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Der Zweck des Kleinen Katechismus Luthers
von Prof. Franz Pieper

Fragen wir nach dem ersten und nächsten Zweck, den Luther durch die Verabfassung und Veröffentlichung seines Kleinen Katechismus erreichen wollte, so können wir mit einem modernen -- zumeist gemißbrauchten -- Ausdruck sagen: Luther wollte erreichen, daß es wieder "intelligente Christen" in der Christenheit gebe. Er wollte auf dem Wege eines kurzen, klaren und allgemeinverständlichen Unterrichts aus Gottes Wort jedem Christen eine solche Erkenntnis der christlichen Lehre und des christlichen Lebens vermitleln, die jedem Christen not ist, wenn er den Christennamen mit Recht tragen soll. Ein solch christliches Volk fand aber Luther nach der langen Papstwirtschaft im großen und ganzen nicht vor. Das war ihm bei der "Kirchenvisitation" in erschreckendem Umfange deutlich entgegengetreten. Er sagt in der Vorrede zu seinem Kleinen Katechismus: "Diesen Katechismum oder christliche Lehre in solche kleine, schlechte, einsältige Form zu stellen, hat mich gezwungen und gedrungen die klägliche, elende Not, so ich neulich erfahren habe, da ich auch ein Visitator war. Hilf, lieber Gott, wie manchen Jammer habe ich gesehen, daß der gemeine Mann doch so gar nichts weiß von der christlichen Lehre, sonderlich auf den Dörfern, und leider viel Pfarrherren fast ungeschickt und untüchlig sind zu lehren und sollen doch alle Christen h eißen, getauft sein und der heiligen Sakramente genießen, können weder Vaterunser noch den Glauben oder zehn Gebote, leben dahin wie das liebe Vieh und unvernünftige Säue, und nun das Evangelium kommen ist, dennoch fein gelernt haben, aller Freiheit meisterlich zu mißbrauchen."

In sehr harten Worten klagt Luther die papistischen Bischöfe an, daß sie ihr besohlenes Amt so gänzlich vernachlässigt haben. Anstatt, wie der Name Bischof besagt, das Volk die Hauptstücke des christlichen Glaubens und Lebens zu lehren, haben sie des Papstes Menschengesetze in das Volk getrieben. Luthers harte Anklage lautet: "O ihr Bischöfe, was wollt ihr doch Christo immermehr antworten, daß ihr das Volk so schändlich habt lassen hingehen und euer Amt nicht einen Augenblick je beweiset [habt]? Daß euch alles Unglück fliehe! Gebietet einerlei Gestalt im Sakrament und treibet auf eure Menschengesetze, fraget aber dieweil nichts danach, ob sie das Vaterunser, Glauben, zehn Gebote oder einiges Gotteswort können. Ach und Wehe über euren Hals ewiglich!"

Darauf wendet sich Luther der Gegenwart zu. Er warnt nun die lutherischen Pastoren vor derselben Vernachlässigung der Seelen, die er den papistischen Bischöfen zur Last legen mußte. Er sagt: "Darum bitte ich um Gottes willen euch alle, meine lieben Herren und Brüder, so Pfarrherren oder Prediger sind, wollet euch eures Amtes von Herzen annehmen, euch erbarmen über euer Volk, das euch befohlen ist, und uns helfen, den Katechismus in die Leute, sonderlich in das junge Volk, bringen, und welche es nicht besser vermögen, diese Tafeln und Form [Luthers Kleiner Katechismus ist gemeint] vor sich nehmen und dem Volk Wort für Wort vorbilden. . . . Unser Amt ist nun ein ander Ding worden, denn es unter dem Papst war: es ist nun ernst und heilsam worden. Darum hat es nun viel mehr Mühe und Arbeit, Fahr und Anfechtung, dazu wenig Lohn und Dank in der Welt. Christus aber will unser Lohn selbst sein, so wir treulich arbeiten. Das helfe uns der Vater aller Gnaden! Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit durch Christum, unsern HErrn! Amen."

"Den Katechismus in die Leute, sonderlich in das junge Volk, bringen", lag Luther so sehr am Herzen, daß er nicht nur Unterricht erteilt, wie der Katechismustext einzuprägen und lebendig zu machen sei, sondern auch Anweisung gibt, wie die Predigten der Pastoren beschaffen sein müssen, wenn sie dem Volk wahrhaft nütze und ein Mittel sein sollen, ein christlich intelligentes Volk heranzubilden und zu erhalten. Die Pastoren -- das einzuschärfen, wird Luther nicht müde -müssen in ihren Predigten nicht nach "hohen Dingen" trachten, sondern den "Katechismus" predigen. Darunter versteht Luther nicht sowohl Predigten, denen Katechismusworte als Text zugrunde gelegt werden, sondern Predigten über irgendeinen der Schrift entnommenen Text, seien es die gewöhnlichen Perikopen oder einzelne Schriftstellen, die in der Regel "Freitexte" genannt werden. In allen Predigten aber sollen unermüdlich die christlichen Lehren gepredigt werden, die jedem Christen zu wissen not sind. Luther mahnt einerseits, "daß man die nicht verachte, so die Schrift auslegen und die schwere Bücher wohl handeln und geben können". Aber das sollen diese am gehörigen Ort tun, nämlich unter den Gelehrten und wenn sie unter sich sind. Da mögen sie es "so buntkraus machen und so meisterlich drehen", als sie können, so daß, wie Luther gelegentlich bemerkt, Gott im Himmel sich über ihre Gelehrsamkeit wundert. Aber in der öffentlichen Predigt, die nicht bloß für einige Gelehrte, sondern für das ganze Volk bestimmt ist, sollen die Prediger aufs äußerste sich befleißigen, zwar gründlich, aber "einfältig, vernehmlich, lauter und rein" die Dinge zu predigen, die alle Christen zu einem rechten christlichen Glauben und Leben bedürfen. Als solche Dinge nennt Luther immer wieder die Dinge, die im Katechismus zusammengestellt sind. "Die besten und nützlichsten Lehrer", sagt er, "und den Ausbund halte man die, so den Katechismus wohl treiben können, das ist, die das Vaterunser, zehn Gebot' und den Glauben recht lehren; das sind (Seite 35) seltsame Vögel. Denn es ist nicht groß Ruhm noch Schein bei solchen, aber doch großer Nutz, und ist auch die nötigste Predigt, drinnen kurz begriffen ist die ganze Schrift, und kein Evangelium ist, darin man solches nicht lehren könnte, wenn man's nur tun wollle und sich des gemeinen armen Mannes annähme zu lehren. Man muß ja dem Volk solch kurz Ding immer vorbleuen, als Vaterunser, zehn Gebot' und Glauben, und danach in allenEvangelien undPredigten darauf dringen und treiben." Luther verweist in bezug auf diesen Punkt auf sein eigenes Vorbild. Er sagt: "Wenn ich allhie [zu Wittenberg] predige, lasse ich mich aufs tiefste herunter, sehe nicht an die Doctores und Magistros, der in die vierzig drinne sind, sondern auf den Haufen junger Leute, Kinder und Gesinde, der in die hundert oder tausend da sind; denen predige ich, nach denselben richte ich mich, die dürfen's. Wollen's die andern nicht hören, so stehet die Tür offen." 1)

Was nun weiter die Beschaffenheit des Kleinen Katechismus Luthers betrifft, so wird allgemein der "thetische Charakter" desselben mit Recht gelobt. So schreibt z. B. D. Zezschwitz-Erlangen: "Zu den besonders auszeichnenden Zügen des Kleinen Katechismus Luthers gehört insbesondere auch sein rein thetischer Charakter." 2) Daß Luther in seinem Kleinen Katechismus sich auf die Darlegung und das Bekenntnis der rechten christlichen Lehre beschränkt und sich der Polemik gegen die falsche Lehre enthält, charakterisiert ihn als den von Gott gesandten Reformator der christlichen Kirche. Luther ist wahrlich ein gewaltiger und gründlicher Polemiker. Er fordert auch von jedem öffentlichen Lehrer und Prediger, daß er zu den Irrtümern, die auf den Plan getreten sind, nicht stillschweige. Sonst werde man ihn nicht ernst nehmen, sondern für einen "Zweifler oder Windfaher" halten. Aber Luther ist geistlich verständig. Er weiß, daß Polemik gegen falsche Lehre erst dann am Platze ist und erst dann verstanden wird, wenn zuvor die rechte Lehre vorgelegt und gelernt ist. Das ist der Grund des "thetischen" Charakters des Kleinen Katechismus und des Verzichts auf Polemik in demselben.

Aber kann denn der lutherische Christ erwarten, daß er aller Polemik überhoben sein werde? Steht es etwa so, daß der Teufel, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge, sich nicht an die lutherischen Christen heranwage, sondern ihnen meilenweit aus dem Wege gehen werde, sobald er gewahr geworden ist, daß sie ihren Katechismus wohl gelernt haben und auch zu gebrauchen wissen? Luther erinnert in seinen Predigten von den falschen Propheten daran, daß das nicht des Teufels Art sei. Und darin hat Luther sicherlich recht. Er sagt damit nur, was Christus allen Christen bis an den Iüngsten Tag warnend und mahnend zuruft: "Sehet euch vor vor den falschen Propheten!" Luther sagt in einer seiner Predigten über diesen Text:3)

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1) E.A. 59, 272f. 2) RE.2 VII, 592. 3) St. L. XIII,790ff.

"Diese Predigt hat der HErr getan zum Beschluß des langen Sermons auf dem Berg, den St. Matthäus beschreibt im 5., 6. und 7.Kapitel. Und das darum, daß er wohl weiß, wo unser HErrgott eine Kirche baut, da baut der Teufel einen Kretschmar oder Wirtshaus dabei; . . . denn es ist allzeit so gewesen, wenn die rechte Predigt ihren Lauf gehabt hat, daß der Teufel falsche Lehre und Ketzerei daruntergemengt hat. Wie du in einem Garten siehst; da fehlt es nimmermehr, wenn man was Gutes drein säet, so wächst Unkraut auch mit, und hat Mühe, daß man den guten Samen vor dem Unkraut behalten und aufbringen kann. Weil denn anders nicht draus wird, wir müssen hier auf Erden unter dem Teufel sein, der die Welt unter sich hat und sein Unkraut immer zwischen einsäet, so vermahnet und warnt uns der HErr im heutigen Evangelium als unser treuer Lehrer und Erzhirte unserer Seelen, daß wir uns sollen vorsehen und hüten vor den falschen Propheten. Als sollte er sagen: Ich habe euch mein Wort gegeben und treulich gelehrt, was ihr tun, und wie ihr die zehen Gebote recht verstehen, recht beten, recht fasten, Gott vertrauen und anderes sollt. Nun liegt's daran, daß ihr euch vorsehet, daß ihr von solcher Lehre nicht abgeführet werdet. Ich warne euch, ihr werdet euch nicht können entschuldigen; denn ich sende euch nicht unter Engel, sondern unter die Wölfe und säe euch nicht unter den Weizen, sondern mitten unter das Unkraut. Darum sehet euch vor, daß ihr euch nicht verführen lasset!" Im Anschluß hieran weist Luther auch darauf hin, wo die Gefahr, verführt zu werden, liege. Der Teufel kommt in den falschen Propheten zu uns, "nicht in einer Wolfshaut, die kenntlich und scheulich ist, sondern in Schafskleidern. Denn erstlich führen sie Gottes Wort und die Schrift, rühmen viel von Christo, von Gottes Geist". "Ihrer keiner kommt, der da bekennete, daß er die Leute wollte verführen und unrecht predigen." Als Schafskleid tritt auch auf "das Amt oder Beruf und die großen, herrlichen Titel wie wir denn erfahren haben, daß Papst und Bischöfe den meisten Schaden damit getan haben und noch [tun], daß sie ihr Amt gerühmt und derhalben ihre Satzung wollen gehalten haben". Ferner kann auch ein Schafskleid sein, "äußerlich einen schönen Schein und gleißend Leben führen". "Mit dem Mönchs- und Nonnenleben hat es auch so einen Schein gehabt, daß die ganze Welt damit ist geäfft und betrogen worden." Aber zugleich erinnert Luther daran, daß jeder, der durch Gottes Gnade den Katechismus wohl innehat, dadurch auf eine solche Stufe der christlichen Intelligenz erhoben ist, daß er die falschen Propheten selbst dann erkennt, wenn sie auch in "zwanzig Schafshäute" verhüllt sich vorstellen. Er sagt: "Wo ein Christ fleißig wäre und hätte nicht mehr denn den Katechismum, die zehn Gebote, den Glauben, das Vaterunser und die Worte des HErrn von der Taufe und Sakrament des Altars, der könnte sich fein damit wehren und aufhalten wider alle Ketzereien. Kein besser Wort noch bessere Lehre wird aufkommen, denn so im Katechismo aus der Schrift kürzlich verfasset ist. Darum soll man dabei bleiben, auf (Seite 37) daß, wenn ein Ketzer und Schwärmer auftritt und anders lehrt, man sagen könne: Das ist nicht recht gelehret, denn es stimmet nicht mit meinem Katechismo." 4) Von derselben Sache sagt Luther ganz kurz: "Ich will sehen, ob es sich mit meinem Katechismo reime und mit der Predigt, die ich bisher gehört habe. Wer also fein achtsam ist und nicht bloß glaubt, sondern auf das Worl sieht, mit dem hat es keine Not." 5)

Luther redet aus Erfahrung. Er hat reichlich die Probe auf das Exempel gemacht. Er hat durch Gottes Gnade vermittelst des Katechismus "den Teufel zu Rom, den Papst, deponiert" (gedemütigt, auf seine richtige Größe reduziert).6) Luther schreibt daher auch an den Markgrafen Georg von Brandenburg in Sachen der Abstellung des Greuels der papistischen Stillmesse u. a.: "Der Katechismus würde viel Gutes bringen, wie er denn alles Gute, so in unserm Urteil jetzt ist, gebracht hat und noch bringt, und kein' stärker', besser' Kunst ist, die Leute bei der Andacht und die Kirche ganz zu erhalten, denn der Kate.chismus, wie wir das täglich erfahren." 7) An den Kurfürsten von Sachsen schrieb Luther in bezug auf die herrliche Frucht des Katechismusunterrichts, wie schon im Vorwort zu "Lehre und Wehre" erinnert wurde: "Es wächset jetzund daher die zarte Jugend von Knäblein und Maidlein, mit dem Katechismus und Schrift so wohl zugerichtet, daß mir's in meinem Herzen sanft tut, daß ich sehen mag, wie jetzt junge Knäblein und Maidlein mehr beten, glauben und reden können von Gott, von Christo denn vorhin und noch alle Stifte, Klöster und Schulen gekonnt haben und noch können. Es ist fürwahr solches junge Volk in Eurer kurfürstlichen Gnaden Lande ein schönes Paradies, desgleichen auch in der Welt nicht ist." 8) Noch ausführlicher redet Luther über den Unterschied zwischen Früher und Jetzt, der durch den Katechismus herbeigeführt wurde, in den folgenden Worten:9) "Es hat zuvor niemand gewußt, was das Evangelium, was Christus, was Taufe, was Beichte, was Sakrament, was der Glaube, was Geist, was Fleisch, was ‘gute Werke, was die zehn Gebote, was Vaterunser, was Beten, was Leiden, was Trost, was weltliche Obrigkeit, was Ehestand, was Eltern, was Kinder, was Herren, was Knechte, was Frau, was Magd, was Teufel, was Engel, was Welt, was Leben, was Tod, was Sünde, was Recht, was Vergebung der Sünden, was Gott, was Bischof, was Pfarrherr, was Kirche, was ein Christ, was Kreuz sei. Summa, wir haben gar nichts gewußt, was ein Christ wissen soll. Alles ist durch die Papstesel verdunkelt und unterdrückt. Es sind je Esel, und große, grobe, un,gelehrte Esel in christlichen Sachen. Denn ich bin auch einer gewest und weiß, daß ich hierin die Wahrheit sage, und werden mir des zeugen alle frommen Herzen, die unter dem Papst, sowohl als ich gefangen, gern solcher Stücke eines hätten gewußt, und haben's nicht wissen können noch müssen. Wir wußten nicht anders, denn Pfaffen und Mönche wären's

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4) St. L. XIII, 2260. 6) St. L. XXII, 395. 8) St. L. XVI,692.

5) XIII, 2265. 7) St. L. XIX,1219. 9) St. L.XVI,1663.

(Seite 38) alles gar alleine, und auf ihren Werken stunden wir und nicht auf Christo. Aber nun ist's, Gott Lob! dahin kommen, daß Mann und Weib, jung und alt den Katechismum weiß und wie man glauben, leben, beten, leiden und sterben soll. Und ist ja ein schöner Unterricht der Gewissen, wie man soll ein Christ sein und Christum erkennen; man predigt doch nun vom Glauben und guten Werken recht. Und Summa, die obgenannten Stücke sind wieder ans Licht kommen und Predigtstühle, Altar und Taufstein wieder zurechtbracht, daß, Gott Lob! wiederum einer christlichen Kirche Gestalt zu erkennen ist."

Aber hat Luther nicht doch zu viel gesagt, wenn er behauptet, daß man vermittelst seines Kleinen Katechismus sich fein wider " alle Ketzerei" wehren und aufhalten könne? Wir erbieten uns nachzuweisen, daß Luther recht hat. Prof. Franz Pieper

Quelle: Lehre und Wehre. Jahrgang 75. Februar 1929. Nr. 2., ab Seite 33
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