C. M. Zorn, Die Psalmen, Verlag
des Schriftenvereins (E.Klärner), Zwickau (Sachsen) 1921, Auszug
Seiten 691-694
Zur Verfügung gestellt von Herrn Dieter
Junghans, Hartenstein
Der 134.Psalm
Vom Amt der Kirchendiener
"Siehe, lobet* den HErrn, alle Knechte des HErrn, die ihr stehet des Nachts im Hause des Herrn. Hebet eure Hände auf im Heiligtum, und lobet* den HErrn. Der Herr segne dich aus Zion, der Himmel und Erde gemacht hat."
Dieser Psalm galt im Alten Bunde und gilt im Neuen Bunde.
Im Alten Bunde war der Stamm Levi ausgesondert und bestimmt zum Dienst am Heiligtum des Herrn. 4.Mos.1,48-53. In diesem Stamme Levi hatte das Haus Aarons das Priestertum. 2.Mos.28,1; 29,9; 40,15. 4.Mos.18,7. Die übrigen Leviten hatten den Priestern zu dienen und allerlei anderen, nicht zum eigentlichen Priestertum gehörenden Dienst am Heiligtum zu verrichten. 4.Mos.3,5-10; 18,1-7.
Alle diese, Priester und Leviten, sind in ihrem Amt "Knechte des HErrn". Ps.135,1.2.19.20. Und "Siehe!": sie sollen aufmerken auf das, was ihnen gesagt wird. Sie, die auch des Nachts im Hause des HErrn stehen (3.Mos.8,30-35. 1.Chron.24,26-30; 10,33), sollen den HErrn segnen, benedeien, sollen ihre Hände aufheben (Ps.28,2) im Heiligtum und den HErrn segnen, benedeien. Und zum anbetenden Volk Israel gewandt sollen die Priester sagen: "Der HErr segne dich aus Zion, der Himmel und Erde gemacht hat!" 4.Mos.6,22-27. Ps.128,5; 124,8. Wenn dieser große HErr segnet, so muß ja alles Gute kommen.
Im Neuen Bunde gibt es keinen Stamm, der zum Dienst am Heiligtum auserwählt, ausgesondert und verordnet ist, auch keine Priester- und Priestergehilfenklasse, die vor anderen das Privilegium hat, des Gottesdienstes zu warten und zu walten. Das papistische Priestertum ist eine widergöttliche Nachäfferei des alttestamentlichen Priestertums. Dieses ist im Neuen Bunde völlig abgetan als unvollkommen, als zu schwach, als nicht nütze, als nur ein Schatten von etwas viel Besserem, das da kommen sollte. Hebr.7,11-19; 10,1-4. Im Neuen Bunde ist nur ein großer und ewiger Hoherpriester (Hebr.7,26), das ist Jesus Christus; der hat ein ewig geltendes Opfer für die Sünde der Welt gebracht, das Opfer seiner selbst (Hebr.7,27; 10,12); der ist durch sein eigen Blut einmal in das Heilige des Himmels eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. Hebr.9,12. Im Neuen Bunde gibt es nur ein ganz einheitliches Volk Gottes, das ist das Volk der gläubigen Christen, die Gott berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht, und die in Gnaden sind. 1.Petr.2,9.10. Röm.10,12. 1.Kor.12,13. Gal.3,28. Dies auserwählte Geschlecht, dies königliche Priestertum, dies heilige Volk, dies Volk des Eigentums ist das Zion, das Jerusalem, welches allen Gottesdienst selbst zu besorgen hat und das Evangelium in eigener Mitte und unter allen Völkern zu predigen hat. 1.Petr.2,9. Jes.40,9.
Aber, fragst du, hat nicht Gott gesetzt und gegeben in dieser Gemeinde Hirten und Lehrer, die sie mit Gottes Wort weiden und acht haben sollen auf sie? Ja, ganz gewiß! 1.Kor.12,28. Eph.4,11. Apostelgesch.20,28. Aber das sind Diener und Knechte und Werkzeuge der Gemeinde, durch welche die Gemeinde öffentlich und von Gemeinschafts wegen das tun läßt, was ihr selbst erstlich und eigentlich und allein befohlen ist. 1.Kor3,5. 2.Kor.4,5. Eph.4,12. Auch die Apostel und die neutestamentlichen Propheten und die Evangelisten waren solche Fertigstellung und Ausrüstung und Dienstmannschaft der Gemeinde für das ihr befohlene Amt. Eph.4,11.12. Kol.1,24.25. Die Hirten und Lehrer und Aufseher (Bischöfe) der Gemeinde sind wahrlich kein besonderer Stand, keine privilegierte Klasse, sondern sie sind von der Gemeinde selbst aus ihrer eigenen Mitte gewählte und berufene und verordnete Dienstpersonen, die im Namen und Auftrag der Gemeinde öffentlich das Wort Gottes predigen und die heiligen Sakramente verwalten sollen. Sie stehen in diesem ihren Dienst nicht über, sondern unter der Gemeinde und sind der Gemeinde für ihre Dienstausrichtung Rechenschaft schuldig. 1.Kor.10,15.16. 1.Joh.4,1. 1.Thess.5,12. 2.Joh.10.11. Phil.3,2. Matth.7,15. Apostelgesch.20,29-31. Aber eben weil sie das Wort Gottes zu predigen und die Sakramente Gottes zu verwalten haben, so sind diese Hirten und Lehrer und Bischöfe in ihrem Amte Knechte und Diener Gottes und Christi. Wie die sie berufende Gemeinde, so sind auch sie Haushalter der mancherlei Gnade Gottes, Haushalter über Gottes Geheimnisse, und haben Gott Rechenschaft für die Ausrichtung ihres Amtes zu geben. 1.Petr.4,10.11. 1.Kor.4,1-6. Diener der Gemeinde und Diener Gottes, Rechenschaft geben der Gemeinde und Gott Rechenschaft geben das ist vereint. Es ist ja Gott, der in Gnaden will, daß seine Gemeinde solche Hirten und Lehrer hat, der ihr zu ihrem Besten solche setzt und gibt. Eph.4,11.13.14.
Nun all diesen Knechten und Dienern Christi (1.Kor.4,1) gilt das "Siehe!" des Psalms. Sie sollen zu Herzen fassen, was ihnen gesagt wird. Sie sollen den Herrn benedeien und loben durch redliche Ausrichtung ihres Amtes, wie das der Apostel Paulus dem Timotheus so ernstlich ans Herz legt. 2.Tim.4,1-5. Sie sollen mit allem Fleiß stehen im Hause des HErrn, welches ist die Gemeinde des lebendigen Gottes (1.Tim.3,15); gibt es Arbeit in der Nacht, so soll es nicht heißen: "Mache mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kindlein sind bei mir in der Kammer; ich kann nicht aufstehen." Luk.11,7. Lies 1.Thess.2,1-12. Apostelgesch.20,31. 1.Petr.5,1-3. Luk.12,42-46. Mark.13,34-37. Und mit betendem Aufheben der Hände zu Gott sei dieser Fleiß verbunden, mit Beten um den Heiligen Geist für sich selbst und für die Gemeinde, daß der HErr durch solche Amtsausrichtung gebenedeit und gelobt werde. 1.Tim.6,13-16. Den Segen des HErrn, der Himmel und Erde gemacht hat, sollen die Diener der Gemeinde je der ihnen befohlenen Herde bringen.
Ach, bleib' mit deinem Worte
Bei uns, Erlöser wert,
Daß uns beid' hier und dorte
Sei Güt' und Heil beschert.
Ach, bleib' mit deinem Segen
Bei uns, o reicher Herr,
Dein' Gnad' und all's Vermögen
In uns reichlich vermehr'. Amen.
* Im Hebräischen heißt es "Segnet" oder benedeiet. "Lobet" ist zwar wesentlich dasselbe. Aber um des in diesen 15 (120-134) "Liedern der Aufsteigungen" beabsichtigten Gleichklanges willen ist zu bemerken, daß in Vers 1 und 2 das Wort "Segnen" ebenso gebraucht ist wie in Vers 3.