aber ist viel ein ander Licht, nämlich, das die erschreckten Herzen erleuchtet, lebendig macht, tröstet und ihnen aufhilft. Denn es zeigt an, wie Gott den unwürdigen und verdammten Sündern gnädig sei um Christi willen, wenn sie glauben, daß sie durch seinen Tod vom Fluch, das ist, von der Sünde und ewigen Tod erlöst sein, und daß ihnen durch seinen Sieg und Ueberwindung geschenkt sei der Segen, das ist, Gnade, Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und ewiges Leben. Wenn wir das Gesetz und Evangelium auf solche Weise unterscheiden, so geben wir einem jeden sein recht eigen und gebührlich Werk und Amt, das ihm zusteht. Aber von solchem Unterschied des Gesetzes und des Evangelii findest du nicht einen einigen Buchstaben in allen Büchern aller Mönche, Canonisten und Sophisten, ja, auch der alten Väter dazu. St Augustinus hat diesen Unterschied zum Theil verstanden und angezeigt, Hieronymus aber und andere mehr haben wenig davon gewußt. Summa, es ist in allen Schulen und Kirchen etliche hundert Jahre daher nichts Rechtschaffenes von solchem Unterschied des Gesetzes und des Evangelii gelehrt oder gepredigt worden, dadurch denn die armen, elenden Gewissen in große Gefahr und Schaden kommen sind." . (Ausführliche Erkl. der Ep. an die Gal 1535. Halle VIII, 2257-60).

    Gott hat uns in etwas den Unterschied von Gesetz und Evangelium erkennen und damit das rechte geistliche Licht aufgehen lassen. Sehen wir zu, daß wir in diesem Lichte bleiben. Die Pastoren insonderheit sollen sich immerfort prüfen, ob sie auch noch Gesetz und Evangelium scheiden können. Bei dieser Prüfung werden sie freilich erkennen, daß man diese Kunst, Gesetz und Evangelium zu scheiden, in diesem Leben nie ganz auslernen kann. Aber sie fahren fort, sich in dieser Kunst zu üben. So bleiben sie tüchtig zum Amt und nehmen sie in der Amtstüchtigkeit zu.

    Noch einige Worte darüber, daß ein Pastor durch das über die Scheidung von Gesetz und Evangelium Gesagte sich ja nicht zaghaft machen lassen soll, bei den Christen auf gute Werke zu dringen. Solche Zaghaftigkeit würde ein Zeichen sein, daß er den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium noch nicht klar erkannt hat. Wer Gesetz und Evangelium recht zu scheiden weiß, der schweigt nicht von guten Werken, sondern lehrt dieselben getrost und frisch, nämlich an ihrem Ort, wo sie hingehören. Es ist nicht

    (Seite 45 von Original).

    nur die Pflicht eines evangelischen Predigers, immerfort auf gute Werke zu dringen, das heißt, seine Zuhörer immerfort daran zu erinnern, daß sie nach Gottes Willen ihren Glauben auch durch Werke beweisen sollen, sondern er muß den Christen ihre Werke auch groß und köstlich machen. Luther sagt, er wolle das geringste seiner Werke nicht um die ganze Welt hergeben; er lasse sich ein einziges Vater Unser nicht mit allen Schätzen der Welt abkaufen; er sagt, ein Christenwerk sei theurer und köstlicher, als alle Dinge dieser Erde. Ist das nicht übertrieben? Nein, das ist göttliche Wahrheit. Christenwerke sind so herrlich und kostbar, daß wir nicht Worte genug finden können, ihre Herrlichkeit und Kostbarkeit genugsam herauszustreichen. Die Schrift sagt von diesen Werken, daß Gott ein Wohlgefallen an ihnen habe. Das aber muß köstlich sein, woran Gott Wohlgefallen hat! Wie sich ein Gärtner darüber freut, wenn die Obstbäume, die er selbst gepflanzt hat, gute Früchte bringen, so freut sich Gott, wenn er sieht, daß dieser geistliche, von ihm gepflanzte und gepflegte Baum, der Christ, gute Früchte bringt. Noch mehr! Ein Prediger soll auch immerfort hervorheben, daß Gott verheißen habe, alle guten Werke aus Gnaden ewig belohnen zu wollen. Alle Schätze dieser Erde werden vergehen, wenn es lange währt, im Feuer des jüngsten Tages verbrennen; aber die Christenwerke bleiben in Ewigkeit, werden von Gott mit einem ewigen Gnadenlohn gekrönt. So soll der Pastor nicht nur getrost auf Werke dringen, sondern dieselben den Christen werth und groß machen. Aber eins darf er mit diesen Werken nicht thun: er darf sie nicht zum Grund der Gnade und der Seligkeit machen. Hier muß er der Werke gänzlich geschweigen. Gnade und Seligkeit nämlich wird nicht durch Menschenwerke, sondern durch das Werk, daß der Sohn Gottes Mensch geworden ist und sich für die Menschenkinder am Kreuz zu Tode geblutet hat, erlangt. Rühmt der Prediger des Menschen Werke, wenn es sich um die Erlangung der Gnade und Seligkeit handelt, dann redet er abscheulich, dann vermischt er nämlich Gesetz und Evangelium.

    Luther: "Siehe, wie fein sie", nämlich die Schwärmer, "von guten Werken lehren, sprechen, sie geben ihre guten Werke um einen Groschen. Damit wollen sie unsere Affen sein, und uns nachlehren, weil sie gehört haben, daß wir lehren, gute Werke machen nicht fromm, tilgen auch die Sünde nicht, versöhnen auch Gott nicht. Ueber solches thut hier der Teufel seinen Zusatz, und verachtet die guten Werke so gar, daß er sie alle um einen Groschen verkaufen will. Da lobe ich Gott, meinen HErrn, daß der Teufel sich selbst in seiner Klugkeit so schändlich muß beschmeißen und bethören. Wir lehren also, daß Gott versöhnen, fromm machen, Sünde tilgen, sei so hoch, groß, herrlich Werk, daß allein Christus, Gottes Sohn, thun müsse, und sei eigentlich ein lauter, bloß, sonderlich Werk des einigen rechten Gottes und seiner Gnade, dazu unsere Werke nichts sind noch vermögen. Aber daß darum gute Werke sollten nichts sein, oder eines Groschen werth sein,

    (Seite 46 von Original).

    wer hat das je gelehret oder gehöret, ohne jetzt aus dem Lügenmaul des Teufels? Ich wollte meiner Predigt eine, meiner Lection eine, meiner Schrift eine, meiner Vater Unser eins, ja wie kleine Werke ich immer gethan oder noch thue, nicht für der ganzen Welt Güter geben; ja, ich achte es theurer, denn meines Leibes Leben, das doch einem jeglichen lieber ist und sein soll, denn die ganze Welt. Denn ist es ein gut Werk, so hat es Gott durch mich und in mir gethan. Hat es Gott gethan, und ist Gottes Werk, was ist die ganze Welt gegen Gott und sein Werk? Ob ich nun wohl durch solch Werk nicht fromm werde (denn das muß zuvor geschehen durch Christus Blut und Gnade, ohne Werk), dennoch ist es Gott zu Lob und Ehren geschehen, dem Nächsten zu Nutz und Heil, welcher keines man mit der Welt Gut bezahlen oder vergleichen kann. Und diese seine Rotte nimmt einen Groschen dafür. Ah, wie sein hat sich der Teufel hier verborgen! Wer könnte ihn doch hier nicht greifen?" (Vorrede zu Justi Menii Schrift: Der Wiedertäufer Lehre 2c 1530 Halle XIV, 281 f)

    Es könnte hier noch erinnert werden, daß der Hinweis auf die guten Werke der Christen nicht immer Gesetz zu sein braucht. Dieser Hinweis kann sowohl Gesetz als Evangelium sein. Es kommt ganz und gar darauf an, in welchem Sinn ich einen Christen an die Werke erinnere. Weise ich auf die guten Werke hin in dem Sinn, daß der Glaube durch dieselben sich als ein rechter Glaube erweisen müsse, dann predige ich Gesetz; dann sage ich nämlich zum Christen: "Betrüge dich nicht selbst; der Glaube muß sich immer durch gute Werke erweisen. Finden sich bei dir keine guten Werke, so ist dein Glaube ein Maulglaube; dann bist du noch außer Christo und verdammt." Dieser Hinweis auf die guten Werke des Christen ist scharfe Gesetzespredigt. - - Dagegen kann in dem Hinweis auf die guten Werke für den Christen auch ein großer Trost liegen und dann predige ich ihm Evangelium. ZB es klagt ein Angefochtener: "Ich bin noch nicht bei Gott in Gnaden, denn ich sehe in mir gar keine innere Veränderung, ich merke gar kein neues Leben in mir; mir fehlen die Kennzeichen, durch welche sich der Christenglaube erweist; so bin ich noch ungläubig und verdammt." Wenn ich nun zu dem Angefochtenen sage: "Siehe zu, Bruder, wie steht es eigentlich mit dir? Findet sich bei dir wirklich gar keine Veränderung? Gönnst du deinem Nächsten nur Böses, oder wünschest du ihm, daß es ihm wohl gehe, namentlich, daß er durch Christum selig werde?" und er antwortet: "Wie sollte ich das nicht wünschen? Es wäre mir eine große Freude, wenn es ihm wohl ginge und er selig würde" - - dann kann ich ihm auch vorhalten: "Du trägst das Kennzeichen, daß du im Glauben stehst, an dir; denn diese Gesinnung gegen den Nächsten ist in niemand von Natur. Sie ist nur in denen, welchen Gnade widerfahren und dadurch das Herz gewandelt ist." Hiermit predige ich Evangelium. Ich predige nämlich Evangelium an äußeren Zeichen. Gute Werke sind Zeichen der Gnade, nämlich der Gnade, die dem Menschen bereits widerfahren ist.

    (Seite 47 von Original)

    Apologie der Augsburgischen Confession: "Christus knüpft die Verheißung der Vergebung der Sünden oft an die guten Werke, nicht als wollte er die guten Werke als eine Genugthuung angesehen haben (sie folgen nämlich erst auf die Versöhnung), sondern aus folgenden zwei Ursachen. Die erste Ursache ist, weil gute Früchte nothwendigerweise folgen müssen. Er erinnert also daran, daß die Buße eine heuchlerische und erdichtete sei, wenn nicht gute Früchte auf dieselbe folgten. Die andere Ursache ist, weil wir äußerliche Zeichen einer solchen Verheißung nöthig haben, da das erschrockene Gewissen vielfältigen Trostes bedarf. Wie demnach die Taufe und das Abendmahl Zeichen sind, welche immer wieder die furchtsamen Gemüther reizen, aufrichten und stärken, damit sie um so fester glauben, die Sünden würden vergeben, so ist dieselbe Verheißung in den guten Werken geschrieben und abgemalt, damit diese Werke uns reizen, im Glauben zu wachsen. Und diejenigen, welch keine guten Werke thun, kommen nicht zum Glauben, sondern verachten jene Verheißungen. Aber die Gläubigen ergreifen sie und freuen sich, daß sie Zeichen und Zeugnisse solcher Verheißung haben. Daher üben sie sich in solchen Zeichen und Zeugnissen. Wie demnach das Abendmahl nicht rechtfertigt ex opere operato ohne den Glauben, so rechtfertigen auch nicht die Almosen ohne den Glauben ex opere operato." (Müller, Seite 135)

    2. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist für den Prediger von der allergrößten Wichtigkeit, denn nur so kann er sowohl in der öffentlichen Predigt, als auch in der Privatseelsorge Jedem seine Gebühr geben und den Zweck des Predigtamts, der Zuhörer Seligkeit, erlangen(Vermischung von Gesetz und Evangelium ist immer Behinderung auf dem Wege zur Seligkeit). - - Der Pastor muß immerfort ein Doppeltes thun, wenn er jedem seine Gebühr geben und den Zweck des Predigtamts, der Zuhörer Seligkeit erreichen will: er muß nämlich immerfort die Sicheren schrecken und die über ihre Sünden Erschrockenen trösten. Dies kann der Pastor aber nur dann thun, wenn er sowohl das Gesetz in seiner ganzen Schärfe, als auch das Evangelium in seiner ganzen Süßigkeit verkündigt und beide auf den Gebieten hält, auf welchen sie nach Gottes Willen gelten sollen. - - Alle Menschen sind von Natur fleischlich sicher. Mögen sie auch zugeben, daß sie Sünder seien, so meinen sie doch, es habe mit ihnen keine Noth. Der natürliche Mensch entdeckt neben seinen Sünden immer noch gute Seiten an sich, und so hofft er in den Himmel kommen zu können. In diesem Wahn ist, wie Luther sagt, die ganze Welt ersoffen; in demselben stecken von Natur alle Menschen. Dieser Wahn aber muß dem Menschen genommen werden, oder es ist nicht daran zu denken, daß er selig werde. Und da gibt es nur eine Weise: die unverfälschte Predigt des Gesetzes. Es muß dem Menschen gesagt werden: Du irrst dich gewaltig, wenn du meinst, es habe mit den Sünden nicht viel

    (Seite 48 von Original)

    aus sich. In Gottes Wort steht geschrieben: "Welche Seele sündigt, die soll sterben." Wenn du zugeben mußt, daß du gesündigt hast, so mußt du auch zugeben, daß du des ewigen Todes bist. Und was die Gerechtigkeit betrifft, die du noch bei dir zu finden meinst, so hast du vergessen, daß alles, was der Mensch thut, aus Liebe zu Gott fließen soll. Deine sogenannten guten Werke kommen aber aus einer ganz andern Duelle und sind daher, nach Gottes Maßstab gemessen, lauter Ungerechtigkeit. - - Auch die Christen, sofern sie noch das Fleisch an sich haben, sind noch fleischlich sicher. Auch sie entdecken noch gute Seiten an sich und wollen sich auf diese guten Seiten vor Gott verlassen. Auch in ihrem Fleisch steckt noch der Wahn, es habe mit den Sünden nicht so viel auf sich. Darum muß auch bei den Christen die öffentliche Predigt so beschaffen sein, daß die Sicheren immerfort geschreckt werden. Und wo immer dem Pastor in der Privatseelsorge fleischliche Sicherheit entgegen tritt, indem man zB von der Sünde gering redet, da ist die Predigt des Gesetzes am Platz. Kurz: es gehört zum Amt des Pastors, immerfort mit der Predigt des Gesetzes die Sicheren zu schrecken. Daneben muß er nun aber auch durch die Predigt des Evangeliums immerfort die Gnade Gottes offenbaren. Er muß zeigen, daß Gott im Evangelio all die Sünden vergibt, welche er durch es Gesetz straft. Ja, er muß zeigen, daß die Gnade, welche im Evangelio verkündigt wird, viel größer ist, als alle Sünde, welche das Gesetz offenbart. Nur wenn der Pastor so das Evangelium unverklausulirt predigt, dann erreicht er den Endzweck, zu welchem er gesetzt ist, daß er nämlich die über ihre Sünden Erschrockenen tröste, zum Glauben bringe und selig mache. Vermischt aber der Pastor Gesetz und Evangelium, dann werden die Sicheren in ihrer Sicherheit noch gestärkt und die über ihre Sünde Erschrockenen noch weiter erschreckt und schließlich in Verzweiflung gestürzt. Scheidet hingegen der Pastor Gesetz und Evangelium, dann ist er jedem förderlich und niemand hinderlich auf dem Wege zur Seligkeit, dann thut er, was seines Amtes ist. Nach der Schrift ist es das Charakteristicum eines untreuen Hirten, wenn die Sicheren getröstet und die Erschrockenen noch mehr geschreckt werden. Hesek 13, 18 19 heißt es: "So spricht der HErr HErr: Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häupten, beide Jungen und Alten, die Seelen zu fahen. Wenn ihr nun die Seelen gefangen habt unter meinem Volk, verheißet ihr denselbigen das Leben; und entheiliget mich in meinem Volk um einer Hand voll Gersten und Bissen Brods willen, damit, daß ihr die Seelen zum Tode verurtheilet, die doch nicht sollten sterben, und urtheilet die zum Leben, die doch nicht leben sollten, durch eure Lügen unter meinem Volk, welches gerne Lügen höret." Ja, der Pastor wird zum Lügner unter Gottes Namen, wenn er so lehrt, daß durch seine Lehre die Sicheren getröstet und die über ihre Sünde Erschrockenen noch mehr betrübt werden. Denn Gott will die Sicheren nicht getröstet, sondern geschreckt haben; und die Betrübten will er nicht geschreckt, sondern getröstet haben.

    (Seite 49 von Original)

    Der ganze Zweck des Predigtamts wird verkehrt, wenn der Pastor Gesetz und Evangelium vermischt. Wenn aber der Pastor im Auge behält, daß seine Predigt den Zweck habe, den Sicheren ihre Sünde, den Erschrockenen die überschwängliche Gnade Gottes zu offenbaren, dann wird seine Predigt eine seelsorgerische Predigt. Wenn der Pastor dies im Auge behält, dann wird es, so zu sagen, Ernst mit seiner Predigt, so weit er selbst in Betracht kommt; dann wird er auch Allotria in der Predigt beiseite lassen. Es gibt kein anderes Mittel, als die Predigt des Gesetzes und Evangeliums, Menschen zu Christen zu machen und in den Himmel zu führen. - - Durch die sogenannte Apologetik, das heißt, die Vertheidigung der christlichen Lehre mit Vernunftgründen, ist noch niemand ein Christ geworden. Wir dürfen freilich die Apologetik nicht ganz verwerfen; der HErr Christus selbst hat sie angewendet, und ihm nach unsere rechtgläubigen Lehrväter. Durch die Apologetik schlagen wir die Vernunft mit ihren eigenen Waffen. Aber wenn wir jemand auch alle Vernunftgründe, mit welchen er gegen den christlichen Glauben kämpfte, zu Schanden gemacht hätten, so kann derselbe noch sehr ferne vom Reiche Gottes sein. In die christliche Kirche und in den Himmel führt nur ein Weg: Neue und Glaube. Und beides wird gewirkt durch die reine Predigt des Gesetzes und des Evangeliums.

    Eine Vermischung von Gesetz und Evangelium liegt auch dann vor, wenn ein besonderer Grad von Neue gefordert wird. Neue, wahre Neue ist freilich nöthig. Nur derjenige, welcher wahre, vom Heiligen Geist gewirkte Neue hat, wird das Evangelium annehmen. Aber diese Neue ist dann da, wenn ein Mensch seine Fluchwürdigkeit und Verdammungswürdigkeit erkannt hat und sich verloren gibt. Ein bestimmter Grad der Neue ist nicht zu fordern. Würde man einen besonders hohen Grad der Neue fordern, so würde der Gedanke zu Grunde liegen, daß der Mensch durch das Werk der Neue sich die Vergebung der Sünden wenigstens theilweise verdienen müsse. Es läge also eine Vermischung von Gesetz und Evangelium vor. Wir sollen vielmehr also verfahren: Bekennt ein Sünder, daß er verloren sei, so predigen wir ihm das Evangelium, welches die Gnade um Christi willen zusagt.

    Eine Vermischung von Gesetz und Evangelium wäre es ferner, wenn der Pastor den angefochtenen Christen, statt auf die Gnadenmittel, nur auf das neue Wesen, welches durch den Glauben im Christen entsteht, verweisen wollte. Es ist ja wahr, in jedem Christen findet sich ein neues Wesen, und der Christ ist unter Umständen auch darauf hinzuweisen, wie wir vorhin gesehen haben. Aber im Stande der Anfechtung kann ein Christ so unter dem Gefühl der Sünde und Schuld gleichsam begraben sein, daß er von der Veränderung, die mit ihm vorgegangen ist, gar nichts wahrnimmt. Wollte man ihm unter diesen Umständen auf die innere Veränderung weisen, so würde man ihn noch mehr in Verzweiflung stürzen. Hier ist nur der Hinweis auf die Gnadenmittel am Platze. Spricht ein Christ: "Ich sehe bei

    (Seite 50 von Original)

    mir nur böse und keine guten Werke", so ist ihm zu sagen: "Nun, so glaube dem Evangelium, welches Gnade zusagt ohne alle guten Werke." Spricht der Angefochtene: "Ich empfinde in mir nur Zorn und keine Gnade", so ist ihm zu sagen: "Du sollst Gott nicht nach deinen Empfindungen, sondern nach seinem Wort, dem Evangelium, beurtheilen. Da hörst du: Gott ist durch Christum mit allen Sündern versöhnt; er will alle Sünder in den Himmel nehmen. Darnach beurtheile Gott und siehe auf nichts anderes. Gedenke auch deiner Taufe. In derselben hat Gott dir, für deine Person, schon gesagt: "Du sollst Gnade haben; dein ist der Himmel und die Seligkeit." Vergessen wir es nicht: nur dann predigen wir das Evangelium so direct, wie wir es predigen sollen, wenn wir den Angefochtenen auf die objectiven Gnadenmittel verweisen. Wir müssen diese Weise durchaus im Auge behalten, da auch die Christen bei der Frage: "Ist Gott mir gnädig?" nach dem Fleische eher in sich selbst hineinschauen, als auf die Gnadenmittel sehen wollen. Der Mensch sucht, natürlicher Weise, die Seligkeit in sich selbst. Der Prediger Amt aber ist es nun, bei der Frage: Was muß ich thun, daß ich selig werde? der armen Sünder Augen auf Christum zu richten, wie er im Evangelio, in der Taufe, im Abendmahl und in der Absolution vor uns hintritt. Damit werden Gesetz und Evangelium rein geschieden.

    Gesetz und Evangelium scheiden wir dann recht, wenn wir uns immer gegenwärtig halten, daß die Predigt des Gesetzes nur ein Hülfsamt ist für die Predigt des Evangeliums. Wenn es möglich wäre, daß die Sünder das Evangelium annähmen, ohne durch das Gesetz geschreckt zu sein, dann brauchten wir das Gesetz zur Bekehrung gar nicht, denn die Bekehrung besteht eigentlich in der Annahme des Evangeliums. Nun aber steht es so, daß kein Mensch das Evangelium ohne weiteres annimmt. Wenn wir an den natürlichen Menschen mit dem Evangelium herantreten und ihm sagen. "Hier hast du Gottes Gnade und die Seligkeit", so antwortet er: "Ich bedarf dessen nicht." Er hält sich nicht für ein Kind der Ungnade und der Verdammniß. Weil es so steht, darum ist die Predigt des Gesetzes nöthig. Aber behalten wir wohl im Auge: Wir schlagen mit dem Gesetz Wunden nur zu dem Zweck, um sie nachher mit dem Evangelio zu heilen. Der Pastor, welcher Wunden schlägt, die er nicht auch, so viel an ihm ist, mit dem Evangelio heilt, verbindet Gesetz und Evangelium nicht recht. Habe ich durch Gottes Gnade das Gesetz recht gepredigt, dann muß ich zu Gott flehen, da er mich nun auch das Evangelium recht predigen lasse, damit ich dadurch den Schrecken wieder wegnehme, den das Gesetz gewirkt hat. Der Prediger verwundet, um heilen zu können; er schreckt, um trösten zu können. Nicht schreckt er, um zu schrecken. Der Prediger schreckt mit dem Gesetz den Sünder, um ihn in die Ruhestatt des Evangeliums zu treiben. Wenn der Christ ohne fernere Anwendung des Gesetzes beim Evangelium bliebe, dann könnte man die Predigt des Gesetzes, insofern das Gesetz schrecken soll,

    (Seite 51 von Original)

    unterlassen. Aber nun steht es so, daß auch der Christ nach dem Fleisch immer wieder fleischlich sicher werden und aus dem Evangelio heraus will. Darum müssen wir auch bei ihm das Gesetz noch als Spiegel gebrauchen, damit er nicht den Geschmack am Evangelio verliere. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, welche das Evangelium glauben. Das Gesetz ist nur ein Hülfsmittel beim Bau der Kirche. Das eigentliche Mittel, wodurch die Kirche gebaut und erhalten wird, ist allein das Evangelium. Wollen wir daher bei uns recht das Reich Gottes bauen, so müssen wir dafür sorgen, daß das Evangelium Zweck und Ziel unserer Predigt bleibe.

    Luther: "Es läßt sich für der Welt ansehen, daß die Hagar aus der Maßen fruchtbar sei, und sei ihres Kindergebärens kein Ende. Denn die, so das Gesetz lehren, haben viel mehr Schüler, denn die, so das Evangelium predigen; denn es ist ein Wort vom Kreuz, 1 Cor 1, 18. Aber es ist doch gleichwohl alles umsonst, und bleibet der Kinder keines; denn es werden der Magd Kinder sammt der Mutter aus dem Hause gestoßen, und nehmen kein Erbtheil mit der Freien Kindern; wie St. Paulus hernach sagen wird. - - Sind wir nun der Freien Kinder, so ist uns das Gesetz, welches unser alter Mann ist, aufgehoben; wie zun Römern am 7 V 3 sqq stehet. Denn so lange derselbe über uns herrschete, war es unmöglich, daß wir im Geist hätten Kinder erzeugen können, so die Gnade erkannt hätten, sondern allzumal bleiben wir Knechte sammt ihnen. Wenn das Gesetz über die Leute herrschet, sind sie zwar wohl nicht müßig, sondern arbeiten heftig, und lassen es ihnen herzlich sauer werden, tragen des Tages Last und Hitze, gebären und zeugen viel Kinder, eitel Bastarte, so der freien Mutter gar nicht zustehen; müssen derohalben, wenn es lange gewähret, mit dem Ismael doch endlich aus dem Hause und Erbe verstoßen, sterben und verdammt werden. Darum ist es unmöglich, daß die Leute durch das Gesetz sollten zum Erbe kommen, das ist, gerecht und selig werden, ob sie es ihnen gleich sauer darunter werden lassen mit Arbeiten und Kindergebären. Darum seien verflucht allerlei Werke, Lehre, Leben und Gottesdienst, so darzu dienen sollen, daß man dadurch vor Gott soll gerecht werden." (Zu Gal 4, 27).

    Derselbe: "Aber solch Predigtamt ist zweierlei: eins, das da ohne Christo will die Menschen gewinnen: das ist des Gesetzes Predigt, welches allein fordert unsere Werke, und entweder vermessene Heilige macht, die im wilden weiten Wasser wollen frei ungefangen gehen und nicht herzu kommen; oder die Gewissen, so ohne das bloß und schwach sind, nur erschreckt und von sich jagt. - - Darum alle Arbeit und Mühe der ganzen Nacht (des Gesetzes) vergeblich und verloren ist, bis solange Christus dazu kommt mit dem andern Predigtamt, und bringt mit sich den Tag und Offenbarung des tröstlichen, fröhlichen Evangelii, so die Herzen erleuchtet mit Erkenntniß der Gnade Gottes, und heißt alsdann das Netz auswerfen und einen Bug thun. Wo nun solches auf sein Wort und Befehl geschieht, da bringt es dann große, reiche Frucht; denn die Herzen nun willig und gern herzukommen

    (Seite 52 von Original)

    zum Gehorsam des Glaubens Christi, ja, sich selbst darnach dringen und Leib und Leben daran setzen, wie Christus Matth 11, 12 sagt: "Von der Zeit Johannis an leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt thun, reißen es zu sich."" (St L XI, 1333 f).

    3. . Die strenge Scheidung von Gesetz und Evangelium ist von der allergrößten Wichtigkeit für den Prediger, denn nur so kann er die Herrschaft der Sünde brechen, wahre Heiligung und Fleiß in guten Werken in der Gemeinde wirken (Vermischung von Gesetz und Evangelium ist das größte Hinderniß der wahren Heiligung). - - Hierzu hat freilich die menschliche Vernunft immer nein gesagt. Als Grund, warum man das Gesetz in das Evangelium mengen, oder anders ausgedrückt, warum man die Rechtfertigung und die Seligkeit auch immer auf die Werke gründen wollte, hat man dies angeführt, daß es dann besser mit der Heiligung und den guten Werken von statten gehe. Die Vernunft hat nie anders gerechnet, als so: Lehrt man, daß die Menschen ohne Zuthun der Werke gerecht und selig werden, so unterbleiben die Werke. Will man dagegen bewirken, daß die Menschen zu guten Werken fleißig sind, dann muß man lehren, daß die Gerechtigkeit und Seligkeit wenigstens theilweise sich vor Gott verdienen müssen. So hat, wie schon gesagt, die Vernunft von Anfang an gerechnet. Der Apostel schreibt Röm 6, 1.: "Was wollen wir hiezu sagen? sollen wir denn in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde?" Aus dieser Stelle geht hervor, daß der Gnadenlehre des Apostels der Vorwurf gemacht wurde, daß sie die Leute in Sünden sicher und zu guten Werken träge mache. Die Papisten und Secten beschuldigen uns bis auf den heutigen Tag, daß wir die Heiligung und die guten Werke hindern, weil wir, Gesetz und Evangelium rein scheidend, die Gerechtigkeit und Seligkeit allein aus Gottes Gnade und nicht aus unsern Werken lehren. Wir werden mit unserer Gnadenlehre als Feinde der Heiligung und der guten Werke verlästert. Ja, auch wir selbst, die einzelnen Christen, Pastoren und Gemeinden, sind geneigt, das Evangelium bei Seite zu schieben und zum Gesetz und allerlei gesetzlichen Maßregeln zu greifen, wenn es in der Gemeinde mit der Heiligung und den guten Werken nicht recht vorwärts will.

    Das ist aber recht eigentlich eine Versuchung des Satans, in welcher wir durch Gottes Gnade Stand halten müssen. Es ist schlimm, wenn in der Gemeinde weltlicher Sinn einreißt; aber noch viel schlimmer wird die Sachlage, wenn man dies durch das Gesetz bessern will. Da ist das Licht der christlichen Erkenntniß verloren gegangen. Da müssen die Gewissen erst recht in Blindheit und Irrthum verderben. Will der Prediger durch das Gesetz fromm machen, so kann das Resultat nur ein doppeltes sein. Erstlich, die Sünden und Mängel werden durch die Forderungen und Drohungen des Gesetzes äußerlich beseitigt. Die Sünder halten sich nun

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    aber auch für gute Christen, sie glauben, anstatt an den HErrn Christum, an sich selbst und gehen ewig verloren. Denn nun gehen sie mit des GesetzesWerken um vor Gott. Von diesen Leuten aber sagt die Schrift, daß sie unter dem Fluch seien, Gal 3, 10. So machen wir einmal mit dem Gesetz Kinder des Gesetzes, die wie Knechte ihre Werke thun und schließlich hinausgeworfen werden, am Erbe nicht Theil haben. Zum andern kann das Gesetz, wenn man mit demselben fromm machen will, auch die Wirkung haben, das diejenigen, welche wir unter dem Gesetz halten wollen, auch äußerlich alle Schranken durchbrechen. Das Gesetz nämlich tödtet ja nicht die innerliche Lust zur Sünde, sondern erregt dieselbe nur. Hält man dem gegenüber nun mit den Forderungen und Drohungen des Gesetzes an, so wird der Ermahnte auch des ihm vorgehaltenen Gesetzes gänzlich überdrüssig und will von keinen Schranken seiner Begierde etwas wissen. Will zB der Pastor mit dem Gesetz die Sünde des Geizes in seiner Gemeinde bekämpfen, so ist das Resultat entweder todte Werke oder offener Bruch mit der Kirche. Die Einen werden durch das Gesetz veranlaßt, fleißiger ihre Gaben zu geben, aber nicht, weil sie innerlich und aus Liebe zu Gott sich dazu gedrungen fühlen, sondern nur gezwungen. Dabei meinen sie, weil sie äußerlich gute Werke thun, so seien sie auch gute Christen. Andern dagegen wird des beständigen Forderns und Drohens zu viel. Sie sprechen: "Von einer Gemeinde, in welcher man immer geben soll, will ich nichts wissen", und laufen davon.

    Aber ganz anders ist das Resultat, wenn der Pastor gegen die Schäden in der Gemeinde das Evangelium anwendet, die Arzenei, welche Gott in dieser Welt für alle Sündenschäden gegeben hat. Durch das Evangelium wird der Pastor aller Sünden Herr. Nachdem durch das Gesetz dem Menschen die Sünde geoffenbart worden ist, so wird ihm aus dem Evangelium offenbar, daß Gott dem Sünder um Christi willen alle seine Sünde vergibt. Der Sünder erfährt die wunderbare Thatsache, daß Gott seines eingebornen Sohnes nicht verschonet, sondern denselben für ihn dahingegeben hat. Das gewinnt dem Sünder das Herz ab. Der bisher Gott entfremdet war, erkennt nun Gott im Angesichte JEsu Christi als seinen lieben Vater. Weil er im Glauben dafürhält, daß Christus für ihn gestorben ist, so bekommt er den Sinn, daß er spricht: Nun will ich auch Christo leben. Durch das Evangelium hebt der Prediger den Sünder in den Himmel; so haben die Dinge hier auf dieser Erde auch die beherrschende Macht über den Sünder verloren. Durch das Evangelium macht der Prediger den Menschen reich in Gott, reich an ewigen, himmlischen Gütern; so läßt das Menschenherz ganz von selbst die Güter dieser Erde, als ob sie die größten Güter wären, los. Durch das Evangelium wird das Menschenherz mit Friede und Freude im Heiligen Geist erfüllt; so stirbt es ganz von selbst der Freude dieser Welt ab. Es kennt nun eine höhere Lust. Unter dem Evangelium kommt es dahin, daß es im Herzen heißt:

    (Seite 54 von Original)

    JEsu, meine Freunde,

    Meines Herzens Weide,

    JEsu, meine Zier,

    Ach wie lang, ach, lange

    Ist dem Herzen bange

    Und verlangt nach dir,

    Gotteslamm, mein Bräutigam,

    Außer dir soll mir auf Erden

    Nichts sonst liebers werden.

    Weg mit allen Schätzen,

    Du bist mein Ergötzen,

    JEsu, meine Lust!

    Weg, ihr eitlen Ehren,

    Ich mag euch nicht hören,

    Bleibt mir unbewußt!

    Elend, Noth, Kreuz, Schmach und Tod

    Soll mich, ob ich viel muß leiden,

    Nicht von JEsu scheiden. (251, 1 4).

    Das ist die wunderbare Wirkung, welche das Evangelium auf des Menschen Herz ausübt! So wird das Herz innerlich von der Sünde losgemacht und mit Lust und Liebe zur Heiligung und zu guten Werken erfüllt. Und das Evangelium ist das einzige Mittel, welches diese Wirkung im Menschen hervorbringen kann. Darum schreibt der Apostel Röm 6, 14: "Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade." . Und Römer 7, 5 6 heißt es: "Da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durch es Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen. Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also, daß wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes, und nicht im alten Wesen des Buchstabens." Gal 3, 2 ruft der Apostel den Galatern zu, welche von dem Leben unter dem Evangelio abtreten und wieder unter das Gesetz sich begeben wollten: "Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke, oder durch die Predigt vom Glauben?" Wenn es in unsern Gemeinden mit der Heiligung und den guten Werken nicht recht vorwärts will, so haben wir Pastoren alle Ursache, uns zu prüfen, wie es bei uns mit der Scheidung von Gesetz und Evangelium stehe. Das wäre doch sonderbar, wenn ein Prediger das Evangelium recht predigte, das die Verheißung hat, von der Hölle zu erretten und alle Sündenbande zu zerreißen, und wenn es dabei doch nicht zur Heiligung und zu guten Werken kommen sollte. Das Evangelium gibt Himmel und Seligkeit und den Heiligen Geist. Es muß auch immerdar gute Werke wirken.

    Und allein das Evangelium, nicht das Gesetz, bringt gute Werke hervor. Das Gesetz kann höchstens den Schein von guten Werken zuwege bringen. Das ist leicht zu erkennen. Worauf kommt es an bei den Werken? Etwa darauf, daß die äußeren Werke gethan werden? Kommt es darauf an, daß jemand eine Handbewegung in die Tasche macht und daraus seinen Dollar oder zehn hervorholt? Sicherlich nicht! Wenn Gott es bloß auf das Silber oder Gold ankäme, dann könnte Gott es wohl vorhinnehmen, denn alles ist sein. Er brauchte uns Menschen nicht zum Geben. Was fragt er nach dem äußeren Werk? Aber daran ist ihm in seiner großen Herablassung etwas gelegen, wenn jemand die Hand in die Tasche thut und daraus Silber und Gold hervorholt aus Liebe zu Gott, der in Christo sein Vater geworden ist. Solche Werke sind köstlich vor Gott. Es kommt alles darauf an, daß die äußere Handlung des Gebens von der rechten inneren Gesinnung getragen sei,

    (Seite 55 von Original)

    daß es im Herzen heißt: Christus ist für mich gestorben; nun gehört ihm auch mein ganzes Leben und mein irdisches Gut. Diese Gesinnung aber kommt durch das Evangelium in es Herz hinein. Wollte jemand sagen: Was frage ich darnach, aus welcher Gesinnung die Gaben fließen; wenn nur das nöthige Geld beschafft wird, so wäre das heidnisch geredet. Wer so redet, weiß gar keinen Unterschied zwischen Heidenwerken und Christenwerken. Da denkt vielleicht mancher: Aber man kommt eher zu Werken durch es Gesetz. Das ist unter Umständen möglich. Das Menschenherz ist ein wunderliches Ding. Es läßt manches auf sich auch durch es Gesetz heraustreiben, wenn es nur nicht Buße zu thun und an Christum zu glauben braucht. Wenn der Mensch sich die Herzensbuße ersparen kann, gibt er Hunderte und Tausende von Dollars. So ist es zu erklären, daß die Römischen oft so viele äußere Werke aufzuweisen haben. Sie erlassen es den Leuten, sich vor Gott zu demüthigen. Aber das sind verfluchte Werke! Es gibt keinen größeren Greuel vor Gott, als wenn jemand in selbstgerechter Gesinnung, um sich damit den Himmel zu verdienen, Werke thut. Diese Werke haben den Sinn: "Gott ist thöricht gewesen, daß er seinen Sohn gesandt hat, mich zu erlösen. Denn das kann ich selber thun; ich kann mich selber in den Himmel bringen." Solche Werke sind allesammt verloren, und die Seligkeit dazu! Denn so sagt Gottes Wort klar und deutlich: "Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch." Gal 3, 10. Die Pabstkirche ist der Greuel aller Greuel. Sie plündert die Leute in diesem Leben gehörig aus, und raubt ihnen dabei zugleich die Seligkeit. - - Wir wollen nicht auf diese Weise Werke hervortreiben, sondern durch Gottes Gnade alle Werke aus dem Evangelio hervorwachsen lassen. Die Werke, welche aus dieser Duelle fließen, sind wahrhaft gute Werke, die Gott gefallen und mit einem ewigen Gnadenlohn gekrönt werden. Und - - glauben wir es nur - - wir bewirken auf diese Weise auch viele Werke in unsern Gemeinden. Halten wir nur an mit der Predigt des Evangeliums und mit der Evangelischen Ermahnung. Dann werden unsere Gemeinden auch reich an guten Werken.

    Das menschliche Herz ist nie neutral, sondern muß immer etwas haben, woran es hängt. Es gibt keinen Menschen, dessen Herz an nichts hinge. Könnten wir den Menschen in es Herz schauen, so würden wir sehen, daß jedes Menschenherz ein bestimmtes Gut erfaßt hat, an welchem es hängt und das es für das höchste Gut in dieser Welt hält. Von Natur hängt nun das Herz aller Menschen an den irdischen Dingen. Der Mensch, von Gott abgewendet, kann nicht Gott, Gottes Gnade, die Seligkeit 2c für sein höchstes Gut achten, sondern er hält die Schätze dieser Welt, die Sünden dieser Welt 2c für das Begehrenswerthe. Will man nun das Herz von der Erde losmachen, dann muß man ihm ein größeres Gut darbieten. Das größere Gut aber wird ihm durch das Evangelium gegeben. Das Evangelium gibt ihm den Himmel und die Seligkeit. Im Besitz dieser Güter läßt es sich

    (Seite 56 von Original)

    nicht mehr von den Dingen dieser Welt gar gefangen nehmen. Wollen darum wir Prediger die unserer Seelsorge Befohlenen von dem irdischen Sinn erretten, dann müssen wir fleißig und rein das Evangelium von dem himmlischen Erbe predigen. Ein anderes Mittel, die Liebe zu den Dingen dieser Welt in den Herzen zu ertödten, gibt es nicht. Die Predigt des Evangeliums ist das Sündenüberwindende in dieser Welt, nichts anderes.

    Fleißiges, ja, unaufhörliches Ermahnen zu guten Werken, ist nicht gesetzliches Wesen. Das gesetzliche Wesen besteht darin, daß man die guten Werke durch das Gesetz hervortreiben will, anstatt die Werke durch die Erinnerung an die Barmherzigkeit Gottes, die den Christen widerfahren ist, immerfort hervorzulocken. Fleißiges Ermahnen zu guten Werken ist der Pastor allen Gliedern seiner Gemeinde schuldig. Diese Ermahnung, wenn sie rechter Art ist, nämlich eine Ermahnung durch die Barmherzigkeit Gottes, bleibt auch nicht ohne Frucht. Darüber sagt der selige Dr Walther in seinem "Pastorale" unter anderm Folgendes: "Alle wahre Christen sind so beschaffen, daß man mit einer dringenden Ermahnung, so zu sagen, alles bei ihnen ausrichten kann. Gerade darum richten so viele Prediger so wenig bei ihren Christen aus, wenn sie zu guten Werken bewegen oder von unrechtem Wesen abbringen wollen, daß sie, anstatt zu ermahnen, fordern, gebieten, drohen und strafen. Sie ahnen nicht, welche mächtige Waffe sie haben, und nicht gebrauchen. Rechtschaffene, wenn auch mit mancherlei Gebrechen behaftete Christen wollen ja Gottes Wort nicht verwerfen; sie wollen ja gern dem leben, der für sie gestorben ist; sie wollen ja der Sünde, der Welt und dem Teufel nicht mehr dienen, möchten vielmehr so gerne ganz erneuert werden nach dem Ebenbilde ihres Gottes: hören sie daher in dem ermahnenden Prediger die Stimme ihres gnädigen Gottes, so wollen und können sie sich nicht dawider setzen. Auch hierüber mag unser Luther reden. Er schreibt über die Epistel des 19. Sonntags nach Trinitatis in der Kirchenpostille: "Das ist abermal eine Vermahnung an die Christen, daß sie ihrem Glauben auch Folge thun durch gute Werke und neues Leben. Denn ob sie wohl durch die Taufe Vergebung der Sünden haben, so hanget doch noch der alte Adam an ihrem Fleisch, der sich immer reget mit bösen Neigungen und Lüsten, beide zu weltlichen Lastern und zu geistlichen; daß, wo sie solchen nicht widerstehen und wehren, da verlieren sie wieder den empfangenen Glauben und Vergebung der Sünden, und werden hernach ärger, weder sie zuvor gewesen sind; fahen an, Gottes Wort zu verachten und zu verfolgen, so sie dadurch gestrafet werden; ja, auch die, so es gerne hören und werth haben, und im Vorsatz sind, darnach zu leben, dennoch bedürfen sie des täglichen Ermahnens und Reizens. So gar stark und zähe ist die alte Haut des sündlichen Fleisches, und der leidige Teufel so mächtig und schalkhaftig, wo er ein wenig Raum gewinnet; da er eine Klaue kann einsetzen, da dringet er ganz hinnach, bis er den Menschen wieder in das vorige alte verdammliche Wesen des Unglaubens, Gottes

    (Seite 57 von Original)

    Verachtung und Ungehorsams versenket. Darum ist das Predigtamt in der Kirche noth, nicht allein für die Unwissenden, die man lehren soll, als den einfältigen, unverständigen Pöbel und das junge Volk, sondern auch für die, so da wohl wissen, wie sie glauben und leben sollen, sie zu erwecken und zu ermahnen, daß sie sich täglich wehren, und nicht faul noch verdrossen und müde werden in dem Kampf, den sie auf Erden müssen haben mit dem Teufel, ihrem eigenen Fleisch und allen Lastern. Darum treibet auch St Paulus solche Ermahnung so fleißig an seinen Christen, daß es auch schier scheinet, als thue er ihm zu viel, daß er allenthalben so heftig ihnen solches einbläuet, gerade als wären sie so unverständig, daß sie es nicht selbst wüßten, oder so unachtsam und vergessen, daß die es ungeheißen und ungetrieben nicht thäten. Aber er weiß auch, daß, obwohl die Christen angefangen haben zu glauben und in dem Stande sind, darinnen die Frucht des Glaubens sich beweisen soll, so ist es darum nicht so bald gethan noch vollendet; daß es hier nicht gilt, also sagen und denken: Ja, es ist genug, daß die Lehre gegeben ist; darum, wo der Geist und Glaube ist, da werden die Früchte und guten Werke von ihnen selbst folgen. Denn obwohl der Geist da ist und, wie Christus sagt, willig ist und auch wirket in denen, die da glauben, so ist doch auch dagegen das Fleisch, das ist schwach und faul, dazu der Teufel nicht feiert, daß er möge dasselbe schwache Fleisch durch Anfechtung und Reizung wieder zu Fall bringen 2c. Darum muß man die Leute nicht also hingehen lassen, als dürfte man nicht vermahnen noch treiben durch Gottes Wort zu gutem Leben. Nein, du darfst hier nicht nachlässig noch faul sein; denn das Fleisch ist schon allzu faul, dem Geist zu gehorchen; ja, es ist allzu stark, demselben zu widerstehen, wie St. Paulus anderswo gesagt, Gal 5, 17: Das Fleisch gelüftet wider den Geist 2c, daß ihr nicht thut, was ihr wollt. Darum muß Gott hier auch thun, wie ein guter, fleißiger Haushalter oder Regent, wo er einen faulen Knecht oder Magd oder unfleißige Amtleute hat (wenn sie auch sonst nicht böse noch untreu sind); der muß nicht denken, daß es damit ausgerichtet sei, daß er einmal oder zweimal befohlen hat, was sie thun sollen, wo er nicht selbst immer ihnen auf dem Rücken lieget und treibet. Also ist es mit uns auch noch nicht dazu kommen, daß unser Fleisch und Blut daher ginge und sprünge in eitel Freuden und Lust zu guten Werken und Gehorsam gegen Gott, wie der Geist gerne wollte und der Glaube weiset; sondern wenn er sich gleich immer mit ihm treibet und bläuet, so kann er es doch kaum fortbringen; was sollte denn geschehen, wenn man wollte solch Vermahnen und Treiben lassen anstehen und gleichwohl hingehen und denken (wie viel sichere Christen thun): Ja, ich weiß selbst wohl, was ich thun soll, habe es vor so viel Jahren und so oft gehöret, ja, auch andern gelehret! 2c, daß ich halte, wo man ein Jahr schwiege mit Predigen und Vermahnen, so würden wir ärger werden, denn keine Heiden sind." (Seite 86 f).

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    Digitalisiert von Herrn Ron Lah, Lafayette, Indiana USA
    *.htm- und *.doc-Dateien Pfr. Martin Blechschmidt - März 2001 - für den Druck vorgesehen im deutschsprachigen Raum