Auszug aus Christliche Dogmatik, Pieper/ Müller
Levicula
Gegen die Inspiration der Schrift ist eingewendet worden, daß in ihr so mancherlei geringe menschliche Dinge oder Kleinigkeiten (levicula) erwähnt werden, deren Erwähnung doch der göttlichen Würde des Heiligen Geistes offenbar nicht angemessen sei. Als solche levicula sind besonders bezeichnet worden Pauli Mantel und das Pergament, die Paulus in Troas zurückgelassen hatte (2.Tim. 4,13), sonderlich auch die diätetische (=die Ernährung betreffende) Vorschrift, Timotheus möge seiner Gesundheit wegen das bloße Wassertrinken aufgeben und ein wenig Wein genießen (1.Tim. 5,23). In diesem Einwand offenbart sich ganz entschieden ein Irrtum in bezug auf die ethischen Grundsätze des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist nämlich der Ansicht, daß die Treue im Kleinen durchaus würdig und nötig ist (Luk. 16,10). Dafür hat selbst die Welt, sofern sie ihre Vernunft gebraucht, noch ein Verständnis, wenn sie in der Treue im Kleinen den großen Mann sieht. Sonderlich sollte jeder Christ aber Luther zustimmen, wenn dieser z. B. sagt: “Du darfst nicht denken oder dich dessen verwundern, daß der Heilige Geist Lust habe, solche schlechten und verächtlichen Werke [im Leben der Patriarchen] zu beschreiben, sondern höre, was der heilige Paulus sagt Röm. 15,4.... Das meint der Heilige Geist, wenn er so gar niedrig einhergeht, wo er seine Heiligen beschreibt, daß auch die allergeringsten Werke dem heiligen Gott Wohlgefallen. Es ist ein köstlich Ding um einen Christenmenschen; es ist nichts so gering an ihm, es gefällt Gott wohl” (St. L. II, 469 ff.; W. A. 43, S. 618).
Ergänzung aus Bd. I, Seite 304: “Blutvergießen, sterben, schwitzen, streiten und kämpfen wider den Teufel ist in Wahrheit ein groß Ding und gefällt Gott sehr wohl. Du mußt aber also schließen: Wenn du nun gläubig bist, alsdann gefallen Gott auch die natürlichen, fleischlichen und leiblichen Werke wohl, du essets oder trinkest, du wachest oder schlafest, welches ja lauter leibliche und natürliche Werke sind. Ein so groß Ding und Sache ist der Glaube. Derhalben siehe zuerst darauf, daß du ein Christ werdest, und daß die Person durch das Wort, Taufe und Sakrament, Gott angenehm und gefällig werde. Wenn die Person gläubig ist und dem Worte anhängt, dasselbe nicht verfolgt, sondern Gott dafür dankt, alsdann sollst du anders nichts tun, denn das Salomo sagt in seinem Prediger am 9. Kapitel: So gehe hin mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln.”
So weisen denn auch die alten Lehrer samt den alten Dogmatikern darauf hin, welche wichtigen Lehren in den Kleinigkeiten enthalten sind, die der Apostel Paulus 2.Tim. 4,13 und 1.Tim. 5,23 erwähnt. Wir sehen aus diesen und ändern Stellen, daß der Apostel Paulus kein Schwärmer war. Er hätte ja Gott bitten können, daß Engel ihm den in Troas zurückgelassenen Mantel samt dem Pergament zutragen möchten. Aber weil der Apostel weiß, daß Gott uns Menschen an die von ihm dargebotenen natürlichen Mittel weist, solange uns solche zu Gebote stehen, so gibt er Timotheus den Auftrag, ihm Mantel und Pergament zu überbringen. Dasselbe gilt auch von der diätetischen Vorschrift; denn Paulus verweist Timotheus in dessen Krankheit und leiblicher Schwachheit nicht bloß auf das Gebet (Eph. 6,18; ps. 55,23), sondern auch auf natürliche Mittel (den Gebrauch von Wein). In Pauli Sorge um seinen Mantel finden alte Lehrer einen Hinweis auf des Apostels Armut, in welcher Armut er jedoch nicht müde und verdrossen geworden sei, sein Apostelamt auszurichten. Auch Pauli Verlangen nach dem Pergament offenbare des Apostels Eifer in der Ausrichtung seines Amts. In dem Apostelwort 1.Tim. 5,23 haben wir ferner eine Erinnerung, daß wir die Kirche Gottes Ja nicht mit dem Menschengebot der Prohibition belasten. Der Staat oder, wie Luther es gewöhnlich ausdrückt, der Kaiser mag Speise- und Trankgebote erlassen, und die Christen sind solchen Geboten untertan, aber wenn die Kirche sich herausnimmt, solche Gebote zu erlassen, so fällt sie unter das scharfe Urteil des Apostels 1.Tim. 4,1-5. Kurz, in den Kleinigkeiten, welche die Schrift erwähnt, sind wichtige Lehren für einigermaßen sehende Augen enthalten. Wer von diesen levicula urteilt, daß sie des Heiligen Geistes nicht würdig seien, versteht sich nicht auf den Heiligen Geist und auf sein christliches Leben und Wesen. Gott liebt die Menschen samt ihren Kleinigkeiten (vgl. Luther St. L. II, 470; W. A. 43, S. 619). Sagt uns Christus ausdrücklich, daß unsere Haare auf dem Haupt alle gezählt seien (Matth. 10,30), ja daß kein Sperling ohne den Willen unsers himmlischen Vaters auf die Erde fällt (Matth. 10,30), so sollte man sich nicht über die in der Schrift erwähnten levicula beschweren, sondern Gott dafür danken, daß er sich unser so liebreich annimmt. Hierauf gehen auch Luthers ernste Worte: “Ich bitte und warne treulich einen jeden frommen Christen, daß er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschichte, so ihm oft begegnen wird, sondern zweifle nicht daran, wie schlecht es sich immer ansehen läßt, es seien eitel Worte, Werke, Gerichte und Geschichte der hohen göttlichen Majestät und Weisheit. Denn dies ist die Schrift die alle Weisen und Klugen zu Narren macht und allein den Kleinen und Albernen offen steht, wie Christus sagt Matth. 11,25. Darum laß deinen Dünkel und Fühlen fahren und halte von dieser Schrift als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligtum, als von der allerreichsten Fundgrube, die nimmer ganz ausgegründet werden mag, auf daß du die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hier so albern und schlecht vorlegt, daß er allen Hochmut dämpfe. Hier wirst du die Windeln und die Krippen finden, da Christus inne liegt, dahin auch der Engel die Hirten weist, Luk. 2,11. Schlechte und geringe Windeln sind es, aber teuer ist der Schatz, Christus, der drinnen liegt” (St. L. XIV, 3.4; W. A. 54, S. 2 f.).
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