"Brüder" in Not
Eine Predigt über Lukas 18,9-14
Vorwort
In der Antwort auf "Offener Brief aus F...dt" hatte ich besonders diejenigen im Blick, die durch die gesetzlich-pharisäischen Satzungen der "Brüder" (Ev.-luth. Brüdergemeinden) zu Irrglauben oder gar zur Verzweiflung verführt werden. Zu Irrglauben insofern, dass auf die Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? ein von den "Brüdern" gelehrter Christ zwangsläufig auf sich, auf sein Leben, auf seine Werke sehen muss, um von daher die Antwort zu bekommen, ob er einen gnädigen Gott hat.
In diesen Gemeinden geht es allem Anschein nach ständig nur darum, dass Regeln befolgt werden. Besonders schlimm ist es, dass es nicht etwa göttliche Befehle sind, sondern nichts als Menschengebote (Knopf am Hemd schließen; Haare nicht färben, keinen Schmuck, nicht einmal einen Ehering, anlegen; ein Sacko anziehen, aber keine Krawatte, denn das ist eitel...). Zur Verzweiflung wird ein Mensch, der ehrlich den Frieden mit Gott sucht, dann kommen, wenn er dies alles ernst nimmt. Er weiß nicht, ob er alles eingehalten hat. Er weiß nicht, ob seine Frömmigkeit dem Allmächtigen genügt. Er hat den Trost nicht,. den Gottes Wort in Wahrheit verkündet und schenkt. Regeln, die heute noch gelten, werden morgen als ungültig und überholt erklärt. Womit noch gestern ein Gläubiger geknechtet wurde, das tut der "Bruder", der ihn geknechtet hat, heute selbst!
In Ergänzung zur Antwort auf "Offener Brief aus F...dt" sind hier die Gesetzeslehrer der Brüdergemeinden im Blickfeld. Es sind arme Menschen, denn ihnen selbst fehlt die Freude und Geborgenheit des heiligen Evangeliums. Allerdings kann ihnen niemand helfen, wenn sie sich nicht von Gottes Wort hinterfragen und korrigieren lassen. Sie legen ja auch bei sich selbst den Maßstab der Äußerlichkeiten an und wissen nichts von dem, was Gottes Wort spricht: "Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geiste" (Röm. 14,17).
Dazu fallen sie unter Jesusworte, die einen jeden ernsthaften Christen erschrecken müssten: Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Dill und Kümmel und lasst dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. Dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Ihr verblendete Leiter, die ihr Mücken seiht [das heißt filtern] und Kamele verschluckt!
Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich haltet, inwendig aber ist's voll Raubes und Fraßes. Du blinder Pharisäer, reinige zum ersten das Inwendige am Becher und Schüssel, auf dass auch das Auswendige rein werde!
Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats. Also auch ihr; von außen scheinet ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.
Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber baut und schmückt der Gerechten Gräber und sprecht: Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht teilhaftig sein mit ihnen an der Propheten Blut. So gebt ihr zwar über euch selbst Zeugnis, daß ihr Kinder seid derer die, die Propheten getötet haben. Wohlan, erfüllt auch ihr das Maß eurer Väter! Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht, wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen? (Matth. 23,23-33).
Als Jesus einen Blindgeborenen geheilt hatte, sprach der Geheilte zu den Pharisäern: Von der Welt an ist's nicht gehört, daß jemand einem gebornen Blinden die Augen aufgetan habe. Wäre dieser nicht von GOtt, er könnte nichts tun. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrest uns? Und stießen ihn hinaus. Es kam vor JEsum, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Und da er ihn fand, sprach er zu ihm: Glaubst du an den Sohn GOttes? Er antwortete und sprach: HErr, welcher ist's, auf daß ich an ihn glaube? JEsus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: HErr, ich glaube; und betete ihn an.
Und JEsus sprach: Ich bin zum Gerichte auf diese Welt kommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. Und solches höreten etliche der Pharisäer, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind wir denn auch blind? JEsus sprach zu ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; nun ihr aber sprechet: Wir sind sehend, bleibet eure Sünde.
Wenn die heutigen Pharisäer meinen, das gehe sie nichts an, so entlarven sie sich selbst als ungeistliche und blinde Führer. Denn ein jeder Christ weiß, dass in ihm, das heißt in seinem Fleisch nichts Gutes wohnt (Röm. 7,18) und dass in einem jeden Christen ein Stück des alten Menschen und Pharisäers zu finden ist. Dies sollen wir mit Gottes Wort (mit dem heiligen Evangelium) bekämpfen. Aber wenn einer meint, in dieser Hinsicht habe er "keine Sünde, so betrügt er sich selbst und die Wahrheit ist nicht in ihm" und er "macht Gott zum Lügner" (1.Joh. 1,8+10).
Weil die "Brüder", die in ihrer Verblendung die solche Gemeinden "leiten", selbst in großer Seelengefahr sind, soll es hier um sie gehen, denn "Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen." (1.Tim. 2,4).
Predigttext
Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, dass sie fromm wären, und verachteten die andern, ein solch Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei ich selbst also: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe. Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig
Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
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Im Evangelium lesen wir: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Matth. 5,20).
Es geht hier um die „Gerechtigkeit vor Gott“, das heißt wie ein Sünder Gott recht ist, wie er vor Gottes Urteil bestehen kann, wodurch er vor der ewigen Verdammnis bewahrt wird und in den Himmel kommt. Er muss etwas haben, was wertvoller und wirkungsvoller ist als das, was die Schriftgelehrten und Pharisäer in die Waagschale werfen.
In diesem Gleichnis geht es nicht um Gläubige auf der einen und um Gottlose auf der anderen Seite.
Vielmehr zeigt uns Christus zweierlei Leute unter denen, die Gott dienen wollen, die in die Kirche gehen, singen beten, Gottes Wort hören, die sich also zu Gottes Volk zählen.
Auf der einen Seite stehen, die den äußerlichen Schein haben, dass sie die Frömmsten und die Heiligsten sind, auf der anderen Seite stehen, die kein großes Ansehen haben.
Die einen suchen Gott recht zu sein in ihrem Tun in guten Taten, in fasten und beten, die anderen erkennen sich als Sünder und bitten Gott um Gnade.
Kurz, in diesem Gleichnis macht Christus zweierlei Gerechtigkeit deutlich: Die eine, die vor der Welt und in den Augen der Menschen viel gilt, aber vor Gottes Gericht nicht helfen kann, die andere, die von der Welt nicht erkannt wird, die aber Gott gefällt.
Die eine ist die des hochmütigen selbstgerechten Pharisäers, die andere die des demütigen betrübten Zöllners.
Christus warnt uns vor geistlichem Hochmut und lobt die Demut vor Gott.
Die Demut ist die wichtigste Tugend, um in den Genuss der Gnade Gottes zu kommen, denn Gottes lehrt: „Haltet fest an der Demut; denn Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade” (1.Petr. 5,5).
1. Gott widersteht den Hoffärtigen, denn er urteilt nicht nach dem, was vor Augen ist.
2. Gott gibt den Demütigen Gnade, denn der HERR sieht das Herz an.
1. Gott widersteht den Hoffärtigen, denn er urteilt nicht nach dem, was vor Augen ist.
„Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, dass sie fromm wären, und verachteten die anderen, ein solches Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner” (Verse 9 u. 10).
Bei dem Namen „Pharisäer” dachten die Juden sogleich an fromme und geehrte Leute - bemüht, Gottes Gesetz zu halten und ihm zu dienen.
Hörten sie „Zöllner” dachten sie an einen, der offenbar in Sünden und Lastern lebt, der Gott nicht dient und in Geldsachen belügt und betrügt.
Aber zum Schluss spricht Christus: Der Zöllner „ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener” (Vers 14), also der Pharisäer war vor Gott nicht gerechtfertigt, war bei Gott nicht in Gnaden, hatte keinen Frieden mit Gott.
Seine Sünde war nicht vergeben, er war nicht rein gewaschen; er war noch ein Kind des Zorns.
Er gehörte zu denen, „die sich selbst vermaßen, dass sie fromm wären”.
Es gibt also Leute, die sich „vermessen”, die den falschen Maßstab an sich anlegen.
Er „maßte sich selbst an, dass er fromm wäre”.
Er hatte ein Maß an sich angelegt, und war mit dem Ergebnis zufrieden, denn sein Maß sagte ihm, er sei bei Gott in Gnaden; er sei Gott ganz bestimmt recht; er habe wirklich Friede mit Gott.
Woran aber hatte er sich gemessen? Was war sein Fehler?
Er war doch in den Tempel gegangen und hatte damit das Gebot beachtet, dass ein Mensch Gottes Wort hören und beten soll.
Er spricht: „Ich danke dir Gott!” und zeigt damit, wie er doch für alles in seinem Leben Gott zu danken hat.
Dann redet er weiter: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner”.
Er hatte nicht geraubt, nicht in Unzucht gelebt und sich vor Lug und Trug gehütet; und weiter: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe“.
Ja, er sorgte auch für die Kirche, denn er gab den Zehnten an den Tempel nicht nur von seinem Hauptverdienst, sondern „von allem”, was er einnahm.
So reinigt der Pharisäer sein Gewissen, denn er macht eine Bestandsaufnahme seines Lebens und meint, er könne zufrieden sein.
So tritt der Pharisäer vor unsere Augen als einer, der doch alle Gebote Gottes zu erfüllen scheint.
Im Denken der Welt ist er das Beispiel eines frommen, heiligen, gottesfürchtigen Mannes, der anderen als gutes Vorbild dienen kann.
Es möchte einer denken: Ja, wenn es von solchen Leuten mehr in der Kirche gäbe, dann stünde es besser, dann hätte sie nicht so viel Not; und es würde in den Gemeinden landauf landab nicht an Geld und Pfarrern fehlen!
Aber Gott urteilt anders!
Aber was fehlt dem Pharisäer? Wovon hören wir aus seinem Munde kein Wort?
Richtig! Von ihm hören wir dieses eine nicht: „Gott, sei mir Sünder gnädig!”
Gottes Wesen ist Liebe und Gnade, Sanftmut und Geduld, Barmherzigkeit und Güte, wie geschrieben steht: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte” (Ps. 103,8).
Wenn aber Gottes Wesen gegenüber den sündigen Menschen lauter Geduld, Barmherzigkeit und Liebe ist, ein Sünder sich aber diesem Wesen Gottes entzieht, dann ist es, als ob er Gott ganz und gar verleugnete.
Denn Gott spricht: „Sie sind alle abgefallen und allesamt untüchtig. Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer” (Ps. 14,3).
Wenn ein sündiger, in Sünden geborener Mensch sich nie und nimmer als Sünder erkennen will und sich in seiner Hoffart und Selbstgerechtigkeit sonnt, so verleugnet er nicht nur Gott in seinem Wesen, sondern er macht Gott auch zum Lügner.
Denn wenn Gottes Wort spricht: „Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten...” (Röm. 3,23), so trifft Gottes Urteil alle und nimmt keinen aus.
Wie kann dann einer sagen: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute”, wo Gott doch urteilt: „Alle sind Sünder!”, und er spricht: „Ich aber nicht!”.
Und noch mehr! Sagt Gottes Wort: „Es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder...”, und einer spricht: „Ich aber nicht!”, so verachtet er auch Gottes Wort.
So gibt ein solcher Mensch zwar äußerlich vor, er diene Gott mit allem Ernst, aber durch seine Hoffart verleugnet er ihn.
Er gibt vor, er liebe und achte Gottes Wort, aber er verleugnet dieses Wort das ihn doch mit allen anderen unter die Sünder rechnet.
Ihm fehlt die rechte Selbsterkenntnis und darum auch der rechte Glaube und damit auch die rechte Liebe zu Gott und seinem Nächsten.
Er weidet sich an den Sünden der anderen Leute; und je tiefer er andere in Schuld sinken sieht, desto besser kommt er sich selbst vor.
Wo Hoffart ist, kann keine Vergebung der Sünden sein.
Wo Hoffart ist, da ist Vermessenheit und Trotz, aber keine wahre Gottesfurcht.
Darum sucht der Hoffärtige nur sich selbst, nicht Gott und tritt seinen Nächsten im Grunde genommen mit Füßen.
Wo Hoffart ist, ist keine christliche Liebe, denn Hoffart sucht nur die eigene Ehre, den eigenen Ruhm.
Er sucht nicht die Ehre seines Nächsten zu bewahren und zu stärken, sondern verachtet ihn, denkt nicht darüber nach, wie er ihn retten könnte, ihm beistehen, sondern meint, es geschehe ihm recht und billig, wenn er in Verderben und Verdammnis komme.
Er ist guten Mutes, dass sein Nächster in Sünden lebt, denn umso besser können andere sehen, was für Lust und Liebe er dagegen an Gottes Geboten hat und wie feind er jedem Laster sei.
Der HERR zeigt also am Beispiel des Pharisäers das höchste Vorbild dafür, was überhaupt ein Mensch aus eigener Kraft nach dem Gesetz Gottes tun kann (denn die Pharisäer nahmen es in göttlichen Dingen äußerlich sehr genau!).
Und doch spricht er: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen” (Matth. 5,20).
Welche Gerechtigkeit kann denn besser sein als die so frommer, ernsthafter und heiliger Leute?
Gott widersteht den Hoffärtigen, denn er urteilt nicht nach dem, was vor Augen ist.
2. Gott gibt den Demütigen Gnade, denn der HERR sieht das Herz an.
Jesus erzählt weiter: „Der Zöllner aber stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!” (Vers 13).
Die Schuld des Zöllners vor Gott ist so groß wie die des Pharisäers - nur dass dieser sie erkennt, der andere nicht.
„Gott, sei mir Sünder gnädig!”
Dieser Mann nimmt an sich selbst nichts wahr als Sünde über Sünde und achtet sich der Verdammnis wert.
Er weiß, er muss verloren gehen, wenn Gott sich nicht in Gnaden seiner annimmt.
So kann er auch keinen Menschen verachten oder sich über jemanden erheben, denn er fühlt sich selbst als den größten Sünder.
Ja, er hält alle anderen für frömmer als sich - sogar diesen Pharisäer!
„Gott, sei mir Sünder gnädig!”
Sünde und Gnade passen doch so wenig zueinander wie Feuer und Wasser!
Wo Sünde ist, kann es doch keine Gnade geben, sondern nur Gottes Zorn und Strafe!
Wo hat er so beten gelernt?
Dass ein Mensch so zu Gott beten darf, ja sogar so beten soll, das lehrt ihn die Frohe Botschaft von Jesus Christus, vom Heiland der Sünder!
Hier sind zwei solche Bibelverse, die uns das lehren so zu beten wie der Zöllner: „Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2.Kor 5,21) und der andere: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Eph 2,8-9).
Denn nur der Glaube, der sich auf Gottes Liebe zu den Verlorenen gründet, der Glaube, der seine Zuversicht ganz auf das Verdienst Christi setzt, kann dies im Gebet sprechen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!”
Gott will, dass der Mensch seine Sünde erkennt und von Gottes heiligem Gesetz in Wahrheit gedemütigt vor ihn tritt und spricht von Herzen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!”.
Das ist schwer und mühsam. Warum?
Weil es zwei Hindernisse gibt: Auf der einen Seite ist noch zu viel vom Pharisäer in uns, dass wir vor Gott gern besser, gerechter und frömmer sein wollten als andere.
Andererseits hindert uns die eigene Schwachheit, so dass wir zu schnell verzagen, womöglich an Gottes Barmherzigkeit und Liebe zweifeln, weil der Teufel uns unsere Sünde so deutlich vor Augen hält.
Der Satan will die Christen in Verzweiflung stürzen, verführt sie zur Sünde und hält ihnen dann Gottes richtendes Gesetz drohend vor Augen.
Und darum spricht Christus im Blick auf den Zöllner: „Ich sage euch dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“.
Jesus hatte gesagt: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen” (Matth. 5,20).
Was ist das für eine Gerechtigkeit, die wir Sünder brauchen?
Es ist die Gerechtigkeit Christi, die er durch sein reines Leben und sein Opfer am Kreuz für uns erworben hat.
Darum wird Jesus Christus in der Bibel auch der „HERR, unsere Gerechtigkeit“ (Jer. 23,6) genannt.
So schreibt auch der Apostel Paulus: „Dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus der Erfüllung des Gesetzes (wörtl. die aus dem Gesetz) kommt, sondern die aus dem Glauben an Christus kommt“ (Phil. 3,8).
Also nicht durch seine Demut vor Gott, nicht durch sein schonungsloses Sündenbekenntnis, nicht aufgrund seines Bußkampfes „ging der Zöllner hinab gerechtfertigt in sein Haus“, sondern einzig und allein darum, weil er sich Gottes Gnade und die Gerechtigkeit Christi in der Vergebung der Sünden schenken ließ und sie im Glauben empfing.
So haben wir an diesem Zöllner ein herrliches Beispiel und Vorbild der rechten christlichen Buße und des rechten christlichen Glaubens.
Er geht auf den Wegen des Psalmes, wo es heißt: „Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir’s sonst wohl geben; und Brandopfer gefallen dir nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstet und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten” (Ps. 51,16.17).
Er setzt Gottes Wahrheit und Gottes Urteil an höchste Stelle, demütigt sich unter seinen Gott und steigt an dessen Gnade wieder empor.
Er erkennt sich selbst als Sünder; er preist Gott als gütig und gnädig.
Er gibt damit Gott die höchste Ehre; das ist der rechte Gottesdienst.
So hat er auch ein Herz, das dem Unglauben, der Sünde und allem Bösen feind ist und mit Ernst danach trachtet, das Böse immer mehr zu besiegen und seinem Gott zur Ehre zu leben.
So lehrt Christus, dass wir um unserer Frömmigkeit willen oder um aller möglichen Opfer willen Gottes Gnade nicht empfangen, aber andererseits auch, dass keiner um seiner Sünde willen verzweifeln muss - auch wenn sie groß ist oder er ihr über lange Zeit gedient hat.
Denn Gott der HERR spricht: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden” (Jes. 1,18).
Darum sprich in Demut deines Herzens: „Gott, sei mir Sünder gnädig!” Amen.
Martin Blechschmidt, Pfarrer




