Wie getrost wir bei allen Vorwürfen, die wir erfahren, sein können, so lange wir ohne Wanken auf Gottes Wort stehen.

Sechste Predigt zur Eröffnung der Synode.

von C. F. W. Walther

Professor am Concordia-Seminar und Präses der Ev.-Luth. Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten

Neu herausgegeben von der Ev.-Luth. Immanuel-Gemeinde Steeden

Runkel-Steeden 2001

 

Gnade sei mit euch, und Friede von dem, der da ist, und der da war, und der da kommt; und von den sieben Geistern, die da sind vor seinem Stuhl; und von JEsu Christo, welcher ist der treue Zeuge, und Erstgeborne von den Todten, und ein Fürst der Könige auf Erden; der uns geliebet hat, und gewaschen von den Sünden mit seinem Blut, und hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott und seinem Vater; demselbigen sei Ehre und Gewalt, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!

Ehrwürdige und geliebte Väter und Brüder in dem HErrn!

Unser Leben ist in eine furchtbare Zeit gefallen; in die Zeit eines doppelten Abfalls; eines auf der einen Seite herrschenden grauenhaften völligen Unglaubens, und eines auf der anderen Seite herrschenden verfälschten und bloßen Schein- Glaubens.

Eine so erschreckliche Sache aber der offenbare Unglaube unserer Tage ist; er hält ungezählte Schaaren schon von der Kirche fern und verschlingt seine Kinder wie ein gefräßiges Ungeheuer: so ist doch der jetzt herrschende falsche Glaube und Scheinglaube in manchen Beziehungen etwas noch Erschrecklicheres. Dieser ist nemlich ein im Inneren der Kirche selbst um sich fressendes Krebsgeschwür, erfüllt selbst inmitten der Kirche Tausende und aber Tausende mit einer falschen Hoffnung, und betrügt so unter Christenthums- Schein um Seele und Seligkeit.

Es ist wahr: auf die Zeit der Herrschaft des Rationalismus ist wieder die Zeit einer allgemeineren gewissen Gläubigkeit innerhalb der Kirche, namentlich von Seiten der Kirchendiener, gefolgt. Auf den Lehrstühlen der Universitäten und auf den Canzeln in den Kirchen, sowie in Druckschriften und religiösen Zeitblättern wird die christliche Religion jetzt wieder vielfach als eine Religion übernatürlicher göttlicher Offenbarung und Wahrheit gepriesen, hingegen der alle Geheimnisse und Wunder des Christenthums frech verwerfende Unglaube vielfach bekämpft. Allein, weit entfernt, daß die Vertreter der jetzigen sogenannten Gläubigkeit zur Lehre der ersten Kirche und der Kirche der Erneuerung bußfertig zurückgekehrt sein sollten, so erklären sie vielmehr mit überaus seltenen Ausnahmen, daß das alte System, wie sie den alten unveränderlichen christlichen Glauben nennen, in dem hellen Lichte der neueren tieferen Forschungen oder, wie man zu reden pflegt, der Wissenschaft sich nicht ferner halten lasse. Während die einen geradezu sagen, daß von den alten Glaubensartikeln dieser und jener ausgegeben werden müsse, so sagen die andern (indem sie dasselbe meinen), daß man zwar freilich den alten Grund stehen lassen, aber auf demselben weiter bauen, nemlich auch in Absicht auf die Lehre fortschreiten und so die Kirche der nöthigen Vollendung entgegen führen müsse. Die Zeit, spricht man, in welcher man das Hauptgewicht auf das bloße ängstliche Bewahren des Vertrauten legte, diese Zeit des Streitens und Zankens um reine Lehre sei glücklicherweise vorüber; und es sei nur Hinderung des Wiederaufblühens des Reiches Gottes, wenn man jene traurige Zeit wieder heraufzubeschwören unternehmen wolle. Von einer Kirche, welche wirklich vor allen anderen die treue Hüterin des unverfälschten Glaubens ist, will man nichts mehr hören; vielmehr setzt jede Partei ihre Ehre darein, nicht zu behaupten, daß sie die reine Wahrheit habe, sondern zu erklären, daß sie nur eine wichtige besondere Richtung vertrete, während sie alle Anderen mit ihren verschiedenen Lehren als Vertreter ebenso berechtigter Richtungen anerkennt.

Unter dem Namen des Christenthums und der christlichen, ja, lutherischen Kirche kommt daher jetzt eine völlig neue Religion zum Vorschein. Die Titel der alten Glaubensartikel hat man zwar noch behalten und täuscht damit unzählige unerfahrene Christen; aber man hat ihnen einen ganz anderen Sinn untergelegt. Man verwandelt so, wie einst im Heidenthum, wieder selbst die Wahrheit in die Lüge. Unter der Gottheit Christi versteht man eine gewisse Göttlichkeit desselben; unter der Kirche des dritten Artikels, die wir glauben, eine sichtbare Anstalt, nemlich unter der Gemeinde der Heiligen und Gläubigen ein Reich der Regierenden und Gehorchenden; unter dem Dienstamt der Kirchendiener einen besonderen privilegierten Stand; unter dem königlichen Priesterthum der Christen die Freiheit derselben zu gottseligen Uebungen; unter den Hoffnungen der Kirche eine einstige tausendjährige sichtbare Herrlichkeit derselben aus Erden; unter der freien Gnadengabe des Glaubens ein freies sich selbst Entscheiden des Menschen; unter dem Sterben ein Dahinfahren in ein Zwischenreich. Die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnaden durch den Glauben sieht man nicht mehr für das A und O, für das Herz und die Seele aller Lehre an; vielmehr achtet man gerade das jetzt fortwährend in den Predigten herrschende Treiben und Drängen auf Heiligung und gute Werke für einen Beweis, daß jetzt mehr lebendiges Christenthum gepflanzt und gepflegt werde, als in den sogenannten guten alten Zeiten; während man so unter dem Deckmantel des Heiligungseifers das Evangelium seines vollen Trostes entleert, beraubt man zugleich unter dem Deckmantel der Freiheit vom alttestamentlichen Gesetzesjoch das ewige Gesetz der Liebe seines tiefen und reichen geistlichen Sinnes.

Das Erschrecklichste aber hierbei und die wahre eigentliche Wurzel dieser völligen Umgestaltung des ganzen christlichen Glaubens in unserer Zeit von Seiten der vorgeblich gläubigen Lehrer ist der völlige Abfall derselben von dem obersten Grundsatz des ganzen Christenthums; von dem Grundsatz nemlich, daß die ganze heilige Schrift das Wort des großen Gottes sei. Fast ohne Ausnahme erklären selbst die für gläubig gelten wollende Theologen unserer Zeit, der Glaube, daß jedes Wort der heiligen Schrift vom Heiligen Geiste eingegeben sei, sei nicht mehr haltbar, ein durchaus überwundener Standpunct; Gottes Wort sei wohl in der heiligen Schrift, aber Gottes Wort und heilige Schrift seien nicht eins und dasselbe, sondern zwei ganz verschiedene Dinge; daher denn die rechte Christus-Lehre nicht aus einzelnen Sprüchen der Schrift, wie man früher wollte, sondern nur aus dem Schriftganzen entnommen und damit begründet werden könne. Diese rechte Lehre heraus zu finden, sei daher Sache der Gelehrten oder der Kirche. So gilt denn, was David im 11 Psalm von den offenbaren Feinden schreibt, jetzt selbst von den vorgeblich Gläubigen. "Sie reißen den Grund um."

Dürfen wir es daher, ehrwürdige und geliebte Väter und Brüder, achten, daß man uns von allen Seiten mit Vorwürfen überhäuft, weil wir von solcher Scheingläubigkeit nichts wissen, ihr die Bruderhand nicht reichen und mit ihr nicht an Einem Joche ziehen wollen? Nein, wahrlich nicht! Wir theilen hierin nur das Loos aller treuen Kinder und Knechte Gottes im Alten wie im Neuen Bunde. Wie getrost wir daher hierbei sein können, das laßt uns jetzt von David lernen. Derselbe schreibt nemlich also

(Text:) Psalm 119, 23--25.:

Es sitzen auch die Fürsten und reden wider mich; aber dein Knecht redet von deinen Rechten. Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen; die sind meine Ratsleute. Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort!

Hiernach laßt uns jetzt erwägen:

Wie getrost wir bei allen Vorwürfen, die wir erfahren, sein können, so lange wir ohne Wanken auf Gottes Wort stehen.

Wir können dies nemlich,

1. weil wir darin die unfehlbare Wahrheit haben bei aller unserer Irrthumsfähigkeit, und

2. weil wir darin auch die vor Gott giltige Gerechtigkeit haben bei aller unserer Unwürdigkeit.

I.

Da wir uns, meine Brüder, nicht nur Lutheraner nennen, sondern uns auch zu der Lehre und dem Glauben unserer evangelisch-lutherischen Kirche als zu der Einen, in allen Puncten reinen göttlichen Wahrheit bekennen, so erfahren wir deswegen von vielen Seiten zunächst den Vorwurf, daß wir uns hiernach offenbar in arger Selbstverblendung für unfehlbar achteten.

Wie? ruft man uns zu, seid ihr denn nicht auch Menschen, welche irren können? Ist es also nicht eine unleidliche Anmaßung, daß ihr die Lehre, die ihr führt, für die allein wahre erklärt und jede andere Lehre als Irrlehre verwerft und verdammt? Ist es nicht ein lächerlicher Stolz, daß ihr klüger sein wollt, als alle die großen gläubigen Forscher unserer Zeit, welche sämmtlich bezeugen, daß sie auf Grund der gewissenhaftesten Prüfung die alte Lehre in vielen Puncten jetzt aufgeben müssen? Sollte es nicht schon die christliche Bescheidenheit von euch fordern, wenn ihr euch mit dem großen Chor der gläubigen Gelehrten unserer Tage vergleicht, anzunehmen, daß eher ihr irren möchtet, als diese? Solltet ihr nicht erröthen, wenn ihr euch zu Richtern über solche Männer und zu Censoren ihrer gelehrten Schriften aufwerfen wollt? Und wenn ihr in keinem Puncte weichen wollt, was macht ihr da aus euch selbst? Was thut ihr damit anders, als daß ihr, wie der Pabst zu Rom, euch für unfehlbar erklärt?

Es ist kein Zweifel, meine Brüder: handelte es sich hier um Dinge, in welchen allein menschliche Gelehrsamkeit, Scharfsinn oder die Vollmacht hoher Aemter und Würden entscheiden kann, so müßten wir allerdings beschämt die Augen niederschlagen, so oft wir solche Vorwürfe erfahren; denn wir müssen ja freilich eingestehen, daß wir nicht nur auch Menschen sind, die, wie alle, leicht irren können, sondern daß wir auch, was Gelehrsamkeit, Scharfsinn und hohe Aemter und Würden betrifft, nur Ursache haben, vor Gott und Menschen demüthig zu sein. Aber es handelt sich hier um etwas ganz anderes. Jener Vorwurf trifft uns daher keinesweges.

Auch David mußte nach unserem Texte einst klagen: "Es sitzen auch Fürsten und reden wider mich"; auch er mußte nemlich nicht allein von Geringen, sondern auch von den "Fürsten", das ist, von den Höchsten und Weisesten seinerZeit, den Vorwurf hören, daß er so verblendet sei, sich für allein weise zu halten. Aber was machte David bei diesem Vorwurfe getrost? Er sagt es selbst, indem er hinzusetzt: "Aber dein Knecht redet von deinen Rechten. Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen, die sind meine Rathsleute." Nicht darum, will David sagen, nehme ich auch von den Weisesten und Angesehensten dieser Welt keine Lehre an, weil ich mich für gelehrter, scharfsinniger und in Amt und Würde höher, als sie, und mich selbst für unfehlbar achtete, sondern weil die Rechte und Zeugnisse des HErrn, weil das Wort Gottes des Allerhöchsten und allein Weisen meine untrüglichen und unfehlbaren "Rathsleute" sind.

Und das ist es denn, meine Brüder, warum auch wir getrost sein können bei allen Vorwürfen, die wir erfahren, so lange wir ohne Wanken auf Gottes Wort stehen: weil wir nemlich erstlich darin die unfehlbare Wahrheit bei aller unserer Irrthumsfähigkeit haben.

Mag man uns immerhin zurufen: Wollt ihr denn unfehlbar sein? Wir antworten: das sei ferne! Aber das Wort, auf dem wir stehen, ist unfehlbar. "Heilige sie", betet Christus in seinem hohepriesterlichen Gebete, "in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit."

Ja, spricht man, wohl ist Gottes Wort die Wahrheit, aber ist Gottes Wort nicht vielfach dunkel und daher gar leicht mißzuverstehen? könnt ihr euch daher nicht ebensowohl, wie andere, in eurer Auslegung des Wortes Gottes irren? Berufen sich nicht selbst alle Ketzer auf die Schrift, und haben sich nicht von jeher Tausende und aber Tausende auch unter denen geirrt, welche an Gottes Wort geglaubt haben? -- Aber, meine Brüder, wohl kann man sich irren, obwohl man an Gottes Wort glaubt, aber nicht in den Dingen, in welchen man fest auf Gottes Wort steht. Gottes Wort ist nicht dunkel und mißverständlich, sondern hell, deutlich und gewiß in allen Artikeln des Glaubens. "Wir haben", schreibt Petrus, "ein festes prophetisches Wort, und ihr thut wohl, daß ihr darauf achtet, als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort." Daß auch an Gottes Wort Glaubende selbst in Artikeln des Glaubens irren, kommt darum nicht daher, weil Gottes Wort undeutlich und mißverständlich wäre, sondern weil auch an Gottes Wort Glaubende nur zu oft, anstatt dem klaren Worte Gottes, ihrer Vernunft, ihrem Dünkel, ihrem Herzen, ihren Vorurtheilen, oder Menschenansehen folgen. Unsere Kirche singt daher:

Dein Wort steht wir ein’ Mauer fest,
Welch’s sich niemand verkehren läßt,
Er sei so klug er wolle.

Ich frage euch: Woher kommt es, daß die ganze reformirte Kirche nicht an die wesentliche Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im heiligen Abendmahl glaubt? Sind Christi Worte: "das ist mein Leib, das ist mein Blut", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß dieselben an die wiedergebärende und seligmachende Kraft der Taufe nicht glauben? Sind Christi Worte: "Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen; wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß dieselben nicht an den allgemeinen göttlichen Gnadenwillen und an die allgemeine Erlösung Christi glauben? Sind die Worte Gottes: "Gott will nicht, daß jemand verloren werde; Christus JEsus hat sich selbst gegeben für alle zur Erlösung", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß dieselben nicht an Christi Allgegenwart nach seiner Menschheit glauben? Sind Christi Worte, die er noch im Stande der Erniedrigung sprach: "Niemand fähret gen Himmel, denn der vom Himmel hernieder kommen ist, nemlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß viele, welche an Gottes Wort zu glauben bekennen, doch an die Freiheit der Christen von dem Gesetz eines besonderen Sabbathtages nicht glauben? Ist das Wort Gottes: "So lasset euch nun niemand Gewissen machen über Speise, oder über Trank, oder über bestimmten Feiertagen, oder Neumonden, oder Sabbather, welches ist der Schatten von dem, der zukünftig war; aber der Körper selbst ist in Christo", -- sind diese Worte nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß jetzt viele leugnen, daß alle gläubige Christen des Neuen Testamentes die priesterliche Würde und damit ursprünglich alle priesterlichen Rechte, Aemter und Gewalten besitzen? Ist das Wort Gottes: "Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das Volk des Eigenthums, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden deß, der euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht. Es ist alles euer", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß viele jetzt nicht glauben wollen, daß die Gemeinde das letzte Gericht in der Kirche habe? Ist das Wort Christi: "Höret er die", nemlich auch mehrere, "nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halte ihn für einen Heiden und Zöllner", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß viele jetzt die Lehre verwerfen, daß die Kirche Christi im eigentlichen Sinn, die sein Reich ist und die Verheißung hat, keine sichtbare Anstalt, sondern ein unsichtbares Reich sei? Ist Christi Wort: "Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: Siehe, hie oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch", nicht deutlich und klar? Woher kommt es, daß jetzt viele von einer besonderen tausendjährigen Herrlichkeit der Kirche am Ende der Tage träumen? Ist Christi Wort: "Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?", nicht deutlich und klar? Woher kommt es endlich, daß jetzt so viele selbst offenbare Lehren des göttlichen Wortes zu offenen Fragen machen, deren Verfälschung man daher in der Kirche dulden müsse? Ist Gottes Wort: "Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig; wer mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?" nicht deutlich und klar?

Was ist es also, wenn man, meine Brüder, wider uns den Vorwurf erhebt, daß wir uns mit unserem steifen Festhalten an unserer Lehre der Anmaßung schuldig machten, unfehlbar zu sein? -- So lange wir ohne Wanken auf Gottes Wort stehen, so lange können wir bei diesem Vorwurf getrost sein, denn im klaren Wort Gottes haben wir wirklich die unfehlbare Wahrheit bei aller unserer Irrthumsfähigkeit. Gott hat seinen Christen sein Wort nicht gegeben, um sie dennoch den Gelehrten zu unterwerfen, als ob diese ihnen nemlich dasselbe allein aufschließen könnten. Nein, die göttliche Schrift ist nicht eine Sammlung von zweideutigen Orakelsprüchen und Räthseln, die nur menschlicher Scharfsinn uns lösen könnte; Gottes Wort ist vielmehr deutlich und klar in allen Artikeln des Glaubens, heller denn das Licht der Sonne, denn es macht selbst die Blinden sehend und die Albernen weise; Gottes Wort ist das rechte unfehlbare ökumenische Concilium, denn es ist die große Rathsversammlung aller Propheten und Apostel, in welcher die Richterstimme Christi selbst uns stets eine unzweideutige Antwort gibt, so oft wir sie um Rath fragen.

Mögen daher unsere Gegner vorgeben, daß sie nur gegen die Unfehlbarkeit unserer menschlichen Auslegung des mehrdeutigen Wortes Gottes kämpfen: die Lehre, die wir bekennen, ist nicht unsere Auslegung, sondern nichts anderes, als das sich selbst auslegende klare und unfehlbare Wort des HErrn selbst; unsere Gegner kämpfen daher nicht gegen uns, sondern in uns gegen den HErrn selbst und sein Wort. Was Gott einst zu Samuel sprach: "Sie haben nicht dich, sondern mich verworfen", das gilt auch uns. O wie getrost können wir daher sein bei allen Vorwürfen, die wir erfahren!

II.

Doch, meine Brüder, dies können wir, so lange wir ohne Wanken auf Gottes Wort stehen, auch darum, weil wir in Gottes Wort auch zweitens die vor Gott giltige Gerechtigkeit haben bei aller unserer Unwürdigkeit.

Da wir nemlich nicht nur unsere Lehre für die Eine in allen Puncten reine göttliche Wahrheit erklären, sondern auch nur mit denen glaubensbrüderliche, Sacraments- und Kirchengemeinschaft eingehen wollen, welche mit uns in der Einigkeit dieser Lehre und dieses Glaubens stehen, so erhebt man wider uns auch den Vorwurf, daß wir uns hiermit offenbar in unerträglicher Selbstüberhebung für besser und würdiger, als andere, achten.

Wie? ruft man uns zu, gehört ihr nicht auch zu denen, von welchen geschrieben steht: "Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten"? Ist es also nicht ein offenbarer Pharisäismus, daß ihr euch so absondert? Ist es nicht ein Zeichen grober Selbstgerechtigkeit, daß ihr die Bruderhand, die man euch reicht, ausschlagt? Finden sich nicht in euren Gemeinden räudige Schafe und ärgerlicher Hader? Finden sich nicht auch zuweilen unter euren Predigern solche, welche sich schwerer Verstöße und Mißgriffe in ihrem Amte schuldig machen, ja, offenbare Miethlinge, selbst Menschen, um deren greulicher Sündenfälle willen der Name des HErrn unter den Feinden gelästert worden ist? Solltet ihr daher nicht vielmehr froh sein, wenn andere mit euch Gemeinschaft zu halten sich nicht schämen, anstatt die euch augebotene zu versagen? Solltet ihr nicht erst den Balken aus eurem Auge ziehen, ehe ihr um des Splitters in dem Auge Anderer willen euch von ihnen zurückzieht?

Ohne Zweifel auch David erfuhr einst bei seinem treuen Bekenntniß der Wahrheit ähnliche Vorwürfe. Man erinnerte auch ihn an seinen tiefen Fall und erklärte daher seine Unbeugsamkeit in Sachen des Glaubens für ein Zeichen seiner Unbußfertigkeit. Was thut nun David? Er spricht unter anderem in unserem Texte weiter: "Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort." Weit entfernt also, daß David seines tiefen Falls uneingedenk geworden sein und wieder über irgend einen Sünder sich selbstgerecht erhoben haben sollte, so drückte vielmehr fort und fort das Andenken an seinen Fall ihn tief in den Staub. Während sich seine Feinde. über seine angebliche Selbstüberhebung und Unbußfertigkeit unterhielten, war er oft müde von Seufzen und schwemmte sein Bette die ganze Nacht und netzte mit seinen Thränen sein Lager. Aber dabei verzweifelte er allerdings nicht, mochten immerhin noch so bittere Urtheile Anderer über ihn ergehen, sondern rief, während seine Seele im Staube lag: "Erquicke mich nach deinem Wort!" Das Wort also, daran er ohne Wanken fest hielt, war sein Trost; vor allem das über ihn gesprochene Wort des Propheten: "So hat auch der HErr deine Sünde weggenommen, du wirst nicht sterben"; denn darin fand er die vor Gott giltige Gerechtigkeit bei aller seiner Unwürdigkeit.

Und das Wort ist es denn, was auch uns, meine Brüder, getrost macht auch bei dem zweiten Vorwurf, daß wir uns in unerträglicher Selbstüberhebung für würdiger, als andere, achteten.

Ach, wir wissen es selbst nur zu wohl, ja, wir wissen es selbst besser, als es die scharfen Augen unserer Widersacher an uns erspähen können, daß unsere Synode keine Ursache hat, sich über irgend eine andere Gemeinschaft selbstgerecht zu erheben; wir wissen es und bekennen es vielmehr öffentlich vor aller Welt, daß, wenn Gott mit uns in das Gericht gehen wollte, er uns von seinem Angesichte verwerfen müßte. Nicht irgend eine angeblich größere Würdigkeit, Heiligkeit und Vollkommenheit ist es, die wir uns zuschreiben und darauf wir pochen und die uns, den Vorwürfen unserer Widersacher gegenüber, getrost macht, sondern nichts als das Wort, in welchem Gott der Heilige Geist die von dem Sohne dem Vater geleistete Genugthuung für die Sünden aller Sünder allen, die ihre Sünden bußfertig erkennen, verkündigt, anbietet, darreicht und übergibt. Auch wir sprechen, während die Fürsten wider uns reden, mit David: "Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort." Und wir glauben fest, daß die Antwort, welche uns Gott auf dieses unser Gebet gibt, dieselbe Versicherung ist, welche Christus einst seinen Jüngern gab: "Ihr seid rein um des Worts willen, das ich zu euch geredet habe." Wir sprechen daher mit unserer ganzen Kirche:

Hab’ ich was nicht recht gethan,
Ist mir’s leid von Herzen,
Aber dafür nehm’ ich an
Christi Blut und Schmerzen.

Der Grund, da ich mich gründe,
Ist Christus und sein Blut,
Das machet, daß ich finde
Das ew’ge wahre Gut.


An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erd,
Was Christus mir gegeben,
Das ist der Liebe werth.

Wohl meinen unsere Gegner, zu unserer nöthigen Demuth und Buße gehöre aber eben vor allem jene Bescheidenheit und Friedfertigkeit, nach welcher man selbst denen die Bruderhand reiche, welche nach unserer Meinung von Gottes Wort abgehen und es verfälschen. Aber das sei ferne! Gerade weil in dem Wort allein alle Würdigkeit und Gerechtigkeit des Menschen vor Gott, alles Heil und alle Seligkeit verschlossen liegt, darum gehört vielmehr zur wahren Demuth eines, wenn auch noch so tief Gefallenen, daß er mit dem tiefgefallenen, aber bußfertigen David spreche: "Du wirst ja nimmer eins mit dem schädlichen Stuhl, der das Gesetz übel deutet. Darum hasse ich ja, HErr, die dich hassen. Ich hasse sie in rechtem Ernst." Gerade weil wir allein im Wort die Barmherzigkeit gefunden haben, die uns widerfahren ist und täglich widerfährt, so dringt uns nun auch die Liebe zu Gott und unseren Brüdern, daß wir auch das geringste Tüttelchen dieses Wortes, dieses Schatzes über alle Schätze, über aller Menschen Heiligkeit, Weisheit, Gunst, Frieden, Freundschaft und Gemeinschaft setzen.

O, meine Brüder, so laßt uns denn auch fernerhin ohne Wanken auf Gottes klarem und gnadenvollem Wort stehen! Werden wir das thun, so können wir getrost sein bei allen Vorwürfen, die wir erfahren; denn darin, ich wiederhole es, haben wir die unfehlbare Wahrheit bei aller unserer Irrthumsfähigkeit, und die vor Gott giltige Gerechtigkeit bei aller unserer Unwürdigkeit. Dem HErrn, unserem Gott, aber sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.

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© - Hinweis
Digitalisiert von Herrn Ron Lah, Lafayette, Indiana USA
*.htm- und *.doc-Dateien Pfr. Martin Blechschmidt - März 2001 - für den Druck vorgesehen im deutschsprachigen Raum